Zeugnis der Anklage
Ein Zeugnis kann sich nett anhören - trotzdem steht zwischen den Zeilen, dass jemand ein fauler Trottel ist. Was sagt das Geschriebene wirklich aus?
Es gibt nichts Fieseres als Komplimente, die keine sind. Wenn man nach Jahren eine frühere Freundin trifft, und sie säuselt, »Du hast dich gar nicht verändert« - obwohl man morgens selbst von den tiefen Augenringen erschrocken ist. Oder wenn jemand sagt, »Steht dir gut, der Speck auf den Rippen« - obwohl man seit Wochen versucht ihn loszuwerden. Was solche Komplimente mit Arbeitszeugnissen zu tun haben? Eine ganze Menge - denn wenn man Pech hat, bestehen Arbeitszeugnisse ausschließlich aus zuckersüßer Heimtücke. In deutschen Personalabteilungen sitzen Meister einer allgemein bekannten Geheim-Schleim-Sprache, denn laut Gesetz müssen Zeugnisse nicht nur wahr, sondern auch »wohlwollend« sein. Selbst wenn der Chef jemanden für einen Vollidioten hält, umschreibt er das also ganz nett. Dann steht da etwa: »Herr Müller hat sich nach Kräften bemüht, das Beste zu geben« - das heißt im Klartext, dass der Typ zu blöde zum Kaffeekochen war.
Es ist wichtig, diese geheimen Codes zu durchschauen und sich gegebenenfalls bei der Zeugnisübergabe zu wehren. Wenn du dich irgendwo bewirbst, schauen die Personalchefs auf bisherige Arbeitszeugnisse, lesen zwischen den Zeilen, schnüffeln Mehrdeutigem nach. Wenn sie Negatives entdecken, schaffst du es kaum zum Vorstellungsgespräch. Ist die Beurteilung aber gut, hat man die erste Hürde schon überwunden.
Ein qualifiziertes Zeugnis kann jeder verlangen, der unselbstständig beschäftigt war. Auch Praktikanten sollten sich attestieren lassen, was sie geleistet haben, wie zufrieden Vorgesetzte waren und ob sie im Kollegenkreis zurechtkamen. »Natürlich bezieht sich ein Praktikumszeugnis auf eine kurze Zeit, und deshalb kann eine halbe Seite schon in Ordnung sein«, sagt Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie. »An sich sollte ein Zeugnis aber mindestens eine Seite umfassen - bis zu etwa zweieinhalb Seiten, wenn jemand sehr lange bei einem Unternehmen war.«
Den ersten prüfenden Blick werfen Personalprofis immer auf den letzten Absatz. Stimmt das Zeugnisdatum mit dem Ende der Arbeitszeit überein - oder hat es Probleme und damit Verzögerungen gegeben? Verdächtig ist auch, wenn der Bewerber in seiner alten Firma mitten im Monat ausgeschieden ist und nicht am Ende eines Quartals. Besonders wichtig ist der Satz »XY verlässt unsere Firma auf eigenen Wunsch« - denn wenn man »im gegenseitigen Einverständnis« weggeht, bedeutet das tatsächlich, dass einem die Kündigung nahe gelegt wurde. Und steht da gar nur, dass das »Arbeitsverhältnis am S endete «, bedeutet das in Wirklichkeit: Rauswurf.
Der Unterschied zwischen »voll« und »vollst«
Es kommt noch komplizierter. Die Sprache in Arbeitszeugnissen ist nämlich blumig wie ein Valentinsbouquet und verschachtelt wie Thomas Mann - nur dass das Deutsch viel schlechter ist. Ein Beispiel: »XY hat die ihm/ihr übertragenen Anforderungen stets zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt S« »Stets vollst« hört sich grässlich an, entspricht aber einer glatten Eins. Schon wenn die Zufriedenheit nur noch »stets voll« ist, geht1s eine Note runter. Fällt das »stets« weg, war die Leistung gerade mal befriedigend. Das vernichtendste Urteil aber ist: »arbeitete im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit«.
Nicht nur verwendete Formulierungen sagen etwas über die Leistung aus, sondern auch das, was die Chefs einfach weglassen - worüber sie kein Wort verlieren, ihr beredtes Schweigen. Da freut sich vielleicht ein Angestellter, weil ihm »Fleiß und Ehrlichkeit« attestiert werden - und ahnt nicht, dass diese Begriffe immer nur im Dreierpack mit »Pünktlichkeit« verwendet werden. Fehlt diese dritte Eigenschaft, warnt das vermeintliche Lob also vor einem unzuverlässigen, notorischen Zuspätkommer. Auch die Reihenfolge ist bei manchen Formulierungen entscheidend. Eine prima Beurteilung ist: »XYs Zusammenarbeit mit Vorgesetzten und Kollegen war stets sehr gut.« War hingegen »die Zusammenarbeit mit Kollegen und Vorgesetzten stets befriedigend«, ist die hierarchische Reihenfolge vertauscht. Das heißt, dass man zwar gut mit den Kumpels aus der eigenen Abteilung konnte, für den Chef aber ein harter Brocken war. Und werden gar nur die »Kollegen« erwähnt, sieht1s ganz düster aus S
Das alles sind die verbreiteten Codes und Sprachregelungen, über die es kein Zweifeln und Deuteln gibt. Aber eine Verschwörungstheorie geht sogar hierüber hinaus: Angeblich hätten sich in den 70er Jahren an einem dunklen Ort im Harz Personalmanager aus der ganzen Republik getroffen. Lauter fiese, graue Herren, die nun überlegt hätten, wie sie die Lohnabhängigen weiter knechten könnten. Angeblich haben sie richtige Geheimzinken erfunden, um ihre Kollegen vor Dingen zu warnen, die in einem Zeugnis nicht erwähnt werden dürfen: So soll ein nach links verrutschtes Häkchen bei der Zeugnisunterschrift bedeuten, dass der Arbeitnehmer einer linksgerichteten Organisation angehört; und eine unmotivierte Senkrechtlinie weist angeblich auf Gewerkschaftszugehörigkeit hin. »Vieles ist sicher Mythen-Spinnerei, aber die Sache mit den kleinen Haken und Pünktchen kenne ich auch«, bestätigt Jürgen Hesse. »Auch in den 80er Jahren kamen diese kryptischen Zeichen noch vor - aber heutzutage sind sie aus der Mode.«
So schreibt man sich sein Zeugnis selbst
Zum Glück. Doch schon die legalen und allseits verwendeten Sprachregelungen sorgen für Probleme: Die Chefs sehr kleiner Firmen beispielsweise sind mit den Codes nicht unbedingt vertraut. Sie schreiben ein Zeugnis, das sie durchaus positiv meinen - und formulieren es so ungeschickt, dass ihr ausscheidender Mitarbeiter damit bei Unternehmen mit Personalabteilungen auf die Nase fliegt. Das passiert auch leicht, wenn man sein Zeugnis selbst vorschreiben soll, eine Aufgabe, die gerade Praktikanten gern zugeschoben wird. Und die winden sich dann vor Unbehagen. Wie unangenehm! Die eigenen Leistungen beurteilen zu müssen! Doch keine Angst S Das ist auch eine Chance!
Für wirklich wichtige Zeugnisse gibt es Agenturen, die dir den Text vorformulieren oder alles nochmals überprüfen. Normalerweise reicht es aber, wenn du dir ein Fachbuch über Arbeitszeugnisse besorgst. Darin sind alle Fallen aufgelistet, sowie hunderte von Textbausteinen und ihre Übersetzung. Dann sieht man, was der Chef eigentlich sagen will - und kann ihn, wenn nötig, vielleicht noch vom Gegenteil überzeugen. Muss man sein Zeugnis selbst schreiben, kann man die Formulierungen passend für sich zusammenpuzzeln. Aber nicht übertreiben: »Ein Arbeitszeugnis soll deutlich über dem Durchschnitt sein, aber nicht allzu streberhaft-perfekt«, warnt Jürgen Hesse. »Sonst gerät es leicht in den Verdacht, dass es eine Gefälligkeit war, dass man Sie von ihrer alten Stelle weggelobt hat - und das ist ja nicht Sinn der Sache.«
Verbale Ohrfeigen - nett formuliert
Wir haben den Arbeitszeugnis-Experten Jürgen Hesse gefragt, was ein Chef damit tatsächlich sagen will
»Er erledigte alle Arbeiten mit großem Fleiß und Interesse S«
Das heißt: Eifrig war er - nur Erfolg hatte er keinen.
»S zeigt ein gesundes Selbstvertrauen S«
Nervt mit seiner unerträglich großen Klappe.
»S trug durch seine Geselligkeit zur Verbesserung des Betriebsklimas bei S«
Vorsicht, Torkelrisiko bei Betriebsfeiern! »Geselligkeit« ist ein eindeutiger Hinweis auf Alkoholprobleme.
»S schätzen wir ihn als einen eifrigen Mitarbeiter, der die ihm gemäßen Aufgaben schnell und sicher bewältigen kann S«
Ein Schlag ins Gesicht, die »ihm gemäßen Aufgaben«. Der gute Mann hat leider nichts drauf.
»Sie war tüchtig und wusste sich gut zu verkaufen.«
Eine unangenehme Mitarbeiterin und Schleimerin.
»Wann immer Probleme auftraten, zeigte er sich stets kompromissbereit.«
Ein nachgiebiges Weichei, das keine eigene Position vertritt.
»S bewies stets Einfühlungsvermögen für die Belange der Belegschaft.«
Ein Grapscher. »Einfühlungsvermögen« steht für die Suche nach Sexkontakten mit Kollegen bzw. Kolleginnen.
»Er galt im Kollegenkreis als toleranter MitarbeiterS«
Aber mit den Vorgesetzten ist er leider gar nicht ausgekommen!
»S ihr sehr hohes Bildungsniveau machte sie im Kollegenkreis zu einer beliebten GesprächspartnerinS«
Tratschtante, die mit zu vielen privaten Unterhaltungen andere von der Arbeit ablenkt.
»S ist mit seinen Vorgesetzten gut zurechtgekommenS«
Streberhafter Mitläufer, den die Kollegen nicht ausstehen konnten.
Checkliste für ein perfektes Arbeitszeugnis
1. Formales: Das Zeugnis soll auf Firmenpapier getippt sein, fehlerfrei und ohne ein Feld mit deiner Anschrift. Mindestlänge: eine Seite nach längerer Arbeitszeit, besser etwas mehr. Hat mindestens eine Person unterschrieben, die hierarchisch deutlich über dir steht? Kann man ihren Namen und ihre Position wirklich lesen?
2. Ausstellungsdatum: Sollte nahe an deinem letzten Arbeitstag liegen, höchstens zehn Tage davor oder danach. Möglichst zum Quartals- oder Monatsende gehen - krumme Daten riechen nach fristloser Kündigung.
3. Einleitung: Ganz oben muss eine Überschrift stehen: »Arbeitszeugnis« etwa oder »Praktikumszeugnis«. Darunter kommen Angaben zur Person, zum Beruf und zur Beschäftigungsdauer. Außerdem eine Beschreibung deiner Position und Aufgabe im Unternehmen.
4. Leistungsbeurteilung: das knifflige Kernstück deines Zeugnisses. Je nachdem, wie lange du im Unternehmen warst, sollten mindestens drei oder vier der folgenden Punkte abgehandelt werden: deine Arbeitsbereitschaft; die Arbeitsbefähigung, also Dinge wie Belastbarkeit, intellektuelle Fähigkeiten, Fachkenntnisse, usw.; Arbeitsweise; Arbeitserfolg, wie viel du wie schnell und wie gut geschafft hast; besondere Erfolge; Fachwissen/Weiterbildungsmotivation; gegebenenfalls Mitarbeiter-Führungskompetenz. Ganz wichtig ist am Schluss die zusammenfassende Zufriedenheitsaussage. Einer glatten Eins entspricht: »S waren wir immer in jeder Hinsicht außerordentlich zufrieden«, »Shaben seine/ihre Leistungen in jeder Hinsicht unsere vollste Anerkennung gefunden«, »S erledigte die ihm/ihr übertragenen Arbeiten stets zu unserer vollsten Zufriedenheit«. Je schlimmer der Superlativ strapaziert wird, desto besser!
5. Verhaltensbeurteilung: Wie gut bist du ausgekommen mit Vorgesetzten, Kollegen und Dritten (z.B. Klienten)? Darauf achten, dass sie in dieser Reihenfolge aufgeführt werden! Zum Schluss kommt wieder eine zusammenfassende Verhaltensbeurteilung.
6. Abschluss: Wenn du auf eigenen Wunsch gehst, muss das unbedingt erwähnt werden! Natürlich auch, wenn dir betriebsbedingt gekündigt wurde, obwohl du gut gearbeitet hast. Wichtig ist auch die Schlussformel, obwohl es für die kein verbrieftes Recht des Arbeitnehmers gibt. Im Idealfall bedauert deine Firma aber dein Ausscheiden, dankt dir für die »stets herausragende Zusammenarbeit« und wünscht dir auf deinem »weiteren Berufs- und Lebensweg alles Gute und weiterhin viel Erfolg.« Den wirst du mit so einem guten Zeugnis sicher auch haben S
Literaturtipps:
- »Arbeitszeugnisse. Professionell erstellen, interpretieren, verhandeln« von Jürgen Hesse und Hans Christian Schrader, Eichborn, 13,90 Euro
- »Arbeitszeugnisse im Klartext« von Claus Coelius, CC-Verlag, 15,90 Euro
- »Arbeitszeugnisse in Textbausteinen« von Arnulf Weuster und Brigitte Scheer, Boorberg, 19,90 Euro
Tags: Erster Job





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