DieKleine 11.04.2007, 11:45 Uhr 21 9

Der Normalität entgegenwachsen

Knochenverlängerung. Klingt grausam - ist es auch, irgendwie. Und doch für Menschen wie mich - Kleinwüchsige - die Chance auf ein normales Leben.

Dreizehn Jahre ist das nun her. Ich betrete unser Wohnzimmer, meine Eltern sitzen mit ernsten Mienen und viel Papierkram vor sich am Tisch. Normalerweise kein gutes Zeichen. "Jule schau mal, ich hab das was gefunden," sagt mein Vater. Ich sehe Bilder von Kindern mit Drähten durch die Füße. Fassungslos zuerst. Dann beginnt er zu erklären.

Bei dieser Methode werden die beiden Knochen des Unterschenkels und die Achillessehne durchtrennt. Anschließend werden Drähte durchgeschossen und um diese Drähte ein Apparat gebaut, an dem der Knochen Millimeter für Millimeter auseinandergezogen wird. Im entstehenden Vakuum bildet sich durch Belastung neuer Knochen.

Ich bin kleinwüchsig. Durch einen angeborenen Gehirntumor und einer daraus resultierenden Hormonstörung war ich zum damaligen Zeitpunkt - mit knapp 15 - ausgewachsen und nur 1,40 Meter groß. Nach einem langen Gespräch beschließen meine Eltern und ich, uns die Klinik, in der diese Methode angewandt wird, einmal anzuschauen und mit dem zuständigen Arzt zu sprechen.

Am Tag des Gesprächs bin ich gelassen. Weiß nicht so genau, was auf mich zukommt. Der Arzt ist sympathisch. Erklärt genau, um was es geht. Zeigt Chancen auf, die sich durch die Operation ergeben könnten. Ein normaler Führerschein, weniger Ausgegrenztsein, viele Dinge des Alltags leichter erledigen können, einfacher Klamotten kaufen. Er erklärt uns auch, dass wir jetzt gleich einen OP-Termin machen könnten, völlig unverbindlich, und ich danach ein Jahr Zeit hätte, die nötigen Voruntersuchungen machen zu lassen, mit ehemaligen Patienten zu sprechen und mir vor allem gut zu überlegen, ob ich das will.

10. Oktober 1995, orthopädische Kinderklinik Aschau: Ich bin aufgeregt, habe nur aufgrund einer Tablette gut geschlafen. Meine Eltern kommen. Meine Mutter hält über Stunden meine Hand. Anästhesist, rumwuselnde, mich waschende Schwestern, alles schon halb im Nebel. Erwachen. Gefühlte hundertmal gefragt werden, wie ich heiße. Aufgefordert werden bis zehn zu zählen. Sofort will ich meine Beine sehen. Nein, heißt es. Warte noch. Der erste Anblick dann ein Schock. Bei den anderen sah das irgendwie weniger schlimm aus.

Schon nach einer Woche die ersten Schritte. So schwer als wäre ich mindestens 100 Jahre alt. Dann die Handhabung des Fixateurs mit dem Schraubenschlüssel. Ich selbst bin für meine eigentliche Verlängerung zuständig. Ein eigenartiges Gefühl. Verbandswechsel. Die Stellen, an denen die Drähte austreten, müssen regelmäßig von sich ablagerndem Sekret gereinigt werden. Anfangs schmerzhaft, dann selbstverständlich.

Nach vier Wochen bin ich endlich wieder zuhause. Alles neu lernen. Treppensteigen und Duschen ein Abenteuer. Die ersten Stürze ein Drama. Zur Schule gehen eine tagesfüllende und kraftraubende Angelegenheit. Jeden Tag Physiotherapie. Nicht immer angenehm. Oft genug schreie ich meine Therapeutin an. Fünf Monate später, die ersten zehn Zentimeter sind geschafft, zwei sollen es noch werden. Der Frühling kommt und damit auch die Selbständigkeit. Nicht mehr mit den Krücken auf Glatteis auszurutschen ist prima. Sicherheit gewinnen. Die lästigen Dinger auch mal in die Ecke stellen und breitbeinig ein paar freie Schritte wagen. Toller Lohn für viel Mühe, nicht nur meine Mühe, nein, alle, Familie, Freunde, Verwandte, alle sind beteiligt, alle fiebern mit.

Die eigentliche Verlängerung ist geschafft, jetzt muss der Knochen härten. Inzwischen sind meine Fixateure für mich Alltag. Zum Horror meiner Eltern und Ärzte gehe ich damit in die Diskothek und sogar Zelten. Oktober 1996 genau ein Jahr später kann der rechte Fixateur abgenommen werden. Der linke Knochen wollte nicht so wie wir und dauert noch ein wenig. Die Abnahme erlebe ich bei vollem Bewusstsein. Eine halbe Stunde Schmerzen, dann unfassbares Glück. Drei Monate später bin ich ganz befreit. Muss nur noch Schutzschienen tragen und lerne wieder alles neu. Der erste Weg in den Jeansladen. Endlich normale Größen kaufen. Dann zuhause die vielen kleinen Plastikhocker wegräumen, die ich immer brauchte, um alles zu erreichen. Ich bin gewachsen, vor allem innerlich.

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21 Antworten

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    Das wichtigste ist allerdings der sogenannte gesellschaftliche Aspekt: Begib dich mal in eine Gruppe 14-jähriger auf einer Privatschule, wenn du irgendwie anders bist. Fast täglich landete irgendwas von meinen Sachen auf einem Schrank, wo ich dann trotz Stuhl nicht drankam. Bilder von Lilliputanern in meinem Spind waren noch die harmloseren Aktionen.
    Nein, mit der OP war natürlich nicht schlagartig alles vorbei. Aber ich hatte durch die ganze Prozedur neben der paar cm so viel an Stärke und Selbstbewusstsein gewonnen, irgendwann konnten mir die nix mehr.
    Der Gedanke: "Ich hab das geschafft - ich kann fast alles schaffen", trägt mich noch heute, wenns irgendwo schwierig wird.

    12.05.2007, 19:02 von DieKleine
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      @DieKleine Wow was für ein Kraftakt.

      Eine Freundin von mir ist 143 cm groß. Der hat allerdings der Arzt, als ihre Ma sich mit ihr nach Hormonspritzen, oder irgendwelchen Vorrichtungen wie z.B. fürs Auto, erkundigt hat, gesagt, nö, sie sei nicht kleinwüchsig, da sie aus Indien stamme, und da sei die Größe noch normal, da gebe es keine Ansprüche.
      Tja, sie lebt, kleidet sich, fährt aber nicht in Indien, sondern hier, ihr ganzes Leben. Was für ein Käs.

      17.07.2007, 17:56 von Noa2
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    Definiere den Begriff Schönheitsoperation. Jemand, der sich eine entstellende Narbe korrigieren lässt, tut das wohl weniger um schön zu sein, als um normal zu sein. Genauso ging es mir. Ich bin - und werde es nie sein - keine Schönheit. Das ist in Ordnung so.
    Vor allem habe ich es gemacht, um gewisse Einschränkungen nicht mehr zu haben. Als da wären:
    Unter 1,50 ist der Erwerb eines normalen Führerscheins nicht möglich.
    - Bei mir waren vor allem die Unterschenkel proportional kürzer, d.h. Dinge wie auf Leitern steigen etc extrem schwierig.
    - Der ganz normale Alltag ist einfach gehandicapt dadurch. Alles ist zu hoch, zu weit oben etc.
    - Auf normalen Stühlen sitzen ist möglich, aber weißt du wie nervig und unbequem das ist, wenn du dabei die Füße nicht auf den Boden stellen kannst?
    - Hosen in normalen Größen kaufen unmöglich. Klingt wie ein Eitelkeitsproblem, ist aber tatsächlich einfach schwierig, wenn du dich nie deinem Alter und Geschmack entsprechend kleiden kannst...

    12.05.2007, 18:55 von DieKleine
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    Wow! Toll, toll, toll!

    Den Sprung ist kalte Wasser wagen in der Hoffnung, dass es danach besser wird!

    In Asien lassen sich das einige junge Frauen anscheinend auch machen. Das soll dort eine recht verbreitete Schönheits-Op sein, so wie bei den Persern die Nasen-OP und bei den westlichen Leuten das Fettabsaugen oder die Brustvergrößerung...
    ... sie wollen eine westliche Größe erreichen.

    Inwiefern hat dich eigentlich die Größe eingeschränkt? Das würde mich interessieren... 1,40 klingt zwar klein, aber ich kann mir nicht konkret vorstellen, was das für den Alltag bedeutet

    11.05.2007, 21:22 von Konformes-Ich
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    ich bin beeindruckt. und ziemlich platt, muss ich sagen. kompliment!

    11.05.2007, 16:57 von minolinka
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    sorry, ich meine natürlich RESPEKT.... ;)

    16.04.2007, 16:04 von nancycolada
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    umwerfend so eine zeit so stark durch zu stehen, aber offensichtlich hat es sich für dich absolut gelohnt. meinen resekt!
    liebe grüße

    16.04.2007, 16:01 von nancycolada
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    hej
    auch mir wurde so was angeboten, wenn ich jetzt psychische probleme mit meiner körpergröße hätte. hab ich aber eigentlich nicht. nun, bei mir wurde zum glück rechtzeitig bemerkt, dass ich kleinwüchsig bin und mir konnte fast acht jahre ein wachstumshormon gespritzt werden. mit meiner jetzigen größe von 158 bin eh ganz zufrieden. aber auch ich wäre ohne die spritzerei 140 cm klein gewesen.
    alles Gute noch weiterhin.

    frauameise

    15.04.2007, 18:45 von ameiseamnordpol
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    an euch alle, für das viele tolle Feedback auf den Artikel.
    Viele von euch wollten wissen, wie lange das Ganze gedauert hat. Die eigentliche Verlängerung am rechten Bein genau ein Jahr, links ein Jahr und drei Monate. Danach musste ich noch ca. 3 Monate mit Kunststoffschienen zum Schutz herumlaufen. Erst als die weg waren, waren auch Dinge wie Fahrradfahren, Schwimmen, Bergsteigen und kurze Hosen tragen wieder möglich, die ich natürlich alle wieder neu lernen musste. Insgesamt kann man also grob von knapp 2 Jahren ausgehen.

    14.04.2007, 11:59 von DieKleine
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    das ist mal ein interessanter artikel.
    wusste gar nicht, dass es solch eine möglichkeit gibt.
    alles gute weiterhin! :)

    14.04.2007, 01:44 von Blumengaenschen
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    Ich lag eine ganze Zeit lang im Krankenhaus...meine Bettnachbarin hat genau das gleiche durchmachen müssen wie du!
    unglaublich....ich hätte mich nie darauf eingelassen...für mich war es schon der Horror zu sehen was für schmerzen sie erleiden musste und welche Probleme diese Fixateure mit sich bringen!
    für sie war es genauso wie für dich nach der OP war ihr erster gedanken "bei den anderen sah das aber nicht so schlimm aus".
    Ich habe sie damals dafür bewundert das sie all das mit einer solchen lebensfreude und "gelassenheit" durchgestanden hat....ich bewundere sie noch heute dafür!
    leider haben wir keinen kontakt mehr...aber wenn ich mal wieder in schwierigen situationen bin..und das gefühl habe nicht weiter zu kommen oder aufgeben zu wollen denke ich an meine zimmergenossin und das gibt mir wieder kraft die dinge neu anzugehen....!!!
    Du kannst wirklich stolz auf dich sein!
    ich schätze alle um dich herum sind es auf jedenfall noch heute und werden es auch immer sein!

    13.04.2007, 22:20 von ...Galery...
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