Sultanine 10.11.2012, 20:37 Uhr 12 5

Leiblos

Es gibt keine Zeit und auch der Ort ist irrelevant.

Ich sehe durch einen Nebel, spüre weder Schmerz noch andere Körperlichkeiten, scheine gewichtslos zu schweben. Der Nebel umhüllt mich. Licht durchflutet meine Seele, unendliches Licht bricht sich seinen Weg. Die Strahlen umgeben mein Selbst wie eine warme Decke, bedecken mich und scheinen mich in einen Raum ohne Dimensionen zu geleiten. Es gibt keine Zeit und auch der Ort ist irrelevant. Mir begegnen Schatten, gleich Gesichter aus einem früheren Leben. Sie schweben vorbei, zeigen mir Ausschnitte daraus. Freude durchzieht mich, ich möchte mich ihnen nähern doch meinen Leib spüre ich nicht, ich bin ein Hauch von Nichts, schwebend im stillen Meer der Zeit.

Der Nebel wirbelt plötzlich herum, lichtet sich. Ich scheine auf verschiedene Stufen meines Lebens herabzufliegen, werde dabei begleitet von Schattenmenschen. Einige kenne ich aus meinem irdischen Dasein, andere kommen von ferner. Sie begrüßen mich und zeigen, was ich verlasse.

Auf den Stufen meines Lebens erklimme ich jede einzelne. Sehe hinein, verweile, Zeit spielt keine Rolle. Als ich noch ich war, ein Menschenkind. Sehe mich spielen, Berge erklimmen und ins Schwimmbecken springen. Lachen übertönt mein Bewusstsein, es schrillt laut, durchdringend und unendlich beruhigend auf mich ein. "Das hast du, das bist du", höre ich die Schatten immer wieder sagen. Sie führen mich behutsam weiter, so dass ich noch einmal genießen kann was gewesen, auf dem Weg zu dem was kommen kann. Nun sehe ich mich etwas älter an. Mit Freundinnen Streiche aushecken, sich verkleiden, mit den Eltern streiten. Geschwister sind gehasst und geliebt, intensiv wird gelebt, der Moment währt eine Ewigkeit. Die Stufen der Erwachsenenwelt erreichend, werden sie höher und steiler. Verluste zählen den Weg, tränengesäumt, tröstend von Menschen, die ihn begleiteten. Und da sehe ich sie alle an mich heranrücken. Mein Ich bestehend aus einer Hülle wird umgeben von wärmenden Schatten und Licht. Sie erklären mir, was ich schon längst weiß und immer wusste. Das ist der Weg und das letzte Kapitel, bevor ein neues Buch aufgeschlagen wird. Ich fühle mich frei von Sorgen und Nöten, schwimme dem endlosen Licht entgegen. Golden ist das Meer und mein Ich federleicht. Mit jedem Zug lasse ich alles hinter mir, schwimme meiner Welt entgegen. Denn ich weiß es jetzt. Das erste war nur der Korridor. Was nun kommt, würde eine Welt voller Glückseligkeiten sein. Erwartungsvoll schreite ich herbei und lasse hinter mir mein altes Leben, breite meine Flügel aus und lasse den leblosen Kokon des Erdenlebens hinter mir.

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12 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Haben Dich Hermann Hesses Stufen inspiriert? Dein Text wäre jedenfalls eine schöne Ergänzung dazu.

    11.11.2012, 08:09 von Mrs.McH
    • 1

      Danke dir, ne Hermann Hesse hat mich dazu nicht bewogen, ich kannte es nicht und habe es mir gerade durchgelsen. Danke für den Tipp!

      11.11.2012, 08:33 von Sultanine
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  • 3

    Liest sich, als hätte man genau im richtigen Moment in die Sendung gezappt. Schön!

    11.11.2012, 00:18 von forst
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  • 0

    Aber jetzt nicht das Problem auf eigene Faust lösen. Die armen Mitmenschen - der Selbstmörder ist ja dann fein raus und die noch da sind, müssen dicke Tränensäcke mit sich rumschleppen.

    Im Falle todbringender, langwieriger Krankheiten nach wie vor eine schöne Vorstellung.

    10.11.2012, 21:57 von TilmannKleye
    • 0

      Danke fürs Lesen.
      Aber da gabs kein Problem, ich finde es in jedem Fall einfach eine schöne Vorstellung, wir müssen ja immerhin immer mit dem Tod rechnen, egal ob krank oder gesund. Verdrängen hilft da bei mir momentan nicht, und ehrlich gesagt will ich es auch gar nicht verdrängen und ihm so viel Macht über mich und mein Leben geben. Da versuche ich mal ne Aussöhnung hinzubekommen und es zu akzeptieren. Jeden Tag aufs Neue.

      11.11.2012, 08:56 von Sultanine
    • 1

      Aber vor lauter Endhaltestelle nich die Zugfahrt verschlafen, näch? :)

      11.11.2012, 13:17 von forst
    • 0

      Genau so siehts aus, das sollte auf keinen Fall passieren! Deshalb: Just keep it rolling :)

      11.11.2012, 18:25 von Sultanine
    • 0

      Limp Bizkit?

      11.11.2012, 18:28 von forst
    • 0

      Falls der Tod nicht gerade in der Nähe seine Sense schärft, sollte man ihn voll und ganz vergessen. Das Wissen um die eigene Endlichkeit führt im besten Falle zu einem reichen Leben.

      11.11.2012, 18:37 von TilmannKleye
    • 1

      @forst: ich meinte eigentlich kollege sisyphos :)

      12.11.2012, 17:37 von Sultanine
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    So soll es sein. Schön wär's ja...

    10.11.2012, 20:46 von TilmannKleye
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