lavish 13.02.2011, 11:57 Uhr 16 15

Sterne

Dem Norddeutschen wird fischartige Wortkargheit und stures Gebaren nachgesagt. Es gibt Ausnahmen - ein Sittenbild zur Kohlfahrt.

Kürzlich war eine Freundin aus Berlin zu Besuch. Sie kam vom Joggen auf dem Deich und staunte, "ich hab haufenweise merkwürdige Menschen gesehen, sie hatten Wägelchen dabei, von denen üble Musik kam und alle waren stinkebreit. Was machen die da?"

Im ländlichen Einzugsgebiet einer norddeutschen Stadt befinden sich zuhauf Remmidemmi-Landgasthöfe. Hier halten die Menschen ab dem ersten Frost sogenannte "Kohlfahrten" ab und das bis in die ersten Märztage. Ganze Firmenbelegschaften und Freundeskreise zockeln warm eingemummelt und mit einem Schnapsgläschen am Bande Richtung Gasthof, was gut und gerne mal drei Stunden dauern kann. Mitgeführt wird in der Regel ein Bollerwagen, auf dem sich ein großes Sortiment an Schnäpsen in rot, grün und klar befindet, ferner ein oder zwei Kästen Bier und ein Ghettoblaster, aus dem die gesamte Hitliste der "Après-Ski"-Kultur durch die Marsch-und Deichlandschaft gedröhnt wird. Weicheier haben zudem Mineralwasser und Salzgebäck dabei.

Unterwegs wird an jeder Straßenecke ein Schnaps gekippt und nach drei Stunden betreten große Gruppen mit hohem Pegel gröhlend, singend und bölkend die Gaststätte. Hier kommt es bereits zu den ersten Abgängen:
der ausgekühlte Leib, bis zum Rand mit billigem Fusel abgefüllt, erlebt eine Erweiterung der Blutgefäße und so geht so manchem der Kreislauf in die Grätsche, was nicht selten durch ein schwallartiges Erbrechen begleitet wird. Kenner der Szene raten daher dazu, die Toiletten nicht sofort aufzusuchen, sondern erst einmal zu warten, bis die ersten Flurschäden beseitigt sind.

Serviert wird relativ zügig, der Laden ist gerammelt voll mit etwa 400 Personen, da darf nicht getrödelt werden. Große Mengen Grünkohl, Kartoffeln, Kasseler, Mettenden und Grützwurst werden aufgetragen und sogleich vertilgt. Das Vitamin hat hier kaum Mitspracherecht, das Fett geht hier eindeutig als Sieger hervor. Danach wird getanzt, um die Kalorien zu verbrennen.

Und da fängt die eigentliche Qual an, denn die Tanzmusik kommt hier im Landgasthof natürlich nicht aus der Konserve, nein, dafür wird eigens eine dieser zahlreichen "top-fourty"-Bands engagiert, die die Hits der Gemeinde nicht nur im "radio edit" vertont. Gerne bedient man sich hier dem deutschen Schlager und es ist immer wieder verwunderlich, wie textsicher sowohl die Büroleitung einer großen Versicherung als auch der Azubi aus der örtlichen Filiale der "Raiffeisen-Bank" sind. Trendy gekleidete und frisierte Jungs, dickbäuchige Typen mit ledernem Handyetui an der Gürtelschnalle, schick gemachte Damen und quirlige Mädchen drehen kollektiv am Teller, eine Unterhaltung ist nicht mehr möglich, entweder man brüllt oder lässt es bleiben. Schlimme Schnulzen der "Münchener Freiheit", grauenhafter Stampf von DJ Ötzi, hier sind sie plötzlich alle gleich, hier haben sie alle den gleichen Musikgeschmack, hier sinkt das Niveau in Relation zum steigendem Alkoholpegel. Schwerst Angetrunkene versuchen zu tanzen und fallen nach zwei Schritten steif wie ein Brett und ohne Abwehrbewegung in das Netz aus schwitzenden Körpern, draußen vor der Tür lallende Paarzwistigkeiten, "abaichhhabhabhabhupp!dirdassochgesaaaachtdassasnichsoissEY!", es wird die Toilette mit offenem Hosenlatz verlassen, Frauen werden festgehalten, umarmt und nicht mehr losgelassen, Frauen halten fest und umarmen und lassen nicht mehr los.

Und dann wankt alles Richtung Höhepunkt - das Intro muss allgemein bekannt sein, denn alle mobilisieren johlend ihre Reserven, Paare schreien sich den Text in die Gesichter, Schminke verläuft: "Ich schenk dir einen Stern, der deinen Namen trägt!", betrunken taumelnder Disco-Fox, Rührung, ach, das war ja schon der Höhepunkt auf der Hochzeit und weil am Rande der Tanzfläche ein sichtlich betrunkener Jungspund auf seine Autoschlüssel stiert, kommt plötzlich die Vorstellung auf, dass dieser ach so romantische Song möglicherweise auch auf Beerdigungen von irgendwelchen Stefan's oder Marco's gespielt wird, die mit knapp drei Promille nach nur fünhundert Metern mit Schmackes an den nächsten Baum gekachelt sind und mit dem Motorblock im Brustkorb das Zeitliche gesegnet haben. Kurz bevor sie mit ihrer Freundin auf dem Grundstück der Eltern das Eigenheim hochziehen und dieses mit Kindern befüllen.
"Ich schenk dir einen Stern, der deinen Namen trägt," dann steht die Gemeinde auf und jeder wirft eine "Diddl"-Maus ins Grab, die dumpf auf dem Sarg aufbumpt. Ein kleiner Hüpfer, dann kullert auch sie in die Grube.
Natürlich sind diese Verhaltensweisen jedem Volksfestbesucher, Skihaserl, jeder Polizeidienststelle, Rettungssanitätern und jedem Landgasthofbesitzer bekannt. Wenn man aber zu der Bevölkerungsgruppe gezählt wird, die zum Lachen in den Keller geht, dann staunt man darüber, zu welchem Getöse die Menschen in diesem Landstrich fähig sind.

Am nächsten Tag beim Duschen die erste Psychose: ständig taucht die Melodie dieses entsetzlichen Sternedingsens auf. Wie kann man die stundenlange Beschallung mit solcherlei Leidgut antagonisieren - mit Schubert? Brahms? Mit Abstinenz. Ja.

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16 Antworten

Kommentare

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    Grützwurst?? Wie eklig kligt das denn? Da wo ich herkomme, "umzu" von Bremen", sagt man "Pinkel" dazu
    ; )

    Kohl & Pinkel wäre hier sicher auch eine ebenso aufmerksamkeitsstarke wie angemessene Überschrift gewesen ; )

    18.02.2011, 11:12 von ...niemand...
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    Sehr, sehr schön :-)
    Zum Höhepunkt - hej, du hast die Ehrung des nächsten Kohlkönigs und seiner -königin untern Tisch fallen lassen, dieses hochoffizielle gesellschaftliche Ereignis...

    15.02.2011, 07:03 von alexiene
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      @alexiene "kohlkönig/n"! das ist mir auch aufgefallen! in unserer gruppe ist das irgendwie untern tisch gefallen. soooooo ernst haben die organisatorinnen dann wohl doch nicht genommen... aber an den nachbartischen war die krönung natürlich schon längst vollzogen worden. ich bin ja sehr froh, dass ich nicht kohlkönigin geworden bin - ich hab zwar ganz ordentlich gegessen (ich mag das auch wirklich richtg gerne, bis auf das kasseler, aber das ist ja egal), aber ich hätte dann ja die aufgabe gehabt, die fahrt im nächsten jahr einzustielen. und das hätte ich nicht so gerne am hals gehabt.

      15.02.2011, 10:34 von lavish
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    alternativ gibts da ja auch noch das boßeln.

    ab und zu sehr amüsant um einfach mal die sau rauszulassen. nur die musikauswahl is dann doch eher anders geartet bei uns. mag auch daran gelegen haben, dass ich mich letzte mal rotzevoll vor die anlage gesetzt habe und dj gespielt habe.

    15.02.2011, 02:02 von IceIceFriedhelm
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    Die Orte und Gelegenheiten variieren.
    Deutschland säuft sich blöd.
    warum kommt mir alles so bekannt vor ?
    jetzt hab ich die Bilder im Kopf.

    Gut geschrieben.

    14.02.2011, 23:11 von Dr.Brot
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    Was machstn auch bei sowas mit? ^^
    Es is wirklich schrecklich! Ich HASSE solche Veranstaltungen. Die Musik! Leute die einen angrapschen! Überhaupt - die Leute! Buörks! Ich bin aber auch immer die, die schon im Studentenclub das Gesicht verzieht, wenn plötzlich alle zu "Wir spielen Cowboy und Indianer" oder wie das heißt Eins-zwei-tipp tanzen und dafür als Langweiler bezeichnet werde. Langweiler! Ich! Ha!

    14.02.2011, 20:23 von Lenulitschka
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    Also bei uns gibts das als Maiwanderung... Senkt man sein Niveau unter Null, geht das auch voll klar :D

    14.02.2011, 16:52 von Lirael
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    Ich freu mich schon auf Karneval ...

    14.02.2011, 16:28 von B.tina
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    Ist in Westfalen das gleiche!

    14.02.2011, 14:38 von MisterGambit
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    "dumpf auf dem sarg aufbumpt".

    ach, wie schön.

    14.02.2011, 13:17 von YOLK
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    eieieieiei .... da reicht es mir davon zu lesen ... wenn man bedenkt, dass es obendrein auch noch Teilnehmer gibt, die das Ganze auf Bildern und selbstgedrehten Filmen festhalten .. nein danke. Jedem das Seine und mir das Meine. Die Sache mit dem Bollerwagen voller Alk, an ein Fahrrad gehängt, samt einer Gruppe von Männern auf Fahrrädern, die zu besoffen sind um geradeaus zu fahren kenne ich eigentlich nur vom Vatertag.
    Aber schön beschriebene Situationen .... genau wie der Artikel zuvor ... als ob man dabei gewesen wäre.

    14.02.2011, 13:17 von Cyro
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