Erwacht „in“ einen Traum
Während der Narkose zur Spondylodese
Kurz vor halb sieben, das große Deckenlicht geht an und eine hübsche,
junge Krankenschwester betritt das Dreibettzimmer. Sie stellt mir einen durchsichtigen
Plastikbecher mit einer grünen Tablette darin auf den Nachttisch, legt ein
OP-Hemd und ein Paar Thrombosestrümpfe daneben und flüstert, um meine beiden
Bettnachbarn nicht zu wecken: „Guten Morgen Herr Hoffmann, sie sind heute als
erster dran. Gehen sie gleich duschen, machen sich fertig für den OP und wenn
sie wieder im Bett liegen, nehmen sie bitte die Tablette ein. Wenn sie Hilfe
brauchen, klingeln sie einfach!“ Ich überlege kurz, ob ich sie um Hilfe beim
Duschen bitten soll, aber verwerfe den Gedanken schnell wieder, da mir gerade
überhaupt nicht nach ironischem Humor ist und mir ja klar ist, dass sie die
Strümpfe meint.
Ich bin erstaunlich ruhig, wenn ich bedenke, dass mir gleich eine Bandscheibe
entfernt werden, eine Künstliche eingesetzt und das Ganze mit schön poliertem
Chirurgenstahl verbolzt werden soll. Vielleicht bin ich ja auch einfach nur
froh, dass es nun endlich los geht.
Kurze Zeit später liege ich, hübsch gekleidet in meinen Krankenhaus-Dessous, im
Bett und warte darauf, dass die Scheiß-Egal-Tablette endlich ihre Wirkung
zeigt. Trypanophobie ist nicht gerade hilfreich vor so einer OP und ich gebe
gerne zu, dass ich auch sonst kein Held bin, was Operationen und chirurgische
Eingriffe angeht. Aber es dauert nicht lange, da beginne ich die Wirkung des Wundermittels zu spüren. In diesem Zustand würde ich gerne mal eine Diskussion über
Zeit, Raum und Relativität, oder Ähnliches führen. Aber wo bekomme ich jetzt
einen Gesprächspartner her, der ebenso bedröhnt ist, wie ich? Na gut, dann gebe
ich mich halt meinen eigenen, verrückten Gedanken hin. Wow, wieso führt mein
Dealer eigentlich nicht solche Tabletten? Und verdammt, wieso habe ich
eigentlich keinen Dealer?
Von jetzt an geht alles ganz schnell, auf jeden Fall kommt es mir so vor. An
den OP-Vorraum kann ich mich nicht mal mehr erinnern. Jetzt liege ich hier also
verkabelt und verschnürt auf dem OP-Tisch, scherze gerade noch mit einer
Schwester, die an mir rum wurschtelt, da kündigt der Anästhesist die Narkose an.
Mir wird eine Sauerstoffmaske aufs
Gesicht gelegt und jemand fragt, woran ich gerade denke. Oh Scheiße, jetzt geht
es also lo… und weg bin ich.
Ich komme wieder zu mir. Schön ich lebe noch, aber irgendwas ist
anders, als nach der letzten Operation. Hier stimmt doch was nicht. Ich bin
irgendwie so weit weg, kann mich ja gar nicht bewegen. Scheiße, was ist das?
Kann meine Augen nicht öffnen, kann nicht sprechen, habe kein Körpergefühl.
Aber wieso funktionieren verdammt noch mal meine Gedanken? Oh, ich höre
Stimmen, also kann ich hören. Und ich liege auf dem Bauch, also muss mein
Orientierungssinn auch noch irgendwie funktionieren. Oh Gott, jetzt ganz ruhig
bleiben und erst mal hören, was die Stimmen um mich herum sagen. Höre aber nur:
„Scheiße, er ist wach!“ Oh man, ich bin noch im OP und mit „er“, meinen sie
mich. Meine Gedanken überschlagen sich. Wieso spüre ich den Endotrachealtubus
nicht? Ja, will ich den denn gerade wirklich spüren? Nein! Aber wenn ich meinen
ganzen Körper nicht spüre, woher weiß ich dann, in welcher Situation ich hier
gerade stecke? Panik überkommt mich. Stelle mir meinen offenen Rücken vor, aus
dem Klammern und Spreizer rausgucken. Ich muss mich bemerkbar machen.
Haaalllllooooo, ich bin wach und kann Euch hören. Aber meine geschrienen
Gedanken verlassen gar nicht erst meinen Kopf. Zum Glück laufen gerade keine
chirurgischen Geräte. Zumindest höre ich keine. Die Vorstellung, jetzt einen
Bohrer zu hören, lässt mich innerlich erbeben. Ich versuche mich mit aller
Kraft zu bewegen, aber nichts passiert. Ein leichtes Schaukeln müsste doch
schon ausreichen. Aber halt, nein! Was ist, wenn sie wirklich gerade mitten im
Eingriff sind? Dann sollte ich mich besser nicht bewegen und ganz still da
liegen. Vor meinem inneren Auge rutscht gerade ein Bohrer vom Knochen ab, weil
der offene Rücken nicht still liegt. Oh Gott, bitte lass es nur ein Alptraum
sein. Dann plötzlich… die Stimme kenne ich doch!? Das ist doch mein Arzt. Er
schnauzt jemanden an - ich vermute den Narkosearzt. Das ist doch alles viel zu
realistisch für einen Traum und was ist wenn… und wieder bin ich weg…
Als ich später, noch von der Narkose benebelt, im Krankenzimmer liege, kommt
mein Arzt kurz vorbei, um nach mir zu sehen. Es sei alles super gelaufen und
ich könne mich heute sogar noch kurz auf die Bettkante setzen und morgen das
erste Mal aufstehen. Ich erzähle ihm scherzhaft von meinem grausamen Traum. Er
meint nur, dass es keiner war. Ich sei wirklich aufgewacht, hätte sogar kurz
mit meinem Hintern gewackelt, solle mir aber keine Sorgen machen, sie hätten
noch nicht mal angefangen mich wieder zusammenzuschrauben. Er lacht. Die Bilder
meiner Erinnerung werden plötzlich erstaunlich klar, ein Schauer geht durch
meinen ganzen Körper und ich denke mir, dass Chirurgen einen seltsamen Humor
haben müssen.
Tags: Phobie, Alptraum






Kommentare
Ich habe schon ziemlich viele Vollnarkosen erleben müssen und das war und ist immer meine größte Angst.
01.04.2012, 10:48 von Mrs.McHMein persönliches Horrorszenario! Schreckliche Vorstellung.
31.03.2012, 21:06 von nyx_nyxFeiner Text.
Beginnt mit Humor und endet auch so..und mittendrin?
31.03.2012, 20:06 von FrauuziIst schon sehr gruselig das Ganze.
Will ich nicht mögen..weil das macht mir Angst.
Aber ..gut geschrieben, trotzdem!