nic.is.listen 24.09.2011, 15:23 Uhr 1 8

Unter Moos

An jedem Tag, zur gleichen Zeit.

Die vollen Kronen der Bäume wiegen sich ruhig im Wind. Ihr langsamer Tanz haucht ein Rauschen durch den Wald über die laubbesetzte fruchtbare Erde. Über moderndes Geäst, lautlose Bäche, durch Gestrüpp und weite Spinnweben, dringt es zu den Pforten der Nester von Fuchs und Dachs. Dringt ins Gehör von Hirsch und Reh, Wildschwein und Luchs. Alles scheint zu halten. Die Vögel in Trance der Wiege der Kronen.
Nur der Duft nach Kiefer, Harz und Erde zieht an den unzähligen Rinden vorbei. Die Luft ist voll und kühl. Der warme Schein der Sonne wird vom grünen Dach gehalten und so gelingt es nur wenigen leuchtenden, dampfenden Strahlen auf den dichten Waldboden zu gelangen. Kleine Fliegen und Pollen streifen ab und zu durch die goldenen Schranken, leuchten für einen Moment auf, doch verlieren ihren Glanz sofort wieder im Schatten. Still. Der rauschende Tanz der Kronen, wie die Wellen für das Meer.  

Dann bahnt sich ein Lichtstrahl durch das Laubwerk die Stämme hinab. Tränkt seit Jahrzehnten den gleichen Fleck im Wald in goldenen Schein. Tag für Tag zur selben Stunde. Lässt Laub, Steine, Pilze am verrotteten Stamm und das Bett aus saftigem Moos schimmern. Farben leuchten.
Doch kein Laut. All das geschieht still und leise. Der Fleck leuchtet und alles schläft und das Moos deckt zu was sich zu ihm legt. Dann geschieht es, dass sich im schweigenden Leuchten Geheimnisse aus ihren Verstecken trauen und in der hellen Wärme des Lichts zu tanzen beginnen. Immer dann, wenn alles stumm und niemand reden kann, erscheinen sie ohne Scheu.

Und so zeigen sich auch zwei kleine kalkweiße Finger im Moos. Da liegt sie. Die Helligkeit, die den Fleck berührt, hat sie wieder aus ihrem festen Schlaf geholt. Zu dieser Zeit ist sie da. Sie hört die rhythmischen Schritte der Tanzenden und sucht nach ihrem Partner, ihrem Geheimnis. Es reicht ihr die Hand und sie tanzt. Tanzt auf dem leuchtenden Grün. Tanzt lachend neben dem verrotteten Stamm, in Laub, auf Pilzen. Tanzt laut auf heller Bühne über Schädel, Rippen und Zähne. Tanzt schreiend in vollem Glanze. Wirbelt durch die Luft. Dann, nach und nach, wird es dunkler. Die Wärme nimmt ab und die ersten Geheimnisse ziehen sich zurück, bedacht darauf, dass niemand sieht, woher sie kommen. Der Lichtstrahl begibt sich langsam wieder auf seinen Weg zu den Kronen.
Dann hört sie auf sich zu drehen und zu tanzen. Nun sind alle Geheimnisse schon wieder in ihren versteckten Nestern, auch ihres. Sie blickt noch einmal in den Wald, bevor auch sie gehen muss. Doch es war niemand da, der gesehen hat, wie sie tanzt. Niemand da, der ihr lachen und schreien gehört hat. Und so begibt sie sich langsam wieder in ihr grünes, feuchtes Bett. Nichts leuchtet mehr, kein Schimmern. Die rauschenden Wellen ziehen wieder über den Fleck, kühlen ihn aus wie jede andere Stelle des Waldes. Die Spur vom goldenen Glanz verwischt und der Fleck fügt sich ins Muster des Waldes ein. Laub, Stein und verrotteter Stamm.

Sie legt behutsam den dicken Moos über ihre erschöpften Beine. Über Bauch, Rippen, Arme und Gesicht. Zieht diese Decke über ihren Körper und schläft ein. Nur zwei Finger hat sie an der Waldluft gelassen, denn noch ist sie kein Geheimnis. Noch nicht.

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1 Antworten

Kommentare

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    Ein gekonnt und authentisch geschriebener Text, der zu berühren weiß. Danke dafür!

    25.09.2011, 12:20 von Kadipurzel
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