sun-chan87 30.11.-0001, 00:00 Uhr 42 10

Ode an meinen Körper

Ich musste erst lernen, meinen Körper zu mögen, wie er ist. Das wird frau heutzutage nicht so leicht gemacht.

Ich fange bei den Füßen an. Die hab ich schon ewig gehasst. 1,50 große Verkäuferinnen haben mir in meinem Leben 10.000 Mal erklärt, dass sie diese Schuhe nicht in meiner Größe hätten. Dass die in dieser Größe gar nicht hergestellt werden. Ich weiß heute nicht, ob sie paranoid waren. Die konnten sich gar nicht erklären, wie eine Frau so große Füße haben kann. Mit 18 erschloss es sich mir dann. Ich bin ja auch ziemlich groß für eine Frau. Hätte ich noch kleinere Füße, würde ich vorne überkippen. Sie bringen mich überall hin, haben mich sechs Jahre tapfer durch enge unwegsame Räumlichkeiten der Gastronomie getragen. Konnten beim ersten Versuch auch Stöckeln laufen. Hatten anfangs Probleme, den Schleifpunkt an der Kupplung zu finden. Heute erspüren sie den auf Anhieb, egal in welches Auto wir steigen. Sind krank. Streck-Spreiz-Füße wurden mir vermacht. Das stellte man fest, als ich schon 21 war. Ach ja, und dass ein Bein kürzer ist als das andere. Seitdem laufen sie mit mir auf Gesundheitssohlen und scheinen sich wohler zu fühlen. Sie brennen wie Feuer, wenn ich länger als sieben Minuten auf dem Cross-Stepper bin. Aber ich muss mit ihnen Sport machen, sonst werden sie noch kränker. Und knicken mir noch öfter um, wenn ich auf Stöckeln laufe. Ich habe wunderbare Füße, sie sind mir treuer als alles andere auf der Welt.

Meine Beine sind lang. So lang dass mich kleine Frauen darum beneiden. So lang, dass meine Mutter sagt, sie würden für 2 reichen. So lang sind sie nun auch wieder nicht, finde ich. Sie sind jedenfalls für normale Hosen zu lang. Ich renne durch Geschäfte und halte sie mir an den Bauch um zu gucken, ob sie passen könnten. Jeder Hosenkauf ist ein Horror für mich. Warum sieht man überall nur Models für Hosen werben, die auf den Plakaten 1,99 groß erscheinen und dann hängen solch kurze Hosen an den Kleiderständern? Von der vielen Arbeit habe ich geplatzte blaue Äderchen an den Sprunggelenken. Die werden niemals verblassen. Und an jeder Ferse Narben vom Rasieren. Ich weiß noch, wie sehr das damals geblutet hat. Da musste ich noch rasieren üben. Meine Knie sind falsch. Ganz falsch. Falsch zusammen gewachsen, weil ich so schnell so groß wurde. Sie greifen nicht richtig ineinander, der Arzt hat mir das auf Röntgenbildern gezeigt. Deswegen tun sie manchmal weh. Spätestens wenn ich 45 bin, müssen sie operiert werden. Das heißt ich werde mindestens 1 Jahr nicht arbeiten gehen können. Das heißt, ich lege meine Knie, meine Fähigkeit zu gehen, in die Hände von Chirurgen die vielleicht genau bei mir pfuschen. Am besten ich lege mir eine Privatversicherung zu, damit ich sicherer gehen kann, dass ich mit 50 noch laufen kann. Das heißt, ich muss in den nächsten 20 Jahren ein solches Gehalt haben, dass ich es mir leisten kann, meine Knie als Privatpatientin operieren zu lassen oder ich muss jemanden heiraten der das kann. Bei beidem bezweifle ich, es zu schaffen.

Ich habe eine Bindegewebsschwäche und durch sie schon mit zarten 12 Dellen und Dehnungsstreifen an den Oberschenkeln. Seit einiger Zeit bin ich 3mal die Woche im Fitnessstudio und presse Gewichte zwischen meinen Beinen hin und her, damit mein Arsch nicht am Boden schleift, wenn ich 30 bin. Dort trainiere ich auch meine Füße. Sie bekommen bald Sporteinlagen, damit wir länger joggen und steppen können. Ich steige Treppen, bleibe in der S-Bahn stehen. Am Anfang war das unglaublich anstrengend und hat meine Freunde genervt. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Seither knicke ich nicht mehr um und kann länger stehen und gehen, ohne das meine Beine schmerzen. Alles ein Lernprozess, meine Ärztin war überwältigt.

Auch mein Hintern wird neuerdings trainiert. Als ich 16 war und 15 Kilo leichter, mich trotzdem nie als zierlich wahrnahm oder gar attraktiv, da wurde mir öfter gesagt, wie toll mein Hintern doch aussieht. Natürlich sahen sie ihn nur in Jeans. Nie zog ich mich vor einem Mann im Hellen aus, sodass er die Dellen an meinem Unterkörper hätte sehen können. Das wurde besser, als ich 19 war. Als mir ein Liebhaber mitteilte, ich hätte einen Beautyful Brasilien Botton. Ich war schockiert. Dann trug ich auf einmal engere Hosen. Das hing bestimmt zusammen. Und ich mochte es, meinen Arsch in Schaufenstern beim Gehen und Stehen zu betrachten. Und die Männer mochten es auch. Auch wenn es entwürdigend ist, laut meiner Heldin Alice Schwarzer, ich liebe es von meinem Mann auf den Hintern geklapst zu werden. Und dass er kaum die Finger davon lassen kann. Ich renne am heller lichten Tag in Tangas in der Wohnung rum, gerade wenn er da ist. Ein bisschen Sex ist mir dann sicher. Berührt ein Fremder meinen Hintern, wie es leider in der Disco oft passiert, bekommt er zum Dank eine saftige Ohrfeige von mir. Ich hoffe, die tut ihm dann noch möglichst lange sichtbar weh.

Warum ich mich auch auf 1,80 mit 55 Kilo nie als zierlich wahrnahm? Das könnte an meinem geburtenfreudigem Becken liegen. Ich hatte weder Schenkel, noch Brüste, noch Hintern. Aber die Hüftknochen traten soweit hervor, dass sie sich beim Liegen auf dem Bauch am Laken aufscheuerten. Ich hasste mein Becken.
Ich hasste vor allem meinen Bauch. Der war schon immer da. Niemand weibliches in meiner Familie hat keinen Bauch. Der gehört zu uns. Bläht sich auf, wenn er satt ist. Manchmal auch grundlos. Benötigt extralange Shirts damit er verdeckt wird. Friert leicht. Ist leider auch dellig. Und mein Bauchnabel ist riesig. Und hat eine Form der kein Nabelpiercing steht, so eine Phase hatte ich auch mal, in der ich eines wollte. Das wäre dann wie Intimschmuck für mich gewesen. Ich trage nie bauchfreie Tops. Nur zu einem Bikini konnte mich mein Mann überreden. Aber nur wenn wir allein wegfahren. Er weiß ja schließlich, wie ich aussehe. Mit ihm fühle ich mich wohl.

Mein Rücken ist leider etwas krumm, bin wohl als Kind nicht gerade gelaufen. Ich denke das lag daran, dass ich mich kleiner machen wollte. Ich laufe erst richtig gerade, seitdem ich 19 bin. Wenn ich mich eincreme, verrenke ich mich, damit mein Rücken auch was abbekommt. Er will ja auch gepflegt sein.

Mit 16 verdoppelte sich plötzlich meine Körbchengröße. So schnell, dass ich es nicht merkte. Nur alle anderen. Aber das fällt bei meiner Gesamtkörpergröße nicht so auf. Erst wenn ich mal tiefe Dekolletees trage oder wenn man sie zu fassen bekommt. Ich bin schon sehr stolz darauf auch wenn die BHs teurer sind.

So schöne Hände wie meine Mutter habe ich leider nicht. Und auch nicht so haarlose Arme. Deswegen gehe ich mit ihnen zur Laserenthaarung, seitdem ist Ruhe. Um meine Fingernägel beneidet sich selbst meine Kosmetikerin. Wenn alle solche Nägelchen hätten, könnte sie ihr Geschäft schließen, sagt sie. Ich fühle mich dann immer sehr geschmeichelt. Aber die wachsen ja nicht einfach so. Ich feile sie artig mit einer Glasfeile und esse fleißig Gummibärchen. Alles nur für sie. Es hat lange gedauert, bis sie so wurden wie heute.

In der Pubertät hatte ich selten Pickel. Nur Augenringe. Die habe ich heute immer noch. Und Pickel kamen mit 21 dazu. Alle 7 Jahre verändert sich die Haut. Vielleicht habe ich es also mit 28 im Griff. Die Augenringe creme ich dick ein, damit die dünne Haut dort gestärkt ist. Manchmal klappt es. Den Pickeln werden mit Teebaumöl zu Leibe gerückt. Nur das bringt wohl nicht mehr soviel. Auch die gewöhnen sich an alles.

Ich habe große grüne Augen. Die meisten Leute mögen das sehr. Meine Augen sind extrem lichtempfindlich, vielleicht kann ich daher im Dunkeln besser sehen. Neuerdings trifft man mich mit einer Brille an. Die muss ich tragen beim Autofahren oder wenn ich lese. Ich mag sie, Brillen stehen mir. Nur das Putzen nervt mich. Und die Kopfschmerzen, wenn ich sie absetze.

Ich liebe mein Haar. Auch wenn es extrem pflegebedürftig ist. Ich leide leider unter Haarausfall. Das ist genetisch, nichts mit der Schilddrüse oder Eisenmangel, das habe ich oft überprüft. Sie fallen mir in langen dunklen stumpfaussehenden Wellen den Rücken hinunter. Ich hätte gerne schwarzes Haar bis zum Po. Am liebsten glatt und glänzend. Aber das werde ich wohl nie bekommen. Bis sie dort ankommen, sind sie zu dünn oder brechen vorher ab. Ich schaue auf der Straße nach Frauen und vergleiche mich, wenn sie längere oder vollere Haare haben als ich. Ich darf sie nur alle 4-5 Tage waschen und auch nur mit Bioprodukten. Manchmal föhne ich sie. Dafür habe ich mir eine teuren Ionentechnologie-Föhn gekauft, der sie nicht so stark austrocknet. Nach all diesen Bemühungen hat der Haarausfall langsam nachgelassen. Bis ich das nächste Mal Stress oder Liebeskummer habe.

Meine Zähne machen die kostspieligsten Probleme. Ich habe einen empfindlichen Zahnschmelz. Ich putze sie viel, gurgle, spüle, reinige sie mit Zahnseide. Trotzdem findet mein Arzt jedesmal neue winzige Löcher, wenn er sie röntgt. Und dann geht das Gebore wieder los und ich muss viel Geld bezahlen um das Verbohrte auffüllen zu lassen. Ich will gar nicht wissen, was wäre würde ich meine Zähne nicht sosehr behüten.

Ich musste erst lernen, meinen Körper zu mögen, wie er ist, das wird frau heutzutage nicht so leicht gemacht. Ich bewundere, wieviel wir schon durchhaben. Wozu er fähig ist, wie ausdauernd er sein kann. Wie heftig meine Orgasmen sind, seitdem ich ihn mag. Seitdem ich gesunde Dinge für ihn tue, die ihm guttun. Ich denke 100%ig zufrieden ist niemand mit seinem Aussehen, seinen Fähigkeiten. Und dass wir niemals all unsere Fehler, unsere Unperfektion, vollends akzeptieren können. Aber das Beste aus sich machen sollten wir trotzdem. Und viel Flüssigkeit zu uns nehmen.

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42 Antworten

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    Ich kann mich dem Problem mit den zu großen Füßen und der Größe von 1,80 anschließen .. Wir haben es nicht einfach und es nervt nur noch! Kann mich nicht erinnern, wann ich mir das letzte mal ne Hose gekauft hab.

    26.12.2009, 17:19 von kopfmatsch
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    hach naja also ich finds ganz nett.
    bisschen zu sehr komplexbehaftet oder?
    denn wenn ich überlege was mir alles nicht gefällt, warum und wieso nicht, dann hab ich ne mindestens eben so lange liste, obwohls mir im grunde gut geht.
    wohlstandsproblem?

    gut. dennoch respekt für deine offenheit.
    hat was von forest gump. speziell die sache it dem gehen ;)

    17.11.2009, 21:04 von Chouchette_fou
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    Hey Du mach DIch doch nicht so runter Du bist bestimmt eine wirklich bildhübsche Frau mit der jeder hier gerne zusammen wäre. inkl. ich!

    HDGDL Johannes

    10.11.2009, 07:07 von Jonnylo85
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      @Jonnylo85 Ja geil! So wird das was.

      10.11.2009, 07:26 von Steifschulz
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    furchtbar!!!
    es ist ja gerade mal erträglich jemandem wie meiner Oma zuzuhören wenn sie über diverse wehwehchen klagt. aber der text liest sich wie eine krankenakte, das einzig bewundernswerte ist die disziplin, füsse, beine und po zu trainieren und zähne, Nägel, Haut und Haar zu pflegen aber wenig bewundernswert, wenn das lebenserfüllend ist. Seltsam was das interesse sein kann solche Details der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Versteh ich nicht. Tut mir leid.

    14.08.2009, 21:21 von elias123
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    insgesamt wird einem heute bezueglich des äußeren schon einiges abverlangt. besonders den frauen. all diese heidi klums und sylvie van der vaarts, die drei wochen nach geburt so aussehen, als wären sie nie schwanger gewesen...sind fürcherlich! früher hat der volksmund gesagt, ein babay konnt 9 monate und geht 9 monate...

    26.06.2009, 16:28 von Intelligenzbestie
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    ein cooler artikel. ich finde, letztlich kommt es gar nicht so sehr auf die details des körpers an. es kommt viel mehr darauf an, wie das gesamtbild aussieht. gutes aussehen ist mehr als die summer seiner einzelteile :-) ich fine, menschen die mit sich im reinen sind, die, die sie selber sind sehen am besten aus. außerdem mag ich es gar nicht gern, wenn menschen so derbe glatt aussehen, so ganz ohne makel. erst die makel machen eine person interessant...

    26.06.2009, 16:24 von Intelligenzbestie
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    Die Idee, die Umsetzung mäßig.
    Ich habe die ganze Zeit auf schlimme Dinge gewartet, die es wert sind, sie akzeptieren zu müssen. Aber schlank, groß und gutaussehend klang dann eher wie jammern auf hohem Niveau.
    Nichts gegen deine Akzeptanz deines Körpers, aber ich denke an meine Gegendarstellung, in der ich den ganzen Tag vor dem PC arbeite, abends Bier trinke und Pizza esse, nie Sport mache, keine Cremes nutze, Haare nur ungern rasiere, niemanden habe, der mir den Po täschtelt und mich trotzdem liebe und tolle Orgasmen haben kann :D Ich bin dafür, dass Frauen lernen sich zu lieben, aber vielleicht etwas mehr über die ich-bin-so-Schiene?

    23.06.2009, 16:29 von Missphlox
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