Connyi 25.02.2010, 13:31 Uhr 25 17

Und plötzlich ist alles anders

WUMMMMM - Als wäre ich gegen eine Wand gefahren. Als hätte mir einer eine Keule über den Schädel gezogen.

Nein, als wäre ich in vollem Schwung in Wasser geradelt und würde dort mein Tempo halten wollen.

Ich fahre im Feierabendverkehr von der Uni nach Hause. Benommen. Weitertreten, weitertreten. Nur nicht umfallen! Jetzt nicht umkippen!, sagt ein Teil von meinem Kopf zu mir. Was der andere Teil macht, begreife ich nicht. Ich versuche zu erkennen, ob die Ampel rot ist. Starre das grüne Haus an der Kreuzung an, als könnte ich mich an seinem Anblick festhalten. Die Ampel ist rot, zum Glück. Ich halte an, stelle meine Beine auf den Boden. Sie sind tonnenschwer und ziehen mich fast vom Rad. Leicht schwankend stehe ich an der Ampel und versuche mich zu sammeln. Ein Bild ist mir plötzlich in den Kopf geschossen. Einfach so. In voller Fahrt. Es fühlt sich an wie eine Erinnerung, aber das Bild ist fremd. Ich will es greifen, will es anschauen und mich erinnern. Doch es ist verschwommen und entgleitet mir und ist so schlagartig wieder weg wie es gekommen ist. Mein Magen meldet plötzlich Übelkeit an und ich würge und huste, aber es kommt nichts. Mir ist schwindlig und meine Gedanken leer und wirr. Ich will nach Hause. Ich warte auf grün und bringe mit zittrigen Gliedmaßen mein Rad in Schwung und konzentriere mich nur darauf, kräftig in die Pedale zu treten.

Zu Hause angekommen lasse ich mich aufs Bett fallen und habe Angst. Ich versuche, mir das Bild wieder vor Augen zu führen, doch es gelingt mir nicht. Auch nachdenken klappt nicht. Ich rufe meine Mutter an, sie weiß sich keinen Reim darauf zu machen. Zwei Tage später habe ich es vergessen.

Als ich morgens aus der Dusche steige und nach dem Handtuch greife, schießt mir plötzlich das Bild in den Kopf. Wie in Trance fixiere ich das Waschbecken, den Spiegel, das Fenster. Mir ist schummrig und ich will nicht umfallen. Nicht auf den Rand der Duschkabine, die Kloschüssel, den harten Fliesenboden. Dann ist das Bild blitzartig verschwunden und mir wird schlecht. Ich falle beinahe vor die Schüssel und würge erfolglos. Der Schwindel weicht von mir. Langsam stehe ich auf und habe Angst. Bin ich schwanger? Unwahrscheinlich. Nehme doch die Pille brav nach Vorschrift, hatte doch erst meine Tage, letzter Sex liegt Wochen zurück.

Ich wohne zu dem Zeitpunkt im Haus meiner Großeltern. Das Haus, in dem ich meine ersten vier Lebensjahre verbracht habe. In der Etage, in der mein Alki-Onkel damals gehaust hat und in dem Zimmer, in dem er krank geworden ist. Lastet ein Fluch auf diesen Wänden? Beherbergen sie halluzinogene Schimmelpilze? Ist damals etwas geschehen, an das ich mich nicht erinnere? Nicht erinnern kann, darf, will...? Ein schrecklich unheimliches Gefühl beschleicht micht.. Nein, das kann nicht sein, sage ich mir. Nicht sein kann, was nicht sein darf!. Ich rufe meine Mutter an. Druckse ein bisschen um die unangenehme Frage herum. Sie ist ratlos. Rufe meinen Freund an. Der ist besorgt. Meinen alten Großeltern sage ich nichts. Spreche mit einer Psychologin. Die hat auch keine Idee. Will, dass ich das Bild beschreibe. Es geht nicht. Ich kann es nicht sehen. Will wissen, was es mit dem grünen Haus auf sich hat. Ich versuche, ihr begreiflich zu machen, dass es mit dem Haus nichts zu tun hat. Ohne Ergebnis.

Ich habe Angst. Wahnsinnige Angst.

Bald werden die Erlebnisse zum beinahe täglichen Morgenritual. Sogar bei meinem Freund komme ich eines Morgens weinend und verzweifelt aus dem Bad. Er nimmt mich in den Arm.

Ich besuche meine beste Freundin in Tschechien. Weit weg von allen mir bekannten Badezimmern. Morgens nach dem Duschen packt es mich wieder. Heulend sitze ich auf ihrem Bett und erzähle, dass das schon seit fast einem Jahr so geht. Dass ich das Bild nicht greifen kann. Dass die Vorkommnisse vergessen sind, sobald der Tag seinen Lauf nimmt. Bis es wieder geschieht. Sie macht sich Sorgen.

Wieder zu Hause weckt mich nachts die Blase. Ich stehe auf, mir ist ganz duselig zumute. Mühsam schleppe ich mich wankenden Schrittes die Treppe mit den versetzten Stufen runter und wieder rauf. Ich weiß nicht, wie ich das in diesem Zustand geschafft habe. Das Bild flackert mir unaufhörlich durch den Kopf. Ich bin völlig neben mir, als ich mich wieder ins Bett lege. Ich weiß nicht, ob ich wieder eingeschlafen bin.

Vier fremde Männer in Sanitäterkluft turnen auf dem Bett und auf mir rum. Versuchen mich zu bändigen. Wollen mir eine Infusion legen. Verwirrt und wütend zugleich schlage ich um mich und fauche sie an. Unsanft packen sie meine Arme und drücken sie auf die Matratze. Halten meine Beine fest. Ich kann mich kaum noch bewegen. Bin benebelt, alles scheint unwirklich, unscharf, wie durch einen Nebelschleier und in Zeitlupe. Kämpfe wie ein Löwe. Werde niedergerungen. Im Hintergrund steht mein Freund und schaut ihnen dabei zu. Ich begreife nicht. Bin fassungslos, fühle mich verraten und im Stich gelassen - von ihm, der gesagt hat, er ist immer für mich da und will mich beschützen. Sie stechen mir die Nadel in den Arm. Ich fühle mich vergewaltigt. Dann geht der Vorhang zu.

Ich wache auf, liege auf einem fremden Bett in weißer Umgebung. Meine Zunge schmerzt . Schwestern laufen vorbei. Ein Krankenhausflur also. Mein Freund ist da. Er sieht müde aus. Du hattest einen epileptischen Anfall, sagt er. Okay, sage ich. Ich weiß nicht, was ich dann gemacht habe. Ich meine mich dunkel zu erinnern, dass ich dem Personal gegenüber sehr ausfallend geworden bin. Valium. Und schon bin ich wieder weggetreten. Ich kriege noch mit, dass sie mich in ein Zimmer schieben. Ich gehe jetzt nach Hause, schlafen, sagt mein Freund.

Irgendwann nachmittags komme ich wieder zu mir. Der Chefarzt kommt und erklärt mir, was in meinem Kopf los war. Alle Neuronen gleichzeitig eingeschaltet, kriege ich mit. Ich nicke. Ich bin nicht aufnahmefähig. Immer noch selig beduselt rufe ich meine Mutter an. Sie ist besorgt, aber auch froh, dass mir nichts passiert ist. Rufe meine Oma an, meine Lieblingstante, meine andere Tante, deren Mann Arzt ist, meine beste Freundin,von der ich gerade zurückgekommen bin. Abends kommt mein Freund und bringt mir einen Koffer mit Kleidung und mein Laptop. Dank Skype und kostenlosem WLAN in der Uniklinik wissen bald meine Freundinnen bescheid.

Mein Zimmergenossin schnarcht fürchterlich. Aber ich bin sterbensmüde und wohl immer noch auf Valium und schlafe ein. Nachts wache ich davon auf, dass der süße Krankenschwesterich mich ins Bett hebt. Ich hätte mir angenehmere Umstände dafür vorstellen können. Ich glaube, eine Schwester hat mir irgendein Mittel eingeflößt. Weiß der Geier, was. Die Schnarcherin gafft.

Am nächsten Morgen tut meine Zunge so richtig weh. Im Spiegel zeigt sie einen breiten blauen Rand. Der Kaffee brennt, auch wenn er inzwischen lauwarm ist. Die Schnarcherin macht mich selbstgefällig darauf aufmerksam, wie heldenhaft es von ihr gewesen sei Schlimmeres verhindern, indem sie so schnell das Personal alarmiert habe. Offensichtlich nachdem ich aus dem Bett gefallen bin, raune ich in mich hinein. Dankbar solle ich ihr sein. Ist das nicht selbstverständlich?, frage ich mich. Schließlich gebe ich ihrem Lechzen nach und bedanke mich. Wofür weiß ich nicht, denn ich habe ja nichts mitbekommen. Es hätte genauso gut ein Indianerüberfall gewesen sein können, bei dem ich aus dem Bett geworfen wurde.

Bei der Visite zeigt sich der Arzt besorgt ob meines zweiten Anfalls. Fragt mich aus, was ich die letzten Tage getrieben hätte, Alkohol, Drogen, Schlafentzug. Nichts. In einem lichten Moment fallen mir die seltsamen Badezimmererlebnisse ein. Er bittet mich, sie aufzuschreiben. Untersuchungen werden keine gemacht. Abends wird mir mitgeteilt, dass ich diese Nacht nicht schlafen darf. Sie wollen was ausprobieren. Also schlage ich die Zeit im Schwesternzimmer tot, wo die Nachtschwester überwachen kann, dass mich nicht doch der Schlaf übermannt. Hundemüde werde ich früh morgens zum Kernspin gebracht. In der dröhnend lauten Röhre schlafe ich ein. Nach dem Frühstück erfahre ich vom Arzt, dass die Bilder unauffällig sind. Das wäre gut, da man einen Tumor ausschließen kann, aber auch bedauerlich, denn man hatte gehofft, durch den Schlafentzug einen weiteren Anfall zu provozieren. Entgeistert starre ich ihn an. Arschloch.

Er habe meine Beschreibung der Badezimmerlebnisse gelesen. Auren würde man das im Fachjargon nennen und die wären ein klares Symptom für Schläfenlappenepilepsie. Zwei Tage später dann ein EEG, auch ohne Befund. Und am letzten Tag dann noch ein Späßchen zum Abschied. Lumbalpuktion. Nervenflüssigkeitsentnahme mittels Nadelstich durch die Wirbelsäule. Dass man als Patient davor eine Erklärung unterschreiben muss, dass man den Arzt nicht verklagen kann, wenn man dummerweise danach querschnittsgelähmt ist, darüber sollte man am besten gar nicht erst nachdenken.

Mit einem Rezept für einen Nervenblocker in der Hand darf ich nach sechs schnarchvollen Nächten endlich wieder nach Hause gehen.

Erst Tage später, als ich nach und nach von besorgten Freunden und Verwandten gefragt werde, wie es mir jetzt ginge, wird mir so langsam klar, was passiert ist. Dass ich chronisch krank bin. Dass ich ziemlich heftige Medikamente nehmen muss. Dass sich mein Leben ändern muss: kein Alk, keine Party, regelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus, keine Pille, vorerst kein Auto fahren mehr.

Da erst breche ich zusammen und heule und schreie mir die Seele aus dem Leib. Und ich lache, wenn ich daran denke, dass der Arzt mir gesagt hat, reiten darf ich ich nicht, aber schwimmen und Rad fahren im Straßenverkehr...

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25 Antworten

Kommentare

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    es ist, als erzählst du aus meinem Leben...fokale Epilepsie...man verdrängt alle Gedanken daran, dass es etwas ernstes sein könnte...geht zu diversen Ärzten und WUMM fährst du mit 180 von einer Minute auf die Andre an die Wand. Ein letztes Mal...weil Autofahren ist ja erstmal nicht mehr... dein Umfeld betitelt es als "Ach komm, es wird schon wieder!" Für mich? Frühestens in einem halben Jahr...
    Du sprichst mir jedenfalls mit deinem Artikel und deinem Kommentar aus der Seele und konnte einfach fühlen, wie krass du durch den Wind warst...Ich wünsch dir alles Gute!

    15.05.2010, 18:19 von deichkindlein
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    gefällt mir ausgesprochen gut... also nicht die story ansich aber deine schreibweise

    kenne so etwas zu gut :( armes

    30.04.2010, 09:43 von AliceInWonderland
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    Sehr gut geschrieben, man kann richtig mitfühlen. Vielleicht kann ich mich besonders gut hinein versetzen, da mich das selbe Schicksal erleidet hat vor ca. einem Jahr. Sieben Wochen wurde an mir rumgedocktort, bis endlich fest stand was ich habe und seitdem zähle ich auch zum Club der chronisch Kranken :( Schwere Medikamente, kein Alk und keinen exzessiven Sport treiben...
    Ich versteh dich auf jeden Fall und wünsch dir alles Gute :)

    25.03.2010, 13:52 von maengelexemplar
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    Ganz starker Text, der mich nachdenklich macht!
    Ich wünsche Dir alles Gute!

    23.03.2010, 11:24 von waeberd
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    wird mir so langsam klar, was passiert ist. Dass ich chronisch krank bin...Da erst breche ich zusammen und heule und schreie mir die Seele aus dem Leib.

    Kann ich dir gut nachfühlen. Morbus Hashimoto ist zwar gegen Epilepsie gestellt vergleichsweise harmlos, jedenfalls solange es behandelt wird. Aber aus dem Loch, in das ich fiel als mir klarwurde, das die Müdigkeit nie wieder weggeht, das der Magen kaputt bleibt und das ich für immer mit einem Restrisiko zu erblinden leben muss, bin ich sehr lange nicht wieder rausgekommen.

    11.03.2010, 12:54 von terribleenfant
    • 0

      @terribleenfant Da bin ich, glaib ich, besser weggekommen. Bisher zumindest. Ich gehöre zum Glück nicht zu den Betroffenen, die ständig Anfälle haben.

      11.03.2010, 15:17 von Connyi
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    Ich wünsche Dir viel Kraft das zu verarbeiten.

    10.03.2010, 10:19 von limartini
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    Der Text ist wirklich gut geschrieben, ich hoffe dir geht es derzeit gut und dein Freund ist auch noch bei dir.

    08.03.2010, 11:20 von HeavenKnowS
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Danke für eure Kommentare und Empfehlungen!

    Seit dieser Geschichte ist jetzt beinahe ein ganzes Jahr vergangen. Ich hatte den Kopf voll und wollte es loswerden, mitteilen, aufschreiben. Aber ich hab es so lange nicht geschafft, mich an alles zu erinnern und die Gedanken zu bündeln.
    Die ersten Monate waren schlimm, die Einstellung auf das Medikament ging nicht ohne Ruckeln und immer wieder kamen Angst und Ungewissheit. Ich habe aber seitdem keine Symptome mehr gehabt, auch wenn sich mein (Nacht-)Leben nicht unbedingt vorbildlich gestaltet.
    Letztlich hatte ich Glück im Unglück und habe es jetzt noch.

    05.03.2010, 16:26 von Connyi
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      @Connyi Alles,alles Gute und ganz viel Kraft!!!!

      06.03.2010, 19:45 von Sunny_82
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    ... auch wenns dich nicht tröstet... mit den Erfahrungen bist du nicht allein. Bemitleide dich nicht selbst. Du bist nur krank, wenn du dich selbst dazu machst und von anderen machen lässt. Irgendwann kommt der Punkt, da gehört das alles zu dir, wie deine Augenfarbe. Es kostet nur mehr Kraft, dagegen anzukämpfen, als es zu akzeptieren wie es nun einmal ist.

    05.03.2010, 15:51 von nine1011
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