init-admin 14.11.2008, 11:36 Uhr 3 1

Schlimmer als Schmerz

Wie fandest du den Artikel über JUCKREIZ?

Es war ein ziemlicher Schock für M, wie sehr ein paar falsche Entscheidungen ein ganzes Leben verändern können. Sie hatte in Boston Psychologie studiert, mit 25 geheiratet, einen Sohn und eine Tochter bekommen. Die Familie zog in eine Kleinstadt in Massachusetts, wo sie in leitender Position im Gesundheitswesen arbeitete. Dann begannen die Streits mit ihrem Mann. Es ging um Ehebruch. Als sie 32 war, scheiterte ihre Ehe, bei der Scheidung verlor sie ihre Anteile am gemeinsamen Haus und über den finanziellen und psychischen Stress auch noch das Sorgerecht für ihre beiden Kinder. Sie begann zu trinken. Sie lernte jemanden kennen, und sie tranken gemeinsam. Nach einer Weile brachte er Drogen mit nach Hause, und sie probierte sie aus. Die Drogen wurden härter - am Ende kauften sie Heroin von einem Straßendealer unweit ihres Apartments. Bei einem Arztbesuch erfuhr M, dass sie sich über eine Injektionsnadel mit HIV angesteckt hatte.

Sie verlor ihren Job und das Recht, ihre Kinder zu besuchen. Durch die HIV-Infektion erkrankte sie an Gürtelrose und bekam einen schmerzhaften Hautausschlag mit Bläschen auf ihrer Kopfhaut und der Stirn. Die HIV-Erkrankung konnte mit Medikamenten im Griff gehalten werden. Mit 36 Jahren machte sie einen Entzug und schickte ihren Freund und die Drogen zum Teufel. Es folgten zwei gute, ruhige Jahre, in denen sie begann, ihr Leben langsam wieder aufzubauen. Dann kam das Jucken. Die Gürtelrose hatte sich mal wieder gemeldet, die Bläschen und der Schmerz waren aber wie immer medikamentös behandelbar. Doch dieses Mal blieb eine Stelle an ihrer Kopfhaut, die von dem Ausschlag befallen war, taub - und der Schmerz wandelte sich in einen konstanten Juckreiz. Vor allem auf der rechten Seite kroch er ihre Kopfhaut entlang, und egal, wie sehr sie auch kratzte: Er verschwand nicht.

»Es fühlte sich an, als würde mein Hirn selbst jucken«, sagt sie. Und so übernahm das Jucken genau in dem Moment ihr Leben, als sie begann es zurückzugewinnen. Ihre Internistin wusste nicht, was sie damit anfangen sollte. Juckreiz ist ein häufiges Symptom: Allergische Reaktionen, Bakterien- oder Pilzinfektionen, Hautkrebs, Schuppenflechte, Läuse, Krätzemilben, trockene Haut - all das kann zu Juckreiz führen, ebenso wie bestimmte Cremes oder Make-up. Aber M benutzte normales Shampoo und keine Cremes, und als die Ärztin Ms Kopfhaut untersuchte, konnte sie nichts Unnormales feststellen. Kein Ausschlag, keine Rötung, keine Schuppen, keine Schwellung, kein Pilz, kein Parasit. Alles, was sie entdecken konnte, waren Kratzspuren. Die Internistin verschrieb eine Salbe, die nicht half. Der Drang zu kratzen war allgegenwärtig. »Tagsüber konnte ich es noch einigermaßen unter Kontrolle halten«, erinnert sich M. »Aber nachts war es am schlimmsten. Ich kratzte mich im Schlaf und merkte es nur daran, dass am nächsten Tag Blut auf meinem Kissen war.«

An der betroffenen Stelle fielen die Haare aus. M ging immer wieder zu ihrer Internistin, aber keine Behandlung zeigte Erfolg. Irgendwann kam es zu der Vermutung, das Jucken hätte vielleicht gar nichts mit Ms Haut zu tun. Es gibt viele psychische Erkrankungen, die Juckreiz auslösen können: Psychosepatienten können beispielsweise die Wahnvorstellung erleiden, ihre Haut sei mit Parasiten übersät, mit krabbelnden Ameisen oder feinen Fiberglashärchen. Starker Stress und andere emotionale Belastungen können auch Juckreiz hervorrufen. M war bereit, auch solche Möglichkeiten in Betracht zu ziehen - ihr Leben war in der Tat ein ziemliches Chaos gewesen. Aber auch die Psychopharmaka brachten keine Erleichterung. Der Juckreiz war außerdem nicht von Ms Stresslevel oder ihrer Stimmung abhängig, sondern immer gleich stark. Das Einzige, was ihn ansatzweise lindern konnte, war: zu kratzen. »Kratzen ist gleichwohl einer der angenehmsten Genüsse der Natur, und immer bei der Hand«, schrieb Montaigne einst. »Aber der hinkende Bote folgt diesem Kitzel zu nahe auf dem Fuße.« Für M traf dies definitiv zu:

Das Jucken war so qualvoll und die Stelle an ihrem Kopf so taub, dass sie anfing, durch die Haut hindurch zu kratzen. Sie bandagierte ihren Kopf und ging mit Mütze ins Bett. Aber ihre Fingernägel fanden stets einen Weg zu ihrer Kopfhaut. Eines Morgens, erinnert M sich, klingelte der Wecker, sie setzte sich auf, und »diese grünliche Flüssigkeit lief mir über das Gesicht«. Sie drückte einen Verband auf ihren Kopf und ging zu ihrer Ärztin. Diese betrachtete die Wunde, verließ das Zimmer und rief sofort einen Krankenwagen. Erst in der Notaufnahme des Massachusetts General Hospital erfuhr M zwischen hektischen Ärzten und Operationsvorbereitungen, was passiert war: Sie hatte sich in der Nacht durch ihre Schädeldecke gekratzt - bis ins Gehirn hinein. Jucken ist ein sonderbarer und geradezu teuflischer Sinneseindruck. Die Definition des deutschen Arztes Samuel Hafenreffer von 1660 ist bis heute gültig: »Juckreiz ist eine unangenehme Sensation, die Kratzen provoziert. « Und obwohl das Kratzen eine kurze Erleichterung verschaffen kann, macht es das Jucken oft schlimmer. Dermatologen nennen das den Juck-Kratz-Kreislauf und nehmen an, dass das Jucken und der begleitende Kratzreflex im Lauf der Evolution entstanden, um uns vor Insekten und Pflanzengiften zu schützen - vor solchen Gefahren wie Malaria, Gelbund Denguefieber, die durch Moskitos übertragen werden, vor typhusübertragenden Läusen oder vor giftigen Spinnen. Diese Theorie würde auch erklären, warum der Juckreiz so feinfühlig arbeitet. Man kann den ganzen Tag herumlaufen, ohne zu spüren, wie einen der Kragen am Hals scheuert - aber sobald ein einzelner Faden irgendwo heraussteht oder eine Fliege über uns krabbelt, macht uns das fast wahnsinnig.

Wie das Jucken genau funktioniert, bleibt jedoch ein Rätsel. Lange dachten die Forscher, Juckreiz wäre nichts weiter als eine besonders leichte Form von Schmerz. Erst 1987 entdeckte der deutsche Forscher H.O. Handwerker durch Experimente mit leichten Elektroschocks und Histaminen, dass es sich bei Jucken und Schmerzen um völlig getrennte Wahrnehmungen handelt, die auf unterschiedlichen Pfaden übertragen werden. Während die Nervenfasern, die für das Schmerzempfinden verantwortlich sind, beispielsweise nur millimetergroße Flächen erfassen, kann ein Jucknerv einen Impuls über bis zu sieben Zentimeter hinweg aufnehmen. Diese Jucknervenzellen erwiesen sich auch als höchst träge - was erklärt, warum Juckreiz so langsam kommt und wieder verschwindet. Wieder andere Forscher fanden heraus, dass für den Kratzreflex teilweise dieselben Hirnregionen zuständig sind, die Süchtige nach Drogen gieren lassen oder Essgestörte zu Fressanfällen führen. Nach und nach wurden mehrere Dinge klar: Juckreiz ist untrennbar mit dem Wunsch verbunden, sich zu kratzen. Der Juck-Kratz- Reflex aktiviert höherrangige Gehirnareale als der Reflex, seine Hand von einer Flamme wegzuziehen. Gehirnscans zeigten außerdem, dass Kratzen beruhigende Effekte in jenen Hirnarealen hat, die für negative Gefühle zu - ständig sind. Andere grundsätzliche Fragen blieben unbeantwortet: Warum löst eine zart über unsere Haut gestrichene Feder einmal einen Juckreiz aus, während sie uns ein anderes Mal kitzelt? (Für das Kitzeln scheint dabei die soziale Komponente wichtig: Man kann sich selbst einen Juckreiz beibringen, aber man kann sich nicht selbst kitzeln.) Und noch rätselhafter: Wie kommt es, dass man ein Jucken verspürt, einfach indem man darüber nachdenkt?

Darüber nachzudenken, wie es ist, einen Finger in die Flamme zu halten, löst noch keinen Schmerz aus. In einer Studie zeigte ein deutscher Psychosomatikforscher in einer Vorlesung erst Dias von Flöhen, Läusen, Menschen die sich kratzten, und so weiter. In der zweiten Hälfte zeigte er Fotos von weichen Federn, Babyhaut, badenden Menschen. Das von Kameras aufgezeichnete Publikum kratzte sich in der ersten Hälfte des Vortrags deutlich häufiger. Ihr Juckreiz wurde allein von Gedanken ausgelöst. Es gibt also Erklärungen dafür, wie Juckreiz zustande kommt und über welche Nervenbahnen er läuft. Aber die viel größere Frage bleibt: Wie stark sind Nerven überhaupt an dem beteiligt, was wir empfinden? Im OP-Saal spülte ein Neurochirurg Ms Wunde aus, die sich infiziert hatte. Danach verschloss sie ein Schönheitschirurg mit einem Hauttransplantat von ihrem Oberschenkel. Obwohl ihr Kopf dick bandagiert war und sie alles tat, um dem immer noch immensen Juckreiz zu widerstehen, wachte M am nächsten Morgen auf und stellte fest, dass sie das Hauttransplantat komplett weggekratzt hatte. Sie kam für eine zweite Transplantation in den OP und bekam diesmal auch die Hände bandagiert. Sie rieb die neue Haut am Kopf trotzdem ab. »Sie sagten mir immer wieder, ich hätte eine Zwangsstörung.«

Ein Team von Psychiatern besuchte M täglich und fragte Dinge wie: »Als Kind, haben Sie da auf die Linien des Gehwegs geachtet? Haben Sie Dinge immer und immer wiederholt? Haben Sie alles gezählt, was Sie sahen?« Sie verneinte jedes Mal, aber die Ärzte blieben skeptisch. M fragte bei ihrer Familie nach, aber die wussten ebenfalls nichts zu berichten. Auch psychologische Tests schlossen eine Zwangsstörung aus - zeigten aber eine Depression, und natürlich hatte M eine Suchtvergangenheit. Also dachten die Ärzte immer noch, es handele sich um eine psychische Störung. Sie verschrieben ihr Medikamente, die sie müde machten - das Jucken ging nicht weg. Eines Morgens aber stand »diese sehr fröhliche Frau an meinem Bett, die sich als Dr. Oaklander vorstellte«. M erinnert sich: »Ich dachte: Na toll, jetzt geht es wieder los. Aber sie sagte, sie sei Neurologin und dass sie mir glaube. Dass sie nicht denke, ich sei verrückt oder hätte eine Zwangsstörung. Und in diesem Moment erschien sie mir als eine Art Engel.«

Anne Louise Oaklander ist etwa gleich alt wie M und hat sich auf Störungen des Nervensystems spezialisiert - viele ihrer Patienten haben Krankheiten wie Gürtelrose. Obwohl Schmerzen ein deutlich häufigeres Symptom sind, stellte Oaklander fest, dass es auch einige Patienten gab, die unter extremem Juckreiz litten. »Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Patientin, die über ein unerträgliches Jucken im Zusammenhang mit einer Gürtelrose über dem Auge klagte.« Als Oaklander mit ihr sprach, merkte sie, dass etwas nicht stimmte, brauchte aber einige Zeit, um zu er kennen, was es war. »Das Jucken war so schlimm, dass die Frau sich die komplette Augenbraue weggekratzt hatte.« Oaklander testete die Haut neben Ms Wunde. Sie war taub, fühlte weder heiß noch kalt, weder Nadelstiche noch Berührungen. Trotzdem juckte diese Stelle, und wenn man sie kratzte, ließ dieses Jucken zeitweilig nach. Oaklander injizierte ein Betäubungsmittel in die Haut. Zu Ms Überraschung ließ das Jucken sofort und beinahe komplett nach. Es war die erste Erleichterung nach über einem Jahr. Perfekt war die Behandlung jedoch noch lange nicht. Denn das Jucken kehrte sofort zu - rück, als die Betäubung nachließ, und obwohl

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3 Antworten

Kommentare

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    Ja bitte, will wissen wie's weitergeht.

    Abgesehen davon, gutes Thema, als Neurodermitikerin sowieso interessant.

    13.08.2014, 17:11 von Agmokti
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    warum fehlt denn hier das ende? oder kann nur ich das nicht lesen?

    13.08.2014, 16:35 von lauri-pauri
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