arleena 11.04.2012, 23:19 Uhr 0 1

Stiller Abschied

Sie ging nicht, damit wir den Schuldigen suchen konnten. Sie ging einfach und allein, weil sie es wollte.

Sie schloss die Augen und war sich nicht sicher ob sie sie nochmal öffnen würde. Nie wieder wollte sie Farben sehen. Wollte nicht mehr wahrnehmen, was man als schön empfinden konnte. Sie wollte kein Lächeln mehr sehen. Nichts was an herzliche Menschlichkeit erinnerte.

Sterben durch bloßen willen. Es ging – es musste gehen, und wenn nicht jetzt, wann dann.

Sie rief sich schnell ihr Leben in Erinnerung. Das mit dem Film vor Augen funktionierte. Sie sah alles; all die schönen Momente und auch die traurigen. Sie fühlte,was man in einem Leben fühlen kann, sie bereute nichts und schon gar nicht den letzten Schritt.

Kurz trauerte sie um die Menschen von denen sie sich nicht verabschieden konnte – weil sie den Abschied schon vorgezogen hatten. Niemand ging für immer, wenn einer stirbt. Wenn unwiderruflich der Abschied im Raum steht, dann hofft man, dass der Abschied nicht für immer ist.

Verabschieden sich aber zwei Lebende voneinander, dann ist der Abschied für immer, denn man kann seine Entscheidungen nicht rückgängig machen...

Sie lachte. Seltsame Logik, dachte sie, das würde ja heißen, dass ich unseren Abschied für immer verkürzte auf: ich bin nur vorausgegangen.

Ein seltsames Gefühl durchfuhr sie. Leicht benommen und doch unendlich klar fühlte sie nicht und alles auf einmal. Jetzt kannte sie alle die Antworten die sie hätte sagen können, auf Fragen die ihr vielleicht nie gestellt worden sind. Sie wusste es nicht mehr.

Mir letzter Kraft entschied sie sich doch die Augen zu öffnen, ein letztes Mal. Sie sah kein Licht – sie sah nur alles verschwommen.

Mit den letzten Sekunden sah sie die Menschen die in ihrem Herzen waren und sie fühlte die Traurigkeit die man empfinden wird – es tut mir leid, dachte sie, ich bin nicht voraus gegangen, ich bin freiwillig gegangen.




Abschied (Theodor Storm)

Was zu glücklich, um zu leben,
Was zu scheu, um Klang zu geben,
Was zu lieblich zum Entstehen,
Was geboren zum Vergehen,

Was die Monde nimmer bieten,
Rosen aus verwelkten Blüten,
Tränen dann aus jungem Leide
Und ein Klang verlorner Freude.

Du weißt es, alle, die da sterben
Und die für immer scheiden gehn,
Die müssen wär's auch zum Verderben,
Die Wahrheit ohne Hehl gestehn.

So leg ich's denn in deine Hände,
Was immer mir das Herz bewegt;
Es ist die letzte Blumenspende,
Auf ein geliebtes Grab gelegt.


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