FrauKopf 31.05.2012, 09:36 Uhr 23 20

To build a Home

Ich spüre dich selbst jetzt, nach 10 Jahren immer noch in meinem Bauch, in meinem Herzen, in meinem Kopf. Du warst da! Und seitdem nie wieder weg.





Ich hätte gern ein Haus für uns gebaut, für dich und mich.

Ich hätte dich auf meinen Schoß gesetzt und dir den Nacken geküsst,
sicherlich hättest du mit deinen kleinen Händen nach meinen Haaren gegriffen
und du hättest nach süßer Milch und Mandeln geduftet.
Dein Vater hätte mit einem zufriedenen Lächeln neben mir gesessen und festgestellt, wie perfekt du doch bist.
Ja, so wäre es wohl gewesen.
In meinen Träumen, die mir doch erst jetzt bewusst werden.

Stattdessen habe ich dich rausgerissen, habe dich entreissen lassen.
Fünf Monate schon hast du in mir gekauert.
Hast Whisky getrunken, LSD konsumiert, Speed und Kokain durch die Nabelschnur aufgenommen.
Hast aktiv erlebt, dass der Leib in dem du wohnst, regelmäßig zusammenbrach , nicht aß aber umso mehr trank und rauchte.

Ich spüre dich selbst jetzt nach 10 Jahren immer noch in meinem Bauch, in meinem Herzen, in meinem Kopf.
Du warst da!
Und seitdem nie wieder weg.
Im Körper einer abhängigen Halbwüchsigen gefangen, du konntest es dir nicht aussuchen.
Gezeugt von einem alkoholabhängigen und psychisch krankem Mann von 23 und einem abhängigen Mädchen von 17 Jahren.
Sicherlich in irgendeinem Rauschzustand, womöglich als die rosa Pillen und der Whisky eine tägliche Verlockung darstellten.
Schon damals, bevor du da warst, wollte ich ein Haus bauen, eines aus Illusionen, eines welches mir Sicherheit und Ruhe schenkt.
Doch da ging es nur um mich, meine Unfähigkeit, meine Angst, meine Exzesse.

Für ein Haus hatte es nicht gereicht.
Es wurde nur eine Höhle geschaffen, die nichts als Leere in sich barg.
Ich habe krampfhaft versucht mir diese Sicherheit zu verschaffen, einen Ruhepol, ein Glücksgefühl.
Tabletten, Speed, Alkohol und dieses schreckliche braune Pulver gaben mir das kurzweilig Erträumte.

Das was ich Liebe nannte, das wonach ich suchte bekam ich dennoch nie.

Da war dieser Mann, du würdest ihn jetzt Papa nennen und ihn sicherlich genauso verachten wie ich es tue.
Er hat uns nicht geliebt, hat uns geschlagen und weh getan, uns bei Eiseskälte in Unterwäsche auf den Balkon ausgesperrt, uns viele Nächte lang allein gelassen.
Uns viele Tränen beschert, als er wie so oft, Nachts im Rausch und Wahn die Wohnungseinrichtung und uns zerschlug.

Uns an den Rand der Verzweiflung getrieben, als er immer und immer wieder rückfällig wurde, die Droge mehr liebte als sich, als uns.
Als er von dir erfuhr zuckte er mit den Schultern und bot mir einen Joint an.
Er ließ uns allein, er ließ mich allein, als mein Restverstand dich mir gewaltsam entriss.
Ich würde mich so gern für das alles rechtfertigen, dir sagen wie sehr du mir fehlst, obschon du nie die Gelegenheit hattest auf meinem Schoß zu sitzen, um dir deinen Nacken von mir küssen lassen zu können.
Ich hätte so gern ein Haus für dich gebaut, in dem du sicher bist .
Doch konnte ich es nicht, war ich nicht fähig dich bei mir zu behalten.
Eines sollst du wissen, mit dir habe ich auch mich verloren.

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23 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Toll geschrieben.

    Unglaublich traurig und so gefühlvoll. 
    Es rollte eine Träne über mein Gesicht.
    Es berührte mich sehr.

    27.09.2013, 23:02 von einfachMarie
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  • 0

    ...das ist Else und wie ich ihre frühen Texte kenne und immer noch schätze. Dieser ist fürwahr traurig und wehmütig - und durchzogen mit der Erkenntnis, dass sich nichts ändern und rückgängig machen lässt - und die Erinnerung wohl für immer bleibt - und, es fühlt sich ein bisschen wie erwachsener geworden und wenger renitent, rebellisch auflehnend an - irgendwie so als wäre da auch die Erkenntnis, dass man niemandem in der Gegenwart die "Schuld" geben kann, was in der Vergangenheit passiert und angetan wurde - und, dass man heute für alles selbst verantwortlich ist, was gegenwärtig geschieht.

    Ich kann mich auch täuschen, aber das tue ich eher selten. ^^

    29.10.2012, 11:38 von derHalbstarke
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  • 0

    Klug. Und traurig-schön. Gefällt mir sehr gut.

    10.06.2012, 20:07 von kirschgruen
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 2

    "Ich hätte gern ein Haus für uns gebaut, für dich und mich." - finde ich ja echt mal mutig, dass du mit nem xavier-naidoo-zitat in den artikel startest...

    ;-)

    02.06.2012, 23:14 von libido
    • 0

      Witzig... nicht.

      Kenn ich nicht, sollte dem so sein war das keineswegs beabsichtigt.

      03.06.2012, 09:30 von FrauKopf
    • 0

      ich bin mir auch zu fein, das lied jetzt zu googlen - nicht dass das jemand trackt und mich damit mal irgendwann erpresst...
      ,)

      04.06.2012, 19:26 von libido
    • 0

      Ich bin mir sicher, dass diese Zeile so in keinem seiner Songs vorkommt.

      04.06.2012, 19:28 von FrauKopf
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  • 0

    hart in die fresse. gut!

    01.06.2012, 16:57 von frl_smilla
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  • 0

    2 Herzen für diesen Text. Mindestens. Berührend, zärtlich und sehr sehr traurig, Frau Kopf.

    sicherlich hättest du mit deinen kleinen Händen nach meinen Haaren gegriffen und du hättest nach süßer Milch und Mandeln geduftet.

    31.05.2012, 23:58 von Jackie_Grey
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  • 2

    Es gibt Texte/Lebensgeschichten, da zieht sich innerlich alles zusammen. Dies ist eine/r davon.

    31.05.2012, 23:13 von schlaflosinschwaben
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  • 0

    ♥ Anstatt weiterer Worte.

    31.05.2012, 22:11 von Mrs.McH
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  • 2

    Immer wieder "Herz"!

    31.05.2012, 21:58 von RAZim
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Seite: 1 2
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