hib 08.02.2010, 22:03 Uhr 5 7

Neuschnee

Ich hoffe die Schwester kommt bald und wärmt die Luft um mein Bett herum mit ihrer Haut.

Augen auf.

Ich bin immer noch hier. Ich habe mich ganz offensichtlich nicht bewegt. Denn ich spüre meine Füße nicht. Dafür brummt mir der Kopf von der ohrenbetäubenden Stille in meinem Einzelzimmerklangraum. Meine Augen brennen vor Kälte. Über Nacht muss frischer Schnee auf die Wand gegenüber gefallen sein. Sie kommt mir weißer vor, als sie es jemals gewesen sein kann. An meinen Wimpern klebt der Frost einer einsamen Nacht. Ich hoffe die Schwester kommt bald und wärmt die Luft um mein Bett herum mit ihrer Haut.

Wie lang liege ich hier eigentlich schon. Ich kann es nicht sagen, denn um mich herum verändert sich nichts. Um mich herum herrscht die Diktatur der Neutralität. Nur keine Aufregung. Seit ich hier bin gehen der Welt allmählich die Farben aus. Alles was ich sehe ist weiß. Die Uniform der Schwester ist weiß. Wenn ich Glück habe kleckert sie beim Mittag. In ihren Augen wächst das Eis einer Frau, die schon viel mit ansehen musste. Obwohl sie sich mehrmals am Tag über mich beugt, kann ich ihre Augenfarbe nicht nennen. Oder ich erinnere mich nur nicht. Wenn ich meinen Kopf nach rechts drehe, kann ich aus dem Fenster auf die Wand des Südflügels schauen. So reingewaschen wirkt die Fassade wie eine falsche weiße Weste. Wenn man weiß, was dahinter ist. Auf dem Dach des Hauses liegt in dicken Decken der Schnee. Ich kann mir schon gar nicht mehr vorstellen, dass darunter etwas sein könnte. Die Gardinen sind weiß und spielen an wolkigen Tagen Himmel. Wenn die Sonne scheint, sind sie wogende Spielverderber, die den Blick auf das Blau trüben. Ich vermisse die Kontraste. Die Klinke senkt sich.

Ein Satz und sie steht an meinem Bett. Wieder kein Wort von ihr. Ihr Blick schweift durch den Raum und sucht nach Anhaltspunkten. Sie findet keine. Ich bin der einzige Punkt hier, den man zu einer Linie machen kann. Sie lächelt mich an, so wie Frauen mit Eisblumen um die Pupille eben lächeln können, und wechselt meine Verbände. Sie summt ein Lied dabei. Das macht sie immer. Seitdem weiß ich, dass man Farben auch hören kann. Ich schließe die Augen und vergesse den Schmerz. Ich denke deshalb summt sie auch. Wenn ich die Augen zumache ist alles schwarz. Die einzige Abwechslung, die ich mir selbst besorgen kann. Schwarz wenn ich nicht mehr weiß sehen will. Das ergibt Grau. Meine Schwester weiß das und bringt mir Farben mit. Die sie heimlich in ihrem Mund versteckt. Sie lässt sie wie kleine Pinselstriche durch ihre Lippen tropfen. Man muss die Ohren nur weit genug aufreißen. Dann kann man sie sehen. Als sie fertig ist, streich sie kurz über meinen Kopf. Dann springt sie aus dem Zimmer und lässt nichts als frischen Schnee zurück.

Heute soll angeblich Besuch kommen. Hat mir der Arzt gestern bei der Visite gesagt. Bin gespannt, wer sich diesmal hertraut. Eigentlich ist es ja schön, dass jemand an einen denkt. Sich erinnert. Und sich vorstellt, wie er hier liegen und sich über Besuch freuen würde. Deshalb kommen sie ja. Damit ich sie auch besuche. Damit jemand für sie da ist, im Fall der Fälle. Falls ich jemals wieder hier raus komme. Aber daran glauben eh nur noch meine Schuhe, die seit meiner Ankunft im Schrank stehen und deren Sohlen immer sauberer werden. Wenn der Besuch dann da ist, dann werden ihre Gesichter schnell so weiß wie die Wände, an die sie geworfen werden. Vor denen sie sitzen und mit denen sie eins werden. Vor lauter Angst hier nicht wieder heraus zu kommen. Was wir reden ist mir eigentlich meist ziemlich egal. Ich mag es, mir ihre bunte Kleidung anzuschauen. Ich freue mich über blaue Hosen und rote Pullover. Über grüne Shirts und gelbe Schuhe. Wie die Flut suppt mit ihnen das Leben in mein Zimmer. Schlagen ihre Wellen an meine Bettkante und lassen krustige Salzränder zurück. Wenn die Ebbe kommt und ich ihre erleichterten Stimmen draußen auf dem Gang höre, dann wird wieder alles weiß. Dann frage ich mich, ob ich hier drinnen irgendwann vergessen werde. Von denen, die süchtig nach der Farbe sind und die mit meinem blassen Gesicht nichts mehr anfangen können. Niemand sagt etwas.

Ich weiß gar nicht, warum ich überhaupt ein Einzelzimmer bekommen habe. Eigentlich könnte ich froh darüber sein. Wenigstens muss ich mit keinem sprechen. Wenigstens zwingt mir niemand seine braune Stimme oder sein lilanes Lachen auf. Braun und lila mag ich gar nicht. Da ist mir mein Weiß schon lieber. Aber manchmal würde ich schon gern jemanden darüber reden hören, wie es war, als man noch nicht hier war. So als Gedankenstütze. Denn ich vergesse das allmählich. Ich vergesse, wer ich bin, wenn ich nicht hier bin. Ich werde zu jemandem, der nur hier sein kann. Der helle Schein der Wand gegenüber legt sich wie ein Schleier über meine Erinnerungen. Sie verblassen. Ich komme mir allein vor. Nein, ich bin allein. Das ist meine Erkenntnis, meine Lehre aus der Sache hier. Klar, man denkt an mich und hat Mitleid mit mir. Aber am Ende ist doch jeder froh, dass es ihm nicht so ergeht. Am Ende sagen sie doch alle, dass das Leben weiter gehen muss. Auch ohne mich. Irgendwann sagen sie vielleicht, dass es besser so war. Das meinen sie nicht böse, auch wenn es schreiend ungerecht ist. Was sollen sie auch anderes sagen. Mich überstreichen sie dann weiß. Wie wenn man aus seiner Wohnung auszieht und die gezeichneten Wände zum Schweigen bringt. Damit der nächste sich nicht bedrängt fühlen muss vom Leben seines Vorgängers. Damit er Platz hat für seine eigenen Farben. Ich kann es keinem übel nehmen. Aber es schmerzt. Mehr noch, als das offene Fleisch unter meinen grellen Mullbinden. Die Tür geht auf.

Die Schwester kommt herein. Ihre Augen tanzen mir etwas vor. In ihrer Hand ein Strauß Farben. Rosa und Gelb und Blau kann ich sehen. Die Blätter so schön grün, so lebendig, so anders als ich. Sie stellt den Strauß neben mein Bett. So, dass ich den Kopf nur ein Stück nach rechts drehen brauche, um sie zu sehen. Dann streicht sie mir über den Kopf und geht. An ihren Versen hängt das Leben. Ich starre die Blumen an. Und freue mich. Immer wieder schaue ich hin. Sauge ihnen den Farbstoff aus den Zellen mit ein paar Blicken. Ich blicke zum Fenster, wo das Weiß regiert und dann wieder schnell zurück zu meiner Oase in der Vase. Meine Augen haben Durst und trinken in großen Schlucken. So geht das ein paar Minuten, bis ich den heißen Stein etwas abgekühlt habe. Dann schaue ich mir die Blumen noch einmal genauer an. Ich sehe gelbe Blüten, die mir in langen Strahlen von der Sonne erzählen. Ich sehe blaue Kelche, die mich mit ausufernden Wogen an das Meer erinnern. Ich sehe grüne Blätter, die mir sagen, dass es zu früh ist um aufzugeben. Aber ich sehe kein Rot. Kein Feuer, keine Liebe, kein Untergang. Plötzlich bekomme ich Angst. Angst davor, das wichtigste im Leben zu vergessen. Ich muss eine rote Blume haben. Ich muss mich daran erinnern. Ich darf nicht vergessen, wozu das alles hier gut ist. Warum hat niemand eine rote Blume in die Vase getan? Woher kommen die Blumen überhaupt? Sie wollen, dass ich mich vergesse. Aber das lasse ich nicht zu! Ich rufe nach der Schwester. Sie kommt und schaut fragend. Ich fordere eine rote Blume. Ihre Schultern zucken wie Fische und lassen mich auf dem Trockenen zurück. Kein Rot. Kein Blut. Die Tür schließt sich und wieder fällt Schnee.

Da fällt mir mein Herz ein. Ruhig suche ich nach etwas, mit dem ich mich selbst anzapfen kann. Und finde ein Glas in meinem Nachttisch. Ich breche es vorsichtig am Bettgestell. Eine Scherbe fällt klirrend zu Boden und verrät mich an die Wände. Niemand hört es, niemand denkt gerade an mich, niemand hält meine Hand. Ich reiße mir die Adern auf, zwei Finger breit unter meinem linken Handgelenk. Der Schmerz weckt mich auf. Das rote Leben findet einen Weg aus mir heraus. Es läuft auf meine weiße Decke und färbt sie in den Tönen meiner Sucht nach Leben. Ich erinnere mich jetzt wieder. Ich denke an rote Lippen, die das Salz zum Kochen bringen. Ich erinnere mich an Flammen, die keine Mauer stehen lassen. Ich sehe, wie der Schnee an der Wand gegenüber langsam schmilzt. Ich erinnere mich an die Sonne, wie sie abends über dem Horizont, der vor unserem Haus lag, auf mich wartete. Und wollte, dass ich mit ihr unterging. Jetzt ist der Moment. Mir wird warm. Nie wieder Schnee.

Augen zu.

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  • 0

    Diktatur der Neutralität????????!!

    ohgottohgottohgott

    09.02.2010, 07:37 von Surecamp
    • 0

      @Surecamp was ist damit?

      09.02.2010, 12:24 von hib
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      @hib ich finde die Wörter Diktatur und Neutralität in einem Satz eher paradox.

      Außerdem wird das Wort Diktatur immer wieder benutzt für solche sinnleeren Worthülsen, sowas schmeckt wie 4 Jahre altes Kaugummi.
      Noch mehr Erklärung? Oder verschonst du mich jetzt mit Nachrichten?

      10.02.2010, 15:12 von Surecamp
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      @Surecamp das ist ja das paradoxon

      10.02.2010, 15:15 von MisterGambit
    • 0

      @MisterGambit genau das sollten sie auch sein. paradox. was den kaugummi angeht, kann man nix machen. mir schmeckt das teil. geschmackssache. aber danke für die erklärung.

      10.02.2010, 15:48 von hib
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  • 0

    Sehr berührend. Wie immer wundervolle Bilder. Krasse, aber irgendwie schöne Wendung. Blut ist Leben, die alte Geschichte.

    Empfehlung.

    08.02.2010, 23:48 von meerisch
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