Patrick_Bauer 12.11.2009, 10:15 Uhr 0 6

Meine Meinung: Rettet die Traumwelt!

Rettet die Traumwelt! Anstatt wirklich über unser gestörtes Körperbild nachzudenken, schimpfen alle auf die bösen Medien. Dabei könnten uns MAGERMODELS auch einfach egal sein.

Natürlich könnte ich Komplexe haben. Ich sehe nicht aus wie zum Beispiel Brad Pitt, schon gar nicht nackt. Sogar die Millionäre auf dem Cover der Sport BILD sind im Vergleich zu mir von makelloser Schönheit, und wenn sie nach dem Spiel Trikots tauschen, verstehe ich erst, was das Wort Oberkörper meinen kann. Egal. Ich trinke mein Bier ja auch nicht auf Segelschiffen und gucke trotzdem anderen gerne dabei zu, wohl wissend, dass sie so sind, wie sie sind, damit ich die Plörre kaufe.

Wenn mein Körper mich nervt, ziehe ich etwas an. Ich bin okay. Die überwiegende Mehrheit der Frauen, die ich kennen lernen durfte, fand ihren Körper leider nicht so okay. Manche aßen demonstrativ noch eine Tafel Schokolade, sahen sie im Fernsehen andere Frauen in Unterwäsche, der Frust, schmatzten sie. Jede zweite Deutsche, liest man, fühle sich zu dick. Das ist schlimm. Schlimm ist aber auch das Niveau der Diskussion über den sogenannten Schlankheitswahn. Derzeit ist man sich nämlich von der CDU/CSU-Fraktion bis zur »Emma«-Redaktion einiger denn je: Zigaretten verursachen Lungenkrebs. Und »Magermodels« verursachen Essstörungen. Wenn die Zusammenhänge einfach sind, sind es auch die vermeintlichen Lösungen: Die Zeitschrift »Brigitte« wurde prompt von allen Seiten für die interessante Idee gefeiert, nur noch »echte Frauen« fotografieren zu lassen.

Ein lobenswerter Vorstoß. Bloß: Vom Verzicht auf professionelle Fotografen, Visagisten oder Moderedakteure war nicht die Rede. In »Brigitte «-Bildstrecken wird es natürlich auch künftig um Schönheit und Perfektion gehen. Also werden »echte Frauen« besser aussehen, als »echte Frauen« eigentlich aussehen. Ist das für die Leserinnen nicht noch viel deprimierender als ein Berufsmodel zu betrachten? Zeitschriften, Werbung, Mode- und Unterhaltungsindustrie verkaufen immer hübsche Illusionen. Man kann zu Recht fordern, dass keine krankhaft dürren Frauen inszeniert werden, und zur Pariser Modewoche eine Charta gegen Hungerhaken verfassen. Man kann hoffen, dass das Kaufverhalten der Normal geformten und Beth Ditto den »Size Zero«-Wahn beenden. Aber das eigentliche Problem ist, dass viele Menschen, und sie sind nun mal vor allem weiblich, offenbar nicht zwischen Sein und Schein unterscheiden können.

Es ist doch so: Ich möchte keine Pornos gucken, in denen zwei Studenten in einer Anderthalbzimmerwohnung unter dem Laken fummeln. Dennoch ist mir klar, dass Sex nicht damit enden muss, dass drei Männer auf eine Frau spritzen. Wenn ich ein Buch lese, bin ich froh, wenn es nicht von einem Journalisten handelt, der gerne Bücher liest. Und wenn ich ein Roadmovie schaue, dann sollte es möglichst nicht in der verkehrsberuhigten Straße spielen, in der ich lebe. Übrigens mag ich die unrealistische Schauspielschönheit Megan Fox. Wegen ihr habe ich »Transformers 2« angeschaut, einen wirklich schlechten Film. Ich erwarte nicht, dass alle Frauen so rumrennen wie Megan Fox. Ich erwarte auch von der Bundeswehr nicht, dass sie den Hindukusch mit Kleinwagen befriedet, die sich in Roboter verwandeln.

Ja, verdammt, ich flüchte gerne in eine Welt, im Vergleich zu der meine eigene trostlos erscheint. Keine Sorge, ich weiß schon, dass es Gründe gibt, warum es Frauen noch heute schwerer fällt als Männern, gelassen auf mediale Vorbilder zu reagieren. Umso ärgerlicher, dass die »Magermodel«-Diskussion in der Tradition der Debatten um »Killerspiele« und »Pornorap« steht. Es ist ein Scheingefecht, das Symptome mit Ursachen gleichsetzt. Jugendliche werden nicht zu Gewalttätern, weil sie stundenlang Aliens erschießen, sie entwickeln keine sexuelle Perversion, weil einer davon singt - und hungern sich nicht auf Größe 34, weil die Frau in der Werbung es tut. Kunstwelten sind Überhöhungen der Realität, nicht ihr Vorbild. Eine Mutter, die bei jedem Abendessen von Diäten spricht, ist gefährlicher als jedes Model auf irgendeinem Magazin-Cover. Und jeder Typ, der seiner Freundin sagt, sie solle doch auch mal was aus sich machen.

Im besten Fall würden junge Frauen so aufwachsen, dass sie selbstbewusst genug sind, um sich nicht von den bösen Medien unter Schönheitsdruck gesetzt zu fühlen. Magermodels kann man vielleicht verbieten. Erlernte Rollen leider nicht. Karl Lagerfeld beschwerte sich kürzlich gewohnt entrückt: »Da sitzen dicke Muttis mit der Chipstüte vorm Fernseher und sagen, dünne Models sind hässlich.« Lagerfeld meint etwas ganz anderes, und hat trotzdem Recht: Warum genießen die dicken Muttis nicht einfach die Chips und die schöne Aussicht?

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