HeavenKnowS 11.01.2012, 01:43 Uhr 1 3

Vierundzwanzig Stunden.

Wenn der Alltag zu der größtmöglichen Bedrohung wird, und die Gefühle wie Säure unter der Haut wüten.

Ein neuer Tag, ein neues Wunder. Ich stehe auf, putze mir die Zähne, gehe die Treppen hinunter und laufe zum Auto. Unten angekommen drücke ich Zweimal auf die Zentralverriegelung, ein kleiner Fehler meines Autos. Es ist kalt, der Rauch meiner Zigarette flieht aus dem Fenster. Langsam wird die Sitzheizung warm, vor mir die Ampel Rot. Ein wenig mehr Gas geben und ab durch die Mitte, den schleichenden Idioten vor mir auch noch überholen. Ich trete die Kupplung durch, ziehe den Schlüssel, werfe die Zigarette auf den Boden und trete sie aus. Zweimal die Zentralverriegelung drücken, ein kleiner Fehler meines Autos. Noch eine Zigarette rauchen, hastig komme ich näher. Die Kapuze aus dem Gesicht streifend, exakt 100 Meter bevor ich auf die ersten Menschen treffe.
Ich rufe Guten Morgen und mache eine beiläufige Bemerkung, über das Wetter, über mein Auto, über die Uhrzeit, über alles.
Meine Taschen sind voll, ich kann meinen Schlüssel nicht finden. Wo ist dieser verdammte Schlüssel ? - Da ist er ja. Ich laufe die Treppen hoch, ich weiß nicht in wievielen Sprachen mich die Aufschrift "Wilkommen" begrüßt, aber es sind einige. Globales Unternehmen, aber "Välkommen" fühle ich mich längst nicht mehr. Neuer Anstrich im Treppenhaus, dass soll wohl Veränderung darstellen, denke ich mir.

Ich grüße erneut, ich grüße alle Menschen auf meinem Weg. Manchmal werde ich erwidert. Kunden laufen auf mich zu, ja das steht dahinten. Nein, dass müssen sie unten beantragen. Routine.

Ich gehe zur Pause, esse Brei. Heute ist er Grün und soll nach Rosenkohl schmecken, schmeckt wie das Schnitzel gestern. Kostet mehr als Gestern, andere Kassiererin. Mag mich nicht.
Die Gespräche um mich herum drehen sich um das Wetter, über ihre Autos, über die Uhrzeit, über alles. Eilig nehme ich meinen Teller und gehe rauchen. Viel Zeit bleibt nicht, für mittlerweile Drei Zigarretten. Fast den Kaffee vergessen, schmeckt heute etwas wässriger als sonst.
Auf dem Weg nach unten lese ich Motivationsslogans und bekomme Magenkrämpfe.

Draußen, der Wind schlägt mir ins Gesicht und die Kunden starren mich an, ich zünde mir meine Zigarrette an. Das dürfen wir nicht, nicht hier vorne und schon gar nicht vor den Kunden. Ich laufe mit meiner Illegalen Zigarette hinter das Haus. Dort stehen meine Kollegen. Ich stelle mich dazu, ich lache. Es wurde ein Witz erzählt, über das Wetter, das Auto, die Uhrzeit, über alles. Ich beeile mich, gleich muss es weitergehen. Immer weiter.

Wichtiges Meeting in ein Paar Minuten. Ich gehe hoch, lese "Welcome" und fühle mich immernoch nicht danach. Oben Grüße ich fleißig. Auf dem Gang treffe ich enen Menschen, der es gut mit mir meint. Er sagt ich solle durchhalten, mich nicht unterkriegen lassen, das wäre es nicht wert.

Das Meeting fängt an, auf dem Weg dorthin werfe ich schnell meinen Kaffeebecher in den Mülleimer.152.895 Kaffeebecher endeten so im letzten Jahr, alleine an unserem Standort.Das jedenfalls, steht an der Tür vor dem Konferenzraum 5. Ich gehe hinein, dort sitzt die Führungsriege.
Es geht um mein Verhalten, zu dritt fragen sie mich warum eine Auszubildende wegen mir weint. Ich sage das sie mich fertig machen will, sage das ich lediglich sagte "Du sprichst nicht in diesem Ton mit mir" und sie darauf heulend verschwand. Es gäbe Zeugen sage ich, sie fragen wer. Ich antworte "Eine Kollegin stand daneben." "Sie ist deine Freundin" wird erwidert. Argument vernichtet.
Ich sitze Drei Stunden und irgendwann habe ich keine Lust mehr, es zieht an mir vorbei. Draußen fliegen die Vögel richtung Süden, der Regen prasselt und die Jalousien knarzen. Man mache sich große Sorgen um mich, halte doch große Stücke auf mich, aber ganz klar: Man erwartet auch einen RoI. Einen "Return of Invest", dass sei ja auch bei Menschen so, insbesonderen bei Auszubildenden. Und gerade als angehende Führungskraft. Und da kann man sich es auch nicht leisten eine Auszubildende zum weinen zu bringen. Ich erwähne nochmal, dass ich mir keiner Schuld bewusst bin. Man glaubt mir nicht.

Das letzte Mal, dass mir niemand glaubte hatte mir mein Vater vorgeworfen ich hätte den Rolladen kaputt gemacht. Das war aber der Wind in der Nacht vorher, ich hatte es gehört. Er glaubte mir nicht, und irgendwann habe ich es einfach zugegeben. Danach habe ich mir geschworen es nie wieder zu tuen, nie wieder Dinge hinzunehmen, die Ungerecht sind. Es ist Ungerecht, ich kann nichts tuen. Man glaubt mir nicht.

Man sagt mir das meine Körpersprache sehr abweisend wäre und ich gerade "Entschuldigung" gesagt habe, aber mein ganzer Körper förmlich dagegen ankämpfen würde, Ich sage "Nein, das ist ein Irrtum" und beiße mir mit aller Kraft auf die Innenseite meiner Wange.

Jetzt sei alles geklärt, ich kann gehen. Man ist froh einen Weg bei mir zu erkennen. Ich stehe aus dem Stuhl auf, greife nach der Lehne, doch dort ist keine Lehne. Fühle mich ohnmächtig und leer. Jetzt nicht zusammenbrechen, einfach laufen. Geht doch, wunderbar.
Ich gehe durch die Gänge und grüße freundlich, vor mir eine letzte Tür. "Verkaufsfläche- bitte lächeln" sagt mir das Smiley. Einen kurzen Moment forme ich Zeigefinger und Mittelfinger zu einem Pistolenlauf, stecke sie mir in den Mund und drücke ab. Stelle mir vor wie mein Gehirn sich an den Wänden verteilt, wie die Schmerzen, die Gedanken, die Ungerechtigkeit aufhört. Dann lächel ich und trete durch die Tür.

Kunden fragen mich etwas, ich bin freundlich und höre zu. Vergesse aber, was sie gesagt haben und sage einfach,:"Das haben wir leider nicht mehr." Schade. Funktioniert allerdings.

Die Uhr sagt mir das ich gehen kann, schnell weg, bevor mich noch ein Kunde anspricht. Durch die Tür, durch die nächste. Lächeln und winken und grüßen. Schnell. Umziehen, ausstempeln, runterlaufen, Motivationsslogan lesen, Kopfschütteln, schönen Feierabend wünschen.
Zigarette rauchen, Kapuze auf. Zweimal auf die Zentralverriegellung drücken, kleiner Fehler meines Autos. Reinsetzen, Kupplung treten, Gang rein, Zündung. Losfahren.

Die Tränen bleiben in mir, ich unterdrücke sie. Für jeden Anflug einer Träne fahre ich schneller. Die Asche fliegt aus meinem Fenster, die Zigarette hinterher. Mein Magen brennt, mein Herz sticht und mein Kopf schmerzt. Ist dies dass Leben, welches ich leben möchte ?
Wielange halte ich das noch aus ? Warum tue ich es überhaupt ?
Was ist aus meiner Passion zum Schreiben geworden ? Aus meinen Idealen ? Aus meinem Willen zum Leben ? Wo sind meine Freunde ? Wie geht es meiner Familie ?  Ich gebe mehr Gas, fahre jetzt 100 in einer Dreißiger Zone.

Ich brauche doch das Geld, brauche doch diese Ausbildung. Es muss sich lohnen zu kämpfen, nur noch ein Stück. Nur noch eine Weile, einen Tag, eine Woche, einen Monat, ein Jahr, ein Jahrzehnt, bis zur Rente.. Die Zeit spielt für mich. Ganz sicher. Du kannst das, du musst dich nur anstrengen.

Ich liege in meinem Bett und kann mich nicht mehr bewegen, kriege kaum Luft und fühle tonnenschwere Lasten auf meiner Brust. Eine Schlaftablette mit einem Opiatverwandtem Wirkstoff sorgt für meinen Schlaf, eine Schmerztablette tötet die Warnsignale. Morgen geht es Weiter, ich wünschte es gäbe keinen Morgen.

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1 Antworten

Kommentare

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    der text bringt das gefühl gut rüber. das einzige was ich nicht verstanden hab is was du jetzt tust/bist - auszubildender, ausbilder, irgendwas dazwischen.... ?

    11.01.2012, 08:03 von halbkindmf
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