marmelinchen 30.11.-0001, 00:00 Uhr 64 13

Verkörpere einen hungrigen, müden Alien

Geh nie auf ein Casting ohne Stiefel, schwarze blickdichte Strumpfhose, kurze Hose oder weites, kurzes Baumwollkleid. Schwarz, alles. Ausnahme: grau.

Große Tasche. Sehr groß. Haare lang, offen, Mittelscheitel. Gewaschen oder nicht ist egal. Niemanden grüßen. Wenn doch, dann bitte laaaut, die Stimme zwei, drei Nummern höher schrauben, auf Englisch mit amerikanischem Akzent. So tun, als ob man schon in der Grundschule nebeneinander saß. Wichtig hierbei: Auch, wenn beide Parteien aus demselben Land wie zum Beispiel Deutschland, Spanien, Schweden oder den derzeitigen Model-Hauptländern Polen, Russland, Ukraine, Tschechien, Kroatien kommen: Untereinander redet man Englisch. Basta.

Hunger haben. Telefonieren. Genervt gucken. Jemanden fragen, wie lange es noch dauert, um danach noch genervter mit den Augen zu rollen. Auf den Fußboden setzen, ipod rausholen, Beine anwinkeln, gaaanz dicht an den Körper ziehen, Kopf auf die Knie. Die Konkurrenz mustern. Genauestens. Abwerten. Dies deutlich machen. Wahlweise Nägel lackieren oder Haare kämmen. Nach der Toilette fragen. Nuscheln. Auf Englisch. Cool sein. Das Unverständnis der französischen Informationsschalter-Dame deutlich missbilligen. Noch einmal fragen. Wieder auf Englisch. Diesmal betont langsam. Nicht Französisch reden.

Dran sein. Lächeln. Ausschließlich auf Französisch reden, Buch zeigen, Polaroid machen lassen, Haare auf, noch eins. Your profile please. Noch eins. Lügen. Sagen, dass man 22 ist und aus Deutschland. Haben sie eh schon gesehen. Ja ja hmm is klar. Hände vorzeigen. Vorlaufen, auf und ab. Kein Kommentar, keine Einschätzung. Au revoir. Next please.

Auf dem Weg zur Metro, wenn man ihn denn noch weiß, gucken, wie man zum nächsten Casting kommt. Nicht essen. Bei McDonalds auf die Toilette. Nicht essen. Stadtplan studieren, falsch laufen, unsinnigen Stadtplan berichtigen, nicht benutzbare Baustellen-Metro-Stationen ausradieren, Passanten nach dem Weg fragen, nur die Hälfte verstehen, oui oui merci sagen, weiter irren. Neuen, besseren, teureren Stadtplan kaufen. Trotzdem ankommen. Pünktlich. Von zehn bis halb sieben unterwegs sein. Schnell. Sechs bis sieben Stationen abgeklappert haben. Blasen an den Füßen. Hunger. Wissen, dass drei Viertel der Mädchen nach einem Monat Paris ohne einen einzigen Job wieder nach Hause fahren.

Kurz noch mal einen Touriort mitnehmen, man will ja auch was sehen außer der Metro von innen. Einkaufen, Millionen für Obst und Gemüse ausgeben, nach Hause kommen, Bad sauber machen, noch einmal, diesmal mit einwirken lassen, abwaschen, "kochen", wieder Bad sauber machen. Die Mitbewohnerin vor einem selbst in Schutz nehmen, sie weiß es ja nicht besser, hat das Gefühl eines sauberen Bades noch nicht schätzen gelernt, ist ja erst 20. Reden. Mode, Models, Kampagnen, Castings, Werbung, Zeitschriften, Klamotten, zu wenig Geld. Bah! Job abwarten. Tag für Tag. Casting für Casting. Sich fragen, ob man in diesem Zirkus nicht irgendwie gänzlich falsch ist. Flüge aussuchen. Agentur Bescheid geben.Ab dafür!

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64 Antworten

Kommentare

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    @marmel: Guter Text. Und wenn's nicht klappt, der Plan B mit Mathematik und Philosophie muss ja so schlecht nicht sein.

    02.04.2007, 02:20 von Kynos
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    Der Text gefällt mir.Und zur Diskussion wenn sich irgendjemand zu tode hungern will und sich dabei noch die Birne zudonnert mit chemischen Drogen dann soll er doch. Es gibt genug die das auch so machen ohne sich dabei Fotografieren zulassen und ohne dabei den einen oder anderen Euro zu verdienen.Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

    30.03.2007, 12:20 von olifaehr
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    Wow. Ich möchte nicht mit dir tauschen... Aber Respekt!

    27.03.2007, 13:24 von Connyi
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    @kaesekraecker (bin lernfahig)

    a. ich dachte, du antwortest auf den Text, wenn du den lobst.

    b. hab ich auch nicht gesagt

    c. wollte dich nur erinnern, falls du's vergessen hast

    d1. -

    d2. okay. sagt mir jetzt nix.

    ---
    dein d war keine Antwort auf mein d, daher d1 und d2.

    26.03.2007, 23:17 von Dein_Maedchen
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    @honkenbalg

    Ich betrachte mich nicht als gebeutelt. Ich bin Therapeut auf Mission... ;-)

    26.03.2007, 22:28 von LudwigMartin
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    ich finds verwunderlich,dass NEON ein sammelpunkt für die gebeutelten und elenden in diesem land ist.jeder hat ne psychische störung,jeder hat nen harten schicksalschlag gehabt und jeder krass erfahrung-darf ich hier überhaut schreiben als normalo?!aber ich fand den text gut und kurzweilig,hab jedoch keine lust,hier meine meinung zu äußern zu der thematik,ne diskussion zu führen,die in der brigitte stehen könnte,meine angehäufte lebensweisheit zu verteilen oder rumzupöbeln.auf gewisse weise hab ich s doch getan,aber es ist nicht erbaulich und deshalb lass ichs lieber und hoffe auf einen baldigen psychologen und/oder sozialarbeiter für die ganzen NEON-patienten....

    26.03.2007, 18:02 von Honkenbalg
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    @Dein_maedchen

    a schau ich schon, worauf ich antworte, also scrolle ich
    b hab ich das niemandem verboten
    c hab ich nie bestritten
    d ist betroffen, wer gemeint ist

    und w e nn schon, dann bitte kaesekraecker.

    26.03.2007, 11:17 von Kraecker
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    word

    25.03.2007, 22:39 von calvin123
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    @käsekracker

    a. Du mußt gar nicht scrollen. Das Kommentarfeld befindet sich direkt unter dem Text. Scrollen mußte ich grade...

    b. Du wolltest "nur" sagen, daß dir der Text gefällt. Andere wollten auch "nur" irgendwas...

    c. Selber Freak.

    d. Definitiv zu ernst... aber niedlich. ;D

    25.03.2007, 19:35 von Dein_Maedchen
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