SteveStitches 03.10.2012, 08:55 Uhr 5 10

der Kuss

eine etwas andere Vereinigung

Ich sitze hier in der Dämmerung, ich warte, ich warte auf sie.

Ich muss gestehen, ich hab mich nie besonders für Sonnenuntergänge interessiert, klar wenn man verliebt ist, da ist alles was bunt und farbig und leuchtend ist total schön und toll. Es ist noch schöner und toller wenn man es mit einer besonderen Person teilen kann.

Mit ihr kann ich den Sonnenuntergang nicht teilen, sie ist Sonnenallergikerin. Sie erklärte mir, dass ihre Zellen zu empfindlich für UV-Licht sind. Sie warnte mich, irgendwann würde mein Körper auch so reagieren und wirklich ist meine Haut, seit sie mich küsst, sonnenempfindlicher geworden.

Sie ermahnt mich: „Wenn du nicht mehr willst, werde ich dich in Ruhe lassen. Sag nur ‚Geh‘ oder ‚Verschwinde‘ und ich bin weg.“ Aber sie weiß genau wie abhängig ich von ihr bin, sie war selbst vor langer Zeit in derselben Situation, als sie den Kuss empfing.

Wenn ich morgens aufsteh ist es wie ein flüchtiger Traum, ich weiß was geschehen ist und weiter nichts und dass ich mich gern daran erinnere.

Ich frühstücke mit Heißhunger, Spiegeleier, Honig- und Nutellabrote und mehrere Schalen Müsli, dazu O-Saft und Milch, viel Milch. Ich singe auf dem Rad die Songs meines I-Pods und trete voll in die Pedale, bin sehr zeitig unterwegs so gehört mir der Radweg, der Morgen. Inzwischen mache ich meine Tour vor Sonnenaufgang.

Gut gelaunt, geduscht und umgezogen, sprinte ich von den Umkleideräumen im Keller die paar Stufen hoch zum Eingangsbereich der Firma, begrüße die Empfangsdame Frau Maier, Frau Helga Maier, sie lächelt auch gleich zurück und bietet mir Kaffee an, von dem der gerade durchläuft, was sie früher nie tat. Sie ist die Erste in der Firma, sie meint die Erste zu sein. „Guten Morgen Herr Stich, heute auch wieder so zeitig? Haben sie kein Zuhause?“

Auf meinem Schreibtisch stapeln sich Aktenberge, ich weiß nicht wie viele Kollegen ihre Arbeit inzwischen auf mich umverteilen. Scheißegal, nur her damit, bis zur neun Uhr Pause hab ich bereits einen Stapel weg, seit Diana mein Leben bereichert, geht das alles locker, flockig von der Hand.

In der neun Uhr Pause wird wieder einmal mein Appetit bestaunt: „Und du wirst kein bisschen dicker, wie machst du das?“

Zehn Uhr Besprechung, ich misch den Laden auf, mit ´ner Menge Ideen die mir morgens immer einfallen. Mein Chef sorgt sich: „Mensch Steffen, du bist so gut drauf, ich hab Angst vor dem Tag an dem du einen Burn Out hast oder ´nen Karrieresprung zur Konkurrenz machst.“

Ich beschwichtige ihn und schwör ihm ewige Treue und erklär den Feinschliff an den Ideen. Nach der Besprechung nimmt mich mein Chef auf die Seite und bietet mir ein helleres Büro im Südflügel an. Ich lehne den Südflügel ab, ich lehne wieder eine Beförderung ab, zu viel Arbeit, zu viel Sonne.

„Ihre tägliche Laune ist ja zum fürchten.“ Mäkelt mein Abteilungsleiter nach der Sitzung, ich flachse ein bisschen rum und kriech ihm ordentlich in den Arsch, damit er nicht weiter eifersüchtig ist und sich um seine Position sorgt.

In der Mittagspause flirte ich mit den Damen, aber sie wissen wie oberflächlich meine Absichten sind: „Ach, du willst doch nur deine Diana!“ Aber ich will ja nicht einmal Diana, ich will nur ihren Kuss, wie ein Junkie seinen Schuss.

Der Mittag zieht sich ewig, da bietet ein Problem mit der Rechnungsabteilung eine kleine Abwechslung.

Ich muss noch kämpfen und mir die idiotischsten Sachen einfallen lassen, als der Chef mich unbedingt in den Außendienst einteilen will. Ich wäre zwei Tage in Deutschland unterwegs und käme voll auf Entzug. Herbert springt für mich ein und bekommt die Außendienststerne bzw. Sympathie ‚für besonderen Einsatz‘ Punkte in Form eines dicken Lobes vom Chef, na ja, Hauptsache die nächsten Abende sind gerettet.

Zum Trost will Herbert und Lothar mich unbedingt zu einem Feierabenddrink überreden, aber ich entschuldige mich und plündere mein restliches Ausredenkonto für diesen Tag: „Aber dafür schuldest du uns ein Workout in der ‚Powerstation‘, Squash, Badminton oder Tennis, such dir was aus, aber die nächsten Tage! Du gegen uns.“

Ich verspreche was sie wollen und düs ab nach Hause, kurz umziehen und ab ins die Fitnessabteilung der Powerstation, zum Glück sind Herbert und Lothar noch nicht da. Ich muss die restliche Energie verbrauchen – Laufband, Crosstrainer, sämtliche Maschinen für jegliche Muskelgruppen. Inzwischen hab ich einen Body wie die Typen mit ihren Eiweiß- und Proteinshakes. Die Trainer wundern sich wie ich in so kurzer Zeit so gewaltige Muskelpakete aufbauen konnte. Manche Kraftsportler sind wütend auf mich weil ich ihnen nicht meinen Anabolikadealer verrate.

Aber ich werde ihnen nichts von Diana erzählen, Diana gehört nur mir allein oder ich gehöre ihr. Die Mädels haben aufgehört mir ihre Telefonnummern zuzustecken oder unter meinen Gepäckträger zu klemmen, sie sind nur noch eifersüchtig auf Diana.

Ich schwing mich wieder auf mein Rad, kurz beim Supermarkt Zwischenstopp. Sprinte mit dem Rennrad und den Einkäufen die fünfundfünfzig Stufen hoch zu meiner Wohnung, duschen, futtern und los.   

Jetzt sitz ich auf der Parkbank, die Sonne ist bereits verschwunden, ihr Glühen verbrennt den Horizont, gleisendes Gelb, loderndes Orange und blutiges Rot, bis die Nacht es völlig verdeckt.

Sie sitzt neben mir, betrachtet mich, ich spüre ihre Anwesenheit, ihr Verlangen. Natürlich weiß sie wie sehr ich mich nach ihr sehne. Sie wartet, amüsiert, genießt meine gespielte, nervöse Zurückhaltung. Ich habe sie nicht kommen hören, kein Rascheln oder Zweige knacksen, anmutig ist sie herangeschlichen, wie eine Raubkatze. Sie wird nichts sagen, sie muss nur abwarten bis ich mich ihr hingebe.

„Hallo Diana.“ Sie lächelt, sie ist nicht mehr so bleich wie an dem Abend, als sie mich im Getümmel der Kneipe beschnüffelte, auswählte, bedrängte.

Sie trägt ein Sherri Hill Cocktail Kleid, mit einem schwarzen Bustier an den ein silbern glänzender Rock angenäht ist, dazu fast bis zu den Knien reichende schwarze Lederstiefel. Ihre Frisur wie immer: schwarz, glatt, glänzend, zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden der ihr weit über den halbnackten Rücken fällt. Aber ihr Anblick erregt mich nicht mehr so wie an jenem Abend.

Sie ist meine Dealerin, inzwischen erregt mich nur noch die Vorfreude. Wie ein Junge der von seiner heimlich Angebeteten endlich angesprochen wird, so schlägt mein Herz in rasender Vorfreude als sie sich zu mir neigt, mich erlöst. Ein Vorbeigehender würde denken, dass diese Frau ihrem Liebsten ihr Haupt auf die Schulter legt, müde vor lauter Sehnsucht. Vielleicht ist es für sie ausruhen? Für mich ist es besser als Sex:

Sie dringt in mich ein, ihre Zähne tauchen tief in meinen Hals. Bis sie weit genug vorgedrungen ist und die richtigen Stellen getroffen hat, sie verharrt. Ihre Zähne passen wie ein Dolch in seine Scheide. Außenstehende würden sie Fang- oder sogar Reißzähne nennen, aber sie sind wie Kanülen, wie Hohlnadeln durch die Flüssigkeit zu- oder abgeleitet wird. Wir erstarren in unserer Umarmung. Ihre einzige Bewegung ist ihr Saugen, das gemeinsam mit ihrem Atmen pumpt. Sie nimmt Sauerstoff und mein Blut auf und gibt verbrauchte Luft und ihr verbrauchtes Blut ab.

Sie kann keine lebenden Kinder gebären, alle Embryos sterben an dem schwarzen Blut, ihre Art pflanzt sich fort mit dieser Dialyse. Sie braucht einen wie mich, wie ich ihren Kuss brauche. Irgendwann werde  ich nicht mehr rot oder dunkelrot bluten, in meinen Adern wird eine Flüssigkeit, wie schwarzes dünnflüssiges Öl fliesen. Damit ich nicht daran sterbe werde ich den Kuss weitergeben müssen. Wenn nicht vorher eines meiner Organe versagt oder die Zähne nicht ausgewachsen sind oder einer der Anabolikajunkies mir einen der Zähne ausgeschlagen hat. Wie wird meine Zukunft aussehen? Scheißegal. 

Den Biss spüre ich nicht mehr, ihre Blutbahn vereint sich mit meiner Blutbahn, wir werden beide zu einem Kreislauf, ihr Puls ist mein Puls, wiratmen in der gleichen Frequenz.  

Ich werde eins mit ihr, spüre ihre Weiblichkeit, jetzt auch meine Weiblichkeit, spüre ihren Körper, jetzt auch mein Körper, es ist wie eine perfekte Symbiose. Ich vergesse die Zeit, meinen schlaffen Leib, vergesse die Welt um mich, das Oben und Unten, das Hier und Jetzt. Ich bin Eins mit ihrer Art, bin aber auch eins mit dem Mensch Diana, der sie einst war, so werde ich Eins mit allen Menschen. Verschmelze auch mit ihrer tierischen Seite, verschmelze mit dem Tier Diana, verschmelze mit allen Tieren.

Mein Körper mein Geist hat sich aufgelöst, ist wie ein Tropfen eingeflossen in die Energie die uns umgibt, verbindet sich mit der Energie der Bank auf der wir sitzen, dem Wind der uns umweht, dem Mondlicht das uns bestrahlt. Ich bin ein Wesen mit allen Wesen, mit allen Dingen, allen Elementen. Es gibt keine Fragen, keinen Schmerz, keine Kälte mehr. Ich bin aufgelöst, bin überall, in so einem überwältigendem, unbeschreiblichem, unbegreiflichem Zustand, kann sich sonst nur Gott befinden.

Als sie sich löst, ist das Gefühl immer noch so stark, dass ich nicht bemerke wie sie entschwindet, dass ich noch schwebe, ich sitze hier auf der Parkbank und schwebe über der Stadt, über dem Land, fort weit fort.

 

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5 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Irgendwie fiel mir da das Buch "Dunkel" von W. Hohlbein ein...


    Das habe ich innerhalb eines Tages verschlungen, weil ich es so gut fand.

    08.10.2012, 15:09 von Jingeling89
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    wasn das fürn Profilbild?
    Ich mach mir jetzt den Adorno ins Profil.
    Oder diesen komischen Hesse, den alle so gut finden.

    05.10.2012, 10:39 von Surecamp
    • 0

      Welchen Hesse? den Vettel oder den Knebel Gerd oder den ollen Goethe?

      08.10.2012, 23:34 von SteveStitches
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  • 1

    Das gäbe ein gutes Buch.

    04.10.2012, 22:03 von FraeuleinLiebtMusik
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