schlupu 08.04.2007, 22:25 Uhr 10 0

Warum sie so isst

Chronik eines Fressanfalls.

Freitagabend. Es geht ihr absolut beschissen. Die anderen sind am Flaucher beim Grillen, 18. Geburtstag von irgendwem, den die nicht kennt. Stefan oder so. Die meisten anderen kennen den auch nicht, und dass ist auch egal. Dass sie diesen Stefan nicht kennt, ist nicht der Grund, warum sie den lauschigen Frühsommer Abend zu Hause verbringt. Den Grund weiß sie selber nicht so genau.

Der Grund ist sie selbst. Sie könnte ja noch hinfahren, kein Problem, ist erst neun. Doch sie schafft es nicht, aufzustehen.

Die anderen wollten sie ja auch mitnehmen, sie hätte sich niemandem aufdrängen müssen, sie drängt sich nie auf. Aber sie wollte nicht. Wusste nicht, was sie anziehen sollte. Ihre Klamotten sind ihr zu eng, alle, sie ist zu fett, hat heute viel zuviel gegessen, fühlt sich unwohl und will nach Hause. Aber da ist sie ja schon.

Sie sitzt vor dem Fernseher, zappt rum und liest gleichzeitig ein Buch, um nur ja alle Gedanken abzublocken mit irgendwas, einfach alle Denksynapsen beschäftigen, mit MTV und Videotext, Donna Leon und der Fernsehzeitung. Denn sie will nicht darüber nachdenken, warum sie nicht mitgefahren ist, warum sie ihren Freunden gesagt hat, dass sie Migräne hat und nicht mitkommen könne, warum sie sich nicht – wenn schon nicht Party – bei anderen Leuten gemeldet hat, warum sie nicht wie versprochen, ihre beste Freundin in Frankreich anruft, und sie will vor allem nicht darüber nachdenken, warum es ihr so beschissen geht.

Sie liegt da, auf ihrem Bauch, damit sie ihn nicht sehen muss, trägt Schlabberklamotten, damit sie nichts spüren muss. Ihre Mama hat ihr heute morgen erst gesagt, dass ihr die Hose, die sie anziehen wollte, viel zu eng ist. Die Hose ist fast neu, erst vor ein paar Wochen gekauft. Sie hat sie trotzdem angezogen und den ganzen Tag gespürt, wie sich Knöpfe und Reißverschluss in ihren Bauch bohrten und wie prall die Hose an den Oberschenkeln saß. Bei jedem Klogang sah sie die roten Abdrücke von jeder Naht. An der S-Bahn dumme Sprüche: „Dein String zeichnet sich ab.“ Hätte sie vielleicht ne normale Unterhose anziehen sollen? Deren Nähte sich dann nicht nur abzeichnen, sondern lieblich den fetten Hintern in vier Viertel teilen? Auch nicht besser.

Zu Hause erst mal umziehen. Langer Rock aus Stretch, dehnt sich. Bauch, Oberschenkel, Arsch – alles zeichnet sich am. Beim Gehen scheuern die nackten Innenseiten ihrer Oberschenkel gegeneinander. Sie schwitzt. Im Sitzen schlägt sie die Beine übereinander, im langen Rock geht, das, da sieht man nichts, nicht die Besenreisser, nicht die Wellen und Dellen, die in ihren Oberschenkeln auftauchen, wenn sie sie übereinander schlägt. Beine überschlagen ist besser, denn wenn sie normal sitzt, hängen ihre Oberschenkel an den Seiten über den Stuhl.

Abendessen. Vier Semmeln. Mit Belag. Außerdem ein bisschen Belag ohne Semmeln. Ein bisschen viel Belag. Fleischsalat aus der Packung, Tomaten fürs gute Gewissen, Käse schließt den Magen. Ein Apfel, wegen der Vitamine.

Nach dem Essen hatte sie keine Lust mehr, sich zu überlegen, was jetzt besser wäre für die Party am Flaucher – der zu enge Rock oder die zu enge Hose. Deswegen fiel die Entscheidung auf die Schlabberhose, und seitdem liegt sie auf dem Bauch vor der Glotze und versucht sich mit dem Geflimmer zu betäuben.

Ihr kleiner Bruder ist auch auf der Party. Ihre Eltern sind auch weg. Das Telefon klingelt nicht. Und wenn, es wäre nicht für sie. Die anderen wissen ja, dass sie Migräne hat. Halb zehn. Der Abend ist noch so lang.

Sie hat Hunger, bildet sie sich zumindest ein. Deswegen will sie sich was kochen, aber was gesundes, heute schon genug gesündigt, außerdem muss irgendwann die Hose wieder passen. Spinat mit Käse überbacken. Mit einer halben Packung Käse überbacken. Die andere Packung isst sie so, während der Spinat im Ofen ist. Dann isst sie den Spinat. Noch `ne Scheibe Brot dazu, die lag so rum. Als Nachspeise ein Eis. Eine Portion in eine Schüssel, der Rest wird gleich aus der Packung gefressen. Aber nein, wir hatten nur ein Eis. Die Portion im Glas nun noch mit Schokowaffeln verzieren – die Waffelpackung ist danach auch leer.

Jetzt muss aber wirklich noch was Gesundes her. Ein Apfel. Eine Banane. Eine Nektarine. Ist ja nur Obst. Schön langsam wird ihr ganz schön schlecht. Auf Viva läuft gerade ihr Lieblingslied, und eigentlich könnte sie jetzt herumtanzen, und wenigstens eine halbe Kilokalorie wieder loszuwerden, aber sie hat keine Lust. Lieber macht sie sich noch eine Milch mit Honig, damit sie dann auch gut schlafen kann, und während die Milch in der Mikrowelle warm wird, frisst sie sie sechs übrig gebliebenen Fleischpflanzerl vom Mittagessen. Von der anschließenden Honigmilch wird ihr kotzübel.

Sie geht ins Bett, ihr Atem geht schwer, aber die Energie reicht nicht einmal, ins Nachtkästchen zu greifen und ihre Asthmasprays zu nehmen. Ihr ist eh alles scheissegal. Ihr ist so schlecht, aber ihr Magen ist Tage wie diesen gewohnt, der rebelliert leider nie. Sie muss nie kotzen. Schwer wie ein Felsbrocken liegt die im Bett, ständig kommt ihr das Essen wieder hoch, aber raus kommt es nicht.

Sie will kotzen. Hängt über der Kloschüssel. Steckt sich unzählige Male den Finger in den Hals, die Zahnbürste, einen Löffel, sie hat gelesen, dass das funktioniert, Funktioniert aber nicht. Nur Schleim kommt und der hat keine Kalorien. Heulend sitzt sie neben der Kloschüssel.

Irgendwann schleppt sie sich wieder ins Bett, legt sich auf den Bauch, will schlafen, aber die Gedanken fahren trotz der Milch mit ihr Karussell. Sie versucht, die quälenden Gedanken zu verbannen, sie will und kann nicht herausfinden, warum sie so ist. Warum sie so isst. Und warum sie so frisst. Sie schreibt auch nicht Tagebuch. Was soll sie auch schreiben? Dass sie mal wieder zuviel gegessen hat? Dass es ihr beschissen geht? Dass sie nicht mehr weiter weiß?

Nee, da verdrängt sie doch lieber alles, kaut statt sich die Zähne zu putzen ne Packung Orbit ohne Zucker (sieben Kalorien der Streifen) und hofft, dass morgen wieder alles gut ist.

10 Antworten

Kommentare

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    sie war es auch nicht wirklich - sah sich nur so.

    11.05.2007, 15:17 von schlupu
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    ...das arme Mädel...schreibst du da aus eingener Erfahrung?

    04.05.2007, 20:24 von ELMara
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    *ningel*
    "Ich kann essen wieviel ich will, aber ich nehm nich ab."

    25.04.2007, 01:39 von SirMCPedta
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    So in der Form hat mir das noch nie einer rübergebracht. Das ist ja wirklich zum Heulen.

    Heute von mir keine klugen Worte dazu. Ist wohl auch besser. Einfach ein ehrliches: Sie tut mir leid.

    14.04.2007, 00:41 von LudwigMartin
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    ... mir tut sie so schrecklich leid... es ist schwer, eine antwort auf das Warum? zu finden. Bestimmt sind sie zahlreich, die Antworten. Ich denke, dass ist änlich wie bei dem krassen Gegenteil dazu, der Magersucht. Man verdrängt, sucht Auswege, flieht....

    08.04.2007, 22:58 von ninasofie
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