quatzat 19.02.2012, 18:54 Uhr 58 22

Am Ende des Weges

Wenn das Licht ausbleibt, verschwimmen nicht nur Tage und Nächte, sondern auch Traum und Realität.

Wenn das Licht ausbleibt, verschwimmen nicht nur Tage und Nächte, sondern auch Traum und Realität. Das eigene Empfinden, die letzte Verbindung zur äußeren Wirklichkeit, nimmt eine als angenehm empfundene Distanz zu allem ein, was in der Umgebung liegt oder liegen könnte.

Der Mann erwachte. Er war von dem Gefühl aufgewacht, das die Berührung seiner Hand mit dem kalten, staubig rauen Betonboden verursachte.

Neben dem unerträglichen Gestank ist Berührung die einzige Dauerempfindung, die ihnen, seit sie eingesperrt und vom Licht ausgeschlossen worden waren, die Erlösung durch den Schlaf nehmen konnte. An den dumpfen Geruch von Fäulnis und Angst, beißenden, wochenalten Schweiß und den Gestank von Exkrementen wie Erbrochenem und sich zersetzenden Essensresten konnte man sich gewöhnen, aber die Berührung erinnerte immer wieder unbarmherzig an die eigene Wirklichkeit, die eigene Wahrheit, die mit beharrlichem Meißel die Wahrhaftigkeit der eigenen Existenz ins Hirn trieb.

Dabei lag in dem Dahinschwinden, im Aufgeben und Loslassen, im Sich-selbst-Verlieren die einzige Möglichkeit, die innere Hölle von der äußeren unabhängig zu ertragen. Der Mann wusste schon lange nicht mehr, wann und mit wem er in dieses Verließ gesperrt worden war. Er konnte sich nicht an die Gesichter der Männer erinnern, die ihm das Gewand vom Leib gerissen hatten, noch wie die Gestalten aussahen, die ihn hier unten in seinem Siechtum begleiteten. Er wusste nur noch drei Dinge: dass es dunkel war, dass er nicht mehr aufwachen wollte und dass sie die Luke von Zeit zu Zeit öffneten: zum Säen, zum Füttern oder zum Ernten.

Es wurde nicht geredet. Der Mann kannte keinen Namen der ihn Umgebenden. Er kannte kaum seinen eigenen. Trotzdem konnte er sie unterscheiden: die Starken und die Schwachen. Er kannte den dominanten Geruch der Stärksten. Er wusste von dem Geschmack ihrer Fäuste in seinem Gesicht. Auch ohne ein gesprochenes Wort hatte sich ein System gebildet: Beim Säen der Neuankömmlinge wurden diese geschlossen mit Schlägen eingedeckt, noch mehrere Traumphasen danach roch er das Blut ihrer Schädel am Boden gerinnen. Es war Unruhe im Verließ nach solchen Phasen, denn das soziale Gleichgewicht stellte sich erst langsam wieder ein. Das Jammern der Verletzten hinderte andere am Träumen und aus den Ecken ertönte häufig Stöhnen und Schnaufen, begleitet von Geschrei, Gezeter und Weinen, wenn sich ein Dominanter an den weichen Teilen Schwacher vergriff. Wie Nebel lag der Geruch von Samen, Kot, Blut und Speichel für lange Zeit im Schwarzen.

Dazwischen Ruhe. Die Ruhe war das Entsetzlichste. Sie bestand aus dem Wettlauf zwischen Traum und Bewusstsein. Während der Mann versuchte, alles Wirkliche hinter sich zu lassen, in Träumen zu versinken, kroch die Realität in Form von Panik an seinen Flanken empor zu seinem Herz und umschloss es kalt und gierig. Regelmäßig gerieten andere in Wahn, schrien und rannten gegen Wände, solange bis sie von ihren Nachbarn bewusstlos geschlagen waren.

In den Augenblicken, in denen sie gefütterte wurden, die Luke aufging und gleißendes Licht ihre Augen zerbersten ließ, hätte er einen Blick auf die anderen werfen können. Doch den Mann ergriffen so wie sie die Instinkte, wie ein Schwarm Tauben umringten sie die Starken mittig unter der Luke, um auch einen Teil Nahrung zu ergattern. Es wurde getreten und geschlagen, Ellenbogen knirschten in Gesichtern. Nach kurzem Gezänk zog sich jeder in seine Ecke zurück und verschlang, was er hatte greifen können.

Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen, heißt es. Aber warum sind die Menschen dann unterschiedlich? Warum gibt es Starke und Schwache? Warum fressen sie sich, wenn sie können?

Sie konnten es schon weit vorher ahnen. Wenn die oben begannen, nach Hunger zu riechen. Dann dauerte es nicht lange und die Luke ging wieder auf. Diesmal schoben die Starken die Schwachen ins Licht, die sich wehrten wie sie konnten. Von oben schwangen sie große Fleischerhaken, die mit dumpfen Schlägen in das Fleisch der Unglückseligen eindrangen. Meistens langte einer, doch manchmal fischten sie mehr als zwei aus der Mitte der sich wogenden, gleißend weißen Leibern ihrer Mast. Wenn die Luke geschlossen worden war, begleitete sie noch länger das Geschrei der Opfer, ihr Flehen und Jammern, bis es abrupt endete. Danach begann die Zeit des Sägens, des Klopfens und Hämmerns. Schabende Geräusche, das Brodeln von kochendem Wasser und der Geruch, der unendlich anziehende Geruch zubereiteten Fleisches in jedweder Form. Das Vergewaltigen und Beißen unten nahm wieder zu.

Der Mann war zu einem mechanischen Bauteil geworden. Es war, als wäre sein Ich, seine Empfindungen, in einem ebensolchen Verließ eingesperrt, in dem auch sein Körper hausen musste. Eine dicke Mauer gegen das verrückt-Werden, ein Schutzwall gegen die Erkenntnis und ein Grab für jede Erinnerung. Erinnerungen, die ihn gepeinigt hatten, bis er sie vergrub. Tiefer aber noch sein Herz.

Als die oberen wieder Hunger bekamen und wieder ihre Fleischerhaken in ein Opfer schlugen und es hochzogen, konnte er für kurz das Gesicht desjenigen erkennen, der ins gleißende Licht empor glitt, sich in sein Schicksal ergebend, und es kam ihm vor, als ob derjenige zurück sah: es fiel ihm wieder ein, eine Erinnerung kroch durch die aufgeschichteten Steine. War es doch sein Junge. Für einen Moment war er unschlüssig. Er lauschte in sich hinein. Da war nichts. Nichts rührte sich. Als sie die Luke schlossen, setzte er sich erleichtert auf den Boden. Der Damm hatte gehalten.

Und nun verstand er auch, warum sie Recht hatten.

Gott hat den Menschen mit dem in Perfektion ausgestattet, was er sein Dasein lang selbst erfahren muss und was seine ganz ureigene Bestrafung ist: Der Einsamkeit.

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58 Antworten

Kommentare

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    einsamkeit kann helfen, um zu verstehen...

    04.03.2013, 16:38 von impact
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  • 0

    "mag ich" ist hier unpassend. faszinierend.

    20.03.2012, 16:48 von ausreisser
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    WARUM?!

    15.03.2012, 20:54 von be-werbung
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    der Gott menschlicher Vorstellung ist albern, aber die Angst, die ihn hervorbringt, ist es nicht.

    29.02.2012, 22:14 von schauby
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  • 1

    am anfang merkwürdiger schwurbel. am ende unerträglicher schwurbel.
    und ja ich habe alle kommentare gelesen und deine erklärungen hingenommnen.
    dropsdem:
    die mittlere geschichte. die ist gut. die ist sehr gut. die hatte ich filmisch vor augen. dieses gott / höhere instanz-gedöns ("überichig" wie du sagst) - nö. weg damit. macht den rest kaputt und driftet wieder in die altbekannte : kwatze erklärt die welt ecke.

    ohne den kwark hättich empfohlen, dearest. naja. ejal wa?

    achso eins noch: zweiter absatz: der mann blabla
    dritter absatz - unmittelbar folgend: dauerempfindung, die ihnen, seit sie eingesperrt.

    nich gut.

    23.02.2012, 12:51 von Der_Misanthrop
    • 0

      Misi! Du lepst!

      Und du bist schlecht gelaunt!

      Hach.


      23.02.2012, 12:53 von quatzat
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  • 0

    Für Neon herrlich unplüschig. Mag ich.

    23.02.2012, 07:46 von Spielverderberin
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  • 1

    Ich vermisse ein wenich den Zug.

    22.02.2012, 21:19 von MaasJan
    • 0

      Bowdenzug? Kupplungszug? Seilzug?

      22.02.2012, 21:22 von quatzat
    • 0

      Zugspitze, weißte?

      22.02.2012, 21:24 von MaasJan
    • 0

      redet ihr gerade von meiner karre? hä?

      22.02.2012, 21:27 von Faraduna
    • 1

      Das happich nu kapiert.

      22.02.2012, 21:27 von quatzat
    • 0

      Ja. JM hat dir doch den Kupplungszuch angenagt.

      22.02.2012, 21:29 von quatzat
    • 0

      das war der JM???? alta das hat mich gestern 87 tacken gekostet der scheiß!

      22.02.2012, 21:30 von Faraduna
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      Sou günstig is das?

      22.02.2012, 21:31 von MaasJan
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      Der is nich billich, der Jung!

      22.02.2012, 21:32 von quatzat
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      das war das komische kupplungsseilzug gedöns.
      plötzlich war die pedale wech. einfach wech!!!!!!
      mitten uffer autobahn. und ich mit 120 sachen unterwegs... nu ja...

      22.02.2012, 21:33 von Faraduna
    • 1

      Hatter wenigstens automatisch ausgekuppelt?

      22.02.2012, 21:35 von quatzat
    • 0

      was heisstn das? ich konnte auf jeden fall nicht mehr schalten.

      22.02.2012, 21:37 von Faraduna
    • 1

      chrchrchr

      ich frach dich nich weiter

      ud äh genau, könnt ihr mal bitte aufhören, meinen Text als private Kommunikationsplttfor zu benutzen,ja? Äh, ich hab d nämlich total viel rein investiert, und so, ne...

      22.02.2012, 21:38 von quatzat
    • 0

      muha!

      22.02.2012, 21:39 von Faraduna
    • 1

      Hee, du hast mich gesperrt!

      07.03.2012, 21:01 von Violetafalsa
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  • 0

    alles wunderbar bis auf das ende. ist das nun gotteslästerung? kannste doch gar nich wissen ob gott einsam ist und ich glaube nicht daran dass der mensch das ebenbild von gott ist.

    22.02.2012, 20:44 von Faraduna
    • 0

      Das ist keine Gotteslästerung. Wie ich unten schon irgendwo schrub, ist Gott für mich eine überichige Instanz. Im Grunde hat ist er damit deckungsgleich mit den Göttern der großen, monotheistischen Religionen, nur eben nich infantil 'angemalt' oder 'ausgeschmückt'. Sondern eher auf seine psychologische Funktion reduziert. Oder positiv formuliert, von jedwedem gesellschaftichen Tand befreit.

      Dass so eine Instanz seinesgleichen sucht und damit zwangsläufig einsam ist, liegt doch auf der Hand?



      22.02.2012, 20:50 von quatzat
    • 0

      scheiße dafür brauch ich nen dolmetscher jetze

      22.02.2012, 20:51 von Faraduna
    • 0

      Happich so genuschelt?

      22.02.2012, 20:53 von quatzat
    • 0

      nu... und seine psychologische funktion, sind diese dinge die du da oben beschreibst? mehr hat er nich drauf?

      22.02.2012, 20:56 von Faraduna
    • 1

      Tja.

      Alles kommentier ich hier nich.

      22.02.2012, 20:57 von quatzat
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