Urlaub im Alltag
Inmitten vom Alltag und dem Ding dazwischen "Nach Hause kommen und das Gefühl zu haben man sei im Urlaub. Im eigenen, kleinen Wunderland."
Da ist es wieder, dieses beklemmende, einengende Ding. Dieser Alltag, dem ich unbedingt entfliehen muss. Schon lange bin ich nicht mehr glücklich mit meinem Job. Kann nicht abschalten, sobald mich irgendetwas an meinen Job erinnert bekomme ich ein panikartiges Gefühl.
Urlaub. Das wär jetzt schön.
Ich steh am Gleis, nur die wichtigsten Dinge in der Tasche. Zahnbürste, frische Anziehsachen, Geld, Zigaretten.
Das Handy hat mein völlig zerfetztes Unterbewusstsein zu Hause vergessen. Mist! Jetzt aber auch schon egal.
Die Kälte zischt mir ins Gesicht, während ich mir eine Zigarette anstecke, meine Hände sind in Pennerhandschuhe eingepackt. Meine Nase und meine Fingerspitzen fühlen sich irgendwie taub an.
Ich steige in den Zug, suche mir ein ruhiges Abteil, mein iPod lässt Clueso´s beruhigende Stimme in meine Ohren gleiten - so lässt sich dieser Alltag irgendwie ertragen. Die Kopfhörer auf voller Lautstärke, die Mütze fest über die Ohren gezogen. Ich will nichts mitbekommen von den Geräuschen anderer Menschen.
Die Landschaften ziehen an mir vorbei, mit jedem Kilometer, jeder Minute die ich von zu Hause weg bin löst sich ganz langsam das beklemmende Gefühl in meiner Brust.
Raus aus dem Zug, rein in den Bahnhof voller hektischer Menschen.
Keine Zeit! Muss weg! Keine Zeit! Darf nicht zu spät kommen! Keine Zeit!
Ich versuche ruhig zu bleiben. Steige in den Bus und schon bald bin ich da.
Im Reich der Erholung. Das Haus meiner Tante Mia. Mein eigenes kleines Wunderland.
Ich öffne die Tür, ein wohligwarmes Gefühl legt sich direkt in meinen Kopf, auf meinen Körper. Mia ist nicht da, am Kühlschrank ein grünes Post-It, das Holz knistert schon im Kamin.
"Hallo Liebes, musste leider spontan dieses Wochenende auf Geschäftsreise nach Wien. Du weißt ja wie das ist - lass es dir gut gehen, viele Küsse, dein Tantchen Mia"
Und wie ich das kenne, meine liebste Mia.
Ich lasse mir ein Bad ein, mit extra viel "Milk&Honey", schließe die Augen, versuche mich zu entspannen. Zu viele Gedanken schwirren in meinem sich schwer anfühlenden Kopf umher.
Keine Zeit! Muss weg! Keine Zeit! Darf nicht zu spät kommen! Keine Zeit! Hektik! Keine Zeit! Alltag! Keine Zeit! Arbeit Arbeit Arbeit!
Schade, Kopf! Dann eben nicht.
Frisch gebadet ziehe ich mir den Pyjama an, den Mia mir schon auf den Badewannenrand gelegt hat - den Pyjama den ich früher schon immer getragen habe, damals noch viel zu groß. Ich muss schmunzeln. Mia hat ihn sich einmal gekauft, doch ihr war er leider zu klein und ich war so fasziniert von dem Muster und den bunten Farben. Mia hat ihn nie weggetan, sondern immer aufbewahrt, für den Fall, dass ich zu Besuch komme.
Die Farben sind nach den Jahren etwas verblasst, die Hacken sind leicht abgelaufen.
Ich lege Kaminholz nach, dämme das Licht, drehe die Musik auf - klangvolle Reggaetöne füllen die Wohnung sanft mit Assoziationen der Entspannung. Ich nehme einen kräftigen Schluck Rotwein, lege mich in die vor dem Kamin stehende Hängematte. Fühlt sich an wie Urlaub. Ich schaue in den Raum, überall Palmen und Holzmöbel soweit das Auge reicht. Alles in sanfte Farbtöne gehüllt. Noch ein großer Schluck Rotwein, dann schließe ich die Augen. Mein Kopf fühlt sich langsam aber sicher leicht und leer an.
Ich wache auf, habe völlig die Zeit vergessen, schaue aber auch nicht nach ihr. Lieber genehmige ich mir noch ein Glas von diesem herrlichen sizilianischen Rotwein, gut schmeckt er!
Ich fange an zu Träumen. So möchte ich auch mal leben. So wie mein Tantchen. Mein süßes, tolles Tantchen Mia.
Nach Hause kommen und das Gefühl zu haben man sei im Urlaub.
Im eigenen, kleinen Wunderland.
"Die Fahrkarten bitteeee!" zischt der Fahrkartenkontrolleur mit unsanfter Stimme in den Abteil.
"Nächster Halt: Wien" säuselt die Lautsprecheransage fast im gleichen Augenblick durch den Zug.
Ich wache etwas schlaftrunken auf. Willkommen zurück im Alltag. Im eigenen, kleinen, drecksbeklemmenden Alltagsland.



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