AnnaEcke 15.11.2010, 10:16 Uhr 21 36

Marina - Teil 5

Marinas gesamte Wahrnehmung beschränkte sich auf ihren Kopf in der Tüte.

Marina reichte ihm mit einem deutlichen Nicken blind die Hand.

"Willst Du Händchen halten? Mach Dich doch nicht lächerlich!"

Auf seine Stimme folgte eine kurze, energische Berührung, mit der sie unter den Achseln gepackt und aus dem Wagen heraus auf die Füße gestellt wurde. In dem Moment, in dem sie unsicher zu stehen kam, ließ der nasse Matschboden sie klamm und kalt bemerken, dass sie ihre Pumps nicht mehr trug. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sie verloren hatte oder ob sie ihr ausgezogen worden waren. Kälte, Schwindel, Übelkeit, Angst, Orientierungslosigkeit, aber vor allem ein tiefes Gefühl von Scham durchfuhren sie mit einer Macht, die ihren gesamten Körper beben ließ. Doch das Gefühl, das einzig und allein stark genug war, um sich vor allen anderen mit klaren Gedanken in ihr Bewusstsein zu drängen, war die Scham. Sie schämte sich bis ins Mark für die jämmerliche Erscheinung, von der sie sicher war, dass sie sie abgab.

"Ich muss so lächerlich aussehen?die Plastiktüte?hoffentlich ist die Strumpfhose nicht zerrissen?ich muss ihn anwidern?ohne die Pumps sehen meine Beine kurz und plump aus?lacht er mich aus?"

Am meisten jedoch schämte sie sich vor sich selbst. Nur zu deutlich hatte sie hören können wie er sich direkt vor ihr seinen Schwanz gewichst hatte. Die Geräusche seiner Wichsbewegungen und seines immer schneller gehenden Atmens hatten vor ihrem inneren Auge ein Bild gezeichnet, das ihren Unterleib vor Begierde und Lust krampfen ließ.

Während sie nun mit den Füßen immer tiefer in die nasse Erde einsank und auf ein Wort, eine Bewegung, auf irgendetwas von ihm wartete, spürte sie die Feuchtigkeit in ihrem Slip. Für einen kurzen Augenblick traten alle anderen Emotionen in den Hintergrund und machten einer brachialen Fassungslosigkeit Platz, als sie feststellte, dass sie tatsächlich noch immer bereit war, ihm zu vertrauen. Sie war noch immer bereit, sich hinzugeben, sich behandeln zu lassen wie auch immer es ihm beliebte. Trotz der Angst. Trotz der Schmerzen. Trotz der Demütigung.

Nein. Aufgrund.

Ein fester Griff um ihren rechten Ellebogen schob sie vorwärts.
"Beweg Dich! Es ist nicht weit."

Er klang sachlich. Nicht abfällig, nicht ungehalten, nicht aggressiv. Auf eine absurde Art und Weise erleichterte Marina dies ungemein. Kurz musste sie an vergangene Kindheitstage denken und daran wie es sich angefühlt hatte, vom Vater nicht erwischt worden zu sein, wenn sie irgendetwas angestellt hatte.

Sie bemühte sich um den zumindest halbwegs aufrechten Gang einer Dame. Der Matsch durchdrang das Nylon und quetschte sich glitschig zwischen ihre Zehen. Ihre Bewegungen waren zitterig, aber sie gab sich alle Mühe, wenigstens nicht zu stolpern.

Ein Schlüsselbund, ein leises Quietschen, ein sachliches "Stopp. Stufe.", dann wieder das leise Quietschen, der Schlüsselbund. Auch wenn sie nicht einmal Schemen erkennen konnte, so sah sie doch deutlich, dass Licht angeschaltet worden war. Er bewegte sich mit schweren Schritten um sie herum und machte dabei Geräusche, die sie nicht zuordnen konnte. Lediglich das Rücken eines Stuhls glaubte sie erkannt zu haben. Seine Bewegungen klangen in ihren Ohren durchweg ruhig, gelassen. Wieder spürte sie dieses leise Gefühl der Erleichterung.

Dann knickten ihr plötzlich aus dem Stand heraus die Beine weg. Hart schlug sie mit dem Kopf gegen etwas Spitzes, knallte seitlich auf den Boden und spürte sofort das warme Blut über ihre Stirn sickern. Übelkeit und Panik packten sie, ihr Oberbauch fühlte sich an als steckte er just in diesem Moment harte Faustschläge ein. Sie begann zu hyperventilieren. Der Kopfschmerz hämmerte sie immer wieder für Sekundenbruchteile an den Rand ihres Bewusstseins.

"Die Tüte. Bitte?muss mich übergeben. Bitte!"

Marinas gesamte Wahrnehmung beschränkte sich auf ihren Kopf in der Tüte. He-Jos Fluche hörte sie bereits nicht mehr, als der erste Schwall Erbrochenes durch ihren Hals in das Plastikgefängnis schoss. Kopfhämmern, Übelkeit, Gestank, Ekel, Scham, Würgen, der nächste Schwall. Plötzlich wurde ihr Kopf gepackt und das Plastik bekam mit einer kurzen, schnellen Bewegung direkt vor ihren Augen einen langen Riss. Licht, Luft, Umrisse, Würgen, der nächste Schwall. Das Gesicht von den Fotos! Claas? Gesicht. Würgen. Noch ein Schwall. Jetzt wieder nur noch Umrisse. Kein Gesicht mehr. Ihr wurde schwarz vor Augen.

Während Marina mit dem Kopf nach vorne in ihr Erbrochenes sank, tastete ihre Hand nach He-Jo. Aber da war nur Leere. Ekel. Und Scham."Wichtige Links zu diesem Text"
Marina - Teil 1
Marina - Teil 2
Marina - Teil 3
Marina - Teil 4

36

Diesen Text mochten auch

21 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Ist die Geschichte zuende? Oder weißt du einfach noch nicht, wo es dich noch hinschreibt?

    04.07.2011, 15:18 von Lenulitschka
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "Während Marina mit dem Kopf nach vorne in ihr Erbrochenes sank, tastete ihre Hand nach He-Jo. Aber da war nur Leere. Ekel. Und Scham."

    ... war also tatsächlich das Ende der Geschichte?

    14.06.2011, 18:01 von onnanoko
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich schließe mich an... wir warten sehnsüchtig. :-(


























    04.02.2011, 00:18 von kirschsand
    • 0

      @kirschsand und drei monate später noch immer nichts neues... bin enttäuscht und fühl mich verarscht. erst spannend machen und dann wahrscheinlich für immer warten lassen.

      24.02.2011, 12:30 von coquelicot1
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wann kommt denn der nächste Teil??

    24.01.2011, 13:47 von Pupsbacke
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich habe mal eine interessante studie zu frauenfeuchtigkeit gelesen: selbige kam zu dem ergebnis, dass diese feucht werden, wenn sie irgendwas rammeln sehen, egal was, hund, affe, feuersalamander.
    also, wo immer schwänze wie auch immer im spiel sind, reagiert frau vaginal. die forscher interpretierten dies als schutzfunktion.

    18.11.2010, 16:27 von YOLK
    • 0

      @YOLK selbst forscher bewegen sich unter einem gewissen sozialen druck. darum hat auch keiner von denen eier und vermutet, das es auch implizite geilheit sein kann, die an den gefühlsregionen im hirn vorbei funktioniert..

      25.11.2010, 17:56 von libido
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Hmm, so kurz nach 4 also Teil 5?
    Klar, alle sind gespannt, wie's weitergeht, aber fang jetzt bitte nicht an zu schludern: Du hast die genaue Uhrzeit am Ende vergessen. Das fand ich bisher immer gut. So als Ende eines Teils und als Orientierung, wie lang man schon mit Marina und He-Jo mitfiebert.

    Ansonsten wieder: vieeeeeeeeeeeeeeeel zu kurz ;)
    Ich bleibe gespannt und übrigens: Mir persönlich gefällt es, wenn du die Teile nicht so schnell hintereinander rausbringst - das passt, meiner Meinung, nach sehr gut zur allgemeinen Story-Stimmung.

    17.11.2010, 11:20 von Bender018
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Kommen jetzt alle Teile automatisch auf die Startseite?

    16.11.2010, 23:32 von Fuu
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Gerade die Mischung aus Lust, Begierde und Scham macht es ja so realistisch!
    Viele Opfer von sexuellen Gewaltätigkeiten haben in der Verarbeitung am meisten damit zu kämpfen, dass sie zeitweise auch Lust empfanden, was die Scham ins Unermessliche treibt.

    16.11.2010, 16:49 von unamale
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] @nobo
      Diese Frage geht schon mal gar nicht

      14.02.2011, 12:14 von EinfachNurAndreas
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich weiß nicht...

    Anfangs war es spannend, weil man nicht wußte, wohin es gehen würde. Dann wurde es irgendwie immer vorhersehbarer und gleichzeitig surrealer. Und mit diesem Teil dann völlig abstrus. Die Frau möchte ich sehen, die in dieser Situation an irgendwas Gedanken verschwendet als an ihr Leib und Leben, und als letztes sicher Geilheit.
    Und warum muss denn eine Geschichte immer so häppchenweise erzählt werden?

    Meine Meinung: Radikal kürzen und dann eine Text draus machen.

    16.11.2010, 09:33 von Marvbaer
    • 0

      @Marvbaer Sehe ich auch so!
      Bis Teil 3 fand ich es auch spannend, Teil 1 und 2 sogar sehr. Aber langsam wird es lächerlich. Und die kurzen Texte geben inhaltlich kaum was her. Nur absurde Erzählungen seiner und ihrer Geilheit.
      Ich les mir alles in einem Wisch durch, wenn der letzte Teil raus ist.

      21.11.2010, 12:40 von doongee
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare