quatzat 29.09.2010, 20:19 Uhr 6 16

Die Exekution

So brüllten sie es in die Mikrofone.

In der Zeitung stand es heute ganz vorne auf der ersten Seite. Die Radiostationen hatten es bis in den letzten staubigen Winkel gesendet und selbst jetzt, am brütenden Nachmittag schrien es sich die Nachbarsjungen immer noch gegenseitig um die Ohren.

Ich stand auf dem Balkon und rauchte. Vor ein paar Stunden wäre mir nicht danach gewesen. So ändern sich wohl die Dinge. Belanglosigkeit ist wie Staub, sie sitzt unter, in und über allem.

Morgen wird sie exekutiert werden. So brüllten sie es in die Mikrofone, hechelten es in Fernsehgeräte und schrieben sich damit die Finger blutig. So hatte es auch Frida heute morgen gesagt.

Was blieb zu tun? In der ersten Reaktion nach wenigen schockbehafteten Minuten hatte ich Fotografien aus Alben und von Collagen gerissen. Ich hatte gierig Zeilen und Gedichte gelesen, die ich irgendwie zuordnen konnte. Es war eine profane Reaktion, wie ich jetzt, so rauchend auf dem Balkon, empfand, ein eher dumpfer Versuch, etwas wieder gut zu machen. Ein sich erbrechendes Eingeständnis von fehlender Initiative.

Morgen werden sie sie in einen Raum führen. Flach atmend und schon ein Schatten ihrer selbst wird sie daliegen und es ist anzunehmen, dass sie ihre Umgebung schon nicht mehr klar wahrnehmen wird. Wenn sie es jemals die letzten Jahre tat.

Heute ist ein Scheiß Tag, hatte ich zu dem Jungen gesagt, der mir die Zigaretten verkauft hatte. Er konnte mir nicht in die Augen sehen. Im Wohnzimmer saß meine Tochter mit roten Augen und schlief.

Morgen um zehn werden sie ihr das Gift injizieren, sie wird einschlafen, haben sie versichert. Es wäre ein schöner Tod, meinten sie und ich wünschte mir, sie hätten vorher alle einmal gekostet, um sich ihrer Worte auch sicher sein zu können.

Aber weil niemand hörte und mein Kind schlief, stand ich auf dem Balkon und rauchte, auf der Suche nach Erinnerungen und immer noch im harten Griff meiner Versäumnisse. Trauer empfand ich nicht, eher Wut über die Zeit und die Endlichkeit, diesen ganzen Schwachsinn, den keiner braucht. Wut über Abhängigkeit von etwas, was keiner versteht, Wut über Vergänglichkeit und Staub. Ich hasse die Belanglosigkeit, schrie ich in die Wand.

Frida legte den Arm um mich.

Es ist doch nur eine Katze, meinte sie.

Na und?, schrie ich und schämte mich, bevor ich weinen durfte.

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6 Antworten

Kommentare

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    "Brütender" Nachmittag?

    20.06.2011, 22:53 von justanotherpicture
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    Und ich musste schon so heulen als ich meinen Kater abgeben musste :(
    Wenn ich sowas mitbekommen hätte würde ich wahrscheinlich heute noch heulen.

    30.05.2011, 20:03 von Faraduna
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    Miau. So isset.

    30.09.2010, 23:06 von cosmokatze
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    Genial.

    30.09.2010, 21:40 von natatoria
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  • 1

    Es ist nie nur eine Katze.

    29.09.2010, 20:43 von Moogle
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