Icke_un_du_ooch 05.07.2012, 12:23 Uhr 3 10

Nachtkatze.

Sie trat dichter an ihn heran, ihr hübsches Antlitz atmete in sein Gesicht hinein.

Die Nacht war dunkel, die Katzen waren allesamt grau. Joe lag auf dem Dach der Bushaltestelle „Kerberweg“ und schaute nach Sternen. Wie jede Nacht suchte sie sich ein Platz, der sie von anderen Menschen fern hielt. Wie jede Nacht wartete sie. Worauf wusste sie nicht, aber das war ihr auch nicht wirklich wichtig. Tagträume waren nichts für sie, Nachtträume umso mehr. Nachts wurden ihre Träume wahr, wahr in dem tristen Grau der Nachtkatzen. Joe wurde zum Piraten und schwang das Messer durch die schwüle Luft, zerschnitt die Tristheit mit einem grausamen Grinsen.


Manchmal heiratete sie einen Prinzen, so ekelhaft sie sich für die Romantik auch schämte. Aber von ihren Nachtträumen wusste ja niemand was. Und das war auch gut so, Fantasie steht jungen Frauen nicht gut, sagte ihr Vater immer. Als Joe ein Geräusch hörte, öffnete sie die Augen und konzentrierte sich starr auf die leisen Bewegungen in der Dunkelheit. Langsam drehte sie sich auf den Bauch und spähte  über den Rand des Daches. Sie war durch ihre dunkle Kleidung fast unsichtbar, das schwarze Haar tat den Rest. Nur der Glanz ihrer Augen konnte sie in der Nacht verraten, so strahlend wie ein Stern. Ihre Ohren folgten der Bewegung, dem Geräusch des leisen Schleichens, ihr Blick folgte dem Mann mit der Lederjacke. Sie hatte nun mehr als genug Nächte auf der Lauer gelegen, auf der Jagd nach dem Mann in der Lederjacke. Als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, vor ein paar Wochen in dem Supermarkt um die Ecke, da wusste sie, sie spürte, wer er war. Er war unerlässlich für ihr Weiterleben. Ihr Herz schlug für ihn, wie für niemanden anderen in dieser Welt.


Sie war mit ihm verbunden, so stark, dass sie in der Abteilung mit Tiefkühlpizza und Schokoladeneis ein starkes Brennen in der Brust spürte. Sie starrte ihn unverhohlen an, er schien sie nicht mal zu bemerken. Lächerlich bei ihrer einmaligen und einsamen Geschichte. Sie folgte ihm, vor lauter Aufregung verlor Joe ihn im Getümmel der Menschen, die sich an einem Feierabend durch die Straßen drängten, als seien sie auf der Flucht. Am folgenden Tag stellte sie Nachforschungen an und ließ sich ihre Informationen einiges Kosten. Sie musste zu diesem Mann, er war der Mann ihres Lebens. Ein paar Telefonate und eine genaue Beschreibung seines Äußeren half ihr weiter und sie bekam wenigstens die Information, wo sich ihr Mann des Abends öfter herumtrieb. Also legte sie sich auf die Lauer, machte sich katzengleich auf die Jagd.

Als er aus dem Schatten der Nacht heraus trat, konnte sie sein Gesicht erblicken. Joe blieb die Luft weg, es fühlte sich an, als ob eine Würgeschlange sich langsam aber stetig um ihren Oberkörper fester zusammen zog. Sie lächelte. Er hatte sich verändert, er war muskulöser geworden, sein Kreuz war breiter, Vorfahrt-achten-Schild. Sein Bart war dichter und um einiges länger als es ein Drei-Tage-Bart sein dürfte. Sie war fasziniert von ihm, seinem Auftreten, seinem Erscheinungsbild. Sie wusste nicht, ob es Liebe war, sie hatte noch nie geliebt, aber das Gefühl für diesen Mann war um ein Vielfaches stärker, als sie es vorher hätte vorstellen können. Vielleicht war es Liebe, Joe wusste es nicht.

Der Mann wurde plötzlich unruhig, als ein Auto hielt und eine Frau ausstieg. Die Frau war gut aussehend, in Joe entflammte brennende Leidenschaft und sie hätte die Würgeschlange sehr gerne um ihren Hals hängen sehen. Der Mann küsste die Frau leidenschaftlich und schob ihr den Rock hoch, während er sie gegen die Wand drückte. Von Zurückhaltung hielt er offensichtlich wenig. Sie schaute ihrem Objekt der Begierde dabei zu, wie er die Frau gegen die Wand vögelte, als ob es kein Morgen gäbe. Joe wurde bei dem Anblick schlecht, sie war auch mal an der Stelle dieser Frau. Die Zeiten sind vorbei, sagte sich Joe. Als er stöhnend und zuckend zum Höhepunkt kam, ließ er von der Frau ab, sie stieg wieder brav in das Auto, der Rock wieder an seinem ursprünglichen Platz. Als der Mann sich eine Zigarette anzündete, die in der Dunkelheit sternengleich leuchtete, ließ sich Joe von ihrem Hochsitz hinab gleiten. Leise wie eine Katze schlich sie auf ihn zu. Kurz vor ihm trat sie aus der Dunkelheit hinaus und damit in sein Blickfeld. Er schaute sie irritiert an, wahrscheinlich hielt er Joe für ein Gespenst. Sie wappnete sich innerlich, ihr Herz sprang vor Vorfreude. Joe war aufgeregt, es fühlte sich genau so an, wie sie es sich die letzten Monate vorgestellt hatte. Sie war entzückt.

 

„Hallo Markus.“

„Wer bist du?“

Joe war ein bisschen beleidigt, dass ihr Markus sie nicht direkt erkannte. Sie trat dichter an ihn heran, ihr hübsches Antlitz atmete in sein Gesicht hinein.

„Du erkennst mich nicht? Wirklich nicht? Das fände ich sehr schade, bei unserer besonderen Geschichte. Die letzten Monate habe ich fast ausschließlich nur an dich gedacht, ich dachte dir ging es genauso“ seufzte sie grinsend.

Joe sah, wie Markus fieberhaft darüber nachdachte, woher er das hübsche Gesicht kennen könnte, Erkenntnis war keine zu entdecken. Joe war zutiefst enttäuscht, als sie bemerkte, dass sie für ihn unbekannt war.

„Naja, wie dem auch sein, was ich eigentlich sagen wollte lieber Markus, eine Frau - in dem Fall mich - zu vergewaltigen, das finde ich nicht nett, sie aber danach noch nicht einmal wieder zu erkennen, das ist schon sehr dreist.“

Markus Augen weiteten sich und er machte einen Schritt zurück. Zwischen ihnen war gerade genug Platz, dass Joe das Messer in sein Herz rammen konnte.

„Und wie fühlt es sich an, wenn das eigene Herz brennt?“

Markus sackte leblos zusammen. Joe ließ das Messer stecken und spazierte nach Hause. Ohne Würgeschlange und ohne Brennen im Herzen. Es war wohl doch keine Liebe, dachte sie, bevor das Grau der Nacht ihre einsame Katze verschlang.  


Tags: Krankheit / Verbrechen
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3 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Wie war das noch gleich mit Spiegel der Seele und so?

    21.09.2012, 13:45 von First.Of.The.Gang
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    Puuh. Was für ein Text. Das haut rein ... 
    Nun ja, erst gibts ne lange (Durst)strecke ohne neue Texte von Dir und dann .. BÄM ... mit einem Paukenschlag biste wieder da.
    Find ich gut, willkommen zurück.

    05.07.2012, 13:57 von Cyro
    • 0

      Danke. Ich freu mich, dass du dich freust.

      05.07.2012, 14:00 von Icke_un_du_ooch
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