Kommunikationstod?
Es ist vielleicht eine Existenzfrage für einen Abend wie heute. Ist es laut? Wer kommt mit? Wen verstehe ich?
Nina will weggehen. Gemeinsam sitzen wir in ihrer kleinen Küche und rauchen, die Rotweinflasche ist halbleer.
Nina telefoniert. Ich sitze daneben, lese zum 23. Male in Gedanken die Titel ihrer Büchersammlung, drehe die leise Musik noch leiser. Nina telefoniert noch immer. Wohin gehen wir?
Es ist vielleicht eine Existenzfrage für einen Abend wie heute. Ist es laut? Wer kommt mit? Wen verstehe ich? Ab wie vielen Leuten wird es schwierig dem Gesprächsverlauf zu folgen? Ab wann muss ich eine Verkrampfung meiner Gesichtsmuskeln einplanen? Aufpassen, dass sich mein Kopfnicken nicht verselbstständigt?
Gekonnt lächele ich ihr zu. Nickend, zustimmend. Wir gehen also weg. Nur was trinken oder so. Innerlich verabschiede ich mich von dem Abend in der kleinen, leisen Küche, den guten Gesprächen zu zweit, den Diskussionen. Ich mag Diskussionen immer mehr.
Nina drängt zum Aufbruch. Ich versuche durch eine Zigarette mehr Zeit zu gewinnen. Zeit mit ihr allein. In der zugequalmten Stille ihrer nicht aufgeräumten Küche.
Hastig trinke ich den letzten Schluck Rotwein aus, die zugeschlagene Tür lässt Nina zusammenzucken. Ich muss versuchen leiser zu sein, hier wohnen ja schließlich noch Leute, die Ohren haben.
Wir erreichen unser Ziel und ich gehe einen Schritt rückwärts. Zwei. Dann drei vorwärts bis zum Türsteher. Nina zieht mich in die Bar.
„Wir sitzen hinten, da wo die Tanzfläche ist. Da haben wir es nicht so weit.“
Nina schreit und deutet nach hinten. Ich weiß wo die Lautsprecher hängen, kenne die Lautstärke um diese Uhrzeit. Eine Horde Menschen erwartet uns an Tisch 7.
Ich kenne sie alle, weiß wen ich verstehe, weiß wer zuviel Dialekt hat, wer nuschelt und wessen Bart zu dicht ist. Zu dicht um die Lippen zu sehen. Wenig weiß ich sonst. Begrüße alle mit Küsschen.
Man diskutiert. Worüber weiß ich nicht so genau. Manchmal denke ich, die Leute fragen sich insgeheim wieso mein Blick immer so durchdringend auf ihren Gesichtern liegt wenn sie mit mir reden. Hin und wieder trinke ich etwas, blicke nickend in eine andere Richtung. Verliere den Gesprächsverlauf. Mit Mimik und Gestik kann man viel Verständnis erzeugen.
Solange man an der richtigen Stelle nickt. Nach vielen Abenden wie diesen habe ich gelernt an der richtigen Stelle zu nicken. Und zu lachen wenn alle anderen lachen. Vielleicht lachen sie gerade über Vegetarier oder über die letzte Party bei der ich nicht war. Ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich über Dinge gelacht, die ich verabscheue. Auch das werde ich nie wissen.
Die anderen auch nicht.
Man diskutiert noch immer. Ich frage mich wie man vom Papst zum Geburtstagskuchen kommt. Alles was dazwischen liegt ist Stimmengewirr, ein konfuses Gerüst aus Wortfetzen und nickendem Zustimmen. Tanzen wollen die anderen leider nicht, zu angeregt das Gespräch. Ich gehe auf die Toilette. Trinke zu schnell und rauche zuviel.
Müde der Konzentration fange ich an die Leute zu beobachten. Verena geht es heute nicht besonders gut. Das sieht man. Susan diskutiert mit ihrem Freund und Nina ist weg. Sicher hat sie einen ihrer zahlreichen Bekannten getroffen. Ich überlege wann meine Frage angebracht ist nach Hause zu gehen.
Beim nächsten Mal sage ich Nein!
Dabei will ich doch weggehen, mich unterhalten über die Aussage des Papstes. Über Geburtstagskuchen diskutieren, die Jungs mit Bart verstehen und Dialekte nachmachen können. Einem Gespräch mit mehr als drei Leuten folgen können. Nicht mehr rauchen zu müssen weil mir langweilig ist.
Ich gehe tanzen. Immerhin kann ich mich zum Rhythmus bewegen. Sehr gut sogar. Die Musik ist laut. Ich kann sie leiser stellen, so wie es für mich erträglich ist. Ich habe sogar drei Programme mit denen ich bestimmen kann, wie ich hören will. Nebengeräusche im Hintergrund, Wortfetzen im Vordergrund. Oder alles laut. Am besten wäre manchmal alles leise. Aber das passt nicht zum heutigen Abend.
Viele Stunden später zieht Nina mich von der Tanzfläche. Ob wir gehen wollen.
Auf dem Heimweg ist es ruhig. Nina erzählt. Ich verstehe sie.
Irgendwann zuhause macht sie das Licht aus und wünscht mir eine gute Nacht. Ich weiß wann sie es sagt. Ungefähr zwei Sekunden nachdem mein Hörgerät auf dem Nachtisch liegt. Mein Ohr. Das ich programmieren kann wie ich will und ohne das ich wohl den besten Schlaf habe als alle anderen. Und mit weniger als vier Menschen die besten Diskussionen führen kann die ich mir wünsche.





Kommentare
Respekt. Hättest Du das Hörgerät nicht am Ende erwähnt, ich wäre immer noch der Ansicht es ginge um einen ganz normalen Abend.
24.03.2009, 12:19 von CyroAuch ohne Hörschwäche geht mit das so ..... wo viele Menschen gleichzeitig reden, und das relativ laut, fällt es mir schwer mich auf einen Gesprächspartner zu konzentrieren. Musik oder andere Lärmquellen machen es obendrein auch nicht leichter.
Anders aber in kleiner Runde oder Allein .... da kann ich mehr hören als mir manchmal lieb ist. Auch was tuschelnde Kollegen in ein paar Meter Entfernung so von sich geben oder was draussen auf der Strasse so passiert.
Aber Massenveranstaltungen sind nichts für mich ... wenn ich einen Gesprächspartner gefunden habe lohnt es sich meistens sich etwas von der Masse abzusetzen, um ein wenig zu plaudern, finde ich.
Nochmal . schöner Artikel .. Kompliment
Toll geschrieben - vor allem wirklich überraschend.
26.04.2008, 14:23 von magna_cartaMan kann deshalb den Text als Hörender gut nachvollziehen, weil einfach in denselben Gruppen meist über dasselbe gesprochen wird, jedes Wochenende und in immer derselben GEsellschaft, im selben Club... Irgendwann konzentriert man sich auf eine Person, meist die mit der man gekommen ist oder der die FreundIN.
07.02.2007, 16:11 von purplemermaidIch habs mir zur Gewohnheit gemacht mich aus den gleichen Gsprächen raus zu halten und das Verhalten der ganzen Leute zu beobachten, vielleicht kommt das dem Abschalten der Ohren gleich. Einzig die Musik dringt dann, wegen der nicht geringen Lautstärke, vor.
Ja, wünsch dir was und bewahr dir die wenigen wichtigen Freunde =)
Rührender Text. Toll, wie viel Atmosphäre und Gefühle du vermittelst, als stünde man selbst in der Bar. Ich musste irgndwie an Babel(den aktuellen Kinofilm) denken, in dem eine Gruppe taubstummer Mädchen mitspielt.
17.01.2007, 17:29 von Pepe86Ohne respektlos sein zu wollen: ich wär manchmal froh, nicht immer so viel gelaber hören zu müssen^^ ... einfach mal abschalten und die Menschen beobachten, oft versteht man dann mehr...
alles gute,
lg Philipp
ich fand das ende auch nicht überraschend, aber der text gefällt mir sehr!
24.11.2006, 14:51 von sanskiusich habe mich an vielen stellen selbst erkannt, und zwar nicht, weil ich ein hörproblem hätte, sondern weil ich als deutschschweizerin im tessin lebe, also unter lauter italienisch sprechenden. mittlerweile spreche und verstehe ich sehr gut italienisch, aber grad im ausgang kann ich den gesprächen wegen der lauten musik oft nicht vollständig folgen, da ich italienisch gesprochenes immer noch etwas schlechter als deutsch gesprochenes verstehe. dann falle jeweils ich in die genau gleichen verhaltensmuster, wie Chaosmotte sie beschrieben hat: verkrampft lächeln, an den hoffentlich richtigen stellen mitlachen, die stirn runzeln wenn ich glaube zu verstehen, dass etwas kritisierendes erzählt wird...
ist mir schon passiert, dass ich vor lauter nicken und bejahen ein frage verpassst habe, die mir jemand gestellt hat... kann sehr peinlich werden! :-)
Also erstmal vielen Dank an alle Kommentare, sehr überrascht bin ich, dass es vielen anderen trotz zwei gesunden Ohren genauso geht, vielleicht hilft so etwas auch meine Kommunikation zu verbessern, für mich sieht es immer so aus als ob alle alles blendend verstehen:)
24.09.2006, 22:35 von ChaosmotteAnscheinend verselbständigt sich das Kopfnicken des öfteren mal!
Die Frage ist doch: wieso ist es immer so peinlich mehr als zweimal nachzufragen, ist es eine Gesellschaftsregel?
Immerhin gehen so durchaus interessante Informationen flöten..
@Chaosmotte … wenn die interessanten Infos flöten gehen, nun, vielleicht kannst Du sie dann doch noch hören?
25.09.2006, 19:44 von pacozaq… das Nachfragen ist deshalb peinlich, weil man damit jemanden bemüht, vermute ich und das ist einem unangenehm.
… ich weiß nicht, ob Dir das hilft, was ich jetzt noch schreibe: wenn ich in lauten locations bin und will oder muß mich unterhalten, dann wende ich folgenden Trick an: ich verschließe mit dem sog. "Tragus" (dieser Knorpel vor dem Hörgang) den Gehörgang, aber nicht komplett. Und plötzlich braucht man mich selbst in lautesten umgebungen niemand mehr anzuschreiben (sie tun es aber trotzdem :)
ich habe keine ahnung, wieso das funktioniert und noch weniger ahnung habe ich, ob Dir dieser Trick irgend etwas bringt. aber es ist eine idee, die Du vielleicht irgendwie für Dich abändern und auch anwenden kannst?
@pacozaq Häh?:)
25.09.2006, 19:52 von ChaosmotteUNd wie bitte verschließt Du den sogenannten Tragus?Mit dem Finger? Vorstellen kann ich es mir schon, ich lese sehr viel von den Lippen ab, kann also Leute auf gewisse Entfernung verstehen ohne das ich sie höre..das wiederum erfordert viel Konzentration und den vollen Blickkontakt, also von Angesicht zu Angesicht..Kann aber schlecht die ganze Zeit darauf bestehen das sich die Leute zu mir wenden, die Musik spielt schließlich überall;)
Fest steht auf jeden Fall, es ist einem peinlich weil man andere Leute bemühen muss, um etwas bitten muss, was nervig sein könnte..
Das wiederum macht uns zu ziemlich unsicheren Menschen die sich immer entschuldigen müssen und zu ihren Fehlern mehr schlecht als Recht stehen können!
@Chaosmotte ja, natürlich mit dem Finger, mit den Ohren wackeln kann ich noch nicht, dann erst recht nicht mit dem Tragus :-)) Wär aber cool, dann fragen mich die Leute (die das von mir noch nicht kennen) auch nicht ständig, warum ich mir ständig die Ohren zuhielte …
25.09.2006, 20:07 von pacozaq… und wegen der Unsicherheit fragt man auch schon gar nicht mehr – und nickt einfach nur noch.
hey, aber das mache ich auch, nicken, obwohl ich nix verstanden habe. man merkt schon meist, ob es was wichtiges war oder nicht. in letzterem Falle: nicken, lächeln und gut is'