Mein rechter Arm
Ich bin, und das muss einmal in aller Deutlichkeit gesagt werden, der wohl durchschnittlichste Mensch, den man sich vorstellen kann.
Weder besonders groß noch besonders klein, dick oder dünn, hübsch oder hässlich, dumm oder klug. Ich bin so durchschnittlich, dass ich mich manchmal auf Bildern selbst nicht erkenne. Einmal habe ich sogar versucht mir einzureden, dass meine Nase extrem abstoßend ist, nur um auch mal ein bisschen aus der Reihe zu fallen. Ist sie leider nicht. Sie ist völlig normal. Durchschnittlich eben.
Im Prinzip wäre das ja kein Problem, wenn nicht die ganze Welt nach Individualität schreien würde. (Und weil alle individuell sein wollen, ist das schon fast wieder durchschnittlich und deshalb will ich auch individuell sein.) Lange habe ich überlegt, was mich zu einem besonderen Menschen macht und gestern ist es mir eingefallen. Es ist eigentlich so nahe liegend, dass ich fast nicht darauf gekommen wäre: Es ist mein rechter Arm.
Natürlich könnte man einwenden, dass nahezu jeder einen rechten Arm hat und tatsächlich unterscheidet sich mein rechter Arm auf den ersten Blick nicht von anderen rechten Armen. Es ist ein Knochen mit Fleisch, Muskeln und Haut drumrum (das Fett habe ich großzügig übersehen), er baumelt schulterabwärts an meiner rechten Körperseite, ganz wie es sich für einen rechten Arm gehört und er erscheint auf den ersten Blick etwas überflüssig, weil ich Linkshänderin bin.
Wenn man allerdings richtig hinschaut, erkennt man eine zwölf Zentimeter lange Narbe an meinem Unterarm. Da habe ich mir mit neun Jahren den Arm gebrochen und keine einzige Träne vergossen. Da bin ich heute noch stolz drauf, nur leider findet das sonst niemand toll. Das ist wie die Sache mit meinem Nachnamen, dessen mittelhochdeutsche Bedeutung ist nämlich „Herrscher“. Findet auch niemand witzig, außer mir natürlich. Aber wenn man so durchschnittlich ist wie ich, muss man sich eben über Kleinkram freuen. Diesem Armbruch verdanke ich übrigens auch die Tatsache, dass mein rechter Arm sich anders anfühlt als mein linker. Seither ist mein rechter Arm irgendwie schwerer, vielleicht haben die Ärzte eine Schraube drin vergessen.
Eine weitere Besonderheit sind die lustigen braunen Flecken auf meinem Oberarm. Mit etwas Phantasie kann man den großen Wagen erkennen. Ich habe ein Sternbild auf meinem Arm! Wenn das nicht mal was Besonderes ist. (Reaktionen auf dieses Phänomen: s.o.) Möglicherweise finden sich dort auch noch ganz andere Sternbilder, nur kenne ich leider keines außer dem großen Wagen. Möglicherweise hat das was zu bedeuten und mir steht eine große Zukunft bevor. Möglicherweise bin ich gar nicht so durchschnittlich, dank meinem rechten Arm.
Wenn ich, aus welchen Gründen auch immer, gezwungen sein sollte, mir einen Arm abzuhacken, dann würde ich in ein arges Dilemma geraten. Einerseits ist da natürlich mein linker Arm, ohne den ich nicht schreiben kann. Andererseits ist da mein besonderer, nur leider völlig nutzloser, rechter Arm. Im Laufe der Zeit hat mein rechter Arm allerdings Aufgaben übernommen für die sich mein linker Arm zu fein ist. Popo abputzen, zum Beispiel, das übernimmt mein rechter Arm. Oder am Kopf kratzen, während mein linker Arm schreibt. (Natürlich wasche ich mir zwischen diesen beiden Vorgängen ausgiebig die Hände.)
Man könnte fast sagen, dass mein linker Arm ein arroganter Schnösel ist und mein rechter Arm die Drecksarbeit machen muss. Wenn ich mir nun meinen linken Arm abhacken würde, müsste ich mit rechts schreiben und meine Schrift wäre noch unleserlicher als sie ohnehin schon ist. Als kleines Kind habe ich für alle Notfälle vorgesorgt. Zum Beispiel bin ich immer im Dunkeln durch das Haus gelaufen. Das hatte zwei Gründe. Erstens um meine Angst zu überwinden und zweitens um nicht völlig aufgeschmissen zu sein, falls ich mal plötzlich blind werden sollte. Aus ähnlichen Gründen habe ich auch versucht mit den Zehen zu schreiben, für den Fall nämlich, dass ich mal meinen linken Arm verliere. Das hat leider überhaupt nicht funktioniert. Deshalb ist mein linker Arm absolut unentbehrlich.
Wenn ich allerdings meinen rechten Arm abhacke, dann muss mein linker Arm die Drecksarbeit machen und so wie ich den kenne, rümpft er bloß hochnäsig die Nase und ich muss versuchen mir mit den Füßen den Popo abzuputzen und den Kopf zu kratzen. Das wäre ziemlich umständlich Außerdem wäre dann ja meine ganze schöne Individualität dahin. Keine Narbe, kein Sternbild, keine Individualität.
Das ist wirklich ausgesprochen verzwickt. Aber vielleicht sollte ich einfach froh sein, dass ich so durchschnittlich bin, sonst müsste ich mir noch über viel schwierigere Sachen den Kopf zerbrechen.






Kommentare
nett;) da hat man gleich gute laune
05.01.2009, 20:28 von lilla-lenasehr sehr gut! ich habe richtig gelacht!
03.06.2008, 22:39 von FraeuleinLuisewunderbar sarkastisch.ich bin beidhänderin,ich weiß nicht,wie das ist,nur mit einer hand bzw. einem arm alles machen zu können,bei mir teilen sich die aufgaben.und freu dich ruhig weiter an diesen scheinbar belanglosen kleinigkeiten,die machen einen nämlich auch zu was besonderem,nicht nur sternbilder auf dem arm.viel glück,weiterhin
04.11.2007, 20:01 von _mirror_Dein linker Arm hat ne Nase, die er rümpfen kann? Ist doch auch was ganz besonderes ;-)
08.08.2007, 15:41 von fippssnein, wundervoll!! ^^
13.07.2007, 20:55 von Carboehnchenna da hab ich durch zufall ja noch nen tollen text von dir gefunden. kann was. und zur individualität, bzw. dem streben danach: die meisten von uns suchen ihre individualität in gruppen/szenen und gehen so schon einer verdammt strengen uniformität auf den leim. ohne, dass es ihnen auffällt natürlich. und du bist sicher nicht durchschnittlich. dafür schreibst du schon mal zu gut und dazu gehört: gefühl für sprache und ne große schüssel grips.
17.01.2007, 18:03 von PDK;-)
pdk
Mmmh du hast wohl Recht, keiner ist so durchschnittlich wie so ---> das macht dich individuell ^^ . Super Text über unser Streben nach "besonders sein"!
22.12.2006, 22:03 von Lea_ich bin auch linkshänder hab auch gedacht das is was besonderes bin aber als ich dann in eine neue klasse kam und fast die hälfte linkshänder war hab ichs aufgegeben.... eine sache hat aba sonst glaub ich keiner ein leberfleck in form von ner mickey maus^^. der text ist aber wirklich sehr lustig und ich musste beim lesen auch an meine versuche denken : )
15.12.2006, 10:41 von Mayalein