Zu gut für meinen Job?
Das Qualifikationsniveau in Deutschland muss ansteigen, sagen Bildungspolitiker. Manche Menschen können darüber nur lachen: Sie sind überqualifiziert.
Karen ist Sekretärin. Nicht Mitarbeiterin im japanischen Konsulat in Hamburg wie eine Freundin, mit der sie studiert hat. Auch nicht Projektleiterin beim Referat für Internationale Beziehungen der Stadt Heidelberg wie eine andere Kommilitonin. Nein, Sekretärin. Karen, 31, hat zwar auch ihr Studium in Japanologie und Soziologie abgeschlossen, zwischendurch anderthalb Jahre in Japan studiert und nebenbei in einem großen Software-Unternehmen gejobbt. Aber heute pflegt sie nicht die diplomatischen Beziehungen zwischen Japan und Deutschland oder betreut den Austausch zwischen Heidelberg und der Partnerstadt Kumamoto. Stattdessen bucht sie Flüge und Hotelzimmer, vereinbart Termine, verschickt Geschäftsunterlagen per Kurier. »Es sind vielleicht ein bisschen viele Kompromisse«, gesteht Karen. Deutschland statt Japan, Teilzeit statt Vollzeit; vom Geld ganz zu schweigen.
Den Kompromiss zwischen dem, was man will, und dem, was man kriegt, zwischen dem, was man kann, und dem, was man macht, müssen viele schließen, die frisch von der Uni kommen. Die wenigsten landen direkt im Traumjob. Bis dahin müssen sie sich erst ihre Sporen verdienen. Am schlimmsten aber sind die Fragen, die einem so durch den Kopf schwirren, während man Geschäftsbriefe abtippt oder Akten kopiert. Werde ich glücklich hiermit? Lasse ich mich ausbeuten? Sollte ich nicht eigentlich schleunigst die Kurve kriegen? Würde ich sie überhaupt kriegen, die Kurve? Oder bin ich jetzt festgenagelt, in die falsche Schublade einsortiert, ohne Umkehr, Klappe zu?
Glück?
Wird Karen glücklich werden? »Nein«, meint der Verhaltenswissenschaftler Klaus Dehner. »Irgendwann wird sie sich fühlen wie ein Pferd, das zu lange in der Box gestanden ist. Der Mensch ist auf Anstrengung programmiert, nicht auf Nichtstun. Wir leiden unter Unterforderung genauso, wie wir unter Überforderung leiden.« Mit seiner Firma »BioLogik« berät er Abteilungsleiter und Unternehmenschefs, wie sie bei ihren Mitarbeitern ein Gleichgewicht zwischen Arbeitsanforderungen und menschlichen Verhaltensweisen herstellen können. »Auch an unserer Arbeit sollten wir eine gewisse Lust empfinden«, fordert Dehner. »Mich nervt dieses ganze Gerede von Blut, Schweiß und Tränen. Diese Predigt von Anstrengung ohne Lust. Das ist grundfalsch: Arbeit ist nicht nur unangenehme Maloche. Aus ihr ziehen wir einen Großteil unserer Lebensqualität.«
Das tut auch Karen. Aber eher aus den Konsequenzen als aus den Inhalten ihrer Arbeit. Endlich ein festes Gehalt, Sicherheit, viel Freizeit. Wofür sie wirklich brennt, das macht sie, wenn sie nicht arbeitet – morgens auf der Zugfahrt zur Firma oder nachmittags zu Hause. Dann liest sie japanische Bücher, übt die Kanji-Schriftzeichen und arbeitet ihre Magisterarbeit für eine Veröffentlichung um. Klaus Dehner glaubt, dass Karen trotzdem etwas Wichtiges entgeht: Glück durch die Arbeit. Schon in den 80er Jahren hat ein amerikanischer Psychologe namens Mihaly Csikszentmihalyi über Glücksmomente im Arbeitsalltag geforscht. »Flow«-Erlebnis nannte er jenen Zustand, in dem ein Mensch völlig eins ist mit dem, was er gerade tut. »Dieses Flow-Gefühl wird hervorgerufen, wenn man eine Herausforderung dank seiner Kompetenz bewältigt«, erklärt Dehner. »Es ist das Bewusstsein der eigenen Qualifikationen und Stärken, mit denen man diese Anstrengung bewältigt hat – wie beim Sieg im Fußball oder Basketball.« Natürlich sei die Arbeit kein Dauer-Flow, Anstrengung und Lust gehen mal auf, mal ab. Aber doch, meint Dehner, bräuchte der Mensch, was schon die Pädagogin Maria Montessori gefordert habe: eine permanente leichte Mehrforderung.
Alternative?
Wenn ich nun aber gar nicht die Wahl habe? Wenn ich arbeiten möchte, wirklich ernsthaft, fleißig ranklotzen will – und nicht darf? So geht es vielen Uni-Abgängern: Zwischen 2001 und 2004 ist die Zahl der arbeitslosen Akademiker unter 35 um 70 Prozent gestiegen. Da steht man dann, hat die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit oder dem mäßigen Job. Kein Wunder, dass die meisten sich für letzteres Übel entscheiden, wie die aktuellste Statistik vom »Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung« von 1998 zeigt: Da waren in Westdeutschland 12 Prozent der Männer und 16 Prozent der Frauen in »inadäquater bzw. unterwertiger Beschäftigung«; im Osten waren es 16 Prozent der Männer und 21 Prozent der Frauen. Viel besser werden die Zahlen heute wohl nicht ausschauen. Also hat Karen drei Monate nach Ende des Studiums ihre Mappe bei verschiedenen Zeitarbeitsfirmen abgegeben. Eine vermittelte ihr den Jahresvertrag als Sekretärin; den Spatz in der Hand.
Auch Birgit, 34, hatte ein Jahr nach dem Studium in Germanistik und Kunstgeschichte die Nase voll von schlecht bezahlten Jobs im Call-Center oder als Empfangsdame bei Fielmann. Und vor allem von all den Bewerbungsmappen, die zerknittert wieder in ihrem Briefkasten landeten. Also wurde sie »Mädchen für alles« bei einer Medizintechnik-Firma; sie half mal hier, mal dort. »Dieses Zuarbeiten war ganz schön unbefriedigend«, erinnert sich Birgit heute. »Ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, ernst genommen zu werden. Besonders frustrierend war der Gedanke: Nach diesem jahrelangen Studium lande ich ausgerechnet hier.«
Jetzt wird Überqualifikation auch von höchster Stelle gefördert: Ab dem 1. Januar 2005 gilt jede Arbeitsstelle als zumutbar – auch wenn sie unter Tarif bezahlt wird oder nicht der früheren Qualifikation entspricht. Lehnt man die Stelle ab, wird das Arbeitslosengeld gekürzt. Schlechte Zeiten für den »Flow«. Aber schlaraffenlandähnliche Zeiten für die Arbeitgeber.
Ausbeutung?
Da flattern die aufgewecktesten Männer und Frauen herum, mit Doktortitel, zig Praktika und Auslandserfahrung. Und warten nur darauf, für die erbärmlichsten Jobs geschluckt zu werden. Überbieten sich in Überstundenwilligkeit und unterbieten sich in ihren Gehaltsforderungen. »Na ja«, wiegelt Thomas Kleb ab. Als Geschäftsführer von »Terra Personalmarketing« sucht er für Firmen die passenden Mitarbeiter. »Für Arbeitgeber bedeuten Überqualifizierte oft mehr Verlust als Gewinn.« Eben weil man unter der Unterforderung leidet – und damit auch die Arbeitsqualität. »Unterforderte Mitarbeiter sind meist weniger motiviert, oft vermiesen sie die Stimmung im Büro. Und kaum bessert sich der Arbeitsmarkt, sind sie weg. Das ist teuer: Die Kosten für Suche und Einarbeitung des Nachfolgers können bis in den sechsstelligen Bereich gehen«, erklärt Kleb.
Karriereblockade?
Pia Hollenbach, 29, hat die Frustwahl zwischen Arbeitslosigkeit und dem mäßigen Job noch vor sich. Eigentlich will sie in die Entwicklungshilfe – und sonst nichts. Also hat sie in den zwei Jahren seit ihrem Studium in Geografie, VWL und Pädagogik schlecht oder unbezahlte Praktika gemacht: bei den Vereinten Nationen in New York und Namibia, bei einem Beratungsunternehmen in Deutschland. Das Ergebnis: Pia schreibt immer noch Bewerbungen und lebt bei ihren Eltern. »Auf eine Stelle beim Robert-Bosch-Institut haben sich 850 Leute beworben«, seufzt sie frustriert. »Da kann ich ja gleich Lotto spielen!« Das tut sie noch nicht, aber sie hat sich eine Frist gesetzt. »Wenn ich in drei Monaten keine Stelle habe, dann nehme ich das Jobangebot von einer Freundin an, in ihrem Reisebüro in Namibia.« Das Arbeitsvisum versucht Pia schon mal zu beantragen.
»Das hätte sie viel früher machen sollen«, schimpft Monika Hoffmann. Sie hat das Buch »Überqualifiziert« geschrieben. »Drei Jahre Praktika – das sieht nicht gut aus im Lebenslauf. Wie soll sie denn anderen Menschen helfen, wenn sie selbst noch nie auf eigenen Beinen gestanden ist?« Überhaupt geht Hoffmann mit den Akademikern streng ins Gericht: »Es ist an der Zeit, bodenständiger zu werden und von den Höhenflügen runterzukommen. Die Ära von Traumjob und Traumkarriere ist eben vorbei.« Realistischer sollten die Arbeitssuchenden werden, mahnt sie. »Das ist wie bei einer Radtour. Wenn Sie die Strecke, die Sie eigentlich fahren wollten, nicht finden – ja, bleiben Sie dann einfach im Wald stehen und warten darauf, dass was passiert? Natürlich nicht! Sie suchen sich Schleichwege. Man muss nicht auf dem geradesten Weg zum Ziel kommen.«
Aber was ist mit dem Lebenslauf? Schieß ich mich nicht für immer ins Abseits, wenn ich nach dem Studium als Sekretärin oder Mädchen für alles jobbe? »Keineswegs. Wenn Sie nach dem Studium erst einmal versuchen, irgendwo Fuß zu fassen, zeigen Sie gesunden Pragmatismus. Den schätzt jeder spätere Arbeitgeber.« Komme ich denn überhaupt weiter? Was, wenn ich einfach hängen bleibe beim ersten Job? »Dann sind Sie selber schuld, Sie dürfen eben nicht auf Ihrer Stelle einschlafen. Aber auch eine Stelle, für die man überqualifiziert ist, kann eine gute Ausgangsbasis sein für die spätere Karriere. Sie sammeln Erfahrung und Sie haben die Sicherheit, sich ganz in Ruhe nach der nächsten Stelle umzuschauen. « Und wo bleiben da die Flow-Erlebnisse? »Wir dürfen nicht diese großen Glücksmomente erwarten – Arbeit ist doch nur ein Teil des Lebens.« Na ja, immerhin ein sehr großer Teil. »Nein, nur wenn man sich sehr stark an Beruf oder Status orientiert. Es gibt viele, die ihr Glück ausschließlich aus ihrem Privatleben ziehen.«
Anfang schlecht, aber doch alles gut?
Genau, beruhigen nicht nur Monika Hoffmann, sondern auch Karen und Birgit. »Jetzt am Anfang ist es schon spannend, überhaupt mal richtig im Berufsleben zu sein«, erzählt Karen. Und wichtig, denn was sie hier lernt, hat ihr an der Uni keiner beigebracht. Klar ist es wertvoll, japanische Lyrik analysieren und soziologische Statistiken erstellen zu können. Aber im wahren Leben muss man eben auch die Buchhaltung machen können oder gleichzeitig telefonieren und ein Päckchen entgegennehmen. »Die Theorie habe ich beherrscht, aber die Praxis musste ich erst noch lernen«, erinnert sich Karen zurück an ihren Arbeitsanfang. »Eigentlich war ich also eher anders qualifiziert als überqualifiziert.« Wenn ihr Jahresvertrag ausläuft, wird sie bessere Chancen auf einen Job mit mehr Verantwortung haben.
So ist es nämlich bei Birgit gelaufen. Nach ein paar Wochen als Mädchen für alles konnte sie eine Kollegin vertreten, die im Urlaub war – und sich dabei so richtig beweisen. Einige Monate später ging dann eine andere Kollegin in Rente, und Birgit konnte aufrücken. Das Leben als Sachbearbeiterin, die vor allem Daten in ihren Computer eingibt und Bestellungen verschickt, ist zwar immer noch nicht das, wovon man so träumt als Germanistin und Kunstexpertin. Aber es ist ja auch nicht alles. Im Moment dreht sich Birgits Welt eh erst mal um ihre Tochter Emma, fünf Monate alt. Und nach ihrem Erziehungsurlaub möchte sie in ihrer Firma weiter nach oben. Die Chancen stehen gut.
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Ein Trostpflaster für den stockenden Berufsanfang …
Auch andere sind trotz lauer erster Jobs noch groß rausgekommen. Aschenputtel musste erst Erbsen sortieren, bevor sie Prinzessin werden durfte; Susan Sarandon jobbte nach ihrem Studium in Englisch, Philosophie und Militärstrategie als Putzfrau, Sekretärin und Model. Besonders verbreitet sind unterqualifizierte Erstjobs anscheinend bei Schriftstellern. Literaturnobelpreisträger Günter Grass ackerte nach seinem Abitur als Landarbeiter und Arbeiter in einem Kalibergwerk bei Hildesheim. Michael Cunningham, dessen Roman »The Hours« mit Nicole Kidman prominent verfilmt wurde, mixte erst einmal Cocktails – unter anderem. Und das, obwohl er zuvor sein Studium in englischer Literatur an der Stanford University abgeschlossen hatte. Paul Auster verdingte sich nach seinem Studium an der Columbia University in New York erst einmal als Handelsmatrose. Danach schlug er sich mit Nebenjobs in Paris durch. Im Nachhinein der Durchbruch, denn dort lernte er Samuel Beckett kennen und wurde weltbekannter Autor. Ach ja, und der Japaner Haruki Murakami stand nach der Uni als Aushilfe im Plattenladen. Heute reichert er mit seinem Musikwissen seine Bestsellerromane an. Es gibt Hoffnung.
Tags: Leistungsdruck





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