darkblue 31.03.2012, 18:35 Uhr 3 2

Erwacht „in“ einen Traum

Während der Narkose zur Spondylodese

Kurz vor halb sieben, das große Deckenlicht geht an und eine hübsche, junge Krankenschwester betritt das Dreibettzimmer. Sie stellt mir einen durchsichtigen Plastikbecher mit einer grünen Tablette darin auf den Nachttisch, legt ein OP-Hemd und ein Paar Thrombosestrümpfe daneben und flüstert, um meine beiden Bettnachbarn nicht zu wecken: „Guten Morgen Herr Hoffmann, sie sind heute als erster dran. Gehen sie gleich duschen, machen sich fertig für den OP und wenn sie wieder im Bett liegen, nehmen sie bitte die Tablette ein. Wenn sie Hilfe brauchen, klingeln sie einfach!“ Ich überlege kurz, ob ich sie um Hilfe beim Duschen bitten soll, aber verwerfe den Gedanken schnell wieder, da mir gerade überhaupt nicht nach ironischem Humor ist und mir ja klar ist, dass sie die Strümpfe meint.

Ich bin erstaunlich ruhig, wenn ich bedenke, dass mir gleich eine Bandscheibe entfernt werden, eine Künstliche eingesetzt und das Ganze mit schön poliertem Chirurgenstahl verbolzt werden soll. Vielleicht bin ich ja auch einfach nur froh, dass es nun endlich los geht.

Kurze Zeit später liege ich, hübsch gekleidet in meinen Krankenhaus-Dessous, im Bett und warte darauf, dass die Scheiß-Egal-Tablette endlich ihre Wirkung zeigt. Trypanophobie ist nicht gerade hilfreich vor so einer OP und ich gebe gerne zu, dass ich auch sonst kein Held bin, was Operationen und chirurgische Eingriffe angeht. Aber es dauert nicht lange, da beginne ich die Wirkung des Wundermittels zu spüren. In diesem Zustand würde ich gerne mal eine Diskussion über Zeit, Raum und Relativität, oder Ähnliches führen. Aber wo bekomme ich jetzt einen Gesprächspartner her, der ebenso bedröhnt ist, wie ich? Na gut, dann gebe ich mich halt meinen eigenen, verrückten Gedanken hin. Wow, wieso führt mein Dealer eigentlich nicht solche Tabletten? Und verdammt, wieso habe ich eigentlich keinen Dealer?

Von jetzt an geht alles ganz schnell, auf jeden Fall kommt es mir so vor. An den OP-Vorraum kann ich mich nicht mal mehr erinnern. Jetzt liege ich hier also verkabelt und verschnürt auf dem OP-Tisch, scherze gerade noch mit einer Schwester, die an mir rum wurschtelt, da kündigt der Anästhesist die Narkose an.  Mir wird eine Sauerstoffmaske aufs Gesicht gelegt und jemand fragt, woran ich gerade denke. Oh Scheiße, jetzt geht es also lo… und weg bin ich.

Ich komme wieder zu mir. Schön ich lebe noch, aber irgendwas ist anders, als nach der letzten Operation. Hier stimmt doch was nicht. Ich bin irgendwie so weit weg, kann mich ja gar nicht bewegen. Scheiße, was ist das? Kann meine Augen nicht öffnen, kann nicht sprechen, habe kein Körpergefühl. Aber wieso funktionieren verdammt noch mal meine Gedanken? Oh, ich höre Stimmen, also kann ich hören. Und ich liege auf dem Bauch, also muss mein Orientierungssinn auch noch irgendwie funktionieren. Oh Gott, jetzt ganz ruhig bleiben und erst mal hören, was die Stimmen um mich herum sagen. Höre aber nur: „Scheiße, er ist wach!“ Oh man, ich bin noch im OP und mit „er“, meinen sie mich. Meine Gedanken überschlagen sich. Wieso spüre ich den Endotrachealtubus nicht? Ja, will ich den denn gerade wirklich spüren? Nein! Aber wenn ich meinen ganzen Körper nicht spüre, woher weiß ich dann, in welcher Situation ich hier gerade stecke? Panik überkommt mich. Stelle mir meinen offenen Rücken vor, aus dem Klammern und Spreizer rausgucken. Ich muss mich bemerkbar machen. Haaalllllooooo, ich bin wach und kann Euch hören. Aber meine geschrienen Gedanken verlassen gar nicht erst meinen Kopf. Zum Glück laufen gerade keine chirurgischen Geräte. Zumindest höre ich keine. Die Vorstellung, jetzt einen Bohrer zu hören, lässt mich innerlich erbeben. Ich versuche mich mit aller Kraft zu bewegen, aber nichts passiert. Ein leichtes Schaukeln müsste doch schon ausreichen. Aber halt, nein! Was ist, wenn sie wirklich gerade mitten im Eingriff sind? Dann sollte ich mich besser nicht bewegen und ganz still da liegen. Vor meinem inneren Auge rutscht gerade ein Bohrer vom Knochen ab, weil der offene Rücken nicht still liegt. Oh Gott, bitte lass es nur ein Alptraum sein. Dann plötzlich… die Stimme kenne ich doch!? Das ist doch mein Arzt. Er schnauzt jemanden an - ich vermute den Narkosearzt. Das ist doch alles viel zu realistisch für einen Traum und was ist wenn… und wieder bin ich weg…

Als ich später, noch von der Narkose benebelt, im Krankenzimmer liege, kommt mein Arzt kurz vorbei, um nach mir zu sehen. Es sei alles super gelaufen und ich könne mich heute sogar noch kurz auf die Bettkante setzen und morgen das erste Mal aufstehen. Ich erzähle ihm scherzhaft von meinem grausamen Traum. Er meint nur, dass es keiner war. Ich sei wirklich aufgewacht, hätte sogar kurz mit meinem Hintern gewackelt, solle mir aber keine Sorgen machen, sie hätten noch nicht mal angefangen mich wieder zusammenzuschrauben. Er lacht. Die Bilder meiner Erinnerung werden plötzlich erstaunlich klar, ein Schauer geht durch meinen ganzen Körper und ich denke mir, dass Chirurgen einen seltsamen Humor haben müssen.




Tags: Phobie, Alptraum
2

Diesen Text mochten auch

3 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    Mein persönliches Horrorszenario! Schreckliche Vorstellung.
    Feiner Text.

    31.03.2012, 21:06 von nyx_nyx
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Beginnt mit Humor und endet auch so..und mittendrin?
    Ist schon sehr gruselig das Ganze.

    Will ich nicht mögen..weil das macht mir Angst.

    Aber ..gut geschrieben, trotzdem!

    31.03.2012, 20:06 von Frauuzi
    • Kommentar schreiben
  • Ski und Schiene

    Freeriden ist Tiefschneefahren für jedermann. Wir haben die besten Abfahrten verbunden – mit Hilfe der Eisenbahn.

  • Die Weihnachts-Links d. Woche

    u.a. mit klingenden Kassen, jeder Menge Vorfreude auf das Fest der Liebe und einem treffenden Rückblick auf die Highlights und Fauxpas des Jahres.

  • Wie siehst du das, Valerie Schmidt?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen oder Illustratoren. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

Adventskalender: Jetzt gewinnen!

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare