Anna-Lena_Moesken 10.06.2010, 15:01 Uhr 0 1

Kochguerilla

Abseits der Gourmetrestaurants wächst in Berlin eine neue, exklusive Esskultur. Köche laden zu spektakulären Menüs in ihre Privatwohnungen. Doch die SUPPER CLUBS sind illegal.

Der Hinterhof liegt im Dunkeln, Türen führen in Treppenhäuser und Seitenflügel, Orientierungslosigkeit, einen Moment zweifle ich. Dann fällt mein Blick auf das weit geöffnete Fenster im Erdgeschoss zur Linken, im Raum dahinter leuchten kristallene Kronleuchter über einer langen Tafel, auf dem Tischtuch blitzen filigrane Weingläser, ein Mann steht an einer schweren Vitrine und poliert Silberbesteck. Vorsichtig flüstere ich: »Lotería Supper Club?« Dann die Erlösung: »Ja, richtig, herzlich willkommen!« Mit einer Handbewegung bedeutet mir der Mann, durch das Fenster zu klettern. Ich bin die erste Besucherin. Plötzlich mittendrin, jemand reicht mir ein Glas Margarita, ich bin zu Gast bei einem Guerilladinner.

Eine Tür weiter, in einer winzigen Küche, steht Lilly * und brät Pupusas, kleine südamerikanische Maisfladen, die mit Käse gefüllt sind. Aus einem Laptop auf der Fensterbank vibriert kubanische Musik. Lilly ist keine Köchin, sie studiert Politikwissenschaft. Trotzdem werden in ihrer Wohnung heute zehn Leute ein sechsgängiges Dinner essen, das sie wochenlang geplant, für das sie tagelang eingekauft und Stunden am Herd gestanden hat. Fremde Leute, die bei Lilly am Esstisch sitzen werden, auch ein, zwei Freunde und Freunde von Freunden. Sie haben sich für das Dinner auf eine Mailingliste eingetragen, Lilly schickte ihnen das Menü, sie reservierten, bekamen die Adresse. Fünfzig Euro kostet der Abend, den Preis empfiehlt Lilly in ihrem Blog, er deckt so gerade die Kosten für die Einkäufe.

Guerillaköche wie Lilly kochen ohne Lizenz. Ihre Supper Clubs sind illegal, verborgen organisiert via Blogs und geschlossenen Facebook-Gruppen. Wer bei ihnen essen will, kennt jemanden, der jemanden kennt, der Bescheid weiß. Guerillaköche zahlen keine Steuern, ihre Küchen werden nicht auf hygienische Standards hin kontrolliert. An Gewerbeaufsicht und Finanzamt vorbei wächst in Berlin eine Esskultur im Untergrund; jenseits der etablierten Restaurantszene werden Abend für Abend ambitionierte Menüs aufgetischt. Da gibt es Laien, die gerne aufwendig für andere kochen. Es gibt Halbprofis, die gerade keine Anstellung als Koch haben. Und es gibt Spitzenköche, die eine Abwechslung zum stressigen Restaurantbetrieb suchen - und eine steuerfreie Nebeneinkunft obendrein.

In den vergangenen Jahren sind Kochen und gutes Essen zur neuen Trendsportart für Großstädter geworden, und zwar einer, in der Bestleistungen erzielt werden müssen. Wer etwas auf sich hält, kauft sein Pesto nicht mehr im Supermarkt, sondern zerstampft wie Tim Mälzer Pinienkerne und Biobasilikum in Keramikmörsern, salzt sein Fleisch mit Himalajasalz, Gemüse wird nicht mehr gebraten, sondern blanchiert, und selbst auf WG-Partys sind Unterhaltungen über den Unterschied zwischen Crème brûlée und Crema catalana nichts Ungewöhnliches mehr.

Dass die Supper Clubs so beliebt sind, ist kein Wunder in einer Stadt wie Berlin, in der das Ungewöhnliche längst Mainstream ist. Schon in den 90ern machten in Ostberlin unzählige geheime Bars und Clubs auf. Zwischennutzung war das Zauberwort dieser Zeit. Privilegiert, wer dabei war, im ersten WMF in den Räumen einer ehemaligen Besteckfabrik in Mitte. Oder in Clubs wie dem Sexiland, wo die Szene ein paar Monate in einer alten Tramstation ohne fließend Wasser feierte. Vieles verschwand so plötzlich, wie es aufgemacht hatte, während anderes, wie das WMF, über die Jahre legal wurde. Die Suche nach dem Geheimen, dem unbedingten Wunsch des Eingeweihtseins, ist bis heute geblieben.

Es waren die Künstler und DJs, die die Idee der Supper Clubs nach Berlin gebracht haben. Ihren Ursprung haben die Guerilladinner in New York. Dort besuchte auch der 34-jährige Andy regelmäßig Supper Clubs. Zu dieser Zeit arbeitete er noch sechzig Stunden in der Woche als Koch in Restaurants, um die teuren Mieten in Manhattan finanzieren zu können. Zeit, einen eigenen Supper Club zu organisieren, gab es nicht. Bis er mit seinem Freund, einem DJ, nach Berlin zog. Hier endlich fand Andy die Muße, jeden Abend aufwendige Gerichte für seinen Freund zuzubereiten, bis der irgendwann sagte: »Du solltest auch für andere kochen.« Seitdem klebt Andy einmal im Monat einen weißen Zettel mit der Aufschrift »Supper« auf das Klingelschild zu ihrer Wohnung in einer Seitenstraße unweit der Stalinbauten an der Karl-Marx-Allee, räumt die Möbel aus dem Wohnzimmer und wartet, bis sich bis zu zwanzig Gäste an den langen Holztisch setzen. Sein Menü erinnert an einexklusives Restaurant: Von Gänseleber über Blutorangenrisotto bis zu Mandeltarte.

Berlins Supper Clubs - ungefähr zehn gibt es inzwischen - sind alle unterschiedlich, mal stehen die spektakulären Gerichte im Mittelpunkt, wie beim Profikoch Andy, dann wieder sind sie wie ein Familienessen, kosten nur fünfzehn Euro wie beim c&d-Supper, das zwei 23-jährige Frauen aus Los Angeles vor allem als Möglichkeit sehen, neue Leute zu treffen. Für Guerillaköchin Lilly ist ihr Supper Club dagegen ein soziales Experiment. Schauen, was passiert, wenn der Zufall Menschen an einem Tisch zusammenbringt.

»Essen hat so viel damit zu tun, wo du herkommst «, sagt Lilly, während sie Teigbällchen zu Tortillafladen zusammenpresst. Sie ist in San Diego an der Grenze zu Mexiko aufgewachsen. »Meine Eltern haben ständig Freunde eingeladen«, erzählt sie. Und erinnert sich, wie sie auf dem Schoß ihrer Mutter liegend bis tief in die Nacht den Gesprächen am Esstisch lauschte, bis sie selig schlummerte, geborgen von dieser ganz bestimmten sozialen Wärme, die sich nur dann breitmacht, wenn gute Freunde zusammensitzen, trinken, lachen und die Zeit vergessen.

Inzwischen löffeln die Gäste im Esszimmer Zitronensorbet aus einer ausgehöhlten Zitrone, ein erfrischender Zwischengang nach der herzhaften Blumenkohlsuppe mit Trüffelöl, die es als Vorspeise gab. Die Wangen der schwedischen Studentin am Kopf der Tafel sind gerötet vom Prosecco, den Lilly dazu serviert hat, neben ihr sitzt ein Kommilitone von Lilly, er kommt aus Melbourne, gegenüber von ihnen unterhalten sich ein New Yorker und ein Magdeburger abwechselnd über die Stadtplanung von Metropolen und Lillys ungewöhnliche Idee, dem Sorbet Basilikum beizumengen. In der Küche hört die Gastgeberin, wie die Gespräche am Esszimmertisch lauter werden, das Klappern der Gabeln auf den Tellern mischt sich mit Gelächter. Das ist der Moment, der sie glücklich macht. Wenn man sie darauf anspricht, dass das, was sie tut, illegal ist, zieht sie die Augenbrauen zusammen. »Ich würde einen Supper Club sofort auf legalem Weg machen wollen, wenn es einen gäbe«, sagt sie. Wenn es nach ihr ginge, sollte die Stadt das möglich machen. »Es geht hier doch nicht nur ums Essen, was hier entsteht, ist soziales Kapital.«

Für diese Sicht auf Guerilladinner gibt es bei den Behörden keinen Platz. Dort warnt man vor unkontrollierten Hygienebedingungen und den Gefahren in Amateurküchen. Doch solange die Supper Clubs keine Konkurrenz zu den konzessionierten Restaurants darstellen, sieht niemand Grund einzuschreiten. Also kochen die Guerillaköche weiter im Verborgenen. Andy sieht seinen Supper Club als Testlauf, sein Traum ist, irgendwann ein eigenes Restaurant zu eröffnen.

Als Lilly das Dessert bringt, eine Art Mousse au Chocolat, die sie mit einer Chilisorte gewürzt hat, die ihre Eltern aus Mexiko mitgebracht haben, legt sie die Schürze beiseite und setzt sich zu den Gästen. Jetzt ist sie nicht mehr nervös. »Man macht sich verletzlich, wenn man für Fremde kocht und sich ihrem Urteil aussetzt«, sagt sie. Später wird sie noch die Reste aus den Töpfen holen, noch eine Flasche Wein wird geöffnet. Niemand denkt daran zu gehen, kein Kellner wartet darauf, dass man die Rechnung bestellt. Als sich um drei Uhr die letzten Gäste verabschieden, wirft Lilly einen letzten Blick in die Altbauküche, der Abwasch kann bis morgen warten.

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