frau.von.ungefaehr 07.10.2010, 22:13 Uhr 19 24

Der Tod kommt auf hässlichen Sohlen.

Malewitsch saß auf dem speckigen Sessel, die gelblichen Quanten mit der beeindruckenden Hornhaut in einem Bottich mit lauwarmem Wasser

und starrte auf den Fernseher: Lange konnte das mit der Welt nicht mehr so weitergehen. In Tokio war schon wieder ein Irrer mit einer Pumpgun – Wo zum Teufel hatten einfache Leute wie du und ich nur immer diese Dinger her? – wild geworden und hatte in die Menge geschossen. Etliche Tote, viele Verwundete (von denen sicher auch noch einige sterben würden) und eine ganze Stadt, ein ganzes Land, ein ganzer Planet in Panik waren das beachtliche Ergebnis.

Seine Augen ruhten auf der Mattscheibe, vage dachte er noch, dass es so etwas unter Adolf nicht gegeben hätte, die Degenerierten, die um sich schossen, wären vor sich selbst bewahrt worden und wären, noch bevor sie für sich und andere eine Gefahr hätten darstellen können, im Zyklon B ersoffen. Er fummelte mit den Zehen an seinen Fersen herum, um zu überprüfen, ob die Haut schon weich genug geworden war. War sie nicht.

Gelangweilt knipste er sich durch das Nachmittagsprogramm, aus der Küche begann es nach Kaffee zu duften. „Prinzessin! Beeil dich mit dem Kaffee“ brüllte er in Richtung Küche, wo Mariana zusammenschrak und sich mit dem heißen Kaffee verbrühte. Dieser alte Arsch, wie sie ihn hasste. Wie sie ihren Job hasste. „Medizinische Fußpflege!“ Kein Schwein konnte freiwillig so einen Scheiß machen! Und wenn, dann nur sehr bedauernswerte Schweine, oder welche, die über eine bewundernswerte Ekelgrenze verfügen mussten. Wenn die Klienten auch noch so beknackt waren wie Malewitsch, fiel es Mariana hin und wieder sehr schwer, den Brechreiz zu unterdrücken.

Mariana balancierte den Kaffee, die Tasse und ihren Koffer ins Wohnzimmer und war angewidert von dem Berg Mensch in dem Sessel vor dem Fernseher. Vermutlich waren beide schon zusammengewachsen. Zusammengewachsen wie seine Fußnägel mit den fleischigen behaarten Zehen. Malewitsch nimmt die vom Wasser aufgequollenen Füße aus der lauwarmen Brühe und winkt unbeholfen mit den Zehen in ihre Richtung. „An die Arbeit, Prinzessin, ich habe meine Zeit auch nicht gestohlen.“

Den Kaffee und die Tasse stellt sie auf den Tisch, die Tasche daneben und ohne hinzusehen greift sie nach der Fußbank, auf der sie nun Platz nimmt. Sie legt sich ein Handtuch, doppelt gefaltet auf die Knie und Malewitsch lässt seine abstoßenden Mauken darauf fallen. Im Hintergrund sitzt ein ernst drein blickender Nachrichtensprecher, der über den Amoklauf in Tokio berichtet. Überall – selbst in Tokio – wäre Mariana jetzt lieber als bei diesem griesgrämigen Alten, der über dem Anblick in ihren Ausschnitt sogar vergisst zu pöbeln.

Mariana öffnet den Koffer: ein Sortiment etlicher Feilen, eigenartiger Zangen, Scheren, Pinzetten, Salben, Tinkturen und Öle kommt zum Vorschein. Mariana nimmt die gröbsten Instrumente zur Hand und beginnt ihre Arbeit. Sie feilt und schneidet und bohrt und quetscht sich in einen Rhythmus, der ihr dann doch irgendwie wieder behagt. Sie stellt sich manchmal vor, dass sie Holz bearbeitet. Skulpturen schafft. Adern definiert, Achillessehnen schön herausarbeitet. Bei Malewitsch gelingt ihr das nur sehr schwer, aber selbst bei ihm gelingt es ab und zu. Wenn er schweigt. Wenn er nur Berg ist. Wenn er nicht röchelt, als stünde er sehr kurz vor seinem Ableben.

Das Glück hat sie heute nicht. Er stammelt und prustet und räuspert und quietscht vor sich hin. Ob der Monolog, der keiner ist, ihr gilt, mag sie nicht entscheiden. Sie will in Ruhe ihre Arbeit machen. Ab und zu lüstert Malewitsch gierig in ihren Ausschnitt, wenn sie es bemerkt, senkt sie den Kopf noch weiter und verflucht die Altersgeilheit dieses ekelerregenden Mannes. Mariana kann sich nicht vorstellen, wie Malewitsch früher war. Sie stellt sich vor, dass er schon immer Berg war. Dass er schon immer abstoßend war. Auch seine Familie, seine Kinder, die von vergilbten Fotos an der Wand glubschen hält sie für Staffage. Requisiten eines Alltags, den es für Malewitsch nie gegeben haben kann.

Sie setzt seinen Fuß ab und nimmt den anderen. Der Fußpilz ist weiter gewuchert. Salbe dagegen braucht sie ihm nicht geben, er kommt nicht mit den Händen an seine Füße. Und so wuchert es und wuchert und wuchert und Mariana bleibt nichts anderes, als zweiwöchentlich zum Berg kommen und das am Fuß des Berges Wuchernde abzuraspeln und zu behandeln.

Malewitsch nimmt die Tasse, trinkt einen Schluck, Milchkaffe läuft ihm aus dem Mundwinkel über den Bart auf den Bauch. Hinterlässt dort, von Mariana und Malewitsch unbemerkt, eine braune Spur. Mariana ist fertig. Sie interessiert sich manchmal für absurde Aufzählungen und wieder einmal würde es sie brennend interessieren, wie viel in messbarem Gewicht sie schon von Menschen und Bergen wie Malewitsch abgeschnibbelt, abgehobelt, abgeraspelt hat. Sehen würde sie den Haufen lieber nicht so gern, aber wissen wie schwer er wäre. Sie trocknet ihm die Füße ab, salbt sie dick mit Schrundensalbe, streift ihm Socken über und hilft ihm in die Pantoffeln.

Sie nimmt die Werkzeuge, bringt sie ins Badezimmer, holt die Schüssel mit dem inzwischen kalten Wasser aus dem Wohnzimmer. Malewitsch donnert ihr mit der flachen Hand und ordentlicher Wucht auf den Hintern und Mariana schwappt ziemlich viel Wasser aus der Schüssel auf den Teppich. Kommentarlos lässt sie den geifernden alten Sack im Sessel sitzen, schüttet das Wasser weg, nimmt ein paar Lappen und legt sie auf den nassen Teppich. Siegesgewiss und selbstverliebt glotzt der Alte ihr hinterher.

Im Badezimmer lässt Mariana Wasser ins Waschbecken und beginnt, die Folterinstrumente zu reinigen. Ihr Kopf hämmert unerträglich. Die Hände tauchen in dem warmen Wasser ab. Tiefer. Die kurze spitze Schere piekt sich in das Nagelbett ihres linken Zeigefingers. Sanft färbt sich das Wasser rosig. Mariana lässt sich auf den Klodeckel fallen, stützt den schweren Kopf in die nassen Hände. Will weinen. Weinen geht nicht. Kapitulation vor dem Berg wäre der Tod. Sie streicht sich entschlossen die aus dem Zopf gelösten Strähnen hinters Ohr, beendet die Reinigung der Instrumente. Verpackt sie sorgfältig in den dafür vorgesehenen Schlaufen des Koffers. Geht ins Wohnzimmer, wo Malewitsch immer noch lüsternen Blicks auf sie wartet. Mariana nimmt die leere Kaffeetasse und die Lappen, bringt alles in die Küche.

Gern würde sie noch ein wenig bleiben, um zu sehen wie die Droge zu wirken beginnt. Der Kaffee scheint ihm immerhin geschmeckt zu haben. Niemand wird Verdacht schöpfen, wenn die Nachtschwester ihn im Sessel vor dem eingeschalteten Fernseher, in dem sich noch immer alles um den Amoklauf in Tokio drehen wird, findet. Trockener Schaum um den Mund. Entsetzen in den schnell trüben Augen. Vielleicht würde er die Hand verkrampft an der Brust haben. Vielleicht würde Malewitsch aber auch aus dem Sessel purzeln, mit dem er verwachsen ist. Mariana wird es nicht erfahren. Sie blickt ihn an. „Bis in zwei Wochen, Herr Malewitsch!“ Nimmt den Koffer, lässt leise die Tür hinter sich ins Schloss fallen und geht.

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19 Antworten

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    Find ich gut! Aber ich kenn Füße als "Quanken"...

    19.10.2010, 14:56 von mixtapeape
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    Daumen hoch :) Sehr unterhaltsam, auch wenn man schon am Anfang weiß, worauf es hinausläuft...

    11.10.2010, 23:59 von Snaxs
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    Ist es Absicht, dass es von Absatz vier auf Absatz fünf von Präteritum auf Präsens wechselt?

    11.10.2010, 19:14 von Moogle
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    Furchtbar :X


    Gut zu lesen, unzumutbares Szenario. Hasse Füße und alles was dazu gehört, werde wohl heute Nacht schlecht träumen o;

    10.10.2010, 20:09 von Vitton
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    dich lesen bildet.
    ..und wieder die abgebrühte coolness drin. und wieder blutet sie...hätte gern gelesen, wie mariana sich sich das beschnitzen des holzblockfüßlings mit ihrem instrumentarium bis auf die knochen vorstellt...postmortem..oder bei lebendigem leib..er hilflos und zum zuschauen verhaftet...aber das hätte zu weit geführt..und miss christie lässt die mörder ja gewinnen :-) deswegen..der leise amok..wunderbar inszeniert vor dem lauten. starker set!

    danke für dieses ende eines herrenmenschentums.
    allerfeinste silent-psycho noir, wunderbares kammerspiel.
    Gee-Force sieh mich niederknieen!

    10.10.2010, 00:18 von Kokomiko
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    Und besonders lustig wieder die Googleanzeigen unterm Text. Au backe.

    08.10.2010, 19:58 von cosmokatze
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    Das nenne ich 'ne eiskalte Entsorgung.
    Bestimmt mittels Fußpilztinktur. Abartig gut geschrieben.

    Arbeitest du in einem Altenheim? Erst Pffffffftttttttttt und jetzt das hier ;)

    08.10.2010, 16:52 von Jackie_Grey
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      @Jackie_Grey Ich muss mich korrigieren: Der andere Titel lautete: "Fffrrrtllppprrrmmpfff" ;-).

      08.10.2010, 16:55 von Jackie_Grey
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