frl_smilla 30.11.-0001, 00:00 Uhr 11 34

Nichts zu machen

Gestern hat die Nachbarin über mir ihren Freund abgestochen, aber wohl nicht sofort entsorgt.

Ich merkte das, weil es durch die Decke tropfte, das dunkle und mittelhelle Blut. Der Holzboden vor der Balkontür war richtig versaut. Das Tropfgeräusch tat sein Übriges.

Die Woche, noch keine fünf Tage alt, aber schon an bleischweren Spuren in meinem Gesicht erkennbar, machte mir wirklich etwas zu schaffen. Es war so anstrengend geworden, am Leben zu sein. So eng und immer so schlechte Luft.
Ich musste viel weinen.

Es hatte damit begonnen, dass der hübsche August, der unter mir wohnt, mit mir Schluss gemacht hatte. Also, nicht richtig Schluss, aber er war unglücklich gefallen und hatte sich dabei die Zunge abgebissen. Somit hatte ich keinen Grund mehr, mich mit ihm zu treffen. Das hatte mich so traurig gemacht, dass ich das erste Mal in dieser Woche geweint hatte.

Zuvor war ich bei Frida gewesen, so ein junges Ding links oben, mit so einer glatten Haut, die auf den ganzen Lebensdreck bisher noch nicht allergisch reagiert hat. Ich hatte Frida vor ein paar Tagen mit August auf dem Balkon gehört, ganz eindeutige Geräusche, und ich war also zu ihr gegangen und hatte gesagt, Frida, bitte stirb, und sie hatte geantwortet, warum stirbst du nicht selbst, und ich war erschrocken gewesen. Ich hatte gesagt, aber ich bin doch älter als du, und da hatte sie mir die Tür vor der Nase zugeschlagen, und ich hatte nur noch gegen den Lack auf dem Holz geatmet und gemurmelt, dass Menschen schneller sterben sollten, weil ich mehr Platz bräuchte.

Vorgestern dann noch so ein starkes Stück: Ich war nach Hause gekommen und mein Schlafzimmer war weg gewesen. Einfach nicht mehr da. Ich hatte nach dem Zimmer gerufen und gehofft, es würde gleich irgendwo aus einer Schublade gekrochen kommen, lachend, haha, war doch nur Spaß, aber nichts war passiert.
Heulend hatte ich mich auf dem Sofa eingerichtet, mit Decken und kaum noch Kleidern, war ja alles verschwunden.

Ich hatte dann herumgelegen und an die Decke gestarrt und habe dann also dabei zugehört, wie die Nachbarin über mir mit ihrem Freund gestritten und ihn schließlich zerhackt hat, weil er nicht aufgeräumt und nach dem Duschen nicht abgezogen hatte. Es ist ziemlich laut gewesen, und weil sie ganz breite Risse in ihren Boden und meine Zimmerdecke getrampelt hatten, blutete es zu mir nach unten durch und tropfte ganz traurig in das Parkett hinein.
Ich schlief irgendwann ein.

Später tropfte es nicht mehr, und ich beschloss, mir einen Kaffee zu machen und dann zu putzen oder meiner Nachbarin über mir zu sagen, sie hätte 'mal besser nicht so trampeln sollen.
Aber es war natürlich nicht so einfach: Meine Vorratskammer war verschwunden und hatte das Kaffeepulver mitgenommen. Ich fing wieder an zu weinen, weil ich gerne meine Sachen gerettet hätte, bevor das Leben unerbittlich weiter vorgerückt war, aber irgendwie war ich zu langsam oder zu träge gewesen, oder Frida hatte immer noch keinen Platz gemacht.

Ich setzte mich neben den Blutfleck auf den Boden. Er sah ein wenig aus wie ein hauchdünner Teppich, passte farblich eigentlich recht gut. Der Fernseher zeigte Flugzeuge, die ins Meer fielen, und ich dachte mir, prima, endlich gibt's bald mehr Platz und wieder bessere Luft, aber ich wurde unterbrochen vom Weckerrasseln und musste das Haus verlassen, um zu arbeiten.

Das mit der Arbeit war auch so eine Sache: Ich hatte vor ein paar Wochen ein Gebäude betreten, von dem ich gedacht hatte, da müsse ich hinein. Ich hatte mich herumgefragt, Entschuldigung, bin ich hier richtig? Niemand hatte eine richtige Antwort gegeben, eher so: Kommen Sie morgen wieder, dann wissen wir mehr. Ich war am nächsten Tag wieder gekommen, durch das Gebäude geirrt, hatte schlechte Luft geatmet, und das machte ich nun schon seit über einem Monat so. Wird schon passen.

Als ich nach Hause kam, hatte ich genug von der Welt und wollte mit dem Tag auch gleich mein Hautgewand abstreifen, aber ich hatte zu lange gewartet, und es war jetzt mit den Knochen verwachsen. Ich versuchte es vorsichtig mit dem Messer am Schienbein, das erschien mir eine gute Stelle, aber ich merkte schnell: Nichts zu machen, Häutung verpasst, das bleibt jetzt erst 'mal so, und ich musste wieder ein bisschen weinen.

Die Nachbarin über mir trampelte richtig laut. Jetzt im Solotakt. Sie ging hin und her. Ich fragte mich, was sie mit ihrem zerstückelten Freund angefangen hatte. Manche packen die Toten ja in die Gefriertruhe und lassen sie dort, damit niemand merkt, dass sie weg sind. Mir war das egal, aber das mit dem versauten Boden, das ärgerte mich nun doch ein wenig, und ich beschloss, die Nachbarin zu bitten, sich ebenfalls zu zerhacken, denn Frida hatte schon nicht sterben wollen, und ich brauchte langsam dringend mehr Platz.

Ich ging eine Treppe nach oben, klopfte an die Tür, ganz fürchterliche Gesänge hörte ich dahinter, und mir öffnete ein winziges rundes Etwas, das sich offensichtlich nicht die Hände gewaschen hatte. Hallo, sagte ich, dass du deinen Freund zerhackt hast, macht mir nichts, aber das Blut, das kam bei mir durch die Decke, und ich bin sehr verärgert deswegen, deshalb wäre es prima, wenn du demnächst auch 'mal schaust, dass du irgendwie wegkommst, lebendig oder tot, mir egal, wobei, lieber tot. Das runde Etwas zog die Augenbrauen hoch und sagte, Mensch, bist du nicht die Gefährtin von August? Das tut mir leid, dass er mit dir Schluss gemacht hat, aber er hatte wohl auch 'was mit Frida, die Junge oben links, mit der tollen glatten Haut.
So ein trauriger Donnerstag war das.

Ich ging zurück in meine Wohnung, putzte in dem Blutfleck herum, probierte es noch 'mal ein wenig mit dem Messer am Knie, dann am Oberarm und weinte wieder vor lauter Enttäuschung und legte mich zur Beruhigung in die Badewanne. Im Radio sagte ein Mann, dass irgendwo ein Kreuzfahrtschiff gekentert war, und ich dachte mir, prima, morgen ist Freitag, vielleicht hab ich am Wochenende ja genug Platz.


Tags: schlechte Luft, viel Blut, wenig Platz
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11 Antworten

Kommentare

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    Echt geil, dein Text! :-D

    03.02.2015, 09:21 von ralfziegler
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    du hast mich verwirrt, auf eine positive ar tund weise, ich mag es !

    13.10.2014, 06:05 von livefast
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    echt super !! :)

    12.10.2014, 22:18 von joosefine
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  • 1

    Mag ich sehr!

    07.07.2014, 20:14 von misspringle
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    Ich kann das total nachvollziehen.

    27.06.2014, 17:59 von RAZim
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    Huch, ich bekomm erst jetzt mit, dass du das online gestellt hast, obwohl ich dich im Abo habe. Komisch.

    20.06.2014, 15:21 von Grumpelstilzchen
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Gnihihihi.


    Mich stört lediglich das häufig verwendete "gewesen".

    18.06.2014, 13:55 von Bender018
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  • 1

    Ich liebe dich.

    18.06.2014, 12:29 von FrauKopf
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  • 3

    Tolles NUT!

    18.06.2014, 10:37 von MaasJan
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