zzebra 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 0

Hara hachi bu

Essen macht Laune, satt und manchmal krank. Wie viel ist genug? Der Indikator, der uns das anzeigen soll, scheint unzuverlässig. Ein Lösungsansatz.

Weniger vertilgen macht gesünder. Doch das macht nicht zwangsläufig glücklich, angenehmer ist jedenfalls lecker essen. Am besten viel und oft, das hebt die Laune bis ein sättigendes Gurren in der Magengrube einen aufatmen und an Glückshormone erinnern lässt. Die in Glückskeksen verpackten weisen Sprüche von Konfuzius, die immer irgendwie richtig liegen, dreht und wendet man sie nur entsprechend, geben einem ein Alibi, das spätestens dann platzt, wenn man selbst aus den Nähten gerät. Alles nur Ausreden für die nächste üppige Portion. Dabei weiß doch jeder, dass unmäßiges Essverhalten krank macht. Wo bleibt da die Selbstbeherrschung?

Nur so viel zu essen, dass der Magen nicht ganz voll ist, ist die zielinhaltliche Übersetzung des japanischen Hara hachi bu, wörtlich heißt das: "Acht Teile von zehn voll". Das klingt vernünftig, doch der Mensch ist labil und inkonsequent - und gönnt sich gerne etwas mehr. Der Magenbeladungszustandsensor ist ein bestechliches Instrument unserer Endorphine, dieser fiesen kleinen Dinger, die uns gerne vorgaukeln, wir handelten richtig, wenn wir eigentlich etwas Falsches tun, siehe auch Schokolade, Nikotin, Sex etc. Her mit den Ersatzbefriedigungen!

Eine rigorose Methode ist dinner cancelling. "Das Abendessen überlasse deinen Feinden" besagt eine chinesische Weisheit, also hungrig und mit miefigem Atem ins Bett?

Man hat herausgefunden, dass der Körper in 14-stündigen Nahrungspausen vermehrt die Jungbrunnenhormone DHEA und Melatonin freisetzt, die das körperliche Wohlbefinden steigern und den Alterungsprozess hinauszögern. Der Körper, der nachts kein Nahrungsangebot erhält, muss vermehrt eigenes Körperfett verbrennen. Nicht erwiesen ist, dass mit zunehmender Verlängerung der Nahrungspausen der Dorian-Grey-Effekt eintritt, es gilt somit auch hier ein gesundes Maß - von wegen Bulimie.

Und überhaupt. Da ist eine eklatante Schieflage zwischen maßvollem Verhalten und nachhaltig propagierter Konsequenz. Wie eine Weisheit, die um ihrer selbst Willen die Runde macht, aber nur kopfnickend, kopfschüttelnd durchdiskutiert wird. Doch gesunde Ernährung ist keine self-fulfilling prophecy, sondern ein hartes Stück Arbeit und Beharrlichkeit.

Dass eine verminderte Kalorienaufnahme lebensverlängernd wirkt, klingt nicht nur logisch, es ist erwiesen. Sie wird aber selten befolgt, denn Endorphine werden vermehrt auch auf angenehmere Art, zum Beispiel durch gezielten Schokoladen- oder Bierkonsum ausgeschüttet. Die Integration des Wissens um die Mäßigung in den Alltag ist die Schwierigkeit: Man lebt schließlich nicht allein auf der Welt, sondern hat Freund, Familie, Feste, Fressanfälle, vom einen mehr, vom anderen weniger, je nachdem, welche Figur man im Leben macht. Außerdem hört man noch immer die mahnende erzieherische Stimme: "Iss deinen Teller leer!"

Hara hachi bu geht den Weg der Mitte, schreibt nicht den vollständigen Verzicht vor (sondern eben nur "acht von zehn"), fordert von uns die Reinigung durch sanften Hunger und eine positive spirituelle Grundhaltung, die es erlaubt, über aller Besserwisserei, allem neidvollen Naserümpfen und den verführenden Worten "Man gönnt sich ja sonst nichts" zu stehen. Der einfachste Gönner steckt übrigens im Egoisten - er gönnt sich selbst am meisten.

Es gilt also abzuwägen, auf welche Art man seine Glückshormone produzieren möchte: Verzicht kann ebenfalls Endorphine freisetzen, man muss nur von der Sache überzeugt genug sein. Leckere Angebote, denen man erliegen könnte, gibt es hinreichend, worin liegt da der Reiz? Ihnen zu widerstehen, ist viel grandioser: Es ist ein Sieg über sich selbst. Diesen Erfolg, dieses Glückserlebnis könnte man jeden Tag haben. Und nicht nur bei den letzten Bissen einer Mahlzeit sollte man sich öfter einmal fragen: "Brauche ich das wirklich?"

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