coronaria 29.01.2010, 11:49 Uhr 20 7

Ich bin Vegetarier. Tut mir leid.

Warum will ich mich ständig dafür entschuldigen, dass ich kein Fleisch esse?

Vegetariern wird ja gern unterstellt, sie seien Gutmenschen. Gut, weil sie keine Tiere töten, die Umwelt weniger belasten und sich deswegen besser fühlen als der Rest der Welt.

Gutmenschen finden die meisten Nichtgutmenschen anstrengend. Weil sie es oft sind. Wenn sie erzählen, dass für die Wurst, die man gerade isst, ein Kälbchen sterben musste. Dass für das günstige neue T-Shirt Kinder zur Arbeit gezwungen wurden. Und von dem Geld für die Handtasche ein hungerndes Kind in Afrika ein Jahr essen kann.

Gutmenschen machen, dass man sich ungut fühlt. Niemand fühlt sich gern ungut. Daher schlagen wir die Gutmenschen mit ihren eigenen Waffen und machen sie schlecht. Gutmenschen tragen Birkenstockschuhe, pinkeln in die Dusche um das Spülwasser zu sparen, sehen mit Fahrradhelm und Filzblumen albern aus, sind langweilig, überholt, unangenehm.

Zu seinen Schwächen zu stehen ist stark und schädliche Leidenschaften pflegen ist cool. Wenn wir die Gutmenschen schlagen, in dem wir aus gut schlecht machen, fühlen wir uns, als hätten wir unserer Mutter endlich mal gesagt, dass die Kinder in Afrika einfach keinen Geschmack haben, wenn sie auf Rosenkohl stehen.

Ich halte mich beim Gutmenschen-Bashing meist zurück. Aus reinem Eigeninteresse. Könnte alles zurück kommen.

Bin ich doch Vegetarier. Angeblich ist das heute nicht mehr so schlimm wie früher. Wird gern von frühen Vegetariern behauptet. Weil es die „vegetarisch“-Spalte jetzt auch beim Schnitzel-König gibt (inkl. großen Salat mit Schinken) und kein Gastgeber sich traut, seinem vegetarischen Gast nur die Beilagen anzubieten.

Aber gerade das macht es schlimm. Früher wart ihr Revoluzzer. Irgendwo zwischen verrückt und fortschrittlich. Heute sind Vegetarier nur noch anstrengend. Eine Essenseinladung wird zur Qual. Vorher sagen, damit der Gastgeber sich vorbereiten kann? Erst sagen, wenn man da ist, damit sich der Gastgeber eben nicht mehr vorbereiten kann? Ich will keine Extrawürste. Auch nicht aus Tofu. Ich esse Beilagen. Gern. Und wäre bisher bei jeder Essenseinladung satt davon geworden. Oder hungrig nach Hause gegangen. Kein Problem.

Ist aber doch ein Problem. Weil sich dann der Gastgeber schlecht fühlt. Soll ja alles perfekt sein, soll sich ja jeder wohl fühlen. Also sagt man Bescheid, sagt, dass man wirklich nur Beilagen essen möchte, bekommt trotzdem einen mühevoll hergerichteten eigenen Hauptgang, eigene Beilagen zur vegetarischen Suppe und vorwurfsvolle Blicke von allen Seiten. Fühlt sich unwohl.

Wer einmal beim perfekten Dinner gesehen hat, mit wie viel Inbrunst die Teilnehmer sagen „Hoffentlich ist kein Vegetarier dabei“ der fühlt sich, als hätte er eine ansteckende Krankheit. Oder eben eine egoistische Macke.

Vegetarier sind pingelig, besserwisserisch, genussfeindlich. Anstrengend eben.

Eine Freundin von mir hat eine einfache Lösung gefunden. Sie sagt jedem, es geht ihr nicht um die Tiere, sie mag Fleisch einfach nicht. Dafür hatte bisher jeder Verständnis.

Leider kann ich nicht behaupten, dass mir Fleisch nicht schmeckt. Ich habe nie welches gegessen.

Ich fühle mich deswegen nicht besser als andere. Manchmal aber schlechter.

7

Diesen Text mochten auch

20 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Schlimm wird doch wenn sie mir extra nen vegetarischen Hauptgang kochen und dann Pilze als Fleischersatz verwenden - und was ich noch weniger mag als Fleisch sind Pilze....dann warn ich lieber niemanden vor und geh mit leerem Magen nach Hause als eine Champignon-Lasagne runter zu würgen und dabei noch dankbar lächeln zu müssen

    14.06.2011, 21:01 von AliceD
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Vegetarismus wird leider öfters mal mit der Birkenstock-Öko-Fraktion verwechselt...
    Ich bin zwar selbst auch Vegetarierin seit etwas über zehn Jahren, aber selbst ich hab manchmal Probleme mit Ebenfalls-Vegetariern bzw. Veganern... sobald nämlich jemand anfängt, andere Leute mit missionarischem Eifer vollzumüllen, der Verzicht auf tierische Produkte rette ja den Planeten bla bla bla, kann ich persönlich auch kein Gutmensch mehr sein.

    13.05.2011, 11:27 von redbullrockabella
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Noch nie Fleisch gegessen?
    Das ist der Wahnsinn, ich wünschte, ich könnte dies auch von mir behaupten..
    Guter Text :)

    02.01.2011, 07:33 von sehra
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Never say Sorry --- Just do it !!! Toller Artikel ... AR.

    05.08.2010, 11:39 von Alexander13
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Na, ich glaube es hat auch viel dazu beigetragen dass die schlimmste Unperson Vegetarier war...

    15.06.2010, 14:45 von BWLAllergiker
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wenn sie erzählen, dass für die Wurst, die man gerade isst, ein Kälbchen sterben musste.

    müssen sie für den Milchkonsum übrigens auch ...
    siehe auch:
    http://vegetarier-sind-moerder.de/

    achso, ich bin übrigens veganer und es tut mir nicht im geringsten leid ^^

    lg

    16.05.2010, 14:37 von vegan_screamo
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Als ich deinen Artikel las, kam ich mir gleich nicht mehr so "allein" vor. Ich kratz weder irgendwo was von der Pizzasemmel noch fisch ich mir aus anderen Sachen was raus. Für mich ist es total in Ordnung Salat zu essen, nur Nudeln mit Ketchup oder was weiß ich. Wäre doch gelacht wenn man uns Vegetarier nicht satt bekommt ;)

    03.05.2010, 13:51 von stoepselschn
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schwester im Geiste.

    26.03.2010, 02:48 von caroooho
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Schöner Text.
    Ich kenn beide "Varianten" von Vegetarieren. Wenn ich weiß, es kommt jemand der kein Fleisch isst - warum ist mir ziemlich egal - dann mach ich hald statt nur ner Schüssel grünem Salat auch noch nen Kartoffelsalat. Die meisten meiner Bekannten haben nämlich auch keine extra Wünsche, sondern "nur" Beilagen ist absolut ok. Wenn mir jemand sagt ob ich evtl auch noch nen Maiskolben machen könnte, mach ich das natürlich auch. Ich will ja, dass meine Gäste zufrieden sind. Und wenn einer sagt, hey, mach dir keinen Kopf, ich werd schon satt, wegen mir brachst nicht extra kochen, dann mach ich das auch nicht.
    Allerdings kenn ich auch die "anstrengenden" Vegetarier wie du sie nennst. Die dann nicht nur jammern und schimpfen, weil für sie nicht extra gekocht wurde und ob sie jetzt nur Salat und Brot essen sollen, sondern am Besten auch noch Vorträge halten wie man überhaupt Fleisch essen kann.
    Da bin ich dann auch so frei und geb ihnen gar nicht erst nen Teller und zur Not schmeiß ich sie auch mal raus.
    Ein ganz großes Extrem ist eine, da darf das Gemüse nicht in einer Pfanne oder nem Topf gemacht werden in dem schon irgendwann mal Fleisch gemacht wurde. Ja, die haben nen Doppelten Satz an Pfannen und Töpfen. Die haben auch zwei Grills. Weil auf dem einen liegt Fleisch, da kann man das Gemüse nicht auch drauf legen. Selbst wenn auf der Hälfte fürs Gemüse noch nie Fleisch lag.

    10.02.2010, 15:24 von KDX
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare