Auswüchse
In mein Leben trat es zeitgleich mit ihm
Das Überbein an meinem Handgelenk kam pünktlich mit ihm. Zwei Jahre lang hatte es mich vergessen, sich im wahrsten Sinne des Wortes abgekapselt und subkutan über das ihm zugefügte Unrecht geschmollt. Aber am Abend als ich ihm begegnete, entschloss es sich, zurück zu kommen. Eine kleine Erhebung, die man für einen Schnakenstich hätte halten können, so unauffällig, dass ich sie nicht bemerkte, vielleicht auch nicht bemerken wollte, beobachtete es mich, wie ich ihn beobachtete. Ich mag die Anmut und Leichtigkeit, der ersten Annäherung, die Momente zwischen erstem Blickkontakt und erstem Wortwechsel, den Zeitpunkt, an dem noch alles drin ist. Das Überbein verhielt sich unauffällig. Verwachsen und verkrüppelt, gibt es sich seit jeher Mühe, all seine Verachtung für Gefühle im Allgemeinen und Zartes im Speziellen kund zu tun. So hielt es sich bedeckt, begnügte sich mit dezentem Pochen, das von meinem gierigen Herzen übertönt wurde. Aber das Überbein war ehrgeizig. Als ich eines Morgens meine Finger über den bezaubernd sommersprossigen Rücken des Mannes gleiten ließ, bemerkte ich, dass es mittlerweile Haselnussgröße erreicht hatte. Mit den Fingerknöcheln der linken Hand versuchte ich, zuerst vorsichtig, dann mit zunehmendem Druck, es zurück zu drängen. Vergeblich. Garstig, wie es der Überbeinnatur entspricht, gab es die ausgeübte Gewalt an das unter ihm liegende Gelenk weiter. Ich gab auf und beschloss, es weiterhin zu ignorieren, behielt es aber im Auge. Allein, das Überbein wollte bemerkt werden. Offener Schlagabtausch liegt ihm nicht, das Sticheln und Stören dafür umso mehr. Die Uhr trage ich ungern und nur an Arbeitstagen, was sich vermutlich gegenseitig bedingt. Freund Überbein sorgte dafür, dass ich sie ständig spürte. Fortan trug ich die Uhr links, was zu kleinen Alltagsverwirrungen führte. Hämisch kicherte das Überbein ob der Tatsache, dass es mich als unflexibles Gewohnheitstier entlarvt hatte. Ich zeigte die rote, schmerzende Stelle dem Mann, der das Überbein darauf hin streichelte. „Verräter!“, schrie ich, aber er führte mich zu seinem Bett und widmete sich mir so umfassend, dass ich die Problematik vorübergehend verdrängte. Allerdings nicht lange. Ich ertappte ihn immer wieder dabei, wie er den mittlerweile walnussgroßen Auswuchs zärtlich berührte, sogar küsste. Und das Überbein in seiner ganzen, boshaften Mißgestalt genoss die Liebkosungen und blühte auf.Es musste verschwinden. Ich zog den Handgelenkschützer meiner alten Inlineskatesausrüstung über und schlug das Gelenk samt Überbein gegen diverse Einrichtungsgegenstände. Ohne Wirkung. Härtere Maßnahmen mussten her, aber als ich den Hammer in der ungeübten, linken Hand hielt, verließ mich der Mut. Erneut triumphierte das Überbein, hatte es mir doch wieder einmal meine eigenen Grenzen aufgezeigt und zwang mich, Dritte um Hilfe zu bitten. Der Arzt, dem ich das Überbein vorführte, nannte es Ganglion und riet aufgrund nicht vorhandener Beschwerden von medizinischen Eingriffen ab. Ganglion! Endlich hatte es sich von seinen plebejischen Wurzeln los gesagt. Geschwollen von majestätischem Stolz glich es nun einer hautfarbenen Mirabelle. Aber noch war nicht alles verloren. „Wir müssen reden!“ brüllte ich dem Mann entgegen, drückte ihm den Hammer in die Hand und erklärte die Situation. „Ich kann dich doch nicht schlagen!“, flüsterte er entsetzt. „Nicht mich, das Überbein.“ „Aber das ist doch ein Teil von dir.“ Die Empörung in seinem Blick war enorm, aber nur ein Bruchteil derer, die bei seiner Äußerung in mir aufwallte. Wütend schrie ich auf den Mann ein, bezichtigte ihn des Verrats, erinnerte an die Gelegenheiten bei denen er mir gar nicht zurückhaltend, sondern äußerst lustvoll den Hintern versohlt hatte und beleidigte seine Männlichkeit. Das Überbein, jener verkrüppelte Auswuchs, der ganz sicher kein Teil von mir war, genoss indes schweigend die seinem Patriziertum angemessene Aufmerksamkeit. Meine Wut machte den Mann verstockt und so verlegte ich mich aufs Betteln, beschwor Gott, Satan und schließlich, als die Verzweiflung mich übermannt hatte, die Liebe. Wir beide hatten Tränen in den Augen, als der Mann schließlich meine Hand nahm und sie auf den Esstisch legte. Überrascht von der veränderten Situation, geriet das Überbein in Panik, flehte und bettelte nun seinerseits, aber es war zu spät. Der Schlag war schnell, hart und präzise und machte es dem Handgelenk gleich. Der Schmerz hielt nicht lange vor. Als wir später im Dunkeln nebeneinander lagen, suchte ich nach den Lippen des Mannes. Sie waren hart und verschlossen. Drei Tage später zog er aus.



Kommentare
das ist toll! (gibts selten bei neon...)
22.02.2012, 18:43 von NeonBlondgarstig rüpelhaftes störding, das selbst im eigenen verlust noch triumphiert.
22.02.2012, 12:43 von mo_chroi