Blut für die Welt
VEGETARIER leben gesünder, verantwortungsvoller, besser ? glauben sie. Doch nicht jeder Fleischesser ist eine Umweltsau oder ein Charakterschwein.
eines möchte ich von Anfang an klarstellen: Vegetarier sind keine schlechten Menschen. Ja, sie können entsetzlich nerven, aber das liegt daran, dass sie verwirrt sind. Ich weiß, wovon ich rede. Ich war selbst Vegetarierin. Jahrelang war ich Mitglied einer geistigen Gemeinschaft, die meinte, mit Tofu und Gemüse eine bessere Welt oder zumindest ein besseres Ich herbeifuttern zu können. Sechs Millionen Deutsche verzichten auf Fleisch. Mir fällt es jetzt immer noch schwer, ein Brot mit Schinken zu essen. Immer noch sitzt mir das Halbwissen, das ich mir angeeignet habe, tief in den Knochen: dass Fleischesser schuld seien am Klimawandel, am Welthunger, an verkalkten Arterien, versauten Bikinifiguren und der Vernichtung des Regenwaldes. Bestellte mein Freund ein Schnitzel, hielt ich ihm reflexartig Vorträge über Massentierhaltung. Meine Bekannte Lisa verließ sogar das Zimmer, wenn sich eine Fleischwurst im selben Raum befand. Vegetarismus ist mehr als eine Ernährungsweise. Es ist eine Lebenseinstellung. Im Extremfall eine Ersatzreligion.
Tatsächlich haben Religion und Vegetarismus eine entscheidende Sache gemeinsam: Der Glaube an die Richtigkeit der Sache hat oft wenig mit Fakten zu tun, dafür viel mit Aberglauben und falscher Überlieferung. Wie die Autorin Lierre Keith, die selbst zwanzig Jahre lang auf jegliche Tierprodukte verzichtet hat, in ihrem Buch »The Vegetarian Myth« schreibt: »Der Unterschied zwischen mir und Vegetariern ist weder die Ethik noch das Engagement. Sondern Informationen.«
Die meisten Argumente für politisch, gesundheitlich und moralisch begründeten Vegetarismus basieren auf Unverständnis. Dafür, wie die Lebensmittel, die wir essen, produziert werden und wie sie sich auf unsere Körper und den Planeten auswirken.
Da gibt es etwa den großen Mythos, Vegetarier lebten gesünder. Selbst Fleischesser glauben daran. Tatsächlich gibt es dafür, wie der amerikanische Statistiker Russell Smith in einer Vergleichsstudie herausgefunden hat, kaum Beweise. Einer der wenigen Belege ist eine Langzeitstudie des Deutschen Krebsforschungszentrums, die zeigte, dass Menschen, die gar kein oder wenig Fleisch essen, länger leben als Durchschnittsbürger. Was aber, wie die Forscher feststellten, wahrscheinlich gar nicht am Verzicht auf Steaks und Parmaschinken lag, sondern daran, dass die Vegetarier bewusster lebten, sich mehr bewegten, nicht rauchten und weniger Alkohol tranken. Steaks sind keine Sargnägel, daran ändert auch die Hysterie um gesättigte, also vor allem tierische Fette nichts, vor denen auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung warnt. Laut dem Schweizer Ernährungswissenschaftler Paolo C. Colombani ist die Empfehlung, möglichst wenig tierisches Fett und viele Kohlenhydrate zu essen, längst veraltet.
Tatsächlich basiert die These, nach der Schweineschmalz und Butter unsere Cholesterinspiegel nach oben treiben, auf einem unlogischen Experiment des russischen Arztes Nicolai Anitschkow. Der Mann fütterte vor fast hundert Jahren pflanzenfressende Tiere mit großen Mengen tierischen Cholesterins. Darauf entwickelten diese Tiere Arteriosklerose, verkalkte Arterien, die zu Schlaganfällen und Herzinfarkten führen können. Da wir aber keine Kaninchen sind, sondern Menschen und damit Allesfresser, kann uns eigentlich egal sein, wie Tiere, die von Natur aus kein tierisches Cholesterin essen, darauf reagieren.
Wissenschaftlich sind Anitschkow und seine geistigen Nachfolger längst überzeugend wider legt. Trotzdem hält sich die Idee, wir müssten Olivenöl statt Gänsefett zu uns nehmen. Selbst angenommen, es würde stimmen, wäre der Unterschied minimal: Eine Frau, die seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr weit gehend auf gesättigte Fette verzichtet, würde laut Studien drei Wochen länger leben. Drei Wochen - die sie damit bezahlt, dass sie ihr Leben lang beim Essen ein schlechtes Gewissen hat. »Die ständige Sorge, ob wir uns richtig ernähren, schlägt wahrscheinlich mehr auf die Gesundheit als Cholesterin, Fett, Alkohol, Koffein oder Nikotin«, glaubt David Warburton, Psychopharma kologe an der University of Reading bei London.
Ein weiteres Hammerargument der Vegetarier ist der Welthunger. Der Verzicht auf den jährlichen Import von 50 Millionen Tonnen Futtermittel in die EU allein würde ausreichen, um 600 Millionen Hungernden in der Welt eine zusätzliche Mahlzeit auf die Teller zu packen, glaubt der deutsche Vegetarierbund. »Um ein Kilo Rindfleisch herzustellen, müssen bis zu sechzehn Kilogramm pflanzliche Produkte angebaut werden«, klagt auch Harald Ullmann vom Tierschutzbund PETA. Das Bundesministerium für Landwirtschaft spricht dagegen von 3,7 Kilo Getreide pro Kilo Rindfleisch - und sagt auch, warum die höheren Zahlen sinnlos sind: Sie stimmen nur, wenn die Tiere mit nichts als Getreide gefüttert werden. Aber zumindest in Deutschland bekommen die Tiere, Biorinder sowieso, vor allem Futter, das Menschen nicht verdauen können - Gärfutter aus Gras und Mais.
Ja, es ist trotzdem Schwachsinn, Rinder mit Mais und Soja zu füttern, die Menschen satt machen könnten. Zumal eine reine Grasdiät für Rinder viel gesünder wäre. Aber wer sagt, dass es eine gute Idee wäre, riesige Getreidemengen billig über Entwicklungsländern auszukippen? Niemand, der etwas davon versteht. Denn dort, wo es gemacht wurde, ist das Resultat verheerend. Die Organisation »Brot für die Welt« hat in einer Studie über die Reismärkte in Ghana, Indonesien und Honduras festgestellt, dass Reisimporte in diesen Ländern noch mehr Armut und Hunger verursacht haben, weil die einheimischen Bauern mit dem ausländischen Billigreis nicht konkurrieren konnten. Von wegen politisch korrekt: 73 Prozent des Weltgetreidemarktes werden von vier Konzernen kontrolliert, immer mehr Entwicklungsländer sind auf Importe angewiesen. Keine Hilfsorganisation, die etwas zu melden hat, empfiehlt Vegetarismus als Lösung des Welthungerproblems.
Bleibt die Umweltfrage. Laut der Welternährungsorganisation FAO ist die industrielle Fleischproduktion ein riesiger Faktor in der weltweiten Umweltverschmutzung. Sie treibt den Klimawandel voran, weil Rinder und Schweine Treibhausgase rülpsen und furzen, sie ist schuld daran, dass Ökosysteme kaputtgehen, weil gigantische Flächen gerodet werden müssen, um Futter für die Tiere anzubauen, und ihre Fäkalien verschmutzen das Wasser. Das alles sind Fakten.
Aber, und das ist ein Punkt, den Vegetarier gerne vergessen: Diese Fakten gelten vor allem für Massentierhaltung. Die ist auch - abgesehen von sämtlichen Umweltproblemen - traurig und entsetzlich. Das versteht jeder, der einen Puls hat. Sie ist aber kein vernünftiger Grund, Fleisch grundsätzlich abzulehnen. Im Gegenteil. Wer auf Fleisch verzichtet, braucht Getreide und Soja, braucht Brot und Nudeln, Tofu und Sojaburger. Und die sind, im Gegensatz zu dem, was die Wohlfühlrhetorik von Vegetarier- und Tierschutzverbänden verspricht, keine unschuldigen Lebensmittel. Besonders dann nicht, wenn sie wie fast alles, was in den Gemüseregalen von Supermärkten liegt, konventionell angebaut werden. Getreide und Sojafelder nehmen weltweit etwa vierzig Prozent der Erntefläche ein. Weil die gigantischen Monokulturen die Böden auslaugen, muss immer mehr chemischer Dünger in den Erdboden gepumpt werden. Die fruchtbare Humus schicht des Bodens, die dabei kaputtgeht, braucht Jahrhunderte, um sich zu regenerieren. Ach ja, und massenweise umweltschädliche Pestizide brauchen die friedlichen Vegetarierpflanzen auch. Nebenbei werden dabei gewaltige Flächen Land, die früher natürliche Ökosysteme waren, zerstört, um Ackerflächen zu schaffen.
Zwar stimmt es, dass ein Großteil der Getreide, die so produziert werden, nicht in unseren Mägen landet, sondern in den Futtertrögen von Tieren, deren Fleisch wir essen. Aber wer denkt, das Problem ließe sich allein damit lösen, dass wir alle auf Fleisch verzichten, liegt falsch. Laut FAO müssen wir bis zum Jahr 2050 doppelt so viele Lebensmittel produzieren. Getreide kann auf mehr als der Hälfte der Weltfläche gar nicht wachsen. Rinder und Schafe dagegen können auch da grasen, wo kein einziges Maiskorn wächst. Tiere, die nicht in Boxen in Massenställen klemmen, sondern auf Weiden herumlaufen, düngen außerdem den Boden mit ihren Fäkalien und regen durch ihre Tritte die Pflanzen zum Wachsen an, sodass der Boden Treibhausgase binden kann - vorausgesetzt, der Bauer versteht etwas von Weidehaltung und sorgt dafür, dass seine Tiere nicht monatelang auf der gleichen Wiese stehen. Auch eine Studie der britischen Cranfield University hat kürzlich festgestellt, dass eine vegetarische Ernährung keineswegs automatisch besser für den Planeten sein muss. Im Gegenteil: Würden die Briten statt der Rinder und Lämmer, die auf ihrer eigenen Insel wachsen, Fleischersatzprodukte wie Tofu essen, müssten sie dafür auf Soja und andere Hülsenfrüchte zurückgreifen, die im Ausland produziert werden. Dafür müssten Ackerflächen geschaffen werden - auf Kosten der dortigen Wälder. Mal abgesehen davon, dass es meist sehr viel Energie kostet, Sojabohnen in vegetarische Würstchen und fleischlose Hackbraten zu verwandeln. Aufs Ganze gesehen kann ein Weizen schnitzel vom Discounter mehr Schaden anrichten als ein Rindersteak von einem Tier, das auf die Weide durfte. Wer über moralische Fragen grübelt, wenn er seinen Einkauf plant, sollte also wissen: Die entscheidende Frage ist nicht, ob überhaupt, sondern welches Fleisch wir essen - und wie viel. Dass Fleisch von Tieren, die anständig und artgerecht behandelt werden, nicht in Homer-Simpson- Bedarfsmengen und zu Aldipreisen vorhanden sein kann, dürfte klar sein.
Ich weiß, dass dieser Text mir Ärger einbringen wird. Weil es um Tiere geht und weil Tiere leben wollen. Es ist viel leichter, eine Kuh süß zu finden als eine Sojabohne, und es ist auch leichter, eine Sojapflanze umzumähen, als eine Kuh zu töten. Wer Fleisch isst, trägt Schuld am Tod eines Tieres. Wer das nicht erträgt, wird Vegetarier. Wer noch radikaler denkt, will auch von Milch, Eiern und Leder nichts mehr wissen und ernährt sich vegan. Frutarier ziehen sogar den Schmerz gemähten Weizens in Betracht und essen nur noch, was von selbst von Bäumen und Sträuchern fällt. Hinter all diesen Ernährungsweisen steht der Wunsch, keinen Schaden anzurichten. Es ist eine gut gemeinte Denkweise - und eine gefährliche. Der Münchner Kindergärtner Timo Degen ist ihr vor ein paar Jahren konsequent gefolgt und hat mit seinem Leben bezahlt: Er verhungerte bei dem Versuch, sich von Lichtnahrung, also gar nichts zu ernähren.
Es gibt keine Ernährungsweise, die nichts und niemandem schadet. Das heißt nicht, dass es egal ist, was wir essen. Aber wer wirklich eine bessere Wahl treffen will, muss mehr verstehen als die Idee, dass alle Würste böse und alle Maiskolben nett sind. Wenn alle Vegetarier ihre Energie und Wut dafür einsetzen würden, Schlachttieren bessere Lebensbedingungen zu verschaffen, könnten sie viel mehr erreichen als mit einem grundsätzlichen Steakboykott. Vielleicht wären sie auf einmal auf derselben Seite wie die echten Fleischliebhaber, denen sie jetzt nur auf die Nerven gehen.




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