Das isst doch total normal!
Ein Apfel hat ca. 50 kcal. Hunger hat 0. Das Thema Essstörung ist lange kein Tabu mehr, aber der Hunger bleibt trotzdem.
Um es vorweg zu nehmen, ich bin nicht magersüchtig, war es aber einmal. Was geblieben ist, ist das verzerrte Verhalten zum Essen.
„Das ist doch was für Mädchen und Frauen, aber Kerle? Bist du bescheuert?“ Und ich dachte, die Leute würden mal zuhören wenn solch gut getunten Reportagen über die nächtlichen Bildschirme springen.
Pustekuchen. Wielange geht es mir schon so? Also, wenn ich genau überlege, lockere sechs Jahre. Mein Hirn dreht sich immer nur ums Essen. Inzwischen bin ich sogar so weit, dass ich es mir gar nicht vorstellen kann, wie es ist, sich darüber keine Gedanken mehr zu machen. Eventuell drehen sich die Gedanken um anderes Essen als bei dem weiblichen Geschlecht, aber sie machen’s trotzdem. „Du darfst das jetzt nicht mehr essen!“. „Ich habe aber Hunger...“. „Halt’s Maul, sonst wirst du immer fett bleiben und der ganze Tag is im Arsch.“
So oder so ähnlich und noch wesentlich ausführlicher sehen meine inneren Dialoge aus. Ich fühle ich langsam schizophren.
Wenn ich versuche, mit meinen Freunden darüber zu reden, dann komme ich nie besonders weit. Alles, auf was ich stoße, ist Unverständnis und erneut gutgemeinte aber absolut nicht helfende Sätze wie: „Ach, du hast sowas doch mal absolut nicht nötig, du bist so schlank. Wo soll bei dir denn Fett sein?“. Und: „Über sowas machst du dir Gedanken, ich wünschte, ich hätte so eine Figur wie du sie hast.“ Es ist nicht so, dass mich solche Sätze von meinen engsten Freunden nicht aufbauen würden, doch dadurch gehen die Gedanken nicht weg. Und ich glaube, wer nicht in der Haut eines Essgestörten steckt, kann das schwerstens nachvollziehen. Man isst „unerlaubte Speisen“ und würde danach entweder gerne in einem Heulkrampf enden oder etwa die nächsten sechs Kilometer durchsprinten.
Inzwischen bin ich bei einer Figur angelangt, die im Volksmund als „normal“ bezeichnet wird. Ich finde mich fett und bin absolut unzufrieden.
Ich kann mich nicht über mangelndes Selbstvertrauen beschwerden, nur eben auf dem einen Gebiet- dem Aussehen. Ich gehe auch nie ins Freibad. In der Disco schwirren meine Gedanken non-stop nur darum, wieviel Kalorien das Bier in meiner rechten hat und ob der Blick eben gut musternd, oder seltsam musternd war...ich ziehe den Bauch ein.
Doch woher kommt der Kram? Guck doch mal weniger Fernsehen. Ich wünschte, es wäre so leicht. Ich habe kein Fernsehen. Und alles, was die Leuchtreklamen mit meinen Synapsen anstellen, ist, dass ich sie „okay“ finde. Nur weil ich ein Problem damit habe, bedeuted das noch lange nicht, dass ich komplett oberflächlich bin. Das Auge isst mit, es kommt weder nur auf die inneren noch nur auf die äußeren Werte eines Menschen drauf an, und dabei belass ich es.
Doch mit zunehmenden Alter wird die Geschichte immer komplizierter. Wenn ich in der Mensa mit meinen Kommilitonen essen gehe, komm ich nicht einmal um einen dummen Kommentar bezüglich meines Essens weg. Der Leistungsdruck wird nicht gerade geringer, was das Loch im Bauch noch größer erscheinen lässt. Und in letzter Zeit kommen zu den dauernden Gewichts- noch die neuerdings auf dem Programm stehenden Gefühlsschwankungen mit auf den Tagesplan.
Und wenn ich mal wieder mit meinem besten Freund telefoniere, meint dieser nur: „Ob du ’ne Freundin hast, hängt doch nicht von deinem kleinen Bauch ab..!“. Ja, nein, tut es nicht, aber vielleicht ja eben doch.
Die Cola Zero steht vor mir, Koffein heizt den Fettstoffwechsel an, heute steht Sport auf dem Programm und die Hausarbeit ist auch noch in den Startlöchern. ‚Heute versuchst du mal nur Sachen ohne Kohlenhydrate zu essen’ sage ich mir, unten wird zur selben Zeit Kuchen gebacken.




Kommentare
gut, dass da mal einer drüber redet. Ich hab nen Kollegen, der keinen Bissen unkommentiert lassen kann, egal ob er oder n anderer isst. er ist irre dünn... normal ist das nicht.
17.08.2008, 23:16 von clara.tornovaseit dem ich im februar letzen jahres auf einen schlag 10kg abgenommen hab bin ich auch erstmal mehr oder weniger ins gestörte essverhalten abgerutscht.
14.08.2008, 11:00 von grinchyjeden tag ein apfel und ein glaß buttermilch.
oder ne salatgurke mit salz. sonst nichts auser kaffee.
dann noch liebeskummer und weitere 5 kilo waren unten.
gott sei dank, ist mein fleisch ziemlich schwach und manchmal hab ich einfach keinen bock mehr auf hungern.
ich kann dir immernoch sagen das 100ml kaffee 2 kalorien haben und 100g weintraumen 83 aber mitlerweile bin ich mehr oder weniger zufrieden und mein einziges ziel ist das gewicht zu halten.
für mich war hungern immer auch ein stück weit die demonstration von selbstkontrolle.
selbst wenn alles aus dem ruder läuft hab ich wenigstens mich unter kontrolle.
eigentlich ein ziemlich dämlicher gedanke aber auch auf eine grußelige art beruhigend.
@grinchy "für mich war hungern immer auch ein stück weit die demonstration von selbstkontrolle.
14.08.2008, 11:59 von NormaGeeselbst wenn alles aus dem ruder läuft hab ich wenigstens mich unter kontrolle."
DAS ist doch überhaupt der Kernpunkt des ganzen - geht JEDEM Magersüchtigen oder latent Magersüchtigem so... ist nur leider genau das Gegenteil von dem, was der rebellische Geist eigentlich erreichen will, dummerweise.
Man hat seine Identität noch nicht gelebt, ist vielleicht überangepasst im Selbstausdruck, will endlich sein Leben kontrollieren - und hört dabei nicht mal mehr auf seinen eigenen Körper, der einem sagt "ich hab Hunger, ich brauche Nährstoffe, du vernachlässigst mich" usw. Stattdessen kasteit man sich selbst in dem Glauben, endlich was kontrolieren zu können - und wenn es nur die eigenen Bedürfnisse sind. Natürlich genau verkehrt herum, denn gerade die eigenen Bedürfnisse müssen doch erstmal erkannt und dann gelebt werden... ! Das gilt auch für die eigenen Emotionen, die man sich schon zugestehen darf und auch der Umwelt zumuten sollte. Viele Magersüchtige haben aber genau damit ein Problem, weil Identitätsgefühl und Selbstachtung gestört sind. Ein Teufelskreis, wer duch (Selbst-)Erkenntnis diesen nicht durchbrechen kann...
Ich wünsche allen Betroffenen hier von ganzem Herzen viel Kraft, Mut zur Selbstreflexion; Authentizität und Unterstützung (durch selbst ausgesuchte Menschen des Vertrauens) bei dem spannenden Prozeß der Selbstfindung und Heilung!
Gibst hier eigentlich schon eine Group für Magersüchtige?
@NormaGee nur weil ich mein essverhalten mehr oder minder krankhaft kontroliere heißt das doch nicht das ich keinerlei emotionen zulasse.
14.08.2008, 13:02 von grinchyauch das mit dem selbstbewusstsein ist so ne sache.
meiner meinung nach bin ich ziemlich selbstbewusst. zumindest nicht weniger als andere. aber ist selbstbewusstsein nicht zum größten teil einfacher selbstschutz?
@grinchy nicht "austeilen und nach außen locker bleiben können" verwechseln mit selbstbewusstsein - oder besser selbstwert. hab grad festgestellt, dass menschen, begegnungen und die richtigen gedanken beim richtigen wetter einen auch recht "spät" noch dazu bringen können, sich selbst ein bisschen liebevoller zu betrachten, und gerade die macken, für die man sich geschämt hat!
20.09.2008, 23:38 von sophietrauerpass auf dich auf, mehr hast du nicht.
@LifeInANick
14.08.2008, 02:55 von NormaGeejetzt bin ich hier auch noch ;-) und wundere mich gar nicht über dein problem mit dem Essverhalten (ein Gewichtsproblem hast du ja nicht; ein kleiner Bauch ist absolut ok für die meisten Frauen! Und ist auch noch schön griffig... ) . Magersucht hat sogar primär überhaupt kaum etwas mit dem tatsächlichen Gewicht oder dem Aussehensempfinden zu tun, sondern tatsächlich mit einer tiefergelegenen Persönlichkeitsproblematik, die man auch gar nicht verharmlosen sollte oder darf. Oder sich plump drüber lustig machen...
Am einfachsten wäre es wohl, die entsprechende Literatur zum Thema zu empfehlen, damit du erstmal merken kannst, was eigentlich dahintersteckt und wie man sein Denken und die Selbstwahrnehmung (äusserlich, aber eben auch INNERLICH!) verändern kann und seine Abhängigkeit verliert gegenüber der Einschätzung der Umwelt. Wie andere dich sehen (wörtlich und im übertragenen Sinn) ist dir noch wichtiger, als deine Selbsteinschätzung und dein Zu-DIR-Stehen wie du bist, ja stolz drauf sein können, wie und wer du bist. Der ECHTE LifeInANIck, der sich selbst kennt, annimmt, liebt und sich gut findet, seine Stärken und Schwächen kennt - und nicht den Drang hat, sich zu verstecken, zu verbergen, weil er stets glaubt, schlechter oder nicht so gut wie andere zu sein (was ja ganz bestimmt totaler Quatsch ist, weil du jetzt schon sensibler, nachdenklicher und weniger oberflächlich bist durch deine Geschichte wie so manch anderer!).
Dass du einen Klinikaufenthalt nicht möchtest kann ich sehr gut verstehen; dass du dich nicht traust, deinen Freunden offen dein Problem zu offenbaren, kann nur eines bedeuten. deine Freunde sind oberflächlich und können/wollen dich nicht verstehen ODER sie könnten das durchaus, wenn es ihnen ausreichend erklärt würde - aber du kannst es dir selbst noch nicht gut genug erklären (ich meine die HINTERGRÜNDE des ganzen und nicht, ob da irgendwo ein kleines, niedliches Bäuchlien sitzt oder nicht) und dadurch ihnen auch nicht wirklich...
Falls du also oberflächliche Freunde hast, solltest du dir vielleicht irgendwann andere suchen - mit denen du dich auch über die wirlich relevanten Dinge deines Lebens austauschen kannst, ohne Angst, nicht verstanden zu werden...
Ansonsten, könntestdu vielleicht versuchen, Menschen soweit zu vertrauen, dass sie dich nicht verurteilen für deine Probleme oder Sorgen oder Gedankenwelten - sondern dir beistehen und das gerne, ob du nun in eine Klinik gehst oder auch anderweitig dich outest mit deinen tatsächlichen und nicht unbeträchtlichen Sorgen und Ängsten? Echte Freunde halten zu einem, auch wenn man Schwächen oder Ängste eingesteht, auch weil viele selber ein respektables Innenleben haben und sich dann nicht mehr so alleine fühlen, wenn sie merken, dass ein anderer ähnliche Sorgen hat... trau dich ruhig!
Die anderen, die blöd daherreden oder lachen brauchst du doch gar nicht. (Ich vermute Angst vorm Alleinsein ist auch so ein Punkt. Aber da gibt es einen guten Spruch: Lieber allein, als schlecht begleitet!)
Um es abzukürzen *g* : informiere dich auf eine andere Weise über die Natur der Magersucht und sieh das ganze ruhig tiefgreifender, mehr im Zusammenhang. Ich kann dich so gut verstehen und nachvollziehen, was in dir alles vorgeht. Ich weiss heute, dass ein mangelndes Selbstwertgefühl für vieles verantwortlich ist, was ich früher isoliert betrachtet hatte. Du bist aber nicht weniger wert als andere, bestimmt im Gegenteil - du bist nur verwirrter mit deinem Innenleben, das merkst du gerade durch deine Gefühlsschwankungen. Und du hast das Recht, die Dinge und das Leben auf deine Art anzugehen und musst und solltest dich nicht nach anderen richten oder dich hierbei an anderen orientieren. Versuch, du selbst zu sein, mit allen Konsequenzen. Steh zu dir, wie du bist (immerhin bist du einzigartig auf dieser Welt). Und fange an, deine Schwächen liebevoll zu fragen, woher sie denn kommen, anstatt sie zu verurteilen! Gönne dir DEIN ureigenes Dasein hier auf Erden, inklusive dem GENUSS am Essen, hab Freude und vielleicht nutzt dir die Vorstellung, dass du am Ende des Lebens nur dir selbst gegenüber Rechenschafft ablegen musst (und Gott, wenn du glaubst). Hast du dein Leben nach den Regeln derer gelebt, die dich nie respektiert oder verstanden haben, oder geliebt, dann war es ein verschwendetes Leben. Nur dein EIGENES Urteil wird hier zählen. Was andere dann über die dachten, wird dir egal sein. Wenn du klug bist, kannst du dich jetzt schon entscheiden für ein selbstbestimmtes Leben nach deinen Plänen ohne dich allzu sehr nach anderen (Vater, Familie, sog. Freunde etc.) zu richten und dich, noch dazu freiwillig, zu verbiegen. Eine Wahl hast du schon und ein Recht darauf auch. Und das Bedürfnis wohl auch, selbst, wenn es dir (noch) nicht allzu bewusst ist... ;-)
Alles Gute für dich!
P.S. Ich neige zu langen Texten, aber ich weiss auch, was ich hier schreibe, aus vielen auch leidvollen eigenen Erfahrungen...
@[Benutzer gelöscht] nicht aufgeben.
15.06.2008, 00:29 von CatastropheWaitresses ist möglich.
ihr müsst loslassen.
es tut so unendlich weh, aber es ist es wert.
das leben hat so viel mehr zu bieten als kalorien.
@CatastropheWaitress was tut so unendlich weh? das loslassen? der knochigen verkrampften kalten finger harten griff um die gu-ernährungstabelle zu lösen?
22.06.2008, 20:25 von owambofantastischer Text. genial!
14.06.2008, 21:38 von Laureolagibt es überhaupt jemals Möglichkeit zur Genesung?
in meinem Fall seh ich da echt schwarz.. -.-
@Laureola Genesung? Gute Frage.
14.06.2008, 22:04 von LifeInANick@LifeInANick zumindest vielleicht kraft von einer sorte, die einem selbst die tiefs in der gefühlsachterbahn nicht mehr austreiben können, weil man sie genau dort gefunden hat. und dann noch einen kürzeren draht vom bedürfnis-bauch zum denk-, sprach- und steuerzentrum - kann ne recht stabile konstruktion werden, frei nach MacGyver.
20.09.2008, 23:43 von sophietrauerdu hast mir gerade klar gemacht, dass ich fast genau so denke. Bei jeder Mahlzeit und bei jeder Kleinigkeit, die ich zu mir nehme, denke ich nur an die Kalorien, Kohlenhydrate, etc. Auch wenn ich kein Mann bin.
06.06.2008, 15:56 von alicelaboumEinsicht ist der erste Schritt zur Besserung, he?
@alicelaboum Ohhhh je, das ist nicht gut :( Und Einsicht ist in erster Linie mal Einsicht. Und solange es beim denken und nicht falschen-Handeln bleibt, ist das nicht weiter wild :)
06.06.2008, 20:40 von LifeInANickwow, wie ehrlich du bist. toll. empfehlung.
11.04.2008, 23:12 von miraliiIch war vor vielen Jahren auch magersüchtig. Heute weiß ich, dass nicht das Essen oder mein Bauch das Problem war.
04.04.2008, 13:06 von B.tinaIch habe übrigens auch einen Artikel dazu geschrieben...
Ich wünsche Dir, dass Du das Essen irgendwie aus dem Kopf rauskriegst. Das geht!
LG B.tina
@B.tina schwierig, schwierig. Ich werd deinen jetzt mal lesen :) Danke!
04.04.2008, 13:27 von LifeInANickIch war auch magersüchtig, zweieinhalb Jahre lang, bis letztendlich kein Weg mehr an der Klinik vorbeigeführt hat. Drei Monate, ich bin ein neuer Mensch - hätte nie gedacht, das das gehen kann. Ich kenne jeden, wirklich JEDEN einzelnen Gedanken, den du aufführst, aber ich konnte das hinter mir lassen, mit dem Willen, mit dem gleichzeitigen Zwang, das zu müssen, um wieder ins Leben einsteigen zu können. Magersucht hat ja nicht grundlos die SUCHT hintendran, es ist eine Verzerrung der Persönlichkeit, der Wahrnehmung, eine Illusion, ein Phantasiekonstrukt, aber letztendlich, wenn man sie abschminkt, das, was einen von innen auffrisst.
10.03.2008, 19:18 von MyaBeerIch wünsche dir so sehr und wirklich von ganzem Herzen, dass du auch noch den letzten Schritt schaffst.
@MyaBeer Wow, danke. Nur nicht Klinik. Ich möchte nicht, dass einer meiner Freunde das wahre Ausmaß mitbekommt und auch sieht man es mir direkt nicht an. Daher versuche ich weiterhin aus dem Teufelskreis raus zu klettern und "normal" zu bleiben. Vielleicht klappt's ja...
10.03.2008, 19:49 von LifeInANick