Zivildienst - ein Fazit
Viel geredet, viel geschrieben wurde darüber – über Abschaffung, Länge, Aufgaben, Sinn und Unsinn des Zivildienstes in der heutigen Zeit. Ich stehe...
Viel geredet, viel geschrieben wurde darüber – über Abschaffung, Länge, Aufgaben, Sinn und Unsinn des Zivildienstes in der heutigen Zeit. Ich stehe nun am Ende meiner Dienstzeit. Und muss für mich selbst ein Fazit ziehen: „Da steh’ ich nun ich armer Thor…“ oder „Neun Monate meines Lebens, ergo zwei Semester Studium oder ein Jahr Geld verdienen verschenkt“? Wohl kaum!
Etwa acht Wochen vor Beginn meines Zivildienstes rief mich ein guter Bekannter an. Wir unterhielten uns über dies und das und als wir ganz beiläufig auf den baldigen Beginn meines Zivildienstes zu sprechen kamen, passierte es - er unterbreitete mir ein unmoralisches Angebot: „Ich hab einen Freund, der ist Arzt. Geh zu dem, sag du hast ständig Rückenschmerzen und – du bist raus.“
Ich wusste, dass viele meiner Freunde und Bekannten ähnliche Angebote bekommen und fast immer auch genutzt hatten. Das hatte schließlich dazu geführt, dass von den 32 Jungen meines Abiturjahrgangs ganze neun ihren Wehr- bzw. Zivildienst antraten. Andere hatten plötzlich schwere Rückenleiden, kaputte Knie, furchtbar platte Füße oder ähnliche chronische Krankheiten, die bisher noch niemandem aufgefallen waren.
Ich stand also vor einer gar nicht so einfachen Entscheidung. Auf der einen Seite war da diese schreiende Ungerechtigkeit der Musterung, die es tatsächlich geschafft hatte, „Ich-renn-10km-schon-vor-dem-Frühstück“-Sport-Idioten und Landesligafußballer neben mir auszumustern, während sie Anti-Sportler wie mich für tauglich befand. Auf der anderen Seite plagte mich da aber auch mein Gewissen. Mein Gewissen, dass es ja nun mal meine Pflicht sei, einen Dienst abzuleisten.
Und so startete ich, wie viele andere auch, mit der Gewissheit in den Zivildienst, ein Jahr Ausbildung und damit verbunden nicht wenig Geld für eine mehr oder weniger sinnvolle Sache in den Wind zu schießen. Trotzdem nahm ich mir vor, mit möglichst großer Motivation und Tatendrang der neuen Aufgabe entgegenzutreten, um den Zivildienst wenigstens als wertvolle Erfahrung für mein späteres Lebens mit zu nehmen.
Doch es kam, wie es kommen musste: die Hauptaufgabe in meinem Job in einer Anlernwerkstatt für Schwerstbehinderte bestand darin, Pappkartons zusammen zu stecken und Luftpumpen einzutüten. Das führte dazu, dass ich nach der 1.000. Pappe anfing, eine Art von Perfektionismus im „Pappen zusammenstecken“ zu entwickeln. Meine Hände fingen an, wie eine Maschine zu arbeiten. Pappe 457, Pappe 458, Pappe 459 … und irgendwie fühlte ich mich an Erzählungen von Freunden zurück erinnert, die Ferienjobs am Fließband gemacht hatten. Der Kontakt zu und die Arbeit mit den Behinderten fand also quasi gar nicht statt. Ich war derjenige, der dafür zu sorgen hatte, dass die angenommenen Aufträge auch pünktlich fertig werden.
Hinzu kam ein Betriebsklima, das vor allem durch gegenseitiges Mobbing und Lästereien zwischen den Mitarbeitern gezeichnet war. Die Kombination daraus führte schließlich dazu, dass meine anfängliche Motivation bereits nach kürzester Zeit auf ein Minimum zurück geschrumpft war.
Nach sechs Wochen machte mir der immergleiche Trott des Alltags so zu schaffen, dass ich mich überwand eine der Mitarbeiterinnen zu fragen, ob es nicht möglich wäre, mir vielleicht das ein oder andere Mal etwas abwechselungsreiche Aufgaben zu zuteilen. Ich bot zum Beispiel an, einen Singkreis einzurichten oder individuell mit den Behinderten Spaziergänge zu machen.
Obwohl ich in aller Höflichkeit angefragt hatte, eskalierte die Situation schlagartig. Mir völlig unbegreiflich konfrontierte mich die Mitarbeiterin mit vorher nie aufgetauchten Vorwürfen. Fast hysterisch warf sie mir Vertrauensbruch vor. Ich sei faul und unkooperativ. Auf dem kurzen Dienstweg wurde ich also gleich am nächsten Tag einer anderen Abteilung zugewiesen.
Nach diesem harten Schlag, erschien ich also am nächsten Morgen bei meiner neuen Dienstelle, einer Tagesstätte für Psychisch Kranke – mehr wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht.
Neugierig, motiviert aber auch zweifelnd betrat ich die Räume der Tagesstätte. Als erstes fiel mir die helle und freundliche Atmosphäre der Räume und der Geruch von leckerem selbst gemachtem Essen auf, so dass mein Bauchgefühl (wahrscheinlich war es mein hungriger, vom Kantinen-Essen genervter Magen) mir zuflüsterte: Hier fühlst du dich wohl, hier bleibst du!
Und der gute erste Eindruck bestätigte sich. Die Arbeit machte mir Spaß und ich verstand mich auf Anhieb mit Mitarbeitern und Patienten. Schnell hatte ich auch das Vertrauen der Mitarbeiter gewonnen und durfte nun selbstständig und in Eigenverantwortung ein Betreuungsprogramm für die psychisch Kranken erstellen. Nebenher half ich bei der Verwaltung und Dokumentation, sowie bei der Organisation von Ausflügen.
In den folgenden Monaten meiner Arbeit dort habe ich viel über Menschen, Kranke und Gesunde, sowie über das Lösen von Konflikten erfahren. Nach der recht behüteten Welt der Schule befand ich mich nun plötzlich zwischen Alkoholikern, Drogenabhängigen und Depressiven. Statt meiner Mitschüler mit ihren Pseudoproblemen („Ich glaub’ mein Freund mag meine neue Frisur nicht“) saßen nun Leute mit wirklich großen Problemen neben mir.
Und so fing ich an, in Gesprächen mit Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, zu realisieren, wie schnell auch mir dasselbe passieren könnte. Ich lernte, was es bedeutet Menschen zu helfen, aber auch, was es heißt, Menschen nicht helfen zu können.
Dabei erfuhr ich auch viel über mich selbst. Durch das selbstständige Arbeiten im gut funktionierenden Team lernte ich, Situationen einzuschätzen, persönliche Krisen zu meistern, aber auch in Teamdiskussionen die eigene Meinung vor anderen zu vertreten. Nach und nach konnte ich meine eigene Arbeit immer besser beurteilen und einschätzen. Gleichzeitig gaben mir die Kollegen das Gefühl, mich in meiner Arbeit wirklich zu schätzen.
Während meiner Arbeit lernte ich faszinierende Menschen und interessante Persönlichkeiten kennen. Aus den anfänglich oberflächlichen Beziehungen zu den Patienten entwickelten sich teilweise richtige Freundschaften und in Gesprächen lernte ich Sichtweisen auf Dinge kennen, die ich mir so hätte vorher gar nicht vorstellen können.
Dadurch hat mich der Zivildienst reifer und erwachsener gemacht. Auf viele Situationen reagiere ich heute ganz anders, als ich das noch vor neun Monaten getan hätte. Ich habe gesehen, was es für einen Menschen heißt, ein Verlierer zu sein. In einen Abwärtswirbel zu geraten und vielleicht nicht mehr heraus zu kommen.
Für mich war der Zivildienst eine wichtige Zeit. Ich plädiere auch heute noch für die Abschaffung der Wehrpflicht. So wie man hört, langweilen sich die Wehrdienstleistenden bei der Bundeswehr zu Tode, während in vielen Zivildienstjobs die Leute mit Schwachsinns-Aufgaben bedacht und als Billig-Hilfsarbeiter missbraucht werden.
Nichts desto trotz rate ich aber jedem Abiturienten und Schulabgänger, vor dem Studium wenigstens ein paar Monate auch mal eine andere Welt kennen zu lernen. Den behüteten, kleinen Kosmos Schule und Uni zu verlassen und den Horizont zu erweitern. Endlich auch mal Leute kennen zu lernen, die vielleicht nicht dasselbe denken, dasselbe tun oder dasselbe Ziel haben, wie man selbst.
In Zeiten, in denen die so genannten „soft skills“, also die sozialen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten, fast als genauso wichtig eingestuft werden, wie fachliche Kompetenz, reicht es meiner Meinung nach nicht, von der Schule direkt zur Uni zu wechseln und zu einem grandiosen Theoretiker zu werden. Ich denke, jeder sollte einmal seine vier Wände verlassen und eine andere Welt und gänzlich andere Menschen kennen lernen. Ob das nun bei einem Auslandsaufenthalt, bei der sozialen Arbeit mit Behinderten, Psychisch Kranken, Obdachlosen, Drogenabhängigen, kriminellen Jugendlichen oder sonst wo passiert - wichtig ist es, den eigenen Horizont zu erweitern – auch um später vielleicht einmal weitsichtigere Entscheidungen treffen zu können. Ich jedenfalls habe meinen Zivildienst als interessante Zeit mit vielen wichtigen Erfahrungen erlebt, die mich jetzt und in Zukunft begleiten und die mir bei vielen Entscheidungen ein hilfreicher Wegweiser sein werden.





Kommentare
WAS? Nur noch 9 Monate? Kann man da überhaupt noch richtig arbeiten? Da ist man doch schon als Zivi verdammt dazu, billige anspruchslose Dinge zu erledigen, die keine Anlernzeit benötigen. Sonst wird ja die Effektivität des Zivis in Frage gestellt.
20.07.2005, 14:16 von SiriusIch bin dennoch auch froh, den Zivi durchgezogen zu haben. Ich hatte Vorträge (vor bis zu 300 Zuschauern) am laufenden Band zu halten und das hat mir in meinem Studium sehr geholfen. Bei Vorträgen (auch die Diplomverteidigung) hat ich dadurch überhaupt keine Nervosität mehr. Ich kann den Laserpointer halten, ohne dass er Zickzackkurven beschreibt. Ich würde in meinem nächsten Leben auch wieder Zivi machen. Am allerbesten waren natürlich die 3 Wochen Zivischule an der Ostsee. Andere würden 3 Wochen bezahlter Urlaub sagen :-)
1) die himmelschreiende Ungerechtigkeit des Einziehens. a) Frauen müssen nicht b) Spitzensportler müssen aus mir unerklärlichen Gründen nicht c) alle möglichen anderen müssen auch irgendwie nicht...letztendlich muss ca 1/6 des gesamten Jahrgangs dran glauben - wo ist da die Gerechtigkeit ? Wo ist da die Gleichheit ? Können alle Ausgemusterten (auch die mit XX-Chromosomen) etwa keinen Zivildienst machen ? Ich glaube ich habe das Grundgesetz da völlig anders verstanden.
20.07.2005, 10:04 von Ryu-SamaParallel kommt immer wieder die Debatte darüber auf, dass die Jugend schneller in Arbeit muss....kürzere Schulzeit, etc....aber für Zivi bleibt noch Zeit.....wärend andere direkt loslegen dürfen oder erstmal ausgiebig die Welt kennen lernen darf ich quasi für umsonst arbeiten....na toll...
2) der Zivi und seine Zivistelle. Ich hatte Glück. Ich studiere Medizin, hab mich deshalb auf einer Intensivstation beworben und wurde genommen. Tolle Kollegen, die mich respektieren, fördern und mit denen ich viel Spaß hatte. Ich hab super viel gelernt und nunja, die Assiarbeit, die halt auch jeden Tag anfällt bleibt nicht aus. Aber es geht halt auch anders.
Es ist verrückt, aber ich habe mich gefreut, dass ich nicht wie ein Zivi behandelt wurde. Und das schlimmste: diese Freude war auch noch gerechtfertigt! Wenn ich teilweise Storys von Freunden höre, wie mit denen Umgesprungen wird.....mir verschlägts echt die Sprache.......hin und wieder musste ich mir solche "du bist ja schließlich hier zum Arbeiten"-Sprüche auch an hören, die waren aber die Ausnahme und ich habe mich trotzdem tierisch drüber geärgert.
"Du kriegst ja auch Geld dafür..." Ach ja ? ich glaube es waren so um die 7 Euro pro Tag an reinem Sold...etwas zusatzgeld kommt noch drauf Nebenkosten.....aber das soll für einen 8 Stunden-Tag Lohn sein ? Dafür würde fast keiner das Bett verlassen.
Solche Sprüche kotzen mich an und zeigen, dass Zivis wirklich oft als 2. Klasse Menschen angesehen werden.....wenn sie sich sagen "Ich muss hier gegen meinen Willen Ackern und das für einen nicht ernstzunehmenden Lohn.", dann werden sie als faul bezeichnet.......Zivis, die den ganzen Tag als Zivi behandelt werden tuen mir echt leid....und leider werden das eine ganze menge.....
3) Das "ohne Zivis würde alles viel zu teuer und zusammenbrechen"-Gerücht.
Ein Oberarzt meiner Abteilung, der sehr viel liest hat es mir bestätigt: Zivis kosten. die ganze Verwaltung, die zig Arztbesuche, die Schulungen, alles. Zivis kosten oft mehr, als dass sie sparen.
Wir haben eine enorme Arbeitslosenquote in Deutschland. Es gibt viele, die auch wirklich arbeiten WOLLEN. Und Zivis, die es nicht wollen MÜSSEN es aber. Es gibt auch viele, die ohne weiteres Zivi-Arbeit erledigen wollen und können.
Natürlich würde ich nie einen grenzdebielen Dauerarbeitslosen, der für das meiste einfach nicht den nötigen IQ hat auf eine Intensivstation loslassen - Gott bewahre. Aber es gibt auch viele talentierte Langzeitarbeitslose - wieso nicht die Jugend nicht das machen lassen, was sie wollen und statt dessen die in Arbeit bringen, die es auch wollen ? Dass das den Staat mehr kostet wage ich entschieden zu bezweifeln.
Ich denke, dass Hauptproblem wäre eine zwingende Privatisierung der Bundeswehr. Junge Abiturienten zusätzlich drunter zu mischen macht die Bundeswher mit Sicherheit zu einem liberaleren Verein.
Obwohl ich T2 gemustert wurde hat mein Zivi-Arzt mir unfreiwillig und indirekt klar gemacht, dass ich eigentlich hätte ausgemustert werden müssen...hätte ich nicht direkt bei der Musterung verweigert, wäre ich wohl auch T3 gemustert worden....
....Zivildienst ist zu 80% Ungerechtigkeit und Ausbeutung...
sehr schöner text, vor allem da ich da auch meinen eigenen zivildienst wieder finde.
20.07.2005, 00:38 von dcdmqich habe 12 monate in einem cafe, betrieben von patienten einer nervenheilanstalt, gearbeitet und es war echt eine wundervolle und unglaublich lustige zeit, die mich auch viel reifer und nachdenklicher gemacht hat und ich würde den dienst sicher nicht vermissen wollen und bin froh nicht untauglich gewesen zu sein.
mit solchen menschen arbeiten, mit ihnen schach spielen, ihnen ein wenig den tag schöner machen etc. das war alles unglaublich wunderbar! jedenfalls, kann so ziemlich die meisten deiner erfahrungen unterschreiben, gott sei dank hatte ich nicht ganz solche vollidioten als leiter, die jegliche selbstverantwortung und neue idee zunichte gemacht haben.
stimmt wohl. das was du dort schreibst habe ich schon von vielen gehört. ich bin leider mit dem weiblichen geschlecht gesegnet und auf dem markt für fsj´ler weht leider ein anderer wind. alle stellen bei denen ich mich beworben hatte haben mich abgelehnt, weil sie lieber zivis als fsj´ler haben wollten. im endeffekt bin ich dann direkt in die uni weitergezogen und habe nur einmal die woche in einer sozialen einrichtung gearbeitet. das fand ich für mich sehr schade. die chance habe ich wohl vertan. jetzt werde ich doch sonderschullehrer und werde bald mein ganzes leben auf eine gewisse art als zivi verbringen. das ist meine entschädigung ;)
20.07.2005, 00:19 von sternenkindals mein und ich zivikollege uns vor ziemlich genau zwei jahren über den weg gelaufen sind war das ein schicksalsträchtiger tag. rosi und ich hatten uns von anfang an gehasst. dann irgendwann festgestellt: der is ja gar kein arschloch. und nun: dicke kumpels. gut kohle im zivi verdient und sonst richtig viel spass gehabt und ich habe den spass an dieser arbeit immer noch
19.07.2005, 23:04 von moralapostelSAUEREI, dass man sich bei der bundeswehr für zwölf jahr verpflichten kann und als zivi nicht (ja ich weiss ist realitätsfremd aber wär schon schön)
zivi.. 10 monate richtig richtig viel verdient, ne richtig gute zeit mit richtig guten kollegen, richtig klasse arbeitszeiten von 9 bis 5... wenns ichs hätte länger machen können zu den konditionen.. ich häts gemacht...
19.07.2005, 21:58 von Jo_Himselfach so.. ich hab inner sozialstaion "gedient".. morgens essen ausfahren, mittags einkaufen, nachmittags leute heimfahren...
„Neun Monate meines Lebens, ergo zwei Semester Studium oder ein Jahr Geld verdienen verschenkt“
19.07.2005, 19:42 von Flocke84Das könnte ich so unterschreiben für meinen Zivi. Ich gönne es jedem, dem es besser ging :-)
aber glaubst du wirklich, dass alle diese stellen besetzt werden können wenn der zivildienst abgeschafft wird?
19.07.2005, 19:26 von sonnenkind87viele soziale einrichtungen sind einfach abhängig von den zivis und fsj'lern.