init-admin 16.07.2009, 17:01 Uhr 0 2

Unglücklich im Job

Aussitzen? Lästern? Kündigen? Was zu tun ist, wenn Arbeiten keinen Spaß mehr macht

Tom, 26, hat kein leichtes Leben: Zwar verdient er als junger Anwalt in einer Großkanzlei einen sechsstelligen Betrag im Jahr, doch dafür muss er rund siebzig Stunden in der Woche arbeiten. Freie Wochenenden sind eine Seltenheit. Bis 24 Stunden vor seinem Urlaub hat sein Arbeitgeber das Recht, ihm seine freien Tage wieder zu streichen - falls es die Auftragslage erfordert. Und nun, in der Krise, hat sein Chef »die Mannschaft« auf noch härtere Zeiten eingeschworen: Weil die Mandanten um die Preise feilschen, müsse bald jeder »noch eine Schippe obendrauf legen«.

Statt Businessclass wird schon jetzt nur noch Economy geflogen. »Was denken die sich eigentlich, wie man unter solchen Bedingungen noch ein Privatleben führen soll?!«, sagt Tom mit Leidensmiene, wenn er es spätabends direkt aus dem Büro doch mal in eine Kneipe schafft. Die Reaktionen am Tresen: Empörung über den Arbeitgeber, Diskussionen über den Kapitalismus und Mitleid für Tom, der sich mittlerweile seit drei Jahren »in diesem Hamsterrad« befindet und exakt genauso lang ankündigt, bald mal »auf den Tisch zu hauen« oder sich eine »Exitstrategie« zu überlegen.

Meike, 29 Jahre alt, ist Ärztin. Die Frage, ob sie derzeit froh sei, einen krisensicheren Job zu haben, empfindet sie »fast schon als Provokation «. Denn die Antwort lautet: »Natürlich nicht - beim Arbeiten unter den derzeitigen Bedingungen.« Statt kranke Menschen zu heilen, fülle sie nur noch Formulare für die Krankenkasse aus. »Nein, Spaß macht das nicht!«, sagt sie. »Bei der strengen Hierarchie in der Klinik und der miesen Bezahlung!« Rechne man ihren Lohn auf die einzelne Stunde herunter, verdiene sie nicht viel mehr als den gesetzlichen Mindestlohn. »Ein Unding« sei das, zumal die Gesundheitsreform bald richtig greife und sich dann alles noch einmal verschlimmere. »Krise«, sagt sie, »ist bei uns Ärzten doch schon seit Jahren.« Ralf, gelernter Industriekaufmann, arbeitet in einem großen Versicherungskonzern. Spricht der 25-Jährige von seiner Arbeit, muss er erst mal seufzen. Fusionen mit anderen Unternehmen, Personalabbau, Zusammenlegung von Abteilungen und ein Vorstand, der nur auf den Aktienkurs schielt, sind sein tägliches Brot. »Und«, Ralf sagt es ganz leise, »jetzt, seit die Wirtschaft schlechter läuft, haben wir auch noch Unternehmensberater im Haus.« Dass die Versicherungskunden »immer unverschämter werden«, davon möchte er erst gar nicht anfangen zu sprechen.

Armer Tom, arme Meike, armer Ralf! Alle drei leiden unter kaum erträglichen Arbeitsbedingungen, ausbeuterischen Chefs und blöden Kunden. Genauer: Sie jammern darüber. Jammern ist aus dem deutschen Büroalltag nicht wegzudenken. Egal, mit wem man sich unterhält - mit Krankenschwestern, Lehrern, Selbstständigen, Kellnern oder Handwerkern - kaum einer scheint mit seinem Job vollauf zufrieden zu sein, wenn man ihn beim Wort nimmt. Manchmal wirkt es fast, als gäbe es eine Art geheimen Wettbewerb, wer von den schlimmsten Arbeitsbedingungen zu berichten hat. »Früher haben sich die Leute über ihre Hobbys unterhalten, heute jammern sie oder reden über das Gejammer der anderen«, sagt der Freiburger Wirtschaftspsychologe und Psychotherapeut Jacques Donnen. Doch woher kommt dieser Reflex, sich ständig über die eigene Arbeit zu beklagen? Werden die Arbeitsbedingungen wirklich immer schlechter - oder bilden wir uns das am Ende nur ein, um uns weiter beschweren zu können? Welches Bedürfnis befriedigt das Gejammer?

Zunächst ein schwacher Trost: Natürlich gibt es viele handfeste Gründe, um sich aufzuregen: Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Im Zuge von Effizienzsteigerungsprogrammen wurde immer mehr Personal abgebaut, und die, die übrig geblieben sind, müssen mehr tun. Es zählt ausschließlich die Leistung, die zudem mehr und besser kontrolliert wird. Auch die Tatsache, dass heute selbst Großkonzerne von einem auf den anderen Tag übernommen und die Produktionsstätten verlagert werden können, verbessert die Lage nicht. Arbeitnehmer haben das Gefühl, die Kontrolle über ihr berufliches Schicksal vollständig verloren zu haben. Die Wirtschaftskrise verstärkt dieses Gefühl. Experten rechnen damit, dass es bald über fünf Millionen Arbeitslose in Deutschland geben wird. Es gibt also wirklich viele Gründe, mit der eigenen Jobsituation unzufrieden zu sein. Allerdings sollte man dann auch irgendwann die Konsequenzen ziehen - und tatsächlich kündigen. Denn selbst wenn die derzeitige wirtschaftliche Situation nicht unbedingt dazu einlädt, Arbeitsverhältnisse von sich aus zu beenden: Wer auf Dauer in seinem Beruf unglücklich ist, sollte etwas tun.

Er sollte überlegen, ob es sich wirklich lohnt, den Großteil seines Tages mit etwas zu verbringen, das ihm zwar Geld, aber sonst nur Unglück und schlaflose Nächte beschert. Und er sollte darüber nachdenken, welche Alternativen es gibt. Das Problem dabei: Meistens ist es gar nicht so leicht festzustellen, ob man jammert, weil der eigene Job wirklich unerträglich ist - oder ob das Jammern selbst erst dazu führt, dass man den Job so schlimm findet. Um herauszufinden, in welche Kategorie man gehört, lohnt es, sich die Fragen auf Seite 80 ehrlich für sich selbst zu beantworten.

Ein stolzer Anteil der Jammerer sind jedenfalls trotzdem Leute, die ihren Job im Grunde gar nicht so schlimm finden, aber dauernd über ihn schimpfen. Der Psychologe Donnen unterscheidet zwei Arten von notorischen Jammerern. Die Ersten regen sich vor allem im Affekt auf, etwa über das Telefonat mit einem unfreundlichen Kunden. »Da knallt man den Hörer auf die Gabel, sagt ?Was für ein Ekelbrocken!?, dann ist die Sache vergessen.« Streng genommen sei das dann auch kein Jammern, sondern ein befreiendes, einmaliges Auskotzen. Da man in der Folge Verständnis und Solidarität von seinen Kollegen erhalte, tue das auch manchmal gut und sei gesund. Die zweite Gruppe jammert weniger impulsiv, dafür allerdings immer wieder. So wie Tom, Meike und Ralf. Auch diese Form des Klagens erfüllt bestimmte Aufgaben der sozialen Interaktion, zum Beispiel schafft sie einen gemeinsamen Nenner. Denn gerade weil wir alle nicht mehr dieselben drei Programme im Fernsehen schauen und denselben Nummer-eins-Hit hören, fehlt es oft an Dingen, über die man gemeinsam reden kann. Diese Lücke füllt das Jobjammern. Jeder kann mitreden. Dabei gilt laut Donnen: »Je kreativer und ausgefallener man jammert, umso interessanter wirkt man.«

Doch sich zu beklagen, bringt noch mehr. Schließlich lautet die unterschwellige Botschaft: Wenn es den bösen Chef, die unmenschlichen Arbeitszeiten oder den gnadenlosen Wettbewerb nicht gäbe, hätte man mehr Zeit für die Freunde, führte eine intakte Beziehung oder würde endlich den lange angekündigten Schlagzeugkurs machen. Man schafft so eine scheinbare Distanz zum Arbeitgeber und stilisiert sich zum machtlosen Opfer der Verhältnisse. Ein geschickter Schachzug, um zu verschleiern, dass man in Wirklichkeit ein Workaholic ist oder insgeheim dankbar, nicht so viel Zeit zu Hause verbringen zu müssen. Auf diesem Weg kann man sich beispielsweise vor der Erkenntnis schützen, dass man sich auch bei einem Mehr an Freizeit nicht weniger mit seiner Freundin streiten würde. Gleichzeitig betont man durchs Jammern, wie wichtig, engagiert und belastbar man ist. Man ist bereit, für das Wohl der Firma permanent zu leiden: Das Jammern macht so aus jedem Angestellten einen Märtyrer für das Unternehmen. Setzt man es zum richtigen Zeitpunkt ein, steigt das Ansehen bei den Kollegen. Im günstigsten Fall bewahrt es einen vor Mehrarbeit, in jedem Fall aber vor der Übernahme von Verantwortung für das berufliche Glück. Denn dafür müsste man ja unangenehme Dinge wie ein klärendes Gespräch mit dem Chef oder einen Jobwechsel angehen. Leider funktioniert Jammern nicht ohne Zuhörer. Zuhörer, deren Lust und Fähigkeit, sich Genörgel anzuhören, begrenzt ist.

Egal, wie sehr man die Jammerthemen variiert oder wie sehr man die Leidensmiene perfektioniert: Irgendwann kommt der Punkt, an dem man an eine Grenze stößt - insbesondere wenn man nichts verändert. »Diese Grenze ist allerspätestens erreicht, wenn man anfängt, an den Inhalt des eigenen Gejammers zu glauben«, sagt Donnen. »Jetzt beklagt man sich nicht mehr mit einem Augenzwinkern, sondern die Wahrnehmung hat sich verschoben. Man glaubt wirklich, dass man ein Opfer der ungerechten Arbeitswelt ist.« Die Folge: Man haut nicht mehr den Hörer auf die Gabel und vergisst anschließend das blöde Kundengespräch. Sondern konzentriert sich auf all das, was im Job nicht funktioniert. Schließlich braucht man negative Nachrichten, um die eigene Opferrolle zu belegen. Es beginnt ein Teufelskreis: »Erst glaubt man nur, dass Kunden generell schwierig sind, dann, dass man sie nicht verändern kann, und schließlich, dass man angesichts dieses unmöglichen Jobs selber unterbezahlt ist«, sagt Donnen.

Ruft ein Kunde an, ist man schon bei der Begrüßung genervt, was wiederum ein schlechtes Ver halten des Kunden provoziert und letztlich das eigene Jammern noch einmal verstärkt. Freunde, Chefs oder Kollegen wenden sich ab oder geben ebenfalls schlechtes Feedback. Das Meckern ist zum Selbstläufer geworden, schließlich gibt es jetzt mehrere ganz neue Gründe zum Klagen - etwa, dass der Job einem auch noch die Freundschaften zerstört. »Ärger informiert einen normalerweise darüber, dass etwas geschieht, was man nicht will, oder dass mit den eigenen Regeln und Standards etwas nicht stimmt«, so der Bochumer Professor für klinische Psychologie Rainer Sachse. Wer die Jammergrenze überschreitet, kann Informationen, die im Ärger stecken, nicht mehr nutzen. Eine konstruktive Lösung des ursprünglichen Problems - »Wie geht man mit genervten Kunden am Telefon um und warum nerven sie überhaupt?« - wird angesichts all der vermeintlichen Ungerechtigkeiten, die einem widerfahren, immer unwahrscheinlicher. Sich von selbst aus seinem Jammertal zu befreien, ist schwierig.

Im günstigen Fall holt man sich Hilfe von außen oder sucht sich ein neues Arbeitsumfeld, in das man positiver starten kann. Im ungünstigen Fall verharrt man im alten Job, jammert weiter - und wird krank. Die Botschaft, die hinter stressbedingtem Tinnitus, Bluthochdruck oder Rückenschmerzen steckt, lautet dann: »Begreift ihr jetzt endlich, wie sehr ich mich für meine Arbeit opfere?« Was aber soll man als Außenstehender tun, wenn man merkt, wie sehr der Kollege im Teufelskreis gefangen ist? Wie macht man ihn darauf aufmerksam, dass seine Klagen schon lange über ein angemessenes Beschweren darüber, dass das Kantinenessen nicht schmeckt, hinausgehen? Und dass er allen anderen auf die Nerven geht, weil es nicht schön ist, andauernd aufs Ohr gedrückt zu bekommen, wie blöd das, was man gerade tut, sein soll? Hannelore Fritz, Jobcoach aus Berlin empfiehlt: Erst mal nachfragen, warum der Kollege nicht den Job wechselt. Wenn das nicht hilft, ihn mit der Vermutung konfrontieren, dass er nur jammert, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Und wenn es dann auch noch nicht besser wird: aus Selbstschutz einfach nicht mehr hinhören. Und von den schönen Blumen im Eingangsbereich erzählen, wenn der Kollege wieder von den ungemütlichen Stühlen anfängt.

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