Wer ich war
Die andere Seite des Tisches und andere Grenzen.
Ich erinnere mich an mich, mit trotziger vorgeschobener Unterlippe, in Springerstiefeln und mit Nietengürtel. Ich erinnere mich an mich, mit bunten Haaren und einer Meinung auf dem T-Shirt.
Damals passte meine Meinung noch auf ein T-Shirt, weil sie ganz klar und kompakt war. Ich hatte zu allem und jedem eine Haltung und die war unbeugsam. Meine Meinung ließ sich bügeln und war danach immer noch waschecht.
Heute habe ich eher Haltungsschäden. Vielleicht vom Lümmeln früher, vielleicht aber auch vom Ducken, wer kann das schon so genau sagen. Mit meinen Hang zu Verspannungen und Rückenschmerzen jedenfalls stehe ich heute nun nicht mehr ganz so aufrecht da.
Meine T-Shirt-Aufdrucke prüfe ich mittlerweile auf politische Korrektheit. Meinungen passen nämlich unter anderem deshalb so gut auf T-Shirts, weil sie eckig sind. Im Leben stößt man damit gewöhnlich öfter mal an.
Deshalb trage ich meine Meinungs-T-Shirts heute auch nun noch privat oder zum Schlafen. Man könnte sagen, während ich früher mit meiner Meinung auf die Straße ging, setz ich mich heute damit auf die Couch.
In der Arbeit trage ich neutrale Kleidung, man will ja niemanden provozieren. Das ist vor allem in meinem Job nicht günstig, denn zu mir kommen Menschen, die manchmal ganz schön aufgebracht und mitgenommen sind. Ich weiß dass, denn bevor ich diesen Job machte, saß ich mir gegenüber.
Ich bin weit gekommen, um hier zu landen. Das gilt eigentlich für mich auf beiden Seiten des Schreibtisches. Und lustigerweise fragte ich mich auf beiden Seiten des Tisches, wie zum Teufel ich eigentlich hierher geraten konnte.
Das Mädchen mit den Springerstiefeln, das ich war, schüttelt über mich den Kopf. Es kaut auf der gepiercten Unterlippe, legt den Kopf schief und schaut mich mit fragenden Augen an. Sie weiß auch, dass sie sich an mich erinnert, aber nicht mehr so genau, woher sie mich eigentlich kennt. Das einzige was sie mit Bestimmtheit sagen kann ist, dass sie niemals so werden will wie ich. Und ich werde ihr sicherlich nicht die Illusion nehmen.
Ich stütze das Kinn auf meine Hand, lege den Kopf schief und sehe aus dem Fenster vor meinem Büro. Vorbei an der Orchidee, die Weltkarte im Rücken mit all den Orten, an denen ich sein wollte, und frage mich warum nicht jetzt. Ich kaue auf meiner Unterlippe und überlege, wann ich so alt geworden bin. Dann lege ich eine neue Liste mit Dingen, die unbedingt noch tun will, in meine Schreibtischschublade.
Das Mädchen mit den bunten Haaren steht auf und geht. Ich sehe sie später unten im Hof vor meinem Fenster. Sie hüpft über ein Himmel und Hölle Feld und liest zwischendrin wackelig auf einem Bein den Stein vom Boden auf. Ihre Springerstiefel machen einen lauten dumpfen Schlag als sie mit geschlossenen Beinen am Ende des Feldes zum Stehen kommt.
Dann dreht sie sich um und schaut direkt zu mir hoch. Lange sieht sie mich an, mit schief gelegtem Kopf. Und plötzlich flammt etwas in ihren Augen auf, und obwohl das Fenster geschlossen ist, weiß ich ganz genau was sie ruft. Mit weit aufgerissenem Mund schleudert sie mir ein hasserfülltes „Jetzt weiß ich wieder wer du bist!“ entgegen und dann wirft sie den Stein nach mir. Er durchschlägt mein Fenster, zischt an meinem Ohr vorbei und knallt direkt hinter mir an die Wand.
Leichenblass sitzte ich da und sehe durch das Loch im Fenster wie sie sich umdreht und davon rennt. Irgendwann als ich aufhöre zu zittern drehe ich mich um und starre auf meine Weltkarte, in die der Stein mitten in Zimbabwe einen Krater geschlagen hat. Ich wollte schon immer mal zu den Victoria Falls….



Kommentare
Sehr schöner Text, den ich gut nachvollziehen kann...Zeigt klasse das Erwachsenwerden
03.05.2009, 20:40 von lostinthoughtsMir gefällt allein der erste Absatz schon so sehr, dass ich bereits empfehlen wollte, ohne den Rest gelesen zu haben. Natürlich habe ich den Rest dann auch noch gelesen...und mich gefreut, dass er so wunderbar zum ersten Absatz passt.
10.08.2008, 11:44 von AnnaEcke