zett 16.10.2009, 11:35 Uhr 27 51

Ich bin so scharf auf deine G---

Die selektive Partnerwahl des eingeschränkt monogamen homo sapiens

°Liebe Klara,
weißt du noch, als wir uns das allererste Mal trafen? Es war, als wäre ich mit hundertachtzig Sachen gegen eine Betonmauer gerast. Ich wusste nicht, wie mir geschah, hatte keine Ahnung mehr, wo oben und unten war, mein ganzes limbisches System spielte verrückt und schrie: „Ja! Ja! Ja!“

Gute zwei Stunden später lehnten wir uns erleichtert zurück, in dem Bewusstsein, dass ich dir viel zu draufgängerisch war und du mir zu sehr in einer skurrilen Innenwelt gefangen warst. Haarscharf waren wir an dem ganzen Beziehungsstress vorbeigeschrammt, mit einem blauen Auge davon gekommen. Gott sei Dank, es war nichts passiert. Es passte vorne und hinten nicht und Ratio tanzte: „Nein! Nein! Nein!“

Aber schlimmer noch als Beziehungsstress, ist Beziehungsvermeidungsstress. Dieses komische Gefühl im Bauch wollte nicht nachlassen. Also gingen wir uns die folgenden Wochen, Monate und Jahre tierisch auf die Nerven. Ich konnte einfach nicht von dir ablassen, konnte dich nicht loslassen, obwohl ich dich doch eigentlich nicht haben wollte. In unseren lichten Momenten, den wenigen Augenblicken, in denen wir ausnahmsweise friedlich miteinander umgingen, beichtetest du mir, dir ginge es genauso. Na, herzlichen Glückwunsch!

Oft kämpfte ich mich nachts über und unter Bettdecke und Laken auf der Suche nach dem Sinn, nach der Antwort auf die entscheidende Frage, was, um alles in der Welt, ich an dir fand? Was ließ mich immer und immer wieder an dich denken? Was hielt mich davon ab, dich auf den Mond zu schießen, dahin, wo du hingehörtest, wenn ich wieder ein normales Leben führen wollte. Und weshalb konnte ich es nicht sein lassen, dich bei jeder Gelegenheit zu verletzten, damit ich sah, wie du reagiertest und ich sicher sein konnte, dass ich dir noch nicht egal war?

Bis zu jenem Tag, an dem ich das Buch der Kognitionswissenschaft las, über den primitiven Mechanismus des Verliebens, der einfachen chemischen Mixtur, die freigesetzt wird, damit das Herz anfängt zu rasen, die Hände feucht werden, die Wangen gerötet, die Nächte unruhig und der Magen rebelliert. Ein neuronales Feuerwerk, sobald das allwissende, gütige, und unendlich weise Unterbewusstsein das Signal zum Angriff gibt, weil die selektive Partnerwahl des eingeschränkt monogamen homo sapiens schnell gehen muss.

Mit einem Schlag war mir alles klar. Und je länger ich darüber nachdachte, desto logischer wurde es: Ich bin so scharf auf deine Gene. Wenn wir unsere Gene zusammenschmeißen, muss etwas wunderbares dabei heraus kommen. Du denkst, das ist der dümmste Versuch dich ins Bett zu bekommen, der dir je begegnet ist. Aber das ist es nicht. Du passt optisch überhaupt nicht in mein Beuteschema, was es für mich schon immer komplizierter und unverständlicher machte. Deshalb bin ich mit einer künstlichen Befruchtung einverstanden.

Also, liebe Klara, wie sieht es aus? Treffen wir uns nächsten Donnerstag und machen ein Kind?

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27 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    "Oft kämpfte ich mich nachts über und unter Bettdecke und Laken auf der
    Suche nach dem Sinn, nach der Antwort auf die entscheidende Frage, was,
    um alles in der Welt, ich an dir fand? Was ließ mich immer und immer
    wieder an dich denken? Was hielt mich davon ab, dich auf den Mond zu
    schießen, dahin, wo du hingehörtest, wenn ich wieder ein normales Leben
    führen wollte. Und weshalb konnte ich es nicht sein lassen, dich bei
    jeder Gelegenheit zu verletzten, damit ich sah, wie du reagiertest und
    ich sicher sein konnte, dass ich dir noch nicht egal war?"

    Arsch auf Eimer.

    24.12.2013, 16:34 von Jessna
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  • 1

    So viel zum Thema "Liebe ist nur ein chemischer Prozess im Gehirn" ;)

    Wäre dabei, ist einfach mal wahr ;)

    01.05.2013, 22:06 von matilde
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  • 0

    so gut, so gut

    14.04.2013, 08:28 von Suenje
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  • 1

    Also bei mir wuerdest du mit der Masche durchkommen. :D

    27.02.2013, 17:32 von LupinaThirteen
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  • 1

    das kind müsste inzwischen mindestens zwei jahre sein oder? :)

    08.02.2013, 14:28 von timlink
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  • 4

    genial, meine "Krankheit" hat zumindest einen Namen!
    Beziehungsvermeidungsstress ist einfach ein wunderbares Wort.

    11.11.2012, 20:13 von ein_zipfelchen_zeit_in_der_tasche
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  • 0

    Übrigens: Der Text hat mich zum nachdenken angeregt und ich habe das weibliche Pendant dazu in meinem Blog geschrieben. Du wirst darin verlinkt und natürlich auch erwähnt;)
    Viel Spaß...

    17.05.2012, 16:22 von LadyL
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  • 1

    Hat mich zum Lachen gebracht, dabei ist mir heute gar nicht danach zumute. Vielen Dank! :)

    18.04.2012, 14:26 von Wortfetzen
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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