... ins neue Jahr
Alkoholbedingter Filmriss.
Mühsam schäle ich mich aus dem Bett. Ein Blick auf die Uhr offenbart mir, dass ich schon vor einer Stunde aufgestanden sein wollte. Ich hatte verdrängt, dass man im fortgeschrittenen Alter viel länger braucht um zu regenerieren. Im meinem Bauch ist ein unbequemes Quadrat platziert und weigert sich einem befreienden Gefühl zu weichen. Abgeklärt, wie Franz Beckenbauer im Interview, eile ich zum Kühlschrank und greife zur letzten, angebrochenen Flasche Rum und trinke ihn in großen Schlücken pur. Uh, die bekannten Symptome treten auf. Nach meiner Erfahrung benötige ich noch knapp dreißig Minuten. Zeit, die ich nicht habe, also führe ich meine Zahnbürste Richtung Zäpfchen und dann merke ich auch schon, wie sich die Peristaltik meiner Speiseröhre umkehrt (meine alte Biolehrerin wäre stolz auf mich, bei diesem angewandten Wissen) und ich mich mehr oder weniger gewollt in mehreren Schüben übergebe.
Schub 1 ist wie die Einleitung eines Textes und befördert einen oberflächlichen Überblick über das behandelte Thema zu Tage. Ich sehe etwas vom Dinner und von der damit verbundenen Weinprobe. Schub 2 ist definitiv der Hauptteil, denn das neu entstandene Kunstbild in der Kloschüssel beinhaltet Elemente des zweiten und dritten Ganges, Blumenkohlcremesuppe mit pochierter Roter Beete, sowie halbverdauten Wachtelflügeln und Stückchen vom Hasen. Bevor ich das so genau analysiert habe, zerstört Schub 3 das Kunstwerk mit einem Resümee aus allem. Schub 4 und Schub 5 sind wie Guttenbergs Literaturverzeichnis nur noch heiße Luft und lassen die letzte Magensäure hochkommen.
Mir steht der Schweiß auf der Stirn und meine Knie zittern wie Espenlaub, als ich mir mit kaltem Wasser das Gesicht wasche und den Mund sorgfältig ausspüle, um mir danach ausgiebig die Zähne zu putzen. Kurz beschlich mich Panik, dass ich die Zahnbürste beim ersten Schub in die Schüssel katapultiert hätte, aber sie liegt sauber auf dem Waschbeckenrand. Um etwas im Bauch zu haben, trinke ich gierig die Rohrperle aus dem Wasserhahn. Das Schlucken schmerzt und ich kann mir ungefähr ausmalen, wie sich ein Pornostarlet nach einem Deep Throat-Gangbang fühlt.
Draußen ist es noch dunkel und ich schlummere umgehend wieder ein, bis mich ein nerviges Vibrieren stört, das von meinem Handy ausgeht. Fuck, schon halb zehn Abends und ich sollte doch ab acht Uhr auf der Party sein. Zwölf Nachrichten und 27 verpasste Anrufe sprechen für sich. Die Hälfte der Nachrichten kann ich löschen, denn sie gehören zu diesen inflationären „Guten Rutsch“ Rund-SMS, die an mich unverlangt gesendet wurden.
Meiner Kehle scheint es besser zu gehen und so dusche ich und mache mich fertig, um nicht als letzter bei der Party im Friedrichshain aufzutauchen. Doch zunächst brauche ich noch eine richtige Grundlage im Magen. Mich dürstet es nach Bratkartoffeln mit Spiegelei oder etwas ähnlich Deftigem, aber mein Kühlschrank ist leer bis auf Alkohol. Ich sollte dringend mein Einkaufsverhalten überdenken. Also schultere ich meine Tasche voller Böller, Pyrotechnik und Rum, und begebe mich zur U-Bahn, was gleich zu einem Tag im Libanon verkommt, denn durch die schallisolierten Fenster ist mir entgangen, dass jetzt offiziell geböllert werden darf.
Die U-Bahn Richtung Alex ist gefüllt mit gutgelaunten Menschen aus aller Herren Länder. Ein Hunger- und das Blackoutgefühl von gestern Abend machen mir zu schaffen, aber ich lasse beim Aussteigen zwei miese Polenböller im U-Bahnhof losgehen, was ein paar spanische Girlies veranlasst zu kreischen und ihre Sektflasche fallen zu lassen. Jetzt habe ich gute Laune und hüpfe zur Party und schlüpfe in einer Feuerpause in den Eingang, denn meine Mitfeiernden ballern nonstop vom Balkon auf die Straße, um die ganzen Touristengrüppchen aufzuscheuchen, die auf dem Weg zur Warschauer Brücke alle zehn Meter von einem anderen Balkon beschossen werden.
Bevor ich zur Begrüßungsrunde ansetze, pflüge ich durchs Buffet und stopfe Unmengen von Kartoffelsalat, Bouletten, Pfannkuchen, Eiern, Kassler und belegten Brötchen in mich hinein. Nebenbei eröffne ich mit siebenjährigem Havanna den Abend und begebe mich auf dem Balkon auf Erinnerungssuche des gestrigen Abends, als mich ein Freund auf meine Verspätung anspricht.
Zufällig flattert ein weiterer Neujahrsgruß via Handy zu mir, der für Aufklärung sorgt, denn eine Melissa bedankt sich für das Nachhausebringen nach dem gestrigen Abend und wünscht mir einen guten Rutsch und würde sich echt freuen, wenn wir mal wieder etwas zusammen unternehmen. Ich rufe sie aus Restaurierungsgründen meines Gedächtnisses umgehend zurück und frage durch die Blume, wie denn ihr restlicher Abend denn war: Sie hatte mich als Begleitung bei einem Arbeitsessen mit gleichzeitiger Weinverkostung dabei (deswegen lagen meine guten Klamotten auch in der Wohnung umher), dort hätten wir wohl durcheinander diverse Weißweine und Sekte getrunken und ein ordentliches Fünfgängemenü (siehe oben) verspeist, bis wir weiter in eine Bar zogen. Danach weiß sie nur noch, dass ich sie bis nach Hause gebracht habe und weitergezogen wäre. Sie hat wohl ein furchtbar schlechtes Gewissen, dass sie mich nicht auf ein Käffchen raufgebeten hat und bedankt sich zu oft für das bisschen Anstandwaren meinerseits. Das erklärt aber noch nicht den Rest. Da hilft wiederum mein Kumpel Martin, der im Wohnzimmer rumtönt, wie er mich gestern Nacht bei Klaus auf der Playstation abgezogen hätte. Nach seiner Ausführung muss ich gestern lattendicht und angepisst von einem missglückten Date bei Klaus aufgetaucht sein und mich mit Whisky weiter zu Grunde gerichtet haben. Das könnte sogar stimmen, glaube aber nicht, dass ich gegen den Noskiller Martin bei Fifa 12 verloren habe.
Der dritte Abend Vollsuff hintereinander deutet sich an und dementsprechend halte ich meine Mischen im dezenten Rahmen, gewinne mit meiner Zufallstruppe bei „Activity“, einem Gesellschaftsspiel, feiere zum Udo Jürgens Medley auf ZDF und stoße am Neujahr erst an, dann ein Tablett mit Sektbechern um. So starte ich putzend in 2012 und rockere die nächste Stunde auf der Straße rum, um fleißig Zerstörungspunkte zu sammeln und von heißen Touristenmiezchen meine Neujahrsküsse abzuholen, wobei ich zu ein bis zwei Liter Sekt mittrinken genötigt werde. Danach wird es dunkler.
Ich weiß noch, dass ich nach einer kleinen Massenschlägerei mit einer anderen Truppe auf die Schnapsidee gekommen bin, in den Wedding zu einer anderen Party von Freunden zu fahren, um mit denen ebenfalls anzustoßen. Äußerst schlechte Idee, im stark angetrunkenen Zustand vom Friedrichshain über Prenzlauer Berg nach Wedding mit den Öffentlichen zu fahren. Aber in meinem Alkoholtran muss mir das anscheinend egal gewesen sein. Ich kann mich auch noch erinnern, wie ich auf der Party ankam, weiter trank und wieder Richtung Friedelhain torkelte, aber dann hört es auf. Woher kommt der Stempel vom Icon auf meinem Arm? Was bedeutet das Foto im Handy mit einem Sombrero auf und zwei Schwedinnen im Arm am Gesundbrunnen? Was bedeutet das Foto im Handy mit einem Engelchen und Teufelchen am Alex? Warum sind meine Knöchel der rechten Hand aufgeplatzt und mein Handgelenk angeknackst? Warum bin ich erst am 02.01. nachmittags wieder aufgewacht?
Fragen über Fragen, doch eine Antwort findet sich eh nicht. Mein Vorsatz fürs neue Jahr lautet: Sag Ja zum Leben und sei netter zu den Girls.





Kommentare
Ich fands am Anfang echt interessant aber im letzten Abschnitt wurde es mir dann doch zu abgedreht und erinnert mich stark an den Film Hangover
04.01.2012, 15:09 von NeverGrowUpOkay, das ist deine Meinung. Aber hat der Pissfilm Hangover jetzt den Universalanspruch auf Blackouts, dass man nicht mehr drüber schreiben darf, weil es ja nur ne billige Persiflage dessen ist?
04.01.2012, 15:14 von stereoGMhhh stimmt. SO hab ich das noch nie gesehen... Ok, überzeugt! :D
04.01.2012, 18:24 von NeverGrowUpRichtig so, immer schön auf stereoG hören.
04.01.2012, 22:04 von stereoGVolle Lautstärke.
04.01.2012, 22:06 von NeverGrowUp