Annabel_Dillig 13.02.2009, 11:48 Uhr 0 5

Wie ehrgeizig bist du?

Wer sich keine Ziele setzt, wird auf Dauer unzufrieden. Doch wie ambitioniert dürfen wir sein? Der Grat zwischen gesundem und ungesundem EHRGEIZ ist schmal. Dabei ist es gar nicht schwer, das richtige Maß an Zielstrebigkeit für sich zu finden.

.Natürlich ist es wahnsinnig. Und vermessen. Und so gut wie aussichtslos. Gerade mal ein Prozent der Bewerber schafft es am Ende. Katharina Gierschke wusste das - und wollte sich das Auswahlverfahren trotzdem ein zweites Mal antun. Im letzten Jahr saß sie schon einmal in diesem Computerzentrum in Brüssel und hat schwitzend hunderte Multiple-Choice-Fragen auf Englisch beantwortet. Der Test ist die zweite - und wie viele, die am Ende durchkommen, sagen - die schwerste Hürde im Auswahlverfahren um eine Stelle als Beamter bei der EU-Kommission.

Haarknapp war Katharina damals gescheitert. Bei mehr als zweihundert Fragen hatte ihr genau eine richtige Antwort gefehlt, um weiterzukommen. »Als die Absage kam, war ich so wütend, dass ich mich aus lauter Trotz gleich noch mal angemeldet habe«, sagt Katharina. Seitdem bereitet sie sich nicht nur auf ihr zweites Staatsexamen in Jura vor, sondern lernt in ihrer Freizeit auch englische und französische Vokabeln, übt Logikaufgaben für den Intelligenztest und befasst sich mit Fragen zur Europäischen Union.

Wer wie Katharina nach den Sternen greift und Auswahlverfahren auf sich nimmt, bei denen vielen schon von der Liste der Anforderungen schwindlig wird (siehe nebenstehende Protokolle), bekommt Einblick in eine Bewerbungswelt, die parallel zu der üblichen verläuft - parallel zu Assessmentcentern, Stellenausschreibungen und Vorstellungsgesprächen. Depressionserzeugend niedrig ist die Wahrscheinlichkeit, als Beamter bei der EU, als Diplomat beim Auswärtigen Amt oder an einer Eliteuniversität wie Oxford genommen zu werden. Und doch gibt es jedes Jahr tausende, die ihr Glück versuchen - und neben dem Studium oder der Vierzigstundenwoche zusätzliche Sprachen lernen oder die Regierungssysteme der EU-Einzelstaaten pauken.

Was treibt sie zu diesem Kraftakt nach Feierabend? Freiwillig, aus einem inneren Antrieb heraus, nehmen sie ihn auf sich. Machen Abstriche in ihrer Freizeit - beharrlich das Ziel vor Augen, das sie sich gesetzt haben. Freunde können da oft nur ratlos den Kopf schütteln, bei so viel Selbstdisziplin. Jürgen Lürssen, Karriereberater und Professor für Marketing an der Universität Lüneburg, tröstet die Freunde dann: »Ehrgeiz ist nichts, was man lernen kann. Es ist ein Charakterzug - bei manchen schwächer, bei manchen stärker ausgebildet.« Wie sich dieser Charakterzug entwickelt, hängt nach Forschungserkenntnissen von Erfahrungen in der Kindheit ab: Wer von seinen Eltern oft gelobt wurde (und zwar dafür, sich angestrengt zu haben, nicht für messbare Erfolge wie Schulnoten), wird auch später versuchen, über sich hinauszuwachsen.

Aber es muss nicht gleich der Aufstieg in die politische oder intellektuelle Elite sein, zu der man sich berufen fühlt. Ein anderes Sammelbecken der Ehrgeizigen sind die Abendschulen und Fernuniversitäten des Landes. Zehntausende holen jedes Jahr auf diese Weise ihr Abitur nach oder absolvieren ein Studium. Die Deutsche Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium verzeichnet seit 2005 jährliche Wachstumsraten von sieben Prozent. Für 2009 rechnet die Gesellschaft wegen der schwierigen Lage am Arbeitsmarkt mit noch stärkeren Zuwächsen.

Menschen, die sich Großprojekten wie der Bewerbung bei der EU-Kommission oder dem Projekt Abendschule verschrieben haben, verfügen offenbar in rauen Mengen über das, was einen erst zu Höchstleistungen treibt: Ehrgeiz. Nur, wie findet man für sich das rechte Maß? In Job und Studium kämpft man schließlich oft genug mit dem, was Dr. Markus Deimann, von der Fernuni Hagen, »motivationale Schieflage « nennt: ein schön euphemistischer Ausdruck für Phasen im Leben, in denen man den Hintern nicht hochkriegt. In denen man kein Ziel vor Augen hat, auf das sich hinzuarbeiten lohnt. In denen der Ehrgeiz eine rauchen geht. Das Phänomen kennt man von Harald Schmidt, Bäckereiketten und Quentin Tarantino: Der Ehr geiz, das Bisherige weiterhin gut zu machen, sich neue Ziele zu setzen, kommt den Erfolgsverwöhnten abhanden. Nur: Wie kommt man aus dieser Schieflage zurück? »Der Wille ist wie ein Muskel, der erschlafft, wenn man ihn nicht trainiert«, sagt Bildungswissenschaftler Markus Deimann. Jeder braucht Ziele. Sonst versinkt man in Antriebslosigkeit, und die macht unzufrieden.

Aus der kleinen Schwächephase im Studium, in der die Abschlussprüfung noch einmal um ein Semester verschoben wurde, weil andere Dinge wichtiger waren (die neue Freundin, der Sommer, Grand Theft Auto IV), hat man sich noch herausmanövrieren können. Im Job ist das nicht mehr so leicht. Bei den meisten Berufsanfängern läuft es ähnlich ab: Anfangs schwankt man noch zwischen Euphorie und Überforderung ob der neuen Aufgaben. Doch nach einigen Monaten löst Gewohnheit die Aufregung ab. Bereitwillig macht man es sich bequem im Kokon der Gleichmäßigkeit und genießt es, nach dem hektischen Studiumsende, der Stellensuche und der Profilierungsphase jetzt eine ruhige Kugel zu schieben.

Jochen Mai, Verfasser der »Karriere-Bibel«, nennt diese Phase die »Komfortzone«, »den Wohlfühlbereich«. Bloß nichts riskieren, auf ausgetretenen Pfaden weitergehen, so die Devise. Psychologen beschäftigt es seit Dekaden, wie man aus solchen Ruhezonen wieder herauskommt, schreibt Mai. Vorläufiges Ergebnis: durch Bedrängnis. Eine vom Chef übertragene Aufgabe, die die eigenen Fähigkeiten leicht übersteigt, kann den eigenen Ehrgeiz wieder entfachen. Oder das ungute Gefühl des Überholtwerdens. Wenn Kollegen an einem vorbeiziehen, die kürzer als man selbst im Betrieb sind, wurmt das auch Nichtkarrieristen. Ehrgeiz im Job heißt immer auch, sich mit den Kollegen zu vergleichen. Weil die meisten von uns in ihrer Antriebslosigkeit gefangen sind, neiden wir anderen ihren Eifer und ihre Motiviertheit. Argwöhnisch wird da registriert, dass der Kollege auf einmal auch unliebsame Arbeiten übernimmt. Dass er in letzter Zeit oft länger im Büro geblieben ist. Und in Konferenzen häufiger das Wort ergreift als früher. Klares Zeichen: Da will sich einer empfehlen.

Ehrgeiz hat seit der Schulzeit ein schlechtes Image. Aus den Strebern, die schon mit vierzehn die Lateinhefte im Aktenkoffer transportierten, sind erst die aalglatten Einser-Juristen geworden, die ihr Studium in zwei Semestern weniger als der Rest »durchgezogen« haben. Und heute sind das die Macchiavellisten der Firma. Machtbewusste Alphatiere.

Viele haben geradezu panische Angst davor, so verbissen und überambitioniert zu wirken wie sie. Sie verweisen auf Hillary Clinton, der man den Ehrgeiz immer schon an der Frisur angesehen hat. Oder auf Oliver Kahn, von dem der Satz überliefert ist: »Ich bin nicht angetreten, um vom Publikum geliebt zu werden, ich wollte immer nur der beste Torwart der Welt sein.« Sympathisch geht anders. Beide, Clinton und Kahn, sind in ihrer Karriere an den eigenen Ansprüchen immer wieder auch gescheitert - und die ganze Welt konnte ihnen zusehen. Aber, und das ist die gute Nachricht für alle Torwarttitanen und Hillarys der Welt: Ehrgeizige können mit Tiefschlägen leichter umgehen, haben kanadische Forscher herausgefunden. Ablehnungen oder Niederlagen hängen sie nicht lange nach, sondern stürzen sich optimistisch in Neues.

Dennoch: Die Überambitionierten haben keinen guten Ruf. Die meisten, die so verbissen auf uns wirken, sollten sich fragen, ob die sozialverträgliche Variante nicht die bessere ist. Wir unterstellen jetzt einfach mal der Sorte Manager mit dem sechsstelligen Gehalt und Wochenstundenzahlen von siebzig und mehr, denjenigen, die es nicht mehr hinkriegen, ihre Freunde zu treffen (so sie denn noch welche haben), sich aber trotzdem vornehmen, einen Marathon in unter vier Stunden zu laufen und all ihre Freizeit für eben dieses Ziel aufwenden, dieser Sorte Mensch unterstellen wir jetzt einfach mal, dass hier nicht Ehrgeiz das Problem ist, sondern die Ideologie der Leistungsgesellschaft, die jede Zelle ihres Körpers durchdrungen hat. Und wo das, jenseits der privaten Einsamkeit, hinführen kann, wurde ja gerade von ein paar betriebsblinden Investmentbankern eindrucksvoll vorgeführt.

Das andere Extrem zum »Over-achiever«, zum »Überleister«, bilden jene Menschen, die berufliche Ambitionen weit von sich weisen: Die ausgeschriebene Stelle klinge spannend, argumentieren sie, sie trauten sie sich auch zu, aber auf den Bewerbungsaufwand und die Ellenbogenmethoden, um sich durchzusetzen, hätten sie keine Lust. Ihre Lieblingsausrede: der eigene Chef. »Wenn ich so sein muss wie der, will ich keine Führungsposition«, sagen sie. Frauen fürchten zudem nichts mehr, als so zu werden wie die schmallippige Kollegin, die zum Lachen in den Kopierraum geht. Die hat es zwar nach oben geschafft, aber nur, indem sie an der Tür zur Chefetage ihre Lebensfreude abgegeben hat.

Tatsächlich tun sich Frauen schwerer als Männer damit, Ambitionen zu zeigen. Die Psychologin Monika Sieverding von der Universität Heidelberg fand heraus, dass Frauen in Vorstellungsgesprächen durchschnittlich eine Minute weniger sprechen, wenn sie zu ihren Stärken befragt werden als Männer. Für Personaler sind Ehrgeiz und Zielstrebigkeit die wichtigsten Kriterien. »Die größten Chancen hat der, dessen Lebenslauf so aussieht, als wäre die ausgeschriebene Stelle die logische Fortsetzung seiner Vita«, sagt Jürgen Lürssen, der Studenten in Karrierefragen berät.

Wer sich auf eine neue Stelle bewirbt, hat den entscheidenden Schritt vielleicht schon getan. Andere ringen noch mit jener Frage, die man sich im Berufsleben immer wieder stellen muss: Habe ich die endgültige Parkposition schon erreicht? Oder geht noch was? Jürgen Lürssen rät, sich einen Berufsplan anzulegen und die eigenen Ziele zu benennen. Doch genau das fällt den meisten schwer. Die wenigsten von uns können, ohne zu stottern oder in Allgemeinplätze zu verfallen, auf die Frage »Wo sehen Sie sich in fünf oder zehn Jahren?« konkret antworten. Wem zu diesem Fragebogenklassiker nichts einfällt, kann mal versuchen, die eigene Grabrede zu formulieren. Oder beschreiben, was in einem Magazin stehen würde, auf dessen Cover das eigene Porträt prangt. In jedem Fall sollte man sich überlegen, wie man sich die Zukunft ausmalt.

Dazu gehört auch, für sich zu klären, welchen Stellenwert Arbeit im Leben einnehmen soll. Und: was einen auf Dauer glücklich macht. Familie und ein Haus auf dem Land? Sieben Astrid-Lindgren-Kinder zeugen? Oder vielleicht irgendwann selbst Chef zu sein? Jeden Tag aufs Neue zu bestimmen, wie viel man arbeitet? Man sollte sich erst überlegen, wie das ideale Leben aussieht und dann, welcher Beruf dazu passt, rät Talane Miedaner in »Coach dich selbst, sonst coacht dich keiner«

Die Frage nach einer höheren Position und mehr Gehalt dürften die meisten noch bejahen. Aber die Zustimmung wirft weitere Fragen auf: Stehen die Vorteile (Geld, Handlungsfreiheit, Anerkennung) über den Nachteilen (Mehrarbeit, Stress, Abstriche bei Familie und Freizeit)? Lohnt sich der Karriereehrgeiz?

Es ist verständlich, nach reiflicher Überlegung zu sagen: Ich will das nicht. Alleine ist man damit keineswegs. Eine Studie von ZEIT Campus zeigt, dass der Anteil der Studenten, die im Job in erster Linie karrierebezogene Ziele verfolgen, in den letzten Jahren gesunken ist: im Vergleich zu 2002 von 67 auf 57 Prozent. Den meisten sind Partnerschaft und Familie wichtiger als der Aufstieg im Job.

Für die anderen, die angreifen wollen, heißt es, sich zu empfehlen - und zwar beim eigenen Chef. Er ist die Schlüsselfigur in Karrierefragen, denn nur er kann einen bei seinem eigenen Vorgesetzten, der letztlich über eine Beförderung entscheidet, lobend erwähnen. Wer engagiert ist, zusätzliche Aufgaben übernimmt, wer über lange Zeit verlässlich arbeitet und auf sich aufmerksam macht, etwa indem er sich weiterbildet, sticht aus der Masse der Mitarbeiter hervor.

Denen, die jetzt auf die breite Schleimspur verweisen, die solche Anstrengungen hinterlassen, entgegnet Karriereberater Jürgen Lürssen: »Nach oben kommt man auch, ohne ein Schwein zu sein.« Entscheidend sei, wie sehr man sich um gute soziale Beziehungen bemühe. Der gewisse Wille zur Macht sei dagegen unerlässlich für alle, die aufsteigen wollen, so Lürssen, betont aber: »Macht darf nie Selbstzweck sein. Sie muss mit der Bereitschaft gekoppelt sein, Verantwortung zu übernehmen.« Bleibt noch die Frage, ob man die eigenen Ambitionen an die große Glocke hängen soll: Karriereexperte Jochen Mai meint, zumindest an eine kleine, denn das bewirke zweierlei: »Andere Menschen setzen Erwartungen in einen und man selbst ebenfalls.« Und wenn die Kollegen auf dem Weg zur Kantine dann trotzdem »Ehrgeizling « und »Schleimer« hinter einem zischeln, muss man das vielleicht einfach aushalten. Die Neider folgen den Ehrgeizigen immer auf dem Fuß.

5

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare