Kraftakt
Gleich wird sie mich wieder anbrüllen.
Das tut sie in letzter Zeit häufiger. Vermutlich habe ich ihr immer mal wieder einen Anlass gegeben, die Geduld mir gegenüber zu verlieren. Dass sie direkt laut wird, hat sie wohl von mir. Leider sind unsere liebevollen Gespräche ebenso wie unsere konträren Diskussionen weniger geworden. Eigentlich kann ich mich kaum noch an konstruktive Konversation zwischen uns erinnern.
Statt dessen wird sie toben, einen roten Kopf bekommen und mit all ihrer unbändigen Kraft ihre tiefsitzende Pubertätswut an mir auslassen. Ich weiß schon jetzt, wie sie mit weit aufgerissenen, wunderschönen Augen, die Hände in die Hüfte gestemmt, vor mir stehen wird. Sie wird mich mit ihrer tiefen, kraftvollen Stimme so laut anschreien, dass unsere Nachbarn jedes Wort verstehen können. Sie werden Worte hören, die nicht für fremde Ohren bestimmt sind. Auch ich möchte diese Worte nicht hören, habe aber keine Möglichkeit, ihnen zu entkommen. Dennoch werde ich sie ihr nicht übel nehmen, so sehr sie mich damit verletzt.
Wie spät ist es eigentlich? Zu dumm, dass meine Armbanduhr auf dem Küchentisch liegt. Das Ticken der Uhr über der Küchentür sagt mir zwar, dass diese noch funktioniert, dummerweise aber nicht, wie spät es ist. Lange kann es nicht mehr dauern, bis ich das mir vertraute Geräusch des Schlüssels in der Wohnungstür hören werde. Seit wann liege ich eigentlich hier? Die Situation in der ich mich gerade befinde, ist wirklich nicht die schönste. Habe ich sie mir selber eingebrockt? Hätte ich sie verhindern können? Wenn ich mich doch wenigstens umdrehen könnte. Nach einigen Versuchen fehlt mir allerdings die Kraft. Also bleibt mir erst einmal nichts anderes übrig, als hier in dieser Scheißsituation auf sie zu warten und weiterhin die Fliesen anzustarren.
Warum werde ich ihr ihre Worte nicht übel nehmen? Dass ich sie liebe, ist klar. Schließlich bin ich ihr Vater. Ist das aber Grund genug, ihr die Worte nicht übel zu nehmen? Wahrscheinlich liegt es eher daran, dass ich sie verstehen kann. Durch und durch. Ich fühle ihre tiefe, nicht zu erreichende Angst. Nie würde sie sie mir gegenüber zugeben. Sie hat Angst davor zu sehen, wie mein Körper immer weniger Kraft hat, wie er immer weniger funktioniert. Ich kann es nicht ändern. Während mein Körper immer schwächer wird, wird sie immer stärker. Für sie bedeutet Stärke, niemanden an sich ran zu lassen, sich niemandem offenbaren. Gefühle, vor allem die schmerzhaften, werden nicht zugelassen. Sie hat nicht das Recht mich anzubrüllen. Sie tut es, immer und immer wieder. Ich kann sie nicht beruhigen, so gern ich das auch würde. Ich kann es nicht, weil ich sie verstehe. Wenn sie gleich mit ihrem vorwurfsvollem Blick vor mir steht, ich zu ihr hoch gucke, werde ich sie verstehen.
Was passiert sei, wird sie mich fragen. Ich wisse es nicht, werde ich antworten. Dass ich versucht habe, den Fernseher zu drehen, kann ich ihr gegenüber nicht zugeben. Sie würde sagen, dass sei doch wieder klar gewesen. Warum machte ich auch immer noch Sachen, die ich nicht mehr könne? Ich weiß es selbst nicht genau. Irgendwie muss ich mir doch die Zeit vertreiben. Tagelang ist mir langweilig. Ich sitze rum, höre Musik, sehe fern. Lesen fällt mir schon ziemlich schwer, weil die Hände so zittern.
Da ist es! Das lang erwartete Geräusch des Schlüssels im Schloss der Haustür. Schritte im Flur, die sich der Wohnungstür nähern. Schwungvoll öffnet sich diese. "Ich bin...," ruft sie und unterbricht sich sofort. Ich sehe ihre Schuhe. Und ihre Hose bis zur Mitte der Schienbeine. Ihre Füße sind hüftbreit auseinander gestellt. Genau in der Position, die es leicht macht, die Fäuste in die Seiten zu stemmen und loszulegen. Sie beugt sich im nächsten Moment zu mir herunter, so dass wir uns in die Augen gucken können. Ihre sind kalt. Sehr. Noch ist kein Wort gefallen. Dann steht sie auf, geht um mich herum und richtet den Rollstuhl auf, der hinter mir umgekippt war. Zehn lange, mühsame Minuten vergehen, ehe ich wieder sitze. Zehn laute, wütende Minuten, in denen sie mir mit all ihrer körperlichen Kraft, kurz davor aufzugeben, hilft, wieder zu sitzen. Sie schaffe es nicht. Sie wolle bei den Nachbarn klingeln. Aber dann sitze ich. Sie tobt, schimpft, brüllt. Wie das denn schon wieder passiert sei? Ich wisse es nicht. Sie rennt in ihr Zimmer und knallt die Tür hinter sich zu. Mir tut die Hüfte weh. Beim Blick auf die Uhr stelle ich fest, dass ich zwei Stunden auf dem Boden gelegen haben muss.





Kommentare
Gut.
05.01.2011, 15:30 von belletinaMeine Empfehlung.
guter text
04.01.2011, 17:21 von nana-oToller Text. Eindringlich ohne Tränendrüse.
04.01.2011, 11:42 von B.tinaStatt dessen wirD sie toben
04.01.2011, 11:20 von Surecamp:-)
Gefällt mir!
@Surecamp verbessert. :-)
04.01.2011, 11:26 von desidinha