Dela_Kienle 04.07.2006, 17:58 Uhr 0 2

Endlich verstehen .... Schokolade

Sie macht glücklich, sorgt für besseren Sex – und kann kleine Hunde töten: Schokolade, die »Speise der Götter«.

Hart und hochprozentig

Hallo! Mein Name … äh … tut nichts zur Sache. Ich bin Anonymer Schokoholiker. Angefangen habe ich in der Grundschule mit Kinderriegeln – und seitdem hab ich nie mehr aufgehört. Traube-Nuss oder Erdbeer-Pfeffer: Wissenschaftler haben entdeckt, dass in Schokolade 600 verschiedene Aromen stecken. Und ich liebe sie alle! Zum Glück bin ich nicht allein mit meiner Sucht. Der Durchschnittsdeutsche isst mehr als 10 Kilo Schokolade jährlich; nur Schweizer sind noch gieriger. Der Trend geht zu immer härterem, hochprozentigerem Stoff: zur Bitterschokolade. Alpenmilch ist was für Kinder. Wer Ahnung hat, schwört auf 55- bis 80-Prozentiges, bis der hohe Kakaoanteil die Zunge ganz pelzig macht. Der Umsatz an Bitterschokolade hat sich seit 2003 verdoppelt, die Branche spricht von einem »exorbitanten Erfolg«. Was beim Wein der Gran Cru, ist uns Schokoholikern der Criollo-Kakao – oder neuartige Kreationen wie »Chili mit Highland Whiskey«. Ooooohhh …

Stoff und Dealer

Anfang 2000 hat das EU-Parlament erlaubt, dass teilweise Billigfette die gute Kakaobutter ersetzen dürfen. Panscherbande! Noch mehr schlechte Nachrichten: Die »Financial Times« hat vor einem Kakaoengpass gewarnt, in fünf bis zehn Jahren. Es wird erwartet, dass die Asiaten bis zu 25 Prozent mehr Schokolade essen. Bei plötzlich steigender Nachfrage könnte aber nicht mehr genug Kakao produziert werden: Kakaobäumchen brauchen fünf Jahre bis zur ersten Ernte. Überhaupt sind sie zimperliche Diven. Nicht umsonst heißen sie »Theobroma«, also »Speise der Götter«. Sie wachsen nur in einem feuchtwarmen Gürtel rund um den Äquator, am liebsten im Schatten anderer Urwaldpflanzen. Mehr als zwei Drittel der Weltproduktion stammt aus Westafrika. Reife Kakaoschoten sehen aus wie gelb-rote Rugbyeier und sprießen direkt aus den Stämmen der Bäume. In ihnen schlummern 20 bis 50 Kakaobohnen. Die müssen einige Tage im Fruchtfleisch fermentieren. Dann werden sie nach Europa verschifft, geröstet, zerkleinert und mit Zucker, Kakaobutter und teils mit Milchpulver zerrieben. Weiter geht’s zum Herzstück jeder Schokoladenfabrik – zum »Conchieren«. Dabei wird die süße Masse manchmal tagelang geknetet. Bei welcher Temperatur, mit was für Geräten – das verraten Traditionsmarken nicht. Schon 1899 hat Sprüngli 1,5 Millionen Goldfranken an die Lindt’sche Konkurrenz bezahlt – für das Geheimnis des umwerfenden Schmelzes …

Abhängige und ihre Tricks

»Knack!« Wir Schokoholiker müssen nur eine Tafel durchbrechen – und erkennen am trockenen Knacken, ob gute Kakaobutter verwendet wurde. Für den Schmelz ist entscheidend, wie fein die Kakaopartikelchen gemahlen werden: In Deutschland sind sie zwanzig Mikrometer klein, bei den peniblen Schweizern hingegen nur zehn. Deshalb zergeht Schweizer Schokolade noch zarter im Mund. Soll sie auch seidig glänzen, müssen alle Fettkristalle gleichmäßig verteilt sein. Schmilzt eine Tafel in der Sonne, lösen sich die Kristallstrukturen wieder – und härten dann unregelmäßig aus. So bildet sich Fettreif, dieser weiße, eklige Belag. Schokofans von früher hatten diese Probleme nicht: Ursprünglichgab’sSchokolade nämlichnur flüssig. Schon vor 3000 Jahren hatten Mexikos Ureinwohner die Qualitäten des Kakaobaums entdeckt und schlürften bittere Aufgüsse namens »xocolatl«. Mit Honig gesüßt, wurden Schokoladentränke dann unter europäischen Adligen im 17. Jahrhundert hip. Königsmätresse Madame Dubarry, der sexuell erfinderische Marquis de Sade sowie Frauenheld Casanova glaubten fest an ihre hilfreiche Wirkung beim Liebesspiel. Und tatsächlich erklärte eine Studie von Mailänder Urologen jüngst: Bei Schokoliebhaberinnen sind Sexlust, Erregungsgrad und Befriedigung höher als bei Schokoladenverweigerinnen.

Bittersüße Erkenntnis

Die erste Tafelschokolade hat 1847 eine englische Firma hergestellt – als Medizin aus der Apotheke, vermischt mit zweifelhaften Zutaten wie Quecksilber. Heute steckt der Süßwarengigant Mars immense Summen in die Schoko- Pharmaforschung: In ein paar Jahren sollen Pillen mit Kakaoextrakten Diabetes, Demenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen lindern. Als Wunderstoff gelten Flavonoide, die vor allem in Bitterschokolade enthalten sind. Angeblich verteidigen sie die Körperzellen gegen freie Radikale und machen Gefäßwände flexibler. Herzspezialisten der Uni Zürich haben gezeigt, dass 40 Gramm hochprozentige Schokolade die Durchblutung acht Stunden lang deutlich verbessern. Laut finnischen Studien haben Schokoesserinnen ausgeglichenere Babys. Ein Stoff namens Theobromin hilft gegen Reizhusten und wirkt anregend – je nach Sorte putscht eine Tafel Schokolade wie eine Tasse Kaffee. Vor allem produziert der Körper dank Schokolade das Gute-Laune-Hormon Serotonin. Schokolade macht also glücklich – wenn man den Gedanken an das viele Fett und den Zucker verdrängt. Und bloß nicht auf die Idee kommen, euren Lieblingshund damit zu füttern! Je nach Studie und Hundegewicht können 100 bis 200 Gramm Bitterschokolade das Tier vergiften und töten – weil Hunde den Stoff Theobromin nicht vertragen. Selbst schuld, wer seine Schokolade teilt!

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