rememberme 01.08.2012, 15:14 Uhr 1 0

"The weight of the nation" - and of my own consciousness..

Geistiges Auskotzen über psychische und physische Erkrankungen

Gestern hatte ich frei, den ganzen Tag.

Irgendwo her hab ich einen Link geschickt bekommen, mit dem Zusatz: “Sieh dir das mal an, wirklich interessant!”

Ich hab dann tatsächlich, alles in allem, gut 4 Stunden vor dem PC verbracht, weil mich diese Dokumentation von HBO massiv gefesselt hat.

Worum es geht? Um die “Fettleibigkeitsseuche” die die Staaten heimsucht, und die sich immer dramatischer zuspitzt, weil nun auch Kinder, laut dieser Dokumentation, davon befallen werden, und in der Zwischenzeit gut 80% von ihnen übergewichtig oder fettleibig sind.

Natürlich setzt HBO das Hauptaugenmerk darauf, dass es dabei nicht um die Problematik der Ästhetik geht, sondern (mitunter) um die rasant wachsenden Behandlungskosten, die diese Welle der schwergwichtigen Amerikaner produziert. Mit welchen Risiken man zu rechnen hat, was die Folgeerscheinungen einer Fettleibigkeit sind, die schon seit den Kindheitsjahren besteht. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass fette Kinder zu fetten Erwachsenen werden. Und so weiter, und so fort.

In dieser Dokumentation wird euphorisch mit Prozenten und Statistiken aufgetrumpft, und die Zahlen, die dabei vorgerechnet werden, sind tatsächlich erschreckend.

Ebenso erschreckend ist die Dummheit mancher Amerikaner, die sich über Gewichtszunahmen wundern, und dabei außer Acht lassen, dass sie gut 1000 Kalorien täglich nur durch Softdrinks zu sich nehmen.

Interessant ist auch, dass die amerikanischen Bauern nur Subventionierungen für den Anbau von Soja und Mais bekommen. Der Anbau von Gemüsen und Obst wird nicht unterstützt.

Eine Tatsache, die mir den Mund offen stehen ließ ist, dass in amerikanischen Schulen Pommes frittes als Gemüse deklariert werden, zusammen mit Pizza, und dass Turnunterricht nicht verpflichtend ist! 80% der Kinder würden nicht mehr zu Fuß zur Schule gehen (oder mit dem Fahrrad fahren), sondern von Schulbus oder Eltern dort hin gebracht werden.

Alles in allem eine wirklich interessante Dokumentation über den Konsumwahnsinn in den Staaten, und die Auswirkungen von 1$-Burgern und herrlich zischender Softdrinks, die durchschnittlich 12 TL Zucker pro Portion enthalten, und dem Irrglauben, dass Fruchtsäfte unglaublich viel besser wären, als diese Softdrinks, mit “nur” 10 TL Zucker.

Als Alternativen zu diesen fetten Zuständen werden natürlich Sport und Ernährungsumstellung genannt, sowie die operative Entfernung des Magens (durch den Roux-Y-Magenbypass). Auf der anderen Seite wird Dicksein entschuldigt, durch die Evolution und ihre klassische Konditionierung: dass der Mensch eigentlich gar nicht anders kann, als all die Kalorien zu vertilgen, die er vor sich hingesetzt bekommt, da man als Höhlenmensch, bzw Jäger und Sammler, kaum Kalorienreserven hatte, wurde einfach immer und alles ratzeputz gefressen, was da so erlegt und gesammelt wurde.

Dass sich ein Mensch, heutzutage, ohne großartige Bewegung, in die Fettleibigkeit fressen kann, ist natürlich ein anderes Thema.

Was ich ebenfalls nicht wusste, ist, dass zwei unterschiedliche Personen, mit den gleichen Ausgangsdaten (sprich Größe, Gewicht, Alter, Gesundheitszustand) andere Kalorienzufuhrgrößen haben, wenn eine der beiden Personen schonmal erfolgreich Gewicht verloren hat (ganz abgesehen von der Genetik und des sozialen Umfeldes).

So ist es zB so, dass eine “normale” Frau durchschnittlich 2000 kcal / Tag zu sich nehmen darf, während eine Frau, die schon Gewicht verloren hat, und ihr jetziges Gewicht halten will, nur 1400 kcal zu sich nehmen darf.

Als irgendwie unfair, empfinden das auch die Herrschaft in der Dokumentation, wobei eine Dame dann lapidar meinte, dass das nunmal die Strafe dafür sei, dass man in erster Linie so fett wurde, dass eine Diät notwendig war.

Ich verstehe die Problematik meines eigenen Gewichtes. Die einen meine, ich bin moppelig, die anderen meinen ich sei stämmig, und ich betitle mich als fett.

Auf eine Körpergröße von 1.75 gut 85 kg mit sich zu schleppen ist nunmal nicht gesund, weder auf kurze noch auf lange Sicht, und ich weiß, dass ich (wieder) etwas tun muss. Vor gut zwei Jahren habe ich es geschafft, knapp 25kg abzunehmen, in der Zwischenzeit habe ich um die 5kg wieder zugenommen, und ich flüchte mich natürlich gerne in Ausreden und Begründungen. Tatsache ist aber, dass ich einfach wieder mehr esse. Vorallem viele böse Kohlehydrate, die aber doch so viel gut schmecken.

Und dann schweife ich mit meinen Gedanken ab, und stöbere so durch FB und sehe einiges, vorallem Dinge, die mich erschrecken.

Erschreckend was mir dabei auffällt, ist die Zahl der Mädels, die aus kaum mehr als ein paar Knochen bestehen. Und dann hab ich so ein bisserl nachgedacht.
Auch über Gespräche, die ich in letzter Zeit so mit Kolleginnen geführt habe.
All diese Frauen definieren sich rein über ihr Aussehen, und sonst nichts. Rein oberflächlich betrachtet, natürlich - klar.

Ich hab zB mit dieser einen Freundin/Kollegin gesprochen, die umwerfend aussieht, weil dünn und Gesicht auch ok.
Dabei sprachen wir darüber, wie sehr es uns anpisst, wenn unsere Männer am Abend einfach nichts essen wollen. Wir sind aber nicht angepisst, weil sie um ihret selbst willen nichts essen wollen, sondern weil wir dann auch nix essen können/sollten, weil wir dann verfressen wirken.
Wir sind drauf gekommen, dass wir den ganzen Tag nichts anders machen, als darüber nachzudenken, was wir schon gegessen haben, was wir nicht hätten essen sollen, wieviele Kalorien das Gegessene hatte, und ob wir noch etwas essen können/DÜRFEN, und wenn ja, was das wohl sei, und wieviele Kalorien, bzw Kohlehydrate das wohl haben dürfte.
Wir haben darüber philosophiert, dass wir wohl beide gerne ein Kind hätten, dass wir aber jetzt schon wahnsinnige Angst davor haben, zuzunehmen.
Wir haben davon gesprochen, wie sehr wir unsere Männer beneiden, weil die halt einfach mal nix essen wollen, und dass sie scheinbar essen können, was sie wollen, weil sie sowieso nicht zunehmen.
Ich bin drauf gekommen, wie unheimlich oft ich am Tag ein schlechtes Gewissen habe, weil ich entweder etwas zu Fettes, zu Süßes, zu Kohlehydratreiches, oder prinzipiell zuviel gegessen habe.
Sofern es nicht unbedingt reine Blattsalate, Gurke, Paprika oder Paradeiser ist, verursacht mir alles ein schlechtes Gewissen.

Ich weiß nicht, warum ich nichts anderes habe, worüber ich mich definieren könnte, als mein Gewicht.
Wenn ich daran denke, wie glücklich ich bin, denke ich daran, dass mein GG (Göttergatte) vermutlich noch viel glücklicher wäre, wenn ich dünn wäre, weil er dann mit mir angeben könnte.
Ich weiß, dass diese Gedanken absolut dumm und idiotisch sind, nichts desto trotz sind sie aber meine.
Ich sehe ein verliebtes Paar auf der Straße, beide schlank, und denke mir: “Klar dass die glücklich sind, sie sind ja dünn!”
Ich sehe ein verliebtes Paar, wo sie dick ist, und er halbwegs passabel aussieht, und denke mir: “Was findet der wohl an ihr?”
Ich sehe ein verliebtes Paar, wo er dick ist, und sie dünn, und denke mir: “Vermutlich ist er gut im Bett, oder unheimlich klug..”
Dann sehe ich ein Paar, vermutlich auch verliebt, dass unterirdisch aussieht, und denke mir: “Naja, die haben einander wohl verdient!”
Und ich schäme mich dafür, dass ich sowas denke, weil ein Mensch nicht (nur) sein Aussehen ist, sondern viel mehr. Auf der anderen Seite sind wir in vielen Aspekten so wie wir sind, weil wir so aussehen wie wir es nunmal tun.
Schöne Menschen gehen ganz anders durch ihr Leben, als nicht schöne Menschen (formulieren wir es mal so, um von der Figurfixierung ein bisserl wegzukommen).
Mein Mann ist attraktiv, nicht nur für mich, er entspricht den generell gängigen Merkmalen eines attraktiven Mannes. Und dennoch ist er mit mir verheiratet. Sage ich diesen Satz in der Gegenwart meiner Familie oder Freunden, bekomme ich natürlich ein “Du bist so dumm!” zu hören, kann aber nicht wirklich glauben, dass das ernst ist, was mir gesagt wird.
Kann es sein, dass nur ich so ekelhaft von anderen Menschen denke? Kann es sein, dass nur ich mir, wenn ich jmd unvorteilhaft gekleidet sehe, oder prinzipiell einfach nur einen hässlichen Menschen, böse Gedanken mache?
Kann es sein, dass nur ich über andere Menschen so böse urteile, wenn ich in ein Schwimmbad gehe, und dicke Frauen in Bikinis sehe?
Kann es sein, dass andere Menschen sich genau gar nix dabei denken, wenn ich in ein Schwimmbad gehe, und ich mich geniere, meine Beine zu zeigen, weil ich Krampfadern habe?
Kann es sein, dass ich einfach absolut blöd bin?
Warum ist es so, dass es mir unendlich wichtig ist,was andere von mir denken und halten, wie sie mich sehen, und mich beurteilen? Warum ist es mir nicht möglich, diese Dinge einfach abzuschütteln, und so zu sein, wie ich bin.
Und endlich mal einen Tag lang, das zu essen, was ich will, ohne permanent ein schlechtes Gewissen zu haben?
Warum kann ich nicht einfach mal einen Tag lang nix essen?
Warum kann ich nicht Spass daran finden, zu schwitzen und zu keuchen, und gerne Sport zu machen?
Sind alle anderen Mensch so verlogen, oder ich einfach nur so oberflächlich?
Hätte ich meinen Mann geheiratet, wenn er nicht so attraktiv wäre, wie er ist? Ja, hätte ich, nur hätte ich mir gedacht “Ich weiß ja, dass er nicht so attraktiv ist, aber er ist halt lieb und toll, und ich liebe ihn!”. Und so denke ich mir: “Ich weiß ja, dass er attraktiv ist, und er ist lieb und toll, und ich liebe ihn, aber ich weiß nicht, warum er mit mir verheiratet ist.”
Denkt er sich das selbe über mich? Denkt er, dass er glücklich ist, mit mir, oder dass er glücklicher wäre, wenn ich schöner (Sprich schlanker) wäre?
Oder ist ihm das total egal, solange er nur glücklich ist?

Wie kaputt ist diese Gesellschaft?
Wie kaputt sind wir?
Wie kaputt bin ich?

Ist es so, dass man sich selbst permanent mit Problemen zukleistern muss, um nur ja nicht drauf zu kommen, wie irre man eigentlich ist?
Ich habe keine Geldprobleme, ich habe keine Liebesprobleme, ich habe keine Probleme mit meinem Job, nur eben mit mir selbst.


Ich glaube, wenn eine Fee dahergeflattert käme, und sie gäbe mir einen Wunsch frei, ich glaube, ich wäre so krank mir zu wünschen, essen zu können was und wieviel ich wollte, ohne jemals über XXkg zu kommen (natürlich ausgenommen Schwangerschaft, wo ich maximal 12kg zunehmen dürfte, und die natürlich gleich nach der Schwangerschaft wieder abnehmen zu können, einfach so).
Ich bin 10kg von diesem Wunschgewicht entfernt.. Ach was red ich, ich belüg mich ja selbst.. 12kg davon entfernt.. okay.. 15kg, es wird ja doch nicht besser…(hab übrigens jetzt das Wunschgewicht, dass ich vorher noch mit Zahlen tituliert habe, gerade durch zwei X ersetzt)… Schlimm…
Ich glaub, ich sollte etwas essen..

1 Antworten

Kommentare

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    Danke.

    Danke für die Worte die ein ähnliches Chaos in meinem Hirn verursachen.

    06.08.2012, 13:52 von FAQs
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