schimmern 05.09.2012, 22:38 Uhr 59 61

So Tage

Eigentlich ist ja alles in Ordnung.


Im Park betrommeln Leute ihr Andersein, mein Fenster steht offen und ich will das nicht hören.

Ich sitze vorm Computer, aus einer Schüssel vor mir dampft undefinierbare Matschepatsche mit Ketchup, eigentlich sollte das Kartoffelbrei mit Brokkoli und Gemüsestäbchen werden. Lustlos erhitzt, verwässert, verkocht, verbrannt.

Das passiert mir nur, wenn ich für mich alleine koche, da gebe ich mir dabei keine Mühe. So desaströs wie jetzt war das Ergebnis aber schon lange nicht mehr, so miesgelaunt und extra scheisse habe ich mich noch nie bewirtet.

„Sei dir selbst der liebste Gast“, am Arsch. Zum Glück starre ich beim essen hypnotisiert auf den Monitor. Ich besurfe nur Quatschseiten. Promitratsch, Ragecomics, Picdumps, zwischendrin 'ne Runde Uno.

Laut schlürfend, mit einer Hand das Touchpad bedienend, quäle ich mir die Mahlzeit rein. Die Pampe quillt mir aus den Mundwinkeln, und leider muss ich das jetzt doch sehen. An der rechten Wand steht ein Schrank mit großem Spiegel, der Seitenblick war ein Versehen, keineswegs Gewohnheit. Angepisst fahre ich mir mit beiden Händen durch die Haare. Die habe ich mir am Nachmittag brastig und im Launentief , im Drang mich sofort verändern zu wollen, abschneiden lassen.

Mein Gesicht muss noch in die Frisur reinschrumpfen, jetzt grade widere ich mich so richtig an.

Die windschiefe Haltung, die Speckbacken, Kartoffelpamps am Kinn, Ketchup in den Mundwinkeln.

Die Strukturlosigkeit meines momentanen Alltags bekommt mir überhaupt nicht. Irgendwas hat hier mit der ersehnten Menschwerdung nicht geklappt. Mit nur einer neuen Stadt ist es nicht getan.Seit Wochen hänge ich in einer Warteschleife, die Schnittmenge der Dinge die ich tun müsste und derer zu denen ich mich aufraffe, respektive herablasse, ist sehr gering.

Möchten und nicht hinkriegen, nicht dürfen aber wollen, müssen und nicht machen.

Sollte dieses Leben nicht eigentlich erledigt sein? Wollte ich hier nicht total durchstarten und endlich die Kurve kriegen`? Ich habe wenig Grund mich zu beschweren, in wenigen Tagen ziehe ich mit meinem Freund zusammen, und trotzdem bin ich immer noch die unorganisierte Trulla, die aus Faulheit ihren Pizzakarton lieber erstmal unters Sofa schiebt, statt ihn sofort in den Müll zu schmeissen. Ich habe kein Problem mit Dreck, ich darf ihn bloss nicht sehen.

Ich bin mir dessen bewusst und finde mich auch gebührend ekelhaft.

Ich stalke alte Bekannte bei Facebook, nur um mich zu wundern, wie die das alle machen. Mit dem richtigen Leben. Mit Beruf und Freunden und Hobbies und Urlaub.

Ich habe keine Hobbies. Ein guter Tag verläuft für mich so ereignislos wie möglich. Zum einen damit ich mich über die Langeweile beschweren kann, zum anderen weil mich zwischenmenschliche Beziehungen oft überfordern. Ich weiss manchmal einfach nicht, wie das geht.

Angst, etwas zu verpassen habe ich schon lange nicht mehr. Wo ist denn der Antrieb abgeblieben?

Da war doch mal mehr. Mehr wollen, mehr machen, mehr probieren.

Die totale Resignation, jetzt schon. Ich verplempere Zeit und wundere mich, dass ich wacker auf die Dreissig zugehe. Dabei war ich gestern doch noch Siebzehn!

Ich stelle mir ein Klassentreffen vor. „Hallo, hallo. Ganz Recht, aus mir ist immer noch nichts geworden.“

If you're so funny then why you're on your own tonight, and if you're so clever, then why you're on your own tonight?“ knödelt Morrissey in mein Ohr, ich fühle mich dennoch unaufgehoben in dieser Stimmung, die ich früher mal so mochte. Da hab' ich auf diese Zeile auch immer geantwortet „Weil ich das will!“, natürlich nur im Stadium äußerster Trunkenheit.Mir gibt das Alleinsein nichts mehr, ich fühle mich einsam. Ich habe das eigentlich immer sehr genossen.

Morrissey nervt, das tut er sonst doch nie.

Ich mache mir einen Film an, ich kann mich nicht entscheiden und gucke zum x-ten Mal Horton hört ein Hu!

Der naive Elefant in seiner bunten Phantasiewelt treibt mir Tränen in die Augen, so dünnhäutig bin ich, so viel bonbonfarbenes Happy End kann ich nicht ertragen.

Ich lege mich aufs Bett und kriege kein Auge zu. Ich grüble und stochere in nebliger Vergangenheit nach Erinnerungsfetzen.

Ich weide mich ein bisschen an Schrecklichkeiten, besinne mich mit klopfendem Maschinengewehrherzen auf Peinlichkeiten, bitter stoßen mir uralte Ungerechtigkeiten auf.

Ich krampfe meine Hände ins Laken, decke mich zu und wieder auf. Zu heiß, zu kalt. Mein Kopf findet einfach keine Ruhe. 

Mitten in der schönsten Selbsdestruktion klingelt mein Handy, und unterbricht den Gedanken, morgen mal einen Therapeuten aufzusuchen, weil das ja alles nicht sein kann.

Das Display blendet mich, ich kniepe mit den Augen und lese einen Kalendereintrag: „Dingdong, Regel kommt!“.

Ich bin erleichtert.

In drei Tagen finde ich mich wieder okay und alles andere halb so schlimm.

PMS, du verdammtes Arschloch.

61

Diesen Text mochten auch

59 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    gut zu wissen, dass es auch anderes so geht, dachte immer nur ich wäre in dieser zeit so ein krasser jammerlappen


    24.10.2012, 00:28 von sonderposten.
    • 0

      anderen sorry

      24.10.2012, 00:28 von sonderposten.
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Hab nach dem Text lesen zum ersten Mal Horton geguckt. Schön wars :)

    18.09.2012, 14:02 von halbkindmf
    • Kommentar schreiben
  • 0

    gefällt mir gut!

    17.09.2012, 13:40 von siePlosion
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Boah, der Text wäre ohne das Ende gut gewesen. Aber dieses PMS Gejammer ist sowas von ätzend.

    15.09.2012, 12:17 von Kampf-Muffin
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      ich finds super so.

      16.09.2012, 09:31 von schimmern
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Großartig und sehr gut nachempfindbar ;)

    13.09.2012, 12:03 von Musenkind
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Dieselben Phänomene kenne ich vom "Strohwitwer-Syndrom" und bekämpfe sie durch (Freizeit-)Termine, Termine, Termine, so daß die Zeit für dummes Zuhause-dahindaddern möglichst kleingehalten wird.

    Einen PMS-Text hätte ich kürzlich aus der anderen Perspektive schreiben können, aber das wär mir zuviel aus dem Nähkästchen...

    10.09.2012, 10:52 von LudwigMartin
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "Der naive Elefant in seiner bunten Phantasiewelt treibt mir
    Tränen in die Augen, so dünnhäutig bin ich, so viel bonbonfarbenes
    Happy End kann ich nicht ertragen."

    Sehr schön!

    Ins Ende nicht hineinversetzbar, vielleicht auch weil ich nen Schwanz hab, hm.

    08.09.2012, 01:43 von Wasisteloquent
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      ist doch gar kein aufstand. ich gratuliere dir, dass dir der zutand in dieser form nicht bekannt ist. hurra & drüber freuen.
      ist nicht jeden monat das gleiche, mein körper ist ja keine maschine.
       vor ein par tagen war das aber so, und.darüber möchte ich dann texte nach meinem gusto verfassen, mit genau solchen enden.
      oh danke, schöpferische freiheit, danke, recht auf jammern. <3


      07.09.2012, 17:00 von schimmern
    • 0

      @dicke
      Manche triffts schlimmer, als andere. Seifroh, solange du davon selbst verschont bist.

      07.09.2012, 20:40 von Tanea
  • 0

    wie wahr, wie wahr.

    07.09.2012, 10:28 von Daner
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare