watersoul 26.02.2019, 18:11 Uhr 0 1

Wiedersehen...

...oder auch nicht?

Ich setze mich zu dir aufs Bett. Halte immer noch deine Hand. Wie lange eigentlich schon? Ein kurzer Blick auf die Uhr: Viertel vor Vier.

Du erzählst mir von ihr. Von ihren roten Haaren. Selbst im Alter habe sie das Färben nie aufgegeben. Erzählst von ihren kleinen Händen, die so gut in deine passten. Von eurer Liebe. Von ihrer Angewohnheit immer Recht behalten zu müssen. "Wir Frauen haben nunmal auch immer Recht", versuche ich dich zu necken. Du grinst strahlend. Immernoch verliebt wie am ersten Tag.

Immer wieder unterbrichst du deine Erzählung. Ringst nach Luft. Schluckst schwer. Kämpfst gegen die Angst.

"Du musst nicht sprechen mein Lieber. Ganz ruhig!"

Aber du erzählst weiter, von euren Lieblingsorten, von gemeinsamen Urlauben, von euren Versprechen aneinander und an das Leben.
Und wie ihr Leben auf so furchtbare Weise zu Ende ging. Fragst dich, ob du sie wohl je wiedersehen wirst.

Deine Hand drückt meine mit jedem Wort fester.
Deine Stimme bebt als du mir erzählst wie sie in ihren letzten Stunden gekämpft hat, wie sehr sie leben wollte. Und wie sie mit zunehmendem Blutverlust immer bleicher wurde, bis letztlich keine Kraft mehr übrig war. Du scheinst sie auch jetzt vor dir zu sehen. Ich sehe den Schmerz in deinen Augen. Spürst jetzt am eigenen Leib, was du damals mit schmerzendem Herzen mitansehen musstest. Der Verlust eines geliebten Menschen und die Angst, dass das alles gewesen sein könnte. Keine Chance auf ein Wiedersehen zu haben.

Deine Stimme versagt. Ein Schauer durchläuft dich. Du schaust mich an und meinst, dass du nicht sterben willst. Eine Träne kullert dir über die Wange. Ich wische sie mit meiner freien Hand weg. Streiche dir ein paar widerspenstige Haare hinters Ohr. "Heute mein Lieber, wird nicht gestorben. Kämpfe! So wie sie!" Ich drücke deine Hand.

Meine Kollegin betritt das Zimmer, fragt ob sie etwas helfen kann. Entschuldigt sich dass sie nicht bei uns bleiben kann. Sie könne es einfach nicht sehen, nicht riechen. Ich meine zu ihr es sei schon in Ordnung. Wir kämen klar. Frage ob die Ärzte endlich eine Entscheidung gefällt haben. Aber nein. Die Intensivstation habe kein Bett frei. Sie seien selbst mit einem Notfall beschäftigt.

Ich hoffe dass du von all dem nichts mitbekommst.

In diesem Moment durchläuft dich wieder ein Schauer. Ich greife reflexartig zu der Schüssel die seit über einer Stunde auf der Bettdecke direkt vor dir steht. Halte sie dir unter das Kinn. Ein Schwall schaumigen Blutes bricht aus dir heraus. Wieder und wieder. Ich lege meine Hand auf deine Stirn, versuche dich zu halten so gut ich kann. Immer sorgsam auf deine einbandagierte Schulter achtend. Diesmal dauerte es mehrere Minuten. Die Schüssel füllt sich mit deinem Lebenssaft während du selbst immer schwächer wirst. Wie lange würdest du das noch durchhalten?

Wieder schaust du mich an. "Lass mich nicht sterben", flehst du. Mir kommen die Tränen. Sei es drum. Beruf hin oder her. Auch Krankenschwestern dürfen fühlen. Dürfen mit leiden. Es tut weh dich so zu sehen. Nicht zu wissen ob du es schaffst und dir doch genau das sagen zu wollen. Du wirst das schaffen! "Ich bleibe bei dir! Es wird alles wieder gut." Ich lege alles an Zuversicht und Hoffnung in meine Stimme was ich aufbringen kann.

Deine Hand in meiner. Dein Atem beruhigt sich etwas. Fast schläfst du ein.

Irgendwann kommen die Ärzte rein, sagen wir könnten dich jetzt endlich verlegen. Die Intensivstation habe einen Platz freigemacht. Ich stehe einen kurzen Moment auf, leere die Schüssel und wasche sie etwas aus. Zum wievielten Mal wohl..
Ich versuche dich mutmachend anzulächeln. Du erwiderst es mit einem Augenzwinkern. Du bist wirklich unglaublich stark und tapfer!

Während ein Arzt das Bett schiebt und einer am Fussteil zieht und lenkt, knie ich neben dir im Bett. Eine Hand auf deiner, eine an der Schüssel. Im Gang kommt uns schon der Frühdienst entgegen. War so viel Zeit vergangen?
In diesem Moment packt dich ein erneuter Würgereiz. Ein Schwall Blut spritzt über das gesamte Bett, der Arzt und meine Kollegin springen zu Seite. Ich halte dir wieder die Schüssel unter. In rasendem Tempo hetzen wir weiter. Auf der Intensivstation angekommen drücke ich noch einmal deine Hand. Sie ist ganz kalt. Nicke dir mit einem versucht strengen Blick zu - "wir sehen uns wieder"! Dann bist du auch schon umringt von Pflegern die dich an den Monitor anschließen, Infusionen anhängen, durcheinander rufenden Ärzten.
Ich verlasse die Station. Weiß nicht ob ich dich wiedersehen werde.


...



Sechs Uhr dreißig an einem anderen Tag. Ich beginne meinen Durchgang. Es ist früh. Zu früh um wirklich wach zu sein. Aber die Klinik schläft nie. Ich öffne eine Zimmertür, versuche im Halbdunkel irgendwelche Konturen wahrzunehmen. Lausche ins Zimmer. Ich wecke meine Patienten nicht gern. Schon gar nicht mit Flutlicht.
"Kommen Sie rein Schwester, ich bin schon wach!"

"Achtung, es wird kurz hell!" Ich knipse das Licht an, und da liegst du. "Hey, mein Bester! Wie geht es dir?" Ich kann mir ein freches Grinsen nicht verkneifen. Du starrst mich an. Tränen laufen dir übers Gesicht. Streckst deinen gesunden Arm nach mir aus und für einen Moment alle Hygiene Regeln vergessend umarme ich dich. Selbst auch Tränen in den Augen. Dir fehlen die Worte.
"Ich sagte doch wir sehen uns wieder!"

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