Kriegst du daheim nicht genug zu essen??
"Ich dachte immer, die meisten Italienerinnen sind klein und fett.."
Kaum jemand traut sich eine Frau oder ein Mädchen zu fragen "Sag mal, hast du eigentlich zugenommen?"
Das ist taktlos. Das ist unverschämt. Und verletzend.
Kaum jemand macht sich jedoch Gedanken darüber, dass es taktlos, unverschämt oder verletzend sein kann mit einem hässlichen Grinsen im Gesicht zu fragen " Sag mal, kriegst du daheim nicht genug zu essen?"
Seit ich denken kann, bin ich dünn. Im Nachhinein würde ich sogar sagen, dass ich bis zu meinem 18. Lebensjahr wirklich zu dünn war. So richtig Gedanken darüber habe ich mir mit 14 Jahren gemacht.
Durch die T-Shirts meiner Freundinnen bohrten sich so langsam die sogenannten "Igelschnäuzchen" durch, während meine Brustwarzen wahrscheinlich die Schlummtaste drückten und dabei dachten "Och, nur noch 3- 4 Jahre".
Es muss in der 5. oder 6. Klasse gewesen sein.. Beim gemeinsamen Betrachten eines mittelalterlichen Gemäldes im Lehrbuch rief ein Klassenkamerad " Boah, ist die fett!". Der Lehrer erklärte, dass im Mittelalter ein anderes Schönheitsideal galt und kurvige Frauen als fruchtbarer und attraktiver angesehen wurden. "Bei Fran z.B. hätte man damals geglaubt, sie würde an einer Krankheit leiden und keine gesunden Kinder gebären können", fügte der Lehrer hinzu und deutete auf mich.
Meine Freundinnen wurden kurviger, jammerten schon über angebliche Fettpolsterchen und beneideten meine angeblich "so schöne Figur".
Ich bemerkte jedoch, wie die Jungs in Sport sich beim Weitsprung sabbernd an den Rand stellten und lauernd abwarteten, wie die Mädels mit Güteklasse C in den Sand stolperten.
Wenn ich im Unterricht fragte, ob ich mal aufs Klo gehen dürfte, hörte ich es aus den letzten Reihen flüstern: " Jetzt steckt sie sich erstmal den Finger in den Hals."
Mit 16 ließ ich mir die Pille verschreiben- jedoch aus den völlig falschen Gründen. Ich hatte keine Gedanken an Sex verschwendet, sondern wollte einfach nur zunehmen, was ich im Nachhinein ziemlich peinlich und dämlich finde. Wirklich viel hat es natürlich auch nicht genützt.
Es war in der 12. Klasse. Eine Freundin wiederholte gerade die 11. Klasse und stand auf dem Pausenhof bei ihren neuen Klassenkameraden., zu denen ich zustieß. Wir rauchten gemeinsam unsere Zigaretten. " Lustige Bande", dachte ich.
Nachmittags dann, rief mich meine Freundin zu Hause an.
Sie:" Du, ich wollte dich mal was fragen...ich hoffe, du verstehst das nicht falsch...Ist bei dir alles in Ordnung??"
Ich verstand ihre Frage nicht. Ich spulte den Tag nochmal zurück, überlegte bis ins Detail, ob ich was Falsches gesagt hatte, ihre neuen Freunde gekränkt hatte...aber mir fiel nichts ein.
"Naja..." stotterte sie, " die anderen meinten, ich soll mal vorsichtig anfragen, ob bei dir daheim alles in Ordnung ist, bzw. ob es dir insgesamt gut geht...die glauben, dass du ne Essstörung hast..."
Die eigene Freundin. Ich war wütend. Mir fielen all die Tage ein, in denen ich mit ihr Fast Food- Buden abgeklappert hatte, die Tage, in denen ich ihr letztes Stück Pizza noch aufgeputzt hatte..
Und heute? Heute, mit meinen 22 Jahren hat das ganze immernoch kein Ende.
Ich bin im Normalgewicht, das von meinen Mitmenschen nicht als Normalgewicht anerkannt wird und muss ständig beantworten, wieviel ich wiege. Ich besitze nicht mal eine Waage, da mich diese unpersönliche Zahl nicht die Bohne interessiert.
Hochintellektuelle Bemerkungen wie "Was? Ach, lüg doch nicht! Du wiegst doch gerade mal knappe 50 Kilo " oder " Was hat das denn mit deiner Größe zu tun?!" werden mir an den Kopf geschmissen.
Wenn ich im Pausenraum zusätzlich zu meinem Mittagessen noch einen Salat oder Obst esse schreit ein Kollege ausm Flur " Sind wir auf Diät?"
"Das sind ja auch alles Idioten, die keine Ahnung haben!", könnte man jetzt sagen. Tja, aber selbst mein Hausarzt konnte es vor kurzer Zeit nicht lassen:
Ich ging zum Arzt, weil ich Magenbeschwerden hatte.
Er bestand darauf, mich zu messen und auf die Waage zu stellen.
Dann ging es los: Es holte einen kleinen Taschen-BMI Rechner von seinem Schreibtisch und sprach mit mir wie mit einer 12- jährigen:
"Also: das Ding hier zeigt, ob man zu viel oder zu wenig wiegt und berechnet den Body Maß Index...." In Gedanken verdrehte ich schon die Augen. " Und die Schablone sagt nun, dass Sie ein wenig unter dem Normalgewicht sind. Eines sei gesagt: Selbst die Models in Paris müssen heute nach einer neuen Verordnung im Normalgewicht sein, um über den Laufsteg laufen zu dürfen."
Ich versuchte mich zu beherrschen, denn ich wusste, wenn ich mich jetzt aufregen würde, würde er meine Reaktion als Bestätigung seiner idiotischen Vermutungen sehen.
" Also, wie Sie wissen, bin ich Italienerin", begann ich, " und selbst wenn ich vor hätte zu modeln und meine Eingeweide rauszukotzen, gäbe es da einen kleinen Haken"
Irritiert fragte er: "Ähm, und der wäre?"
"Nun ja, es wäre schier unmöglich mit einer italienischen Mutter unbemerkt hungern zu können...bei uns zu Hause wird der Satz ' Ich habe keinen Hunger' nicht akzeptiert und wenn ich mich nicht irre, ist mein Bruder auch hier Patient, richtig? Ein großer, DÜNNER, dunkelblonder Kerl?"
Er verstand und begann sich um meinen Magen zu kümmern.
Man wird belächelt, wenn man sagt, dass es an den Genen liegen könnte- genauso wie Übergewichtige belächelt werden, wenn sie sagen, dass es an den Drüsen liegt.
Mein Vater ist 1,70m groß und wiegt knappe 55 Kilo. Mein Bruder ist 1,85m groß und versucht seit er denken kann, auf seine 80 Kilo zu kommen. Meine Mutter leidet an einer Schilddrüsenunterfunktion und braucht Nahrung nur anzusehen, um zuzunehmen.
Aber wen interessiert das? Das sind alles nur Ausreden.





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