Inka 15.06.2006, 18:12 Uhr 0 1

Unsere Hormone

Woher Hormone kommen, was sie anrichten können, was passiert, wenn man sie unterschätzt – und wann sie eine gute Entschuldigung sein können.

Der Prachtbau

Tun wir mal so, als sei unser Körper eine riesige Villa. Am Starnberger See zum Beispiel. Ein Prachthaus mit etlichen Räumen, Fluren, Dachgewölben und Kellerverliesen; dazu Köche, Zimmermädchen, Gärtner, Gouvernanten. Natürlich gibt es in solchen Villen einen Hausherrn, der seine Bediensteten hin und her kommandiert. Aber wenn er jeden Befehl persönlich überbringen müsste, wäre er nur noch am Laufen – und würde immer noch nicht alles schaffen.Genauso ist es in unserem Körper: »Wir bestehen aus unzähligen Zellen, die miteinander kommunizieren müssen«, beschreiben es Norbert Walther und Dieter Müller vom Institut für Hormon- und Fortpflanzungsforschung in Hamburg. Das Gehirn allein wäre völlig überfordert. Das würde vielleicht gerade die Verdauung organisieren, während vor uns die Liebe unseres Lebens steht – und wir merken’s nicht. Ein Desaster.

Die Angestellten im Prachtbau

Also bekommt der Hausherr unseres Körpers Unterstützung: winzige Boten, die von einem Organ oder Gewebe zum anderen flitzen und Bescheid geben, was zu tun ist. Die Hormone. Rein optisch sind diese biochemischen Botenstoffe ziemlich mickrig – nicht einmal unter einem Elektronenmikroskop kann man sie sehen. Doch ihre Macht ist beängstigend. Schon ein Billiardstel Gramm von ihnen pro Gramm Blut kann entscheiden, wie wir uns fühlen, aussehen und uns verhalten. Einige Botenstoffe werden vom Gehirn höchstpersönlich hergestellt und auf Mission geschickt, genauer gesagt von der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse). Aber auch bei der Produktion kann der Chef nicht alles alleine machen. Also sind die Hormonfabriken im ganzen Körper verteilt: Meist sind es spezielle Drüsen wie die Schilddrüse oder die Bauchspeicheldrüse. In wenigen Fällen aber auch das Gewebe, wie zum Beispiel beim Östrogen, das den weiblichen Zyklus organisiert. Es wird nicht nur in den Eierstöcken hergestellt, sondern auch im Fettgewebe. Daher bekommen magersüchtige Frauen oder Hochleistungssportlerinnen oft ihre Tage nicht – sie produzieren zu wenig Östrogen in Bauch und Oberschenkeln.

Die Fähigkeiten der Angestellten

Diese Hormonfabriken, ob Drüsen oder Gewebe, geben ihren Boten direkt ins Blut ab, wenn er gebraucht wird. Fühlen wir uns etwa bedroht, schießt uns das Hormon Adrenalin aus dem Nebennierenmark und bestimmten Nervenzellen (den sympathischen Ganglien) durch die Adern. Die Bonsai-Boten geben Kommandos an all die Organe, die jetzt für eine Flucht gebraucht werden: Das Herz muss schneller pochen, das Blut in die Muskeln fließen, Bronchien und Pupillen sich weiten, und aus den Fett- und Zuckervorräten soll bitte ganz schnell ganz viel Energie bereitgestellt werden. Los, los, Beeilung! Jetzt, nur wenige Sekunden später, können wir loslaufen. »Hormone versetzen den Körper in die Lage, auf bestimmte Anforderungen optimal zu reagieren «, sagt der Wissenschaftler Walther. Adrenalin und Kortisol machen uns fluchtbereit, Östrogen und Testosteron machen uns zu Frau oder Mann. Insulin überwacht die Verdauung, Endorphin löst beim Joggen ein Glücksgefühl aus und blockiert Schmerzen. Dopamin macht euphorisch, Serotonin ausgeglichen. Über hundert verschiedene Hormone haben die Wissenschaftler bislang in unseren Körpern gefunden. Es könnte ein Riesenchaos sein. Wenn zum Beispiel nach dem Mittagessen mit Schweinebraten und Kartoffeln das Insulin durch unsere Blutbahn schwirrt – und nebenbei auch die Sexualorgane stimulieren würde ... gut, die Kantine wäre ein spannenderer Ort. Aber zum Glück hat die Natur vorgebeugt: »Jedes Hormon besitzt eine Art Schlüssel. Bei manchen Organen passt der ins Schloss, bei anderen nicht«, erklärt Hormonforscher Müller. Diese Einlasskontrolle unserer Organe funktioniert so: Ein Hormon berührt die Oberfläche einer Zelle. Dort sitzen Rezeptoren (Proteine), die den Boten erkennen. Wie Antennen geben sie dann dessen Informationen an das Organ weiter. Nur in wenigen Fällen darf das Hormon wirklich in die Zelle hinein und seine Botschaft persönlich an den Zellkern weitergeben. Damit bei den Botengängen in unserem Körper alles klappt, hat der Hausherr natürlich sein Auge drauf. Alle anderthalb Stunden etwa prüft das Gehirn, genauer gesagt Hypothalamus und Hirnanhangsdrüse, den Hormonspiegel im Blut. Sind irgendwo zu viel oder zu wenig Boten, schickt der Chef seine eigenen Lakaien zu den entsprechenden Drüsen.

Die Missgeschicke der Angestellten

Manchmal geht’s trotzdem schief. Gerade Insulin ist so ein Querulant. Hin und wieder produziert die Bauchspeicheldrüse keines (Diabetes 1), manchmal klappt die Kommunikation mit den Zellen nicht (Diabetes 2). Zu viel Testosteron soll angeblich bei Männern Aggressionen auslösen – bei Frauen Damenbärte. Zu wenig ist aber auch schlecht. Vieles schieben wir auf die Hormone: die Stimmungshochs und -tiefs im weiblichen Zyklus – das Werk von Östrogen und Progesteron. Bei Depressionen kann ein Mangel an Serotonin schuld sein, bei den berühmt-berüchtigten Denkblockaden in Prüfungen ein Überschuss an Kortisol.

Der Hausherr

Klar, wenn in einer Villa so viele Bedienstete rumschwirren wie in unserem Körper, dann gibt es schnell auch mal ein Tohuwabohu. Aber andererseits ist da ja auch immer noch der Hausherr, der für Ordnung sorgt. Dessen Durchsetzungsvermögen unterscheidet uns nämlich letztlich von den Tieren, sind sich die Hormonforscher Walther und Müller einig: »Auf gar keinen Fall sind wir den Hormonen völlig ausgeliefert. Beim Menschen spielen Gene, Hormone und Gehirn zusammen.Nur deswegen konnte er sich so flexibel an seine Umwelt anpassen.«

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