Um Wurst und Pelle
Anregung, wie man eine Weißwurst verspeist, ohne die Nerven der Mitwelt zu strapazieren
Es geht um die Wurst. Denn man kann beim Verzehr dieses zweifelhaften Produkts menschlichen Mastwirkungsfaktors 10 sehr viel falsch machen – fast so viel wie beim gedankenlosem Verzehr eines Knäckebrottofuburgers. Letzteren isst man dann wenigstens nur wie ein Schwein.
Füllung
Vorab sei auf die Inhaltsstoffe einer Weißwurst hingewiesen, nach deren Kenntnis sich bei vielen bereits eine dezidiertere Instruktion zum Verzehr derselben erübrigt:
Sehnen- und fettgewebsarmes Jungrindfleisch, grob entsehntes Kalb- und Jungrindfleisch, fettgewebereiches Schweinefleisch, Speck, 5 % bis 15 % zusätzliches Bindegewebe, hauptsächlich in Form besonders gekochter Schwarten oder Kalbskopfhäute.
Anleitung I
(traditionell)
In Bayern "zuzelt" man die Weißwurst, alles andere outet den Weltbürger als verachtungswerten "Preissn". Beim "Zuzeln" nimmt man die Weißwurst zwischen Daumen und Zeige- und Mittelfinger der (reinen!) rechten Hand, stippt die Spitze in Weißwurstsenf und führt das Ende in den Mund ein, um dort mit Lippen- und Kaubewegungen den Inhalt durch gleichzeitiges Saugen vom Pellengefängnis zu trennen. Die halb zerkaute Haut, die sich auf diese Art nie ganz vom Brät befreien lässt, flutscht dann labbrig wie ein entleertes Hautsäckchen aus den Backentaschen, um alsbald wieder in Senf getunkt und zum Munde geführt zu werden.
Lecker. Mahlzeit.
Anleitung II
(postkambrisch)
Man kann der Wurst aber auch mit passenderem Werkzeug auf die Pelle rücken. Dieses besteht aus Messer und Gabel, nicht ausschließlich nur aus Fingern. Die Gabel sollte eine spitze Gabel und kein Vierfachstempel sein, mit dem Messer sollte man ohne Spritzeinlage eine reife Tomate problemlos achteln können. Haben Sie kein solches Messer, ordern Sie sich eines. Stellt Ihnen der Gastwirt kein solches bereit, ziehen Sie getrost Ihr Leatherman® aus der Gürteltasche, dann achtet man zumindest auf Sie, wenn sie dem suspekt beobachtenden Gourmand-Auditorium live eine visuelle Anleitung in Gourmetfragen, Abteilung "Weißwurst" liefern.
Lokale Transferleistung
Nebenbei bemerkt: Die wenigsten Bayern WOLLEN eine Weißwurst so verzehren, dass man mit anhaltend gutem Appetit sein eigenes Mahl fortsetzen kann. Aber das macht nichts, vielleicht wollen diese Paradebayern ihrer (Tisch-)Partnerin nur eine anschauliche Anleitung in Sachen "Zuzeln" geben. Das könnte man zwar auch zu Hause erledigen, vielleicht hören (oder sehen) deren "Gespusis" dort nur nicht aufmerksam genug hin. Aus verständlichen Gründen, ist man geneigt zu erwähnen. "Zuzeln" gehört in Lebensnischen, wo es keiner bemerkt, assoziationsbedingt. Jedoch: Wer isst schon Weißwürste im Halbdunkel? Doch nehmen Sie Rücksicht auf die Eigenheiten Eingeborener: "Zuzeln" ist wie "Fensterln" ein bayrisches mikroökonomisches Paarbildungsritual (zwar mit Erfolgsfaktor 0, dafür so deppert wie lächerlich und subregional, dass die Nachahmungsgefahr eklatant ist). Übrigens: Romeo war so wenig ein Fensterler wie primäre männliche Geschlechtsorgane bezuzelt werden wollen.
Es heißt Ästhetik, nicht Esstätig
Sehen Sie sich Ihre Weißwurst an: leicht gebogen, in praller Form, durchaus noch ein wohlgestaltetes Nahrungsprodukt (sieht man von oben erwähnten Inhaltsstoffen einmal ab), begierig darauf entsorgt, Verzeihung, gehäutet zu werden. Aufgabe vorweg: Versuchen Sie die übrig bleibende Pelle ebenso ästhetisch aussehen zu lassen, dann sind Sie auf dem richtigen Weg. Zuerst halten Sie mit der Gabel die Wurst fest (leichter stumpfer Druck, nicht mit den Spitzen) und schneiden mit dem Messer ein Endstück der Größe ab, von dem Sie gedenken, es verzehren zu wollen. Der Schnitt sollte nicht bis ganz auf den Tellerboden gehen, sondern nur zu etwa 80% die Wurst durchdringen, sonst haben sie bereits verloren, denn dann beginnt anderer Ärger. Sodann stechen sie mit der Gabel gefühlvoll in das Stück Ihres Verzehrwunsches (nicht in die Pelle, sondern in die soeben freigelegte Schnittstelle) und hebeln es mit einer geschickten Druck- und Drehbewegung aus seiner einseitigen Umhüllung, während das Messer den Rest der Wurst unten an der Bodenpelle arretiert, ohne sie dabei zu verletzen. ("Bodenpelle" ist kein beim Scrabble® erlaubtes Wort.)
Die Endstücke der Wurst lassen sich leichter von der Pelle lösen als die Mittelstücke, gehen sie demnach behutsam weiter voran: Mit dem Messer wieder etwa 80% der Umhüllung durchtrennen, mit der Gabel in die der Schnittstelle zugewandten Seite des Stückes stechen und wiederum aushebeln, während das Messer die Wurst festsetzt, ohne sie zu zerreißen. So geht es weiter bis zum anderen Ende, das sich insofern vom ersten Ende unterscheidet, da das Messer nun keine Wahlfreiheit im Festhalten mehr hat, sondern unten an den restlichen 20% der Pelle diese vorsichtig zähmen muss. Ein kleiner Trick: Trauen sie sich kein Hebelgeschick zu, dürfen sie die Pelle leicht mit dem Messer einritzen, um ein Lösen des Wurstinhalts zu erleichtern, was aber zu Abzügen in der B-Note führt. Die Pelle darf während der ganzen Prozedur nur durch die Teilungseinschnitte verletzt worden sein, dann waren Sie perfekt in der Behandlung – zumindest während des Verzehrs.
Transferleistung Entsorgung
Haben sie diese Prozedur hinter sich, liegt nun eine von der eigentlichen Wurst entkernte Hülle vor Ihnen, die mehr an ein schlappes gebrauchtes Kondom aus Naturdarm als an ein Restprodukt eines genüsslichen Mahls erinnert. Bitte quetschen Sie die Pelle nicht am Tellerrand zu einem faltigen Knödel zusammen, damit nehmen Sie den übrigen Gästen deren Suggestion, dass es Ihnen eigentlich peinlich ist, das gegessen zu haben, was Sie gegessen haben. (Abgesehen von der Tatsache, dass Ihnen dies auch peinlich sein sollte.) Versuchen Sie, das Beste aus dieser unangenehmen Situation zu machen: Klappen Sie die Pelle fachmännisch und gelassen zusammen, drapieren Sie das kleine Paket nahe des Tellerrandes an einem Platz, wo dieses nicht stört und legen Sie ein Salatblatt darüber oder eine Scheibe Tomate oder - haben sie nichts Besseres zur Gabel - krönen Sie die gefaltete Pelle mit einem Stück Petersilie - die übrigens stets als Garnitur zu einer Weißwurst dargereicht werden sollte. Hat der werte Gastronom dies versäumt, dürfen Sie gerne den Kellner darum bitten. Die Pelle unter einem Berg Senf zu beerdigen halte ich für so unangemessen wie diese in einem Aschenbecher zu platzieren, Joseph Beuys war Rheinländer, nicht Bayer. "Knapp vom Tellerrand entfernt" implizierte: schon noch auf dem Teller, und nicht etwa auf dem Tisch.
Energie- und Nährwertgehalt von 100g Weißwurst
ca. 1122kJ (270kcal) verteilt auf
11g Eiweiß
25g Fett
62g Wasser
2g Gewürze, Kräuter u.a.
Die Zugabe
Zuletzt zum Senf. Den kann man tunken, streichen, mit einem Schlenker draufwischen oder nachgabeln. Ich empfehle letzteres nicht (obwohl es schlierentechnisch perfekt gelöst wäre, s.u.), denn dann müssten Sie dem Publikum sekundenlang ein Stück Wurst im Mund präsentieren - wieder eher ein Fall fürs dunkle Hinterzimmer. Empfehlenswert ist die Methode des Draufstreichens. Dabei trennt sich wieder der Könner vom Laien, denn Senfschlierer auf dem Teller sind ebenso unästhetisch wie amateurhaft. Versuchen Sie das Messer nicht nachhaltig mit Senf zu beflecken, denn wo sonst als an der Pelle wird dieser später haften bleiben.
In der Ruhe liegt die Kraft
Passiert Ihnen dennoch das ein oder andere Malheur - bleiben Sie gelassen, sehen Sie salbungsvoll in die Weißwurstrunde und lächeln sie dümmlich, aber nachhaltig, eine bewährte Versöhnungsgeste in diesen Breiten. Keiner wird sich so viel Mühe gegeben haben wie Sie: Der Limes trennte zwar den Indogermanischen vom Romanischen Sprachraum, nicht aber die Manieren der jeweiligen Bewohner, wie Sie sicherlich bei ihrem nun antrainierten Kennerblick in die Runde feststellen können.
Übrigens hat das manierliche Essen mit Besteck gar nichts Dandyhaftes an sich, wie manche Traditionsfetischisten behaupten, es zeigt nur Respekt anderen Gästen gegenüber; genauso abfällig könnte man behaupten, "Zuzeln" sei eine bajuwarischer Trainingseinheit regenerativer Fellatio.
Und? Der Gewinner ist...? Falsch. Nein, leider nicht Sie. Sondern der Vegetarier vom Tisch Acht, er hatte Grünkernpfannkuchen mit Ahornsirup. Auch igitt.
*
Am besten schmeckt laut landläufiger Meinung die Weißwurst beim "Wallner", die Gaststätte der Großmarkthalle in der Kochelseestraße in München, Öffnungszeit: 7 bis 17 Uhr




Kommentare
tscha.
20.02.2007, 14:57 von RedSonjaich habs irgendwie auch hingekreigt - damals auf dem flughafen - zwischenlandung auf er reise von ARG nach RU - die wurst in einem art mit heißem wasser gefüllten dessertschälchen zu schälen und zu tranchieren.
mit einem echten flughafenbier - oder 2 oder 3 - der weiterflug war ja erst am nächsten tag - ein durchaus genießbares nachtmahl.
auf jeden fall ne menge lokalkolorit, wenn dieselbige auch eher blass bleibt.
:D
netter text - aber ich hab heute schon empfohlen. :-D
Schade, schade. Das würde ich jetzt sooo gerne kommentieren. Aber ich darf nicht. Denn dann müßte ich zugeben, dass ich diesen äußerst amüsanten Text gefunden habe, obwohl er nicht auf der Home steht.
20.02.2007, 13:12 von SonglineAber gut. Vielleicht findet der Text ja noch den Weg auf die Home. Verdient hätte er's.
Schöne Grüße,
Songline
Und hier, der guten Ordnung halber, die Anführungsstriche für vor "Joseph" und hinter dem Punkt nachgereicht: " "
20.02.2007, 12:43 von Pamina:D
Joseph Beuys war Rheinländer, nicht Bayer.
20.02.2007, 12:34 von PaminaSehr schön. Und trotz aller von deiner Seite immer wieder gern geäußerten gegenteiligen Bekundungen geradezu karnevalesk :-)