init-admin 10.12.2009, 11:05 Uhr 0 0

Dünnes Thema

Nach 16 Uhr esse ich ja gar keine Kohlehydrate«, »Backpflaumen machen einen flachen Bauch«, »für mich bitte nur eine halbe Portion«, »oh je, so ein gemischter Salat stopft ja ganz schön«. Noch schlimmer als Frauen, die nicht essen, sind: Frauen, die DARÜBER REDEN, nicht zu essen. Text: Meredith Haaf

Ich habe nicht vor, mein Geld künftig als Stripperin zu verdienen. Doch so, als hätte ich das gerade angekündigt - schockiert, besorgt und auf eine leicht perverse Art erfreut - reagierte Sara: »Echt, du schaffst so ein ganzes Brötchen?«, sagte sie und machte dabei Augen wie zwei Spiegeleier. Wir saßen beim Frühstück, hatten eben noch über Zukunftspläne geplaudert, und gerade war ich dabei, die zweite Hälfte einer Müslisemmel mit Erdbeermarmelade zu bestreichen: »Ja, ich denke schon«, sagte ich. »Wow«, sagte Sara, »nur, weil, also mir wäre das ja viel zu viel.« Sara ist dünn, hat früher aber gerne damit angegeben, drei Whopper ver drücken zu können. Ihr großes Staungesicht gegenüber meiner Semmel konnte nur heißen: Sara war zur Hungermanagerin geworden, sie führte ihren Körper wie andere ein modernes Unternehmen, mit »schlankeren Strukturen« und maximaler Kosten-Nutzen-Effizienz bei jedem Bissen. Das Frühstück war die Bilanzpressekonferenz der Diät-Ich-AG mit einer Key Message: »Ich kümmere mich um meinen Körper! Und was ist mir dir?«

Hungermanagement hat Hochkonjunktur. In meinem Bekanntenkreis werden Menschen, die einfach nur »in Ruhe« essen, immer seltener. Und jeder kennt ein paar gusto-rhetorisch Gestörte unter seinen Mitbewohnern, Kollegen oder Freunden. Sie sabotieren Mahlzeiten mit Vorträgen über Blutzuckerspiegel, Atkinsoder Gurkendiät. Sie sagen: »Du haust ja ganz schön rein«, und zwinkern einem dabei pornografisch zu. Die einen schieben einen halb gegessenen Teller Salat von sich weg und stöhnen: »Ich bin so voll.« Die anderen erläutern, warum sie dank Backpflaumen zum Frühstück »ordentlich auf Toilette» gehen können, und traktieren ihre Tischgenossen mit Kommentaren zu deren Appetit, der immer zu klein oder zu groß, aber niemals nicht der Rede wert ist. Wenn Essen im selben Raum mit ihnen ist, werden sie zu Diätopathen, die ihre Ess- und Redestörung rücksichtslos ausleben. Und alle haben ein Problem mit Brot!

Es gibt zum Beispiel diese Freundin, mit der man sich nachmittags zu »Kaffee und Kuchen« verabredet. Kaum steht man vor der Auslage in der Konditorei sagt sie wie bestellt: »Boah, so viele Versuchungen!« Dann wird lange überlegt - Himbeertorte oder doch lieber Käsesahne? Aber eigentlich hätte sie ja auch Lust auf Schokolade und na ja, vielleicht hat sie eigent lich auch gar nicht richtig Lust.

Wer nicht isst, zeigt: Ich bin diszipliniert, schlank und attraktiv

Am Ende nimmt sie einen kleinen Cappuccino. Ohne Kuchen: »Schnuppern hat mir schon gereicht. Aber dir guten Appetit!« Vielen Dank auch: Nichts ist schlimmer als ein Gespräch über Ess verzicht beim Essen. Selbst eine Diskussion über eiternde Schusswunden oder Intimausschläge wäre mir angenehmer.

Man braucht keinen Doktortitel in Psychologie, um zu verstehen, dass das Verzichtsgerede eine kompensatorische Funktion hat. Die Essneurotikerin füllt ihren Mund mit Worten statt mit Spaghetti Carbonara (Signifikant statt Referent!). Weil sie ständig hungrig ist, wird jedes Tortenstück zu einem Fetischobjekt, das gerade deswegen so verführerisch ist, weil sie es sich selbst verboten hat. Die Menschen, die am seltensten Sex haben, reden ja auch am meisten darüber!

Jemand, der im Bett jede Berührung live mitkommentiert - »Echt, du willst da wirklich lecken?«, oder »Oh je, du gehst ja mal ab!« - würde vermutlich recht schnell nach Hause geschickt. Leider ist das Reden über Essen gesellschaftlich wesentlich akzeptierter. Der Sozio loge Pierre Bourdieu stellte fest, dass Menschen, je nachdem welcher gesellschaftlichen Klasse sie sich zugehörig fühlen, zu bestimmten Speisen greifen - dass also Arbeiter Eintöpfe bevorzugen, während Akademiker und Freiberufler leichte oder ausgefallene Kost präferieren. Mit der perfekten Handhabung der Hummerzange beweisen sie Geschmack und Stil, grenzen sich von »Currywurst-Proleten « ab und sammeln das »symbolische Kapital « der sozialen Anerkennung. Die gierigsten symbolischen Kapitalisten sind die Hungermanagerinnen. Indem sie nicht essen, signalisieren sie ihre Zugehörigkeit zum Milieu der Schlanken und Zwangsgestörten. Und weil sie fürchten, dass der leere Teller vor ihnen übersehen wird, reden sie über die Entsagung. Ist ja auch kein Problem: Ihr Mund ist nie voll.

Natürlich würde die Ernährungsmanagerin ihren Namen nicht verdienen, wenn sie nicht eine Kalorien-Exit-Strategie hätte, von deren Effizienz sie möglichst viele Menschen überzeugen will. Neulich traf ich auf einer Unifeier am Grill eine ehemalige Kommilitonin: Marie vertraute mir mit flackerndem Blick an, dass sie heute den ganzen Tag noch gar nichts gegessen habe und sich jetzt gar nicht entscheiden könne. Welche Bedeutung diese Information für mich haben sollte, war mir nicht klar. Tatsächlich inte res sierte mich in diesem Moment nur, beim Grill mann ein Steaksandwich zu bestellen. Marie atmete erleichtert auf: »Für mich dasselbe, aber ohne Brot.« Auf meine Frage, warum sie denn ein Sandwich ohne Sandwich wolle, ließ sie ihren Blick kurz an mir hinabwandern und sagte: »Ich esse keine Kohlehydrate. Hat für meine Figur Wunder gewirkt.« Seitdem sie ihre Kohlehydrate kon trolliere, habe sie zehn Kilo abgenommen: »Ich kann das wirklich nur emp feh len!« - als handle es sich um ein besonders schönes Hotel in der Bretagne. Das wäre wenigs tens eine brauchbare Information gewesen, so aber blieb mir von dem Gespräch nichts außer negativen Gefühlen einem Brötchen gegenüber.

Eigentlich hätte ich danach ein Bier bestellen sollen, um zu feiern, dass jemand anders die größere Neurose auf der Party hatte. Aber ohne es zu wollen, hatte ich mich bereits auf einen Zweikampf mit Marie eingelassen. Sie hatte einer Versuchung nicht nachgegeben, ich schon. Und obwohl ich weder mit meiner Figur noch mit Kohlehydraten besondere Schwierigkeiten habe, fühlte ich mich unterlegen. Personen, mit denen wir essen, beeinflussen unser eigenes Essverhalten. Die Ernährungspsychologin Alexandra W. Logue erklärt, dass Frauen normalerweise gemeinsam mit anderen mehr essen als alleine. Es gibt allerdings eine Aus nahme: »Wenn eine Frau mit einer anderen Frau isst, die wenig zu sich nimmt und das mit einer Diät begründet«, sagt Logue. »In dem Fall wird auch die erste Frau weniger essen.« Der Virus, der die Esskrankheit auslöst, ist hoch potent und breitet sich durch verbale Ansteckung immer weiter aus.

Menschen, die unter Waschzwang leiden, nerven ihre Umgebung in der Regel nicht mit Seifentipps, denn Waschzwang ist nicht sexy. Hun ger management aber schon. Stars wie Gwyneth Paltrow oder Jennifer Aniston reden über wenig anderes als ihre Spezialdiäten und Dauerdisziplin. Ihr Diätregime lässt sich ungefähr so zu sammenfassen: »Keine Süßigkeiten, mageres Fleisch und viel Salat. Zum Nachtisch gönne ich mir eine kleine Portion Magerquark, und was ich auf den Teufel meide, ist Alkohol.« Wenn die Hungermanager in Berlin-Kreuzberg und Mann heim schon nicht die Villen, Kontostände und Boyfriends der Stars haben, übernehmen sie wenigstens deren genussfeindliche Gesprächsthemen.

Ich weiß, dass Frauen geradezu auf Essstörungen konditioniert sind. Dazu haben die jahrtausendelange Unterdrückung, die Tradition der gegenderten Ernährung (»Das größte Stück für Papa«) und das moderne Schlankheitsideal beigetragen, das um 1920 in Mode kam, gerade als die Frauen der westlichen Welt zum ersten Mal politische Gleichberechtigung erlangten. Doch das ständige Reden über Semmeln, die man sich nicht erlauben kann, obwohl sie einem gar niemand verbieten will, ist kein Symptom, sondern ein großer Teil des Problems. Erst der Austausch über Kohlehy drate und »Ich hab heut noch gar nichts gegessen« erzeugen den inneren und äußeren Druck, den kein Frauenmagazin-Diät- Spezial alleine hinbekommt. Sogar wenn Sara, meine Mitfrühstückerin, später Lust auf ein Brötchen gehabt hätte, hätte sie sich wegen ihres blöden Monologs nicht getraut, eins zu essen. Die Diäto pathen machen nicht nur ihre Umgebung fertig, sondern auch sich selbst.

Wer Waschzwang hat, nervt doch auch nicht mit Seifentipps

Es wäre allen geholfen, wenn die wenigen Gesunden den Hungermanagerinnen nicht auch noch die Komplimente ins Netz werfen, nach denen sie fischen (»Dabei bist du doch so schlank«, »Echt, du machst Diät«), sondern ihnen die Wahrheit sagen: »Du nervst!« Die Tisch etikette, also Rülpsverbot und Essen mit Messer und Gabel, konnte sich auch nur durchsetzen, weil zivilisierte Menschen (Eltern, Partner, Mitbewohner) sie hartnäckig eingefordert haben. Und Schmatzen ist viel harmloser als Verzichtsgerede. Es ist sehr einfach: Wer schon zum Essen den Mund nicht aufkriegt, hält am besten gleich die Klappe!

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