Patrick_Bauer 11.03.2010, 11:11 Uhr 0 1

Zukunft der Arbeit

In COWORKING-SPACES für Freiberufler arbeiten alle zusammen und doch für sich. Ist das die Zukunft der Jobwelt? Oder nur die Sehnsucht nach dem guten, alten Arbeitsplatz?

es ist so eine Sache mit der Freiheit.

Weil zu viel davon beengend sein kann, hat Anna Lena sich für das »Superflex«-Ticket im betahaus entschieden: zwölf Tage, »freie Platzwahl«, kein fester Schreibtisch, dafür Berlins »dickste Glasfaserleitung«, Drucker, Scanner, Kopierer, sogar ein Fax - auch wenn kaum mehr jemand etwas damit anzufangen weiß. Zweimal am Tag wird italienischer Kaffee direkt am Platz serviert. Der Preis: 79 Euro im Monat. Dafür muss sich Anna Lena aber an die Öffnungszeiten halten; Montag bis Freitag, 9 bis 18 Uhr. »Das hilft mir«, sagt die 29-Jährige.

Das »Superflex«-Ticket ist für Anna Lena Schiller, was die Stempelkarte für den Arbeitnehmer war. Bloß zahlt Anna Lena dafür, anstatt bezahlt zu werden, und sie nimmt keine Arbeit, sondern bietet welche an. Anna Lena ist Freiberuflerin. Sie betreibt »Visual Sensemaking«, wie etwa hundert Leute weltweit. Sie malt mit bunten Markern auf große Flipcharts und visualisiert mit Pfeilen, Farben und Symbolen, was Josef Ackermann oder sonst jemand auf einem Podium eigentlich sagen will. So werden abstrakte Zusammenhänge für das Publikum verständlich. Anna Lena kann strukturiert denken, und das Zeichnen hat sie sich selbst beigebracht, es ist ein spannender Beruf. Gerade hat sie vom Arbeitsamt ihren Gründungszuschuss über 12 000 Euro bewilligt bekommen, sie verdient mal 1000, mal 3000 Euro monatlich. Sie kritzelt gegen die Krise an.

Der moderne und mobile »Wissensarbeiter« wolle gar keine Festanstellung hieß es 2006 in Sascha Lobos und Holm Friebes Manifest »Wir nennen es Arbeit«. Die Autoren beschrieben die »digitale Bohème«, also die kleine, aber in den Großstädten umso präsentere Schicht von Kreativen, die es sich mehr oder weniger erlauben kann, von einem Café mit kostenlosem Internetzugang zum nächsten zu ziehen und von dort diverse Jobs zu erledigen, freies Texten, Produktdesign - was auch immer eben mit dem Laptop erledigt werden kann. Die beschworene »digitale Bohème« war eine Elite, der ein fester Arbeitsplatz kaum zuzumuten war - schließlich beschneiden Wecker, Hierarchien und Vorschriften nur die persönliche Freiheit.

Dass es gleichzeitig nicht für jeden erfüllend ist, wenn Arbeitszeit und Freizeit sich nicht mehr unterscheiden, wenn jeder Bekannte zu »sozia lem Kapital« wird und man permanent einsatzbereit sein muss, nur um die paar hundert Euro zusammenzukriegen, die in Berlin für eine Wohnung reichen, wurde gerne verschwiegen.

In Zeiten der Wirtschaftskrise gibt es immer weniger Arbeitsplätze, auch und gerade in den kreativen Berufen. Man muss sich nicht für die Selbstständigkeit entscheiden. Es bleibt oft keine Wahl. Und die Laptop-Elite erkennt: Es war nicht alles schlecht im Büro.

Das betahaus wurde im April 2009 eröffnet, es ist ein »Coworking-Space« nach US-amerikanischem Vorbild, und mit gut 120 Arbeitsplätzen einer der größten von unzähligen Coworking-Orten weltweit. Rund um den Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg, an dem das betahaus auf zwei Etagen und 1000 Quadratmetern in einem alt gewordenen Gewerbe-Neubau residiert, stand viele Jahre alles leer. Jetzt reiht sich ein aufgehübschter Gewerbehof an den nächsten, und in den Fabriketagen der Gründerzeithäuser surren die Apple-Notebooks. Ein Coworking-Space ist eine Art Firmenzentrale ohne Firma: Ein Schreibtisch hier ist billiger und weniger verpflichtend als die üblichen Bürogemeinschaften, man kann sich tageweise einmieten oder monatsweise, 229 Euro kostet im betahaus das Monatsticket, das sie »Fix« nennen, dann darf man zehn Stunden einen der Meetingräume nutzen, bekommt einen eigenen Briefkasten, ein Schließfach und einen Hausschlüssel. Nachahmer der Idee gibt es fast in jeder deutschen Großstadt. Grafiker, Programmierer, Fotografen, Architekten, Übersetzer, Start-up-Gründer oder Konzertveranstalter sitzen unter einem Dach, arbeiten alleine und helfen sich doch manchmal gegenseitig. Gemeinsame Projekte werden erdacht, Auftraggeber empfohlen, der Übersetzer hilft dem Programmierer mit dem spanischen Kunden, und der Programmierer löst das Festplattenproblem des Übersetzers.

Wo einst Menschen jeden Tag nebeneinander saßen, weil sie vom selben Betrieb dafür bezahlt wurden, sitzen heute Menschen jeden Tag nebeneinander, weil sie keinen festen Lohngeber haben. Sie suchen nicht nur Arbeit, sie suchen Halt.

»Zu Hause lenkten mich immer die Waschmaschine oder Skype ab«, sagt Anna Lena. Sie hat vor Monaten ihren Posten als Communitymanagerin in München gekündigt. München gefiel ihr nicht. Der feste Posten auch nicht. Doch nach der Kündigung vermisste sie vieles: die Kollegen und jemanden, der die Buchhaltung macht.

»Wir leisten das, was Firmen früher geleistet haben«, sagt Christoph Fahle, 29, einer der sechs betahaus-Gründer. Wir sitzen mit ihm im Café im Erdgeschoss: An der Wand Kunst aus Gaffer-Tape, in der Vitrine irgendwas mit Rucola oder Mandeln, und aus den Lautsprechern kommt Elektronisches. Der Werbeslogan lautet: »Leben und Arbeiten wie Gott in Kreuzberg: Ciabatta, Latte, WLAN.« Das Café ist zugleich Empfangshalle und Kantine, ein rumpelnder Lastenaufzug fährt hinauf in die Büroräume. Christoph, Typ Schulsprecher, hat noch nie fest für eine Firma gearbeitet, aber er weiß: »Eigentlich nervt im Büro nur der Chef. Sonst gibt es viele Vorteile: Man ist in Gesellschaft, der Orgakram wird für einen erledigt, und es gibt Weiterbildungen. Wir haben alles Gute aus dem Büro genommen und es mit der neuen Freiheit verbunden.«

Was früher im Büro der Filterkaffee war, ist heute der doppelte Espresso, der alte Flurfunk ist eine Mailingliste, und statt einer Poststelle gibt es im betahaus einen Service, der Briefe einscannt und den Mietern hinterherschickt. Die »betabier«-Abende - bei denen jeder sich und seine Tätigkeit vorstellen kann - ersetzen den Stammtisch, das iPhone die Sekretärin, der gerade promovierte Anwalt aus dem Gründerteam ist die Rechtsabteilung, er bietet kostenlose Sprechstunden an, und es gibt auch einen Steuerberater im Haus. Gerade wird über die Gründung von Sportgruppen nachgedacht.

Im benachbarten Bürokomplex »Aqua Carré«, in dem früher das Armaturenwerk »Aqua Butzke« saß, wurde sogar die ehemalige Kantine von freiberuflichen Köchen eins zu eins übernommen; wo in der Vergangenheit Schnitzel für Facharbeiter serviert wurden, gibt es heute Rindermedaillons mit Himbeersauce für Wissensarbeiter, sie nennen es »Kantine«. Als sei das System Büro stärker als jeder Zeitgeist, tauchen die alten, ungeliebten Strukturen wieder auf. Jetzt jedoch als Wohlfühlbionadewelt.

»Viele führen bei uns ihre Eltern rum«, sagt Christoph, »die sehen endlich, dass die Kinder arbeiten: Aha, ein Kopierer und Kollegen! Das verstehen die. Weil: Viele der Berufe hier gibt es eigentlich gar nicht.«

Christoph hat Politik studiert, danach musste er oft für Projekte nach Brüssel, ihm fehlte ein flexibler Arbeitsplatz, das, was zuvor die Staatsbibliothek Berlin gewesen war. Mittlerweile kann er vom betahaus leben, dreißig feste Tische sind vermietet, 120 Verträge abgeschlossen, sechzig Prozent Männer, Altersschnitt: Ende zwanzig. Christoph gefällt sich in der Rolle des Arbeitgebers, er grüßt jeden, der zum Haupteingang hereinkommt, wie ein netter Concierge und erzählt, dass sie Kekse auslasern statt sie auszustechen und dass eine seiner Kolleginnen USB-Manschettenknöpfe vertreibt.

Gut eine Million Freiberufler gibt es in Deutschland, Tendenz steigend, sie erwirtschaften rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Um die immer noch kleine Gruppe der »digitalen Bohème« bildet sich gerade so etwas wie ein Wirtschaftszweig. Und gerade in Krisenzeiten bewähren sich Modelle wie das betahaus: Wenn die Aufträge zurückgehen, beschäftigt man sich eben gegenseitig. Ein Mieter, sagt Christoph, schreibt derzeit an einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit, das passende Thema: die Preistoleranz von betahaus-Kunden bei Latte macchiato und WLAN.

Christoph und die anderen Gründer denken bereits darüber nach, in Zürich eine betahaus-Dependance zu eröffnen und in Lissabon. In ihrer Zukunftsvision wird man in allen Großstädten der Welt problemlos einen Platz zum Arbeiten finden. Eine Smartphone-Applikation, zeigt einfach an, wo der nächste freie Schreibtisch steht. Das Büro ist dann immer dabei. Und die Arbeit wird im Netzwerkzeitalter wieder physisch.

Sieht man davon ab, dass die Freiheit im betahaus- Großraumbüro ziemlich stickig und laut ist, weil es eben stickig ist, wo viele Menschen konzentriert sind, und laut, weil fünfzigfaches Flüstern Lärm ist und die Ohrenschützer rasch vergriffen sind, muss man sagen: Arbeit scheint hier mehr Vergnügen als Zwang zu sein, und doch wirkt alles und jeder sehr produktiv. Wäre da nicht das Problem mit dem Einkommen. Einer der StudiVZ-Millionäre hat sich mal eingemietet, aber manche im betahaus beziehen Hartz IV, die wenigsten können finanziell sorgenfrei leben. Bloß: Was heißt heute schon sorgenfrei? Anna Lena kommt aus einer Beamtenfamilie. Sie ist behütet aufgewachsen. Vielleicht hat sie deshalb Vertrauen in die Zukunft, obwohl es keinen Fahrplan gibt. »Ich mache mir ganz andere Sorgen als meine Eltern«, sagt sie, »ich brauche kein Haus, ich habe keine Kinder, ich habe schon von vielen Krisen in der Zeitung gelesen, ich will ein Leben führen, das mich glücklich macht, keines, das sich an Beförderungen entlanghangelt. Ich glaube, ich schaffe das.«

Die Corporate Identity, die im betahaus entsteht, ist vor allem eine ästhetische, man teilt das Dasein in einem hippen, technikfreundlichen Umfeld, man wählt eher nicht die FDP, aber trotzdem ist es - das wurde der »digitalen Bohème« zu Recht vorgeworfen - ein marktradikaler Gedanke: dass jeder für sich selbst sorgt und von Firmen und dem Staat in Ruhe gelassen werden will, also auch nichts fordert. Reagiert hier eine Generation, die schon im Praktikum jeden Tag einen neuen Platz beziehen musste, auf das zunehmende Outsourcing von Arbeitsplätzen? Oder fördert sie es noch? Die Freiheit des Einzelnen ist ja genauso die Freiheit der Arbeitgeber. Sie müssen den mobilen Coworkern keine Sozialversicherung zahlen und können auf die vielen Vereinzelten zugreifen, wann immer Bedarf besteht.

»Irgendwann gibt es sowieso keine großen Firmenkolosse mehr«, glaubt Anna Lena, »die Arbeitgeber sind dann nur noch der Nukleus, um den sich die Einzelnen gruppieren.«

Der Arbeitsmarkt verändert sich grundlegend, wie sich auch unsere Kommunikation verändert. Achtzig Prozent der Deutschen würden gerne mehrere Tage in der Woche nicht im gleichen Büro arbeiten sondern sich ihre Arbeitszeit freier einteilen können. Eine Studie von »Deutsche Bank Research« geht davon aus, dass im Jahr 2020 fünfzehn Prozent der Gesamtwertschöpfung durch temporäre Zusammenarbeit entstehen wird. Das Internet hat das Büro ersetzt als Treffpunkt und Aktenaufbewahrungsort. Aber vielleicht fehlt seitdem etwas. Der Kollege, der anruft, wenn man mal im Bett bleibt?

Marcus Splitt, seit dem vergangenen Sommer im betahaus, studierter Theologe, war zehn Jahre lang freiberuflicher Personalberater. Dann hat er einen Artikel über Kessels & Smits aus den Niederlanden gelesen. Ein Netzwerk von Personal- und Organisationsentwicklern, ein Unternehmen, das Hierarchie durch Kooperation ersetzt. Jeder ist daran beteiligt, spendet seine Zeit oder Geld für die Firmenzentrale. Aber Geld verdienen muss jeder für sich.

Kessels & Smits ist eine Art Selbsthilfegruppe für Freiberufler, die sich gerne geborgen fühlen. Splitt ist begeistert. Er hat keinen Vertrag. Doch der Name der Firma steht auf seiner Visitenkarte. Die Kollegen motivieren. Rufen an, geben Tipps, sie sind ein Team. Klar, wenn es hart kommt, muss jeder sehen, wo er bleibt. Aber Splitt glaubt, für eine gute Sache zu schuften.

Es geht derzeit um eine neue Definition von Arbeit, von Arbeitsplatz, aber auch um den Sinn: Für wen arbeite ich?

Also sitzt Marcus Splitt in einem Bürokomplex, der eigentlich nur eine Ansammlung von Einzelkämpfern ist, und arbeitet für ein Unternehmen, das nur eine Idee ist. Es gibt keine Sicherheiten, dafür aber unbegrenzte Möglichkeiten. Vielleicht ist das so in der Freiheit.

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