stereoG 05.07.2013, 16:13 Uhr 28 33

Schöne Menschen haben keine Freizeit

Ein Tag am See

Es ist ein heißer Donnerstagmorgen kurz nach acht, als ich mitten in Köpenick auf meinen Kumpel Neumann warte, der mich im Auto mit zu seinem Seegrundstück irgendwo in Schmöckwitz mitnehmen will. Die Sonne brennt für diese frühe Zeit verdammt heftig und auf einem Thermometer konnte ich auch schon 28°C erspähen, was meine Stimmung noch weiter aufhellt, soweit das nach nur zwei Stunden Schlaf möglich ist. Zum Glück stehe ich an der stark befahrenden Straße in Badelatschen, Shorts und Unterhemd, während ich die Verspätungsnachricht auf meinem Handy zur Kenntnis nehme und fühle mich schon ein bisschen schäbig, als die ganzen Workingclassheros zu ihren Bussen und Bahnen an mir vorbeihetzen.

Meiner gefälschten Ray-Ban habe ich es zu verdanken, dass mich jeder Passant für eine Hipsterschwuchtel hält, die sich in den Südosten verlaufen hat, aber das perlt an mir ab, wie mein Schweiß bis jetzt. Hoffentlich kommt der Penner bald. Ich sehne mich nach einem kühlen Bad im See, aber wenn ich hier noch länger stehe, bin ich vom aufgewirbelten Staub der Straße gebräunt und nicht von der Sonne. Endlich hält sein Golf vor mir und der Knecht hat doch tatsächlich die dusslige Kuh Joana und ihre dicke Freundin Sandy eingeladen. Wenn ich nicht schon hier stehen würde, wäre ich mit dem Hintergrundwissen gar nicht erst aufgestanden. Ich sende meinem sogenannten Freund ein missbilligenden Blick zu, der aber wegen der Sonnenbrille nicht zur Geltung kommt und quetsche mich ins Auto (beschissener Zweitürer) auf die Hinterbank neben die Dicke und rutsche so gut es geht nach außen, damit ich nicht an der kleben bleibe, denn sie nimmt gut zwei Drittel der Rückbank ein.

Neumann quatscht gleich nonstop von seinen - für mich irrelevanten - Erlebnissen der letzten zwei Tage, an denen ich nicht das Vergnügen hatte mit ihm zu verkehren. Meine Mine bleibt so ausdruckslos wie das schwarze Outfit der Dicken oder ein leeres Blatt Papier. Ich war so schön geil durch die Hitze und die leichtbekleideten Damen auf der Straße und jetzt fühle ich mich nur noch klebrig und beschmutzt durch die Anwesenheit der beiden Schnepfen. In einem ungestörten Moment muss ich Neumann unbedingt fragen, was zum Henker er sich dabei gedacht hat, aus unserem Duo ein Quartett zu machen. Wobei die Dicke es eigentlich auf ein Quintett erweitert. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, besteigt Neumann Joana zur Zeit regelmäßig, was aber noch nicht die Anwesenheit der Dicken erklärt.

Neumann fährt wie ein Gestörter, weshalb mein linkes Bein umgehend an das rechte Bein der Dicken angesaugt wird. Ich möchte augenblicklich sterben, so unangenehm ist mir die Bredouille, in die ich mal wieder durch äußere Faktoren geraten bin. Ich versuche Neumann mit meinem Blick zu töten oder ihm zumindest eine tödliche Krankheit anzuheften, doch nach fünf Minuten gebe ich auf, denn er labert immer noch Joana voll, die bei Der Schwächste fliegt schon bei der Frage nach dem "Wie geht es den Kandidaten heute?" rausgevotet werden würde. Aber wie heißt es im Volksmund; wer schön sein will, muss leiden. Also Augen zu und durch.

Nach etwa zwanzigminütiger Fahrt sind wir bei Neumanns Domizil angekommen und ich eile gleich zum Boot um zu starten, doch machen mir die Torten einen Strich durch die Rechnung, denn erst mal heißt es Brotzeit. Die eine ist schon adipös überproportioniert und die andere hat auch Minimum zehn Kilo Übergewicht, da schmieren die Marmeladenstullen für eine Weltreise und kippen sich Cola Zero bis zum Gehtnichtmehr hinein. Dazu Neumanns Stimme aus dem Off, der in seiner Laube etwas sucht. Ich hoffe, dass es ein Gewehr ist. Die Sonne brennt für die frühe Zeit ziemlich heftig, also knalle ich mich mit Musik und Handtuch auf den Steg und schlummere weg.

Ich träume einen meinen Klassiker vom schönen Leben als König von Berlin, der an jeder Tür bekannt ist, Berlin entschuldet hat und seine Wohnung in der Kuppel des Fernsehturms besitzt. Dort sitze ich gerade wieder mit ein paar Hardbodies, die andächtig meinen Weisheiten lauschen, als meine Traumwelt einzubrechen beginnt, denn die Kuppel beginnt zu wackeln, als ob ein paar Filmmonster auf der Warschauer unterwegs wären. Fast, es sind nur die beiden Kühe, die schwerfüßig auf dem klapprigen Steg zum Boot laufen. Nachdem ich auf die Uhr geschaut und den leeren Picknickkorb gesehen habe, rechne ich die zusätzlichen Kilo aus, die sie sich in der Stunde Schlaf angefressen haben und inspiziere nun skeptisch Neumanns Boot, das auch nur eine Schaluppe mit einem 5 PS-Motor ist. Das kann ja was werden.

Die Antigrazien müssen dann noch mal auf die Toilette, was mir die Möglichkeit gibt Neumann zu fragen, was er sich dabei gedacht hat, ausgerechnet mit den beiden Trostpreisen aufzuwarten, wo er doch keine Gelegenheit auslässt zu betonen, wie viel Prinzessinnen er doch kenne. Die müssten halt alle arbeiten, antwortet er bedauernd. Ich setze mich gleich ans Steuer, während Neumann in der Mitte des Bootes seine Decke ausbreitet und sich darauf bettet. Nach zehn Minuten sind sie wieder da und ohne zu kentern, schaffen sie es ins Boot. Joana legt sich zu Neumann auf die Decke und der schwarzgekleidete Vielfraß lässt sich auf das morsche Brett im Bug plumpsen, was ihr eine Beleidigung von Neumann einbringt.

Wenn wir zu zweit unsere Runde über den kleinen Müggelsee Richtung Neu-Venedig fahren, schaffen wir trotz des Nähmaschinenmotors an die 11 km/h. Mit dem Zusatzgewicht von heute könnten wir den Motor auch abstellen und uns von einer Ente ins Schlepptau nehmen lassen, das würde auf Dasselbe hinauslaufen. Ich drehe, obwohl es sinnlos ist, voll auf und fahre uns zunächst nach Müggelheim zur Eisdiele. Dort kann ich gleichzeitig an der Tankstelle daneben den Sprit auffüllen, denn ich möchte nicht ohne Benzin dastehen und zurück rudern müssen.

Der aufgedrehte Motor hat den Vorteil, dass ich von der Unterhaltung der Anderen nichts mitbekomme, also cruise ich in Ufernähe an den ankernden Motorbooten und Jachten vorbei, um eventuell ein paar geile und vermögende Muttis beim Sonnenbaden zu erblicken. Doch es ist wie immer; ich sehe nur alte, dicke Säcke, die nackt und mit schlaff hängenden Hodensäcken auf die Dicke im Bug stieren. Was für eine ungerechte Gesellschaft, in der die Schönen arbeiten müssen und die Abgehalfterten ihre Frührente verprassen können. Dank meiner Sonnenbrille merkt man mir die Enttäuschung nicht an und in der Denkerpose verharrend, ignoriere ich die Grüße der nackten, überlagerten Frührentnerinnen an meine Adresse. Die Sonne scheppert im Moment richtig, ich habe nichts zu trinken dabei, Neumann fummelt an Joana rum, die hysterisch-aufgeregt kichert und die Dicke starrt mich von gegenüber aus die ganze Zeit an, als ob sie mich auffressen will. Wenn ich einen Sonnenstich bekomme, sollte er mich bitte umgehend töten.

In Müggelheim habe ich den Tank schnell gefüllt und liege die nächste Zeit alleine auf der Wiese im Schatten, wobei ich unzählige Ameisen totschlagen muss, die an mir hochkrabbeln. Ein paar Meter hinter mir ist die Endhaltestelle von irgendeiner Buslinie. Erstaunlicherweise herrscht hier viel Betrieb, aber hübsche Mädchen sind Mangelware, denn die Unterschicht aus dem Allende-Viertel ist auf dem Weg zum Hartz4-Strand. Gleich und gleich gesellt sich gern, denn während die unförmigen Weiber in Leggins und bauchfrei mit dem Kinderwagen durch die Landschaft quellen, sind ihre Typen noch im Goldkronerausch der letzten Woche und laufen ernsthaft in der größten Mittagshitze mit Springerstiefeln, schwarzer Jetlag-Hose und Bomberweste herum. Am Hartz4-Strand brauche ich also nicht vorbei zu schippern und verabschiede mich mental davon, heute noch irgendetwas Hübsches zu sehen.

Nachdem zwei Busse im Zwanzigminutentakt ihren Inhalt ausgespuckt haben, taucht meine Besatzung endlich auf. Ab ins Boot und ich steuere zum Bermudadreieck, wo genug Sand aufgeschüttet wurde, dass man dort mit seinem Boot halten und im Wasser stehen kann. Die Hoffnung auf junge und leichtbekleidete Frauen stirbt bekanntlich zuletzt und etwas Abkühlung schadet auch nicht. Von weiten sehe ich schon ein paar Motorboote, an denen sich nackte Rentner hochhieven. Ich lasse den Anker ins Wasser gleiten und springe mit einem gekonnten Köpper ins Wasser, wobei die beiden Weiber von ein paar Spritzern getroffen werden und sich tierisch aufregen. Als ich wieder auftauche, bin ich wunderbar klar im Kopf und die Farbgebung hat sich verändert - ich Lachs hatte meine Sonnenbrille nicht abgenommen und verbringe die nächsten Minuten damit, nach ihr zu tauchen. Neumann hilft mir dabei, findet aber nur leere Bierflaschen.

In der Zwischenzeit sind ein paar Rentner zu unserer Schaluppe geschwommen gekommen und machen den Dicken billige Komplimente, von denen sich Neumann ruhig ein paar merken könnte, wenn er im Jappy-Chat mal wieder nicht weiter weiß. Wenn ich so alt werden sollte, bin ich hoffentlich so reich, dass ich mir ein paar Models halten kann, die zwar nur mein Geld lieben, aber ich nicht so verzweifelt nach jungem Fleisch wäre, wie die alten Säcke hier. Vielleicht sind sie ja auch halbblind, das würde ihre Aktion in einem etwas anderen Licht dastehen lassen. Bei meinem letzten Tauchgang ertaste ich meine Sonnenbrille, steige wieder ins Boot und treibe zur Weiterfahrt an, bevor die Weiber von den alten Säcken zu Kaffee und Kuchen auf ihrem Boot eingeladen werden. Die letzte Zwischenmahlzeit liegt ja schon knapp eine Stunde zurück und die Gefahr des Hungerastes lauert überall.

Nachdem wir knapp zwei Stunden durch die Kanäle Neu-Venedigs gefahren sind, erreichen wir langsam den Kanal Richtung Heimathafen von Neumann. Ein paar Schwäne kreuzen unseren Weg und betteln nach Futter, was Neumann ausnutzt um vor Joana mit seinem Trick zu glänzen, in dem er uns kurz von den Schwänen ziehen lässt. Er ködert die Tiere mit ein paar Brotkrumen ins Wasser, bis sie ihm dann aus der Hand fressen wollen, worauf er den Vogel am Schnabel festhält und das Vieh panisch rumflattert, was uns ungefähr zwei Meter vorwärts bringt. Bei den Dicken hat Neumann nun verkackt, denn mit Tierquälerei punktet man selten.

Am Steg angekommen, haue ich mich erneut zum Schlafen in die Sonne, während Neumann die Beiden zur S-Bahn nach Grünau fahren darf, denn sie sind menschlich zutiefst enttäuscht von uns. Das hätte ich gleich wissen müssen, denn dann hätte ich Neumann zu Beginn angestiftet, seinen Trick bei den Schwänen seines Anglervereins zu versuchen. Die restliche Zeit nutze ich zum Baden und Sonnen, während uns ein paar senile Anglerkollegen Neumanns mit ein paar Lebensweisheiten zu texten, die sie uns jedes Mal aufs Neue erzählen. Auf dem Heimweg im Auto fragt mich Neumann, was denn nun mit dem Turnier am übernächsten Wochenende bei Fischer in Österreich ist, für das ich eine Mannschaft organisieren sollte. Ich kann mir eigentlich etwas besseres vorstellen, als mit einem Haufen Kleinkrimineller ein Wochenende im Ausland zu verbringen, aber es ist halt Sommerpause und ich muss auch mal wieder raus aus dem Berliner Moloch.

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28 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Bin hin und her gerissen. Irgendwie bist du ganz schön gemein zu den dicken Antigrazien.:D Die Bezeichnung fetzt ja schon ein..

    Dennoch überwiegt mein Gefallen an deinem Humor!

    28.12.2013, 15:19 von Tora
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  • 0

    Herrlich gelacht und zustimmend und mitfühlend genickt!

    Gefääällt!:D

    28.12.2013, 13:28 von SamMex
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  • 0

    Herrlich ehrlich...
    So macht's arbeiten auch wieder Spaß!

    10.10.2013, 15:03 von Agunia
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  • 0

    Hippsterness deluxe, gekonnt fieser Sprüchereißer, gute Unterhaltung...:) Kann mich den Vorrednern nur anschließen!

    08.10.2013, 23:05 von KleineFreiheit
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  • 1

    Also mir ist der Erzähler keineswegs unsympathisch.

    So einen Freund braucht jeder. Wo bliebe sonst der Witz?:)

    16.07.2013, 15:51 von FlowRepower
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  • 2

    Wie auch andere schon vor mir sagten, der Ich-Erzähler wird einem (vielleicht ja auch gewollt?) so richtig schön unsymphathisch; aber man kommt nicht umhin, den Text doch irgendwie zu mögen.
    Daher gelungen, muss ich sagen! Das ist auch Können! :-)

    11.07.2013, 17:10 von topfbluemchen
    • 0

      ganz genau!

      so seh' ich das auch.

      28.12.2013, 17:08 von Tora
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  • 0

    Da ich den Überblick verloren habe, bei wem ich mich schon im GB bedankt habe, mache ich es unpersönlich wie ein Geburtstagsglückwunsch bei FB:

    Vielen Dank an alle Leser, Empfehler und Kommentatoren meines Textes.

    09.07.2013, 15:37 von stereoG
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  • 0

    Genau richtig bei dem Wetter.

    08.07.2013, 09:47 von EliasRafael
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  • 3

    Ein Ekel. Aber ein unterhaltsames.

    06.07.2013, 14:46 von cosmokatze
    • 0

      Genau das dachte ich auch. Scheint ein Arschloch zu sein, aber der Text liest sich weg. :D

      07.07.2013, 12:38 von Lenulitschka
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  • 2

    Ich habe den Text jetzt halb durch, aber ich hätte ihn schon nach dem ersten Absatz  herzen können. Ich fühle mich prächtig unterhalten und irgendwie möchte ich den Text, wie ein gutes Buch - nur so absatzweise lesen, damit ich länger dran Vergnügen habe.
    Prächtig! Also, so wirklich!

    06.07.2013, 14:44 von yuhi
    • 2

      Eigentlich ist der Protagonist ja menschlich eine mittlere Katastrophe, aber er bringt's so witzig herüber in seinen Texten, dass ich nicht ernsthaft sauer sein kann. im Gegenteil, auch ich fühle mich prächtig unterhaltenen und bin seit 'Fuck Up The Weddinghood'  fast ein Fan der Texte dieses Autors.

      Vielleicht liegt es an der Hitze der letzten Tage, dass mein Gehirn nicht mehr so will wie es soll, aber seit dieser Story denke ich an die dicke Freundin Sandy und singe: She' s too fat for me'

      09.07.2013, 16:08 von Cyro
    • 0

      ich bin gern mal politisch humorvoll unkorrekt ;)
      hauptsache man agiert im realfall richtig

      10.07.2013, 00:35 von yuhi
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  • Haben wir sie noch alle?

    Burn-Out, Internetsucht, Depression - immer mehr Deutsche lassen sich therapieren. Braucht es all diese Therapien wirklich?

  • Apokalypse Wow!

    Die Mode ist die Message: Die pro-russischen Kämpfer in der Ukraine sehen mit Macheten, Masken usw. aus wie Figuren aus den »Mad Max«-Filmen.

  • Der Witz geht nicht mehr weg!

    Jeder kennt den Moment, in dem der Send-Balken hochgeht und man noch denkt: Stop! Was würdet Ihr gern aus dem Netz löschen?

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